NOTIZ

Darin erzählt wird, was man nach seinem Tod über Bouchard erfuhr.

Alles ist für den Nachruhm vorbereitet. Doch der Tod ist kein guter Wächter über die Vergangenheit. Cassiano dal Pozzo, den Bouchard in den fünf langen Monaten zwischen dem Überfall und dem Tod zum Vollstrecker seines Letzten Willens gemacht hatte, kramt in den |335|Papieren des Verstorbenen und findet Schriften, die ihm den Atem verschlagen.

Es sind Tagebücher, Memoranden von Reisen, Bündel mit Briefen Bouchards, die eine ganz andere Persönlichkeit offenbaren als den in den Nekrologen beweihräucherten Edelmann. Es kommt heraus, dass Bouchard in seiner Jugend von zuhause ausriss, er wurde von den Eltern sogar in Unehren fortgejagt. Anscheinend wegen einer Banalität: er trieb es mit einer Magd, und seine Familie war gegen diese Liebe. Sein Vater war ein hoher Richter, diese heimliche, unschickliche Verbindung war nicht hinnehmbar. Nach der Verbannung aus dem väterlichen Hause flüchtete er sich in eine Wohnung, die ihm der Bischof von Digne, ein Freund der Deniaisez, zur Verfügung gestellt hatte. In diesen Jahren notierte der junge Bouchard in einem Tagebuch seine intimen Erfahrungen mit jungen Frauen wie mit jungen Männern. Die Einzelheiten sind ekelhaft und peinlich: Sein Körper hielt mit den erotischen Abenteuern nicht Schritt, er verriet ihn sogar immer dann, wenn das Verlangen am stärksten war und die Gelegenheit wie auf einem Silbertablett serviert wurde. Dagegen klappte alles, wenn die Ausübung unmöglich oder gefährdet war. So war auch die feurige Liebschaft mit der Magd entstanden: das Mädchen wollte sich nicht ganz hingeben, und eben das hatte bei Bouchard eine obsessive, unersättliche Leidenschaft entfacht, die beide nach der endgültigen, tränenreichen Trennung jungfräulich wie Kinder zurückgelassen hatte. Doch das Schlimmste in dem Tagebuch war die Chronik aller unflätigen Verirrungen des Bouchard, seine zügellosen Erfahrungen mit anderen Jungen in einem Alter, in dem man nimmt, was erreichbar ist und die Hände flink zugreifen. Minuziöse, entwaffnende, oft abstoßende Schilderungen aller verborgenen Winkel des Körpers und ihrer Säfte, Beschreibungen animalischer Kopulationen und erbärmlicher Perversionen, Dinge, die jeden für immer um seinen guten Ruf bringen können, erst recht jemanden, der jahrelang überall Druck ausgeübt hat, um Bischof zu werden! Weiter Memoiren seiner Zeit in Italien, einschließlich der Reden von Trouiller und ganze Listen französischer Mitglieder der Starken Geister. Und wieder Tändeleien mit Mägden, mit Verwandten, Freunden, Schulkameraden, erotische Spielchen, die meist mit seinem Versagen enden, aber so explizit beschrieben werden, dass sie fast eine Lektion in Anatomie abgeben. Das Ganze gewürzt mit schändlichen Bekenntnissen: |336|Diebstahl, Lügen, Verschwörungen gegen Verwandte, Unwahrheiten im Beichtstuhl materieller Vergünstigungen wegen, brutal gebrochene Heiratsversprechen.

Doch vor allem seine Streifzüge mit Gabriel Naudé: In den ersten Monaten begegnen sie sich nur zufällig in den Vatikanischen Gärten. Sie sprechen vage über einen gemeinsamen Freund der Tetrade, den jungen Priester Gassendi, der sich in Paris mit Leib und Seele der Arbeit über den Atheisten Epikur hingibt. Leicht finden sich gemeinsame Themen und Interessen, es genügt, dass im Gespräch der Name des großen skeptischen Philosophen Pyrrhon fällt, dem zufolge nichts erkennbar ist, schon verstehen die beiden sich glänzend. Im Februar des darauffolgenden Jahres 1632 festigt sich ihre Freundschaft endlich. Sie ergänzen einander: Naudé ist spritzig, Bouchard schüchtern. Ersterer von angenehmem Äußeren, Letzterer klein und unscheinbar.

