DISKURS LXXIII

Darin man sich im Mondlicht auf den Weg macht.

Verstohlen marschierten wir durch die kalte, vom Mond fast taghell erleuchtete Nacht von Gorgona. Derselbe Mond hatte kurz zuvor den wunderlichen Liebesakt zwischen einem falschen und einem echten Kastraten beobachtet. Auf dem Rücken trugen wir Eimer, Seile, Pech, Utensilien zum Feuermachen und andere nötige Werkzeuge. Von Schoppe, Naudé und Guyetus und ihren fortwährenden Scharmützeln befreit zu sein, die jede Wanderung so langsam machten wie das Schleichen einer Schnecke über ein Salatblatt, stimmte uns fast euphorisch. Im Wald entzündeten wir zwei Fackeln aus Ästen und mit |474|Pech bestrichenen Lumpen, die unseren Weg großzügig erhellten. Mit diesem schnellen Schritt würden wir schon bald aus dem Wald herauskommen, um dann auf dem Weg weiterzugehen, der am Kamm der Klippe entlanglief.

Wie zwei Luchsaugen warfen die Fackeln ihren Schein durch den Wald und zeichneten aus den aschgrauen Umrissen der Büsche und Bäume ein lustig wechselndes Schattenspiel. Jeder Winkel des Waldes schien sich mit unförmigen Kobolden zu bevölkern, die um uns herumtanzten.

»Das ist richtiges Wandern!«, sagte Kemal gut gelaunt. »Ich hatte eure Freunde, diese zänkischen Alten mit ihrem verrückten Geschwafel, gründlich satt. Fast kann ich nicht glauben, dass jemand ein Lösegeld auf ihren Kopf zahlen würde. Möge Allah alle Papierfetzen verfluchen, die sie auf dieser Insel finden, mitsamt ihren Geschichten voller Toten und Schweinereien, die nur euch Nazarenern so wichtig vorkommen: der Papst, dieses Schwein Petronius, Galileo Galilui …«

»Galileo Galilei!«, verbesserte ihn Hardouin. »Aber du hast recht, mein Freund, man kann auch sehr gut leben ohne die Geschichtchen, um die Schoppe und die anderen sich immer wieder streiten. Nur eines ist wichtig, und es ist wichtig für alle Menschen auf der Welt, auch für Leute wie dich. Bouchard hatte es begriffen.«

»Und das wäre?«, fragte der Korsar misstrauisch.

»Der Schlüssel zur Zeit.«

»Stimmt.« Ich erinnerte mich. »Bouchard hatte geschrieben: ›Alles führt zurück auf die Zeit‹. Aber was wollte er damit sagen?«

»Die Zeit misst man nur auf eine sichere Weise: mit der sichtbaren Bewegung der Planeten am Himmel über unseren Köpfen. Damit unterteilt man die gegenwärtige Zeit, man rekonstruiert die vergangene Zeit, also die Menschheitsgeschichte, und man entwirft die zukünftige Zeit. Der Tag ist der Wechsel von Sonne und Mond. Der Monat ist ein vollständiger Mondzyklus. Das Jahr ist eine scheinbar vollständige Umdrehung der Sonne um die Erde, nach Kopernikus eine Umdrehung der Erde um die Sonne. Ohne die Bewegung der Himmelsgestirne wäre die Zeit nicht messbar. Wer die Gewissheiten über die Planetenbewegungen verändert, verändert also die Zeit und die Geschichte der Welt.«

»Ich glaube nicht, dass ich recht verstanden habe …«, erwiderte ich zweifelnd. »Ich verstehe nichts von Astronomie.«

|475|»Hier irrt Ihr, mein Freund. Es handelt sich nicht um Astronomie, sondern um Chronologie. Warum haben die Menschen die Bewegungen der Planeten studiert? Um die Zeit messen zu können?«

»Ja, das stimmt«, gab ich zu. »Aber die Geschichte kann man zum Beispiel auch mit einer Liste früherer Könige erforschen und rekonstruieren.«

»Gewiss. Aber wer sagt uns, was in China oder Ägypten passierte, als wir die alten Römer hatten? Wie lässt sich die Geschichte der Welt richtig aufeinander abstimmen? Nur mit den Planetenbewegungen. Wenn die Quellen berichten, dass dieser oder jener Stern am Himmel stand oder Neumond war oder eine Sonnenfinsternis stattfand, und wir diese Ereignisse mit den periodischen Bewegungen der Planeten vergleichen, können wir bis zu dem Moment zurückgehen, an dem es diese oder jene Konfiguration am Himmel gab.«