Es ist Karneval, überall herrscht eine freizügige Atmosphäre, die zu Ausschweifungen ermuntert. Fast erschrocken über die Sittenlosigkeit der Italiener gehen Naudé und Bouchard gemeinsam durch die Straßen Roms, in denen sich das Volk drängt, und halten nach Theatervorführungen und Attraktionen Ausschau. Mühsam bahnen sie sich einen Weg durch die Menge, stolpern über Karren, auf denen Akrobaten und Schmierenkomödianten ihre Künste vorführen, während die Reichen sich zu Pferde oder in der Kutsche bewegen und ihre Lakaien blindlings Peitschenhiebe nach rechts und links austeilen. Leicht kann man überfahren oder von einem Sbirren niedergeknüppelt werden. Von überall her hagelt es ausgeblasene Eier, die mit Wasser, Mehl oder Marmelade gefüllt und eingewachst wurden. Jeder wirft mit diesen Eiern, einfaches Volk, Priester, Jung und Alt, reiche Aristokraten und zerlumpte Juden aus dem Ghetto. In der Via del Corso wird Bouchard von einem vergoldeten, lackierten Ei, das Don Taddeo Barberini, der Präfekt von Rom und Neffe des Papstes geworfen hat, mitten ins Gesicht getroffen. Das Ei hat ihm die Brille zerbrochen, aber – oh Wunder! – es ist mit feinstem Puder gefüllt. Plötzlich das Klappern von Hufen, ein Schrei Eviva! und man muss schnell beiseitespringen, wenn man nicht totgetrampelt werden will, denn das Wettrennen der Berberpferde läuft hier entlang, gefolgt vom Rennen der Esel, auf denen Kinder reiten. Die Leute aus dem Volk kugeln sich fast die Arme aus, so begeistert winken sie, denn nun wird Kardinal |337|Ludovisi in seiner ganz mit schwarzem Samt gepolsterten Sänfte durch die Straße getragen. Dann folgt eine Kutsche ohne Dach, vollbesetzt mit Kardinälen, die sich am Anblick der Damen auf den Balkonen erfreuen. Gelächter ertönt, Witze und Beleidigungen schwirren durch die Luft; die Gruppe der Alten, allesamt nackt, rennt vorüber, gefolgt von den Jungen und den Kindern und zum Schluss den Juden, ebenfalls nackt, aber mit dem gelben Hut auf dem Kopf. Schon will die Menge wieder zusammenströmen, nein, da laufen noch die Kühe vorüber, und als alle am Ziel, der Piazza San Marco, angekommen sind, werden direkt vor den Färsen Feuerwerke und Funkenräder abgebrannt, und es gewinnt die Kuh, die nicht erschrickt und bis zum Zielpunkt weiterläuft. Aus den Fenstern der umliegenden Palazzi werden Fahnen geschwenkt, Knallfrösche explodieren, auf die Köpfe der Passanten regnet es Orangen oder aus riesigen Spritzen wird Wasser versprüht. Prunkkarren fahren vorüber: der König der Buckligen mit über dreißig Buckeln und der König der Kacker, der auf einer Sänfte mit einem Loch in der Mitte sitzt.

Amüsiert und ein wenig abgestoßen von diesen dreisten, rauflustigen Italienern gehen Bouchard und Naudé Arm in Arm und stützen einander. Die heimlichen Starken Geister fühlen sich dem gemeinen Volk und diesen leichtgläubigen Priestern unendlich überlegen. Alle sind maskiert: Bären, Teufel, Medikaster mit Nachttopf und Klistier, Advokaten mit Feder, Gesetzbuch und Kladde. Nur sich als Priester zu verkleiden ist verboten, aber manch einer tut es doch. Die beiden Franzosen schließen sich einer Gruppe von vier Italienern an, steigen, mit Perücke und Schönheitsflecken als Frauen verkleidet, in eine Kutsche und lachen, endlich lachen auch sie, bewerfen Passanten mit Eiern und lachen immer mehr, denn in diesem Moment verkörpern sie, dem Anschein nach zwei einfache Secretari, den Höhepunkt in der Geschichte der Starken Geister: Die Reise nach Italien, ruhmreiches Land der Humanisten (Petrarca, Boccaccio …), welche die Kultur der griechischen und lateinischen Antike wiederentdeckt hatten, ist eine heilige Pflicht für jeden der Deniaisez. Und beide – einer ein Mitglied der berühmten Tetrade und einer ihr vielversprechender Anhänger –, lebenslustige Häretiker, die Avantgarde des gebildetsten und raffiniertesten Skeptizismus, stehen sogar im Dienst mächtiger Kardinäle und haben Zugang zu Seiner Heiligkeit! Fröhlich Eier nach rechts und links werfend, verstreuen sie in der Ewigen Stadt, dem |338|Mekka der Bigotten, den fruchtbaren Samen ihrer gebildeten Libertinage, ihrer heiteren Verachtung der Religion, rufen: »Es lebe Pyrrhon der Skeptiker!«, lachen unentwegt und spüren, als Frauen verkleidet, dass sie Freunde geworden sind, sogar mehr als das, denn die noble Vereinigung der Starken Geister erlaubt alles.

Am Abend besucht Bouchard Theatervorführungen: den Sant’Alessio, eine musikalische Komödie von Stefano Landi. Das Libretto stammt von Giulio Rospigliosi, dem Secretarius der Päpstlichen Breven. Kardinal Francesco Barberini empfängt ihn persönlich, die Handlung flüstert ihm Lukas Holste ins Ohr, der hochgelehrte Bibliothekar der päpstlichen Familie, der seine Stelle in Rom dank der guten Beziehungen von Peiresc, des Meisters aller Meister, der Frauen hasst, zu den Barberini bekommen hat. Auf der Bühne stehen die besten Kastraten der Stadt, und Bouchard beobachtet, wie die Kardinäle Aldobrandini und Sangiorgio mitten im Publikum nach den jungen effeminierten Putten lechzen, wie sie mit den Zungen schnalzen und, die fleischigen Lippen vorschiebend, um süße Dienste flehen – wenigstens wird er es so seinen Freunden berichten.

Tagsüber wird Bouchard von Naudé zu den Zusammenkünften der wichtigsten Franzosen in der Stadt mitgenommen. Sie finden in der Buchhandlung Il Sole auf der Piazza Navona statt, einem Treffpunkt von Romanciers, Botschaftspersonal, Dichterlingen, Müßiggängern. Man diskutiert über neue Bücher, den einen oder anderen unorthodoxen Philosophen, eine pikante Klatschgeschichte, genießt die angenehme Gewissheit, sich in Gesellschaft gewitzter, spritziger Geister zu befinden, die auf dieses Märchen mit der Religion und dem Jenseits nicht so leicht hereinfallen, die die Herde der Frommen und Andächtigen verachten und Selbstmordphilosophen wie Sokrates und Seneca bewundern. Der Selbstmord steht bei Naudé und Bouchard und ihren Freunden in hohem Ansehen, ist er doch das Zeichen für einen gesunden Skeptizismus, denn die christliche Religion verbietet ihn um des Seelenheils willen. Also ist es nobel, sich mit einem Lächeln auf den Lippen selbst den Tod zu geben, wie Petronius es tat, oder mit dem Ernst des Philosophen, wie Seneca. Diese beiden Selbstmorde wurden von Tacitus, den der berühmte Poggio Bracciolini wiederentdeckte, großartig geschildert.

Naudé und Bouchard sind jetzt fast unzertrennlich, aber niemand ahnt es, denn sie folgen der Regel von Peiresc: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht. |339|Vielleicht wissen sie selbst nicht einmal, was sie füreinander bedeuten: Freunde, Kollegen, Komplizen oder etwas anderes.

Eines Sonntags nimmt Naudé Bouchard zu einem Freund mit: Joseph Trouiller, ein französischer Arzt, gut eingeführt am päpstlichen Hof. Man führt freigeistige, philosophische Gespräche, an denen Bouchard erkennt, dass auch Trouiller einer der Deniaisez ist und sich an der »subtilen Kunst« erfreut, über die er eine schöne Lektion erteilt. Der Arzt nennt sie »den Blick schärfen«, denn beim Analverkehr, erklärt er, verliert man weit weniger Samen als wenn man sich in die Vulva entleert. Man spritzt nämlich unversehens, und der Geist wird nicht übermäßig abgelenkt, folglich wird auch die Sehkraft nicht geschwächt, im Gegenteil, sie wird erfrischt und gestärkt durch das Gefühl, das die Lust im ganzen Körper erzeugt, die zu plötzlich und zu heftig kommt, um dabei geistige Kräfte zu vergeuden. Zu Recht sagte Bacon, nichts erhalte den Körper jünger und kräftiger als die Erregung beim Koitus, man dürfe jedoch nicht bis zum Ende weitermachen. Es sei von Nutzen, mit jungen Menschen zu üben, eben das habe die antiken Philosophen so gesund erhalten. Arnaldo da Villanova schrieb in deutlichen Worten, im Dienste der Gesundheit müsse das anale Vergnügen allen erlaubt sein.

Trouiller ist auf diesem Gebiet eine lebende Enzyklopädie: Sogar Hippokrates, sagt er, verschrieb die »subtile Kunst« als bestes Heilmittel gegen Ruhr und Entzündung der Eingeweide. Viele alte Männer, sagt er, lassen sich gegen Hämorrhoiden von hinten nehmen, und viele junge Männer tun es aus Vergnügen, nicht wegen des Geldes. Die Pocken zieht man sich zu, wenn man sich von einem Infizierten den Schwanz in den Hintern stecken lässt, genauso wie wenn man von seinem Teller isst. Der Ausfluss aus dem After hingegen ist nichts anderes als ein schleimiges Geschwür, das Trouiller sogar bei Achtzigjährigen fand, als er im Hospital San Giovanni in Laterano Dienst tat. Die Wülste, welche von Ärzten spaßeshalber auch »Hahnenkamm« oder »Adelswappen des Kardinals Gallo« genannt werden, sind eben jene Geschwüre, die durch zu heftiges oder zu häufiges Reiben des Afters entstehen, der aufgrund seiner muskulösen Natur zu Abschürfungen und Entzündungen neigt. Einige dieser Wülste sehen wirklich aus wie hängende Hahnenkämme und sind zwei-, drei Fingerbreit lang, andere sind kurz und liegen übereinander wie Erdbeeren à la française, bemerkt Trouiller amüsiert. Auf jeden Fall hindern sie |340|am Gehen und Sitzen (wenn Italiener sich über jemanden lustig machen, der diese Probleme hat, sagen sie: »Setzt Euch, wenn Ihr könnt«), und wenn sie aufschürfen, führen sie leicht zur Gangrän. Der Chirurg muss sie rund um das Afterloch abschneiden, die Wunden mit einem glühenden Eisen ausbrennen und zuletzt alles wie eine normale Verbrennung behandeln. In Rom können junge Männer sich in Krankenhäusern dieser Behandlung unterziehen, ohne eine Strafe fürchten zu müssen, vor allem im San Giacomo degl’Incurabili und im Santo Spirito. Nicolò, ein Chirurg im degl’Incurabili, hat Trouiller erzählt, ein junger Mann habe sich viermal behandeln lassen. Bei solchen Patienten machen die Ärzte gern Witze: »Komm her, mein Süßer, ich will dir einen schönen neuen Arsch machen.« In Neapel dagegen bekommen sie vor der Behandlung fünfzig Peitschenhiebe. Naudé erzählt, dass man sie in Paris erst nach der Behandlung auspeitschen lässt. Das Gespräch hat die Stimmung zwischen den drei Freunden gelockert und Trouiller die Zunge gelöst, er spult die Namen aller Franzosen in Rom ab, die zweifelsfrei zu den Starken Geistern gehören.

Was für eine schöne Konversation und wie viele lehrreiche Einzelheiten! Bouchard kommt Trouiller erneut besuchen, er findet ihn sehr gebildet, wohlerzogen und galant. Schließlich handelt es sich im Grunde nicht um Plaudereien, sondern um Philosophie. In diesen ersten Monaten des Jahres 1632 wird Trouiller an das Bett eines berühmten Sterbenden gerufen: Antonio Bosio, der renommierte Archäologe und Erforscher der römischen Katakomben. Machen wir einen Aderlass bei ihm, sagt der französische Arzt. Die Anwesenden protestieren: Er liegt im Sterben, warum soll man ihm die letzten Kräfte nehmen? Sie rufen stattdessen einen Priester, damit er die Letzte Ölung erhält. Trouiller insistiert, er will einen Aderlass machen, damit der Tod sanfter wird. Bosio, ein Johanniterpriester, stirbt ohne Sakramente.

Aber für Trouiller ist das kein Problem. Ärzte stehen seit jeher im Ruf des Atheismus. Wie sagt das Sprichwort? Suche drei Ärzte und du wirst zwei Ungläubige finden. Trouillers Bibliothek ist voll ketzerischer Bücher, als er stirbt, muss seine Frau sie heimlich verkaufen. Es ist zweifellos die Bibliothek eines Atheisten, eines Freundes der Starken Geister, dessen Skeptizismus sich in höchste Höhen aufschwingt, wenn er gegen die Unsterblichkeit der Seele polemisiert.

|341|Wenn Bouchard wirklich gewollt hatte, dass diese Schriften erhalten blieben, wäre es dann nicht logischer gewesen, wenn er sie Naudé anvertraut hätte, dem alten Komplizen, der ihn bei Trouiller und wer weiß wie vielen anderen Starken Geistern eingeführt hatte? Stattdessen hatte Bouchard sie ausgerechnet dem Cavaliere und Commendatore Cassiano dal Pozzo überlassen, einem strengen Gelehrten, Archäologen, Antikenforscher, Arzt, Alchimisten, Botaniker und Sammler, dem gebildetsten Mann in Rom. Bouchards guter Ruf war so sicher wie ein frisches Stück Fleisch im Löwenkäfig.

Wo war Gabriel Naudé, als der Skandal begann? Zur gleichen Zeit war sein Gönner, Kardinal Di Bagni, gestorben. Naudé hatte sich plötzlich ohne Anstellung und mittellos gesehen. Widerwillig war er in den Dienst der Barberini übergewechselt: Das Brot des Papstes will ich nicht essen, sagte er, ohne zu bedenken, dass viele seiner skeptischen, ungläubigen Freunde dieses Brot aßen. Schließlich war es ihm gelungen, in Paris eine Anstellung bei Richelieu und seinem rechten Arm Mazarin zu finden, doch die Barberini hatten ihn lange nicht freigegeben. Kurz, er hatte eine Menge Ärger und konnte sich vielleicht nicht mit dem Nachlass seines verstorbenen Freundes befassen.

Cassiano dal Pozzo versieht Bouchards Tagebuch mit Kommentaren am Seitenrand. Unvermutet betritt ein Du Puy die Bühne, ein Bruder der beiden Pariser Salonlöwen und Kartäuserprior in Rom. Aus Zuneigung zu diesem Pater Christophe Du Puy hat der junge Verstorbene seine gesamten Ersparnisse (gut achthundert Scudi in Silber und neunhundert in Gold) dem römischen Kartäuserkloster hinterlassen. Doch Pater Christophe scheint von dieser Geste nicht besonders gerührt, er schreibt den Brüdern in Paris, Bouchards Erbe sei ein Unglück, der Commendatore dal Pozzo habe dem Kloster das Tagebuch und alles andere überlassen, auch obszöne Gedichte und Briefe der Sodomiten, mit denen Bouchard korrespondierte. Er habe wenige Seiten gelesen und dal Pozzo den ganzen Packen sogleich indigniert zurückgesandt. Er frage sich, wie Cassiano dal Pozzo es wagen konnte, ihm so etwas zu schicken, vor allem aber, warum dieser schamlose Bouchard derartige Schändlichkeiten zum eigenen Schaden aufgeschrieben und nicht wenigstens vor seinem Tod verbrannt habe.

Die Du Puy sind Meister des Klatsches und hatten schon zu seinen Lebzeiten beschlossen, Bouchard zu verleumden – blitzschnell verbreiten |342|sie die Nachricht. Im Nu verschwindet Bouchards Name von der Liste ehrenwerter Personen, um dort nie wieder aufzutauchen.

Und in Rom gibt es Schakale: Gian Vittorio Rossi, genannt der Eritreer, ein klatschsüchtiger Skandalschriftsteller, einst mit Naudé und Bouchard befreundet, ist im Begriff, eine Sammlung von Porträts berühmter Männer der Stadt in Druck zu geben. Der Eritreer hat schon ein sehr pikantes Porträt von Trouiller eingefügt, und nachdem nun so viele saftige Geschichten bekannt geworden sind, hat er auch ein Kapitel über Bouchard parat. Um zu verhindern, dass ihr Name in den Schmutz gezogen wird, intervenieren die Barberini vermittels des Apostolischen Nuntius in Köln bei dem Verleger, einem deutschen Buchdrucker. Das heikelste Kapitel wird aus Rossis Buch entfernt. Unterdessen ist der Klatsch in Paris wie in Rom jedoch allen Interessierten zu Ohren gekommen.

Was ist aus Bouchards Arbeiten über die griechischen Historiker geworden? Seine Manuskripte verschwinden, niemand weiß genau, wie viele und welche es sind. Von den Entdeckungen, die so großes Aufsehen bei seinen ehemaligen französischen Freunden erregten, und die Bouchard wie kostbare Geheimnisse gehütet hatte, gibt es keine Spur. Bouchards wahres Erbe als Gelehrter verschwindet im Nichts.

In Paris nehmen die Starken Geister, im Täuschen geübt, ebenfalls Abstand von ihrem toten Freund: Es ist unverzeihlich, sich so zu verraten und seine wahre Natur preiszugeben, die er einst so gut verborgen hatte. Wie hat ein angehender