Hardouin spulte sodann eine Reihe historischer Begebenheiten ab, deren Datum von Joseph Justus Scaliger dank der Sternenbewegung festgelegt worden war. Wann starb Herodes? Flavius Josephus berichtet, es war kurz nach einer Mondfinsternis. Das Datum des Peloponnesischen Krieges wurde mit Hilfe dreier Sonnenfinsternisse und einer Mondfinsternis auf das Jahr 431 nach Christus gelegt. Nach der Bibel zog bei Jesu Geburt ein Komet an der Erde vorüber. Plutarch erzählt, die Gründung Roms sei von einer Sonnenfinsternis begleitet worden, wie auch der Tod des Romulus, des Gründers der Stadt. Die Schlacht von Gaugamela, bei der Alexander der Große die Perser besiegte und das Tor nach Asien öffnete, fand elf Tage nach einer Sonnenfinsternis statt, die am 20. September 331 vor Christus verzeichnet wurde, also am 1. Oktober. Nach Mercator wurde Julius Cäsar in seinem fünften Jahr als Konsul ermordet, in zeitlicher Übereinstimmung mit einer bei Vergil erwähnten und von Servius als solcher identifizierten Sonnenfinsternis, was auf das Jahr 44 vor Christus führt.

»Doch das sind sehr grobe Beispiele«, erklärte er, »die ich hier nur für uns beide nenne, weil bei ihnen Details im Hinblick auf die Regelmäßigkeit des Sonnen- oder Mondkreislaufs keine Rolle spielen. Ich hätte pedantischer sein können und erklären, in welchem Jahr des Mond- oder Sonnenzyklus sich jedes historische Ereignis abgespielt hat, um die Koordinaten dem Julianischen Kalender anzupassen, dem fiktiven Zeitraum von 7980 Sonnenjahren, den Scaliger erfunden hat, |476|um ein universales Raster zu erhalten, in das alle historischen Ereignisse eingefügt werden können. Aber das hätte alles komplizierter gemacht. Wichtig ist, dass man versteht, dass eine Veränderung unserer Gewissheiten über die sichtbaren Planetenbewegungen bedeutet, die Zeit und die Weltgeschichte zu verändern. Versteht Ihr mich jetzt?«

»Etwas besser«, sagte ich. »Auch Naudé und Guyetus haben mir etwas über die Arbeit Scaligers und sein Julianisches Jahr erzählt, als wir noch auf der französischen Galeere waren, und Caspar Schoppe erwähnt ihn auch andauernd …«

»Und nicht ganz zu Unrecht, wie ich Euch gleich erklären werde.« Hardouin lachte, er dachte an die wütenden Anklagen, die der Verehrungswürdige bei jeder Gelegenheit gegen den verstorbenen Gelehrten erhob. »Doch erst zu uns. Wohlgemerkt: Wenn ich vom Lauf der Gestirne spreche, meine ich ihre Bewegungen, wie wir sie von der Erde aus sehen, nicht wie sie wirklich sind. Wollte man die Zeit dagegen von den wirklichen Bewegungen der Himmelskörper abhängig machen, statt von ihren sichtbaren, würde das zu einer Manipulation der Zeit führen, denn die wirklichen Bewegungen der Planeten sind unerkennbar und jede auf ihnen aufbauende Theorie daher reine Manipulation.«

»Wenn ich Euch so höre, scheint Ihr die Ideen von Papst Urban VIII. zu teilen. Da fällt mir ein: Warum habt Ihr Eurem Freund Guyetus gesagt, dass Galileo der wahre Dogmatiker war, nicht der Barberini-Papst? Meintet Ihr jene Ideen von Urban VIII., von denen Schoppe sprach? Mir erschienen sie auf den ersten Blick wie ziemlich billige Theologie für alte Marktweiber …«

»Diese Ideen, mon ami, sind der Schlüssel, um die Zeit zu lesen. Wenn Ihr sie billige Theologie nennen wollt …« Hardouin lächelte ironisch. »Die Beziehung des Menschen zur Bewegung der Himmelskörper zu verändern bedeutet dagegen, wie ich schon sagte, die Zeit in der Hand zu haben.«

»Was sollte man damit wollen?«

»Zum Beispiel die Vergangenheit nach Belieben verlängern. Bouchard studierte Historiker des entferntesten Altertums. Für ihn muss die Zeit daher eine Hauptsorge gewesen sein, meint Ihr nicht? Darum und nur darum, glaube ich, wollte er wissen, was sich hinter Galileos Theorie verbarg. Darum steht in seinen Aufzeichnungen der Name Scaliger neben dem Galileos.«

|477|Nun beeilte sich Hardouin, mich über Joseph Justus Scaliger zu informieren, wodurch er ergänzte, was du und ich schon von Guyetus und Naudé gehört hatten.

Das Mysterium der Zeit
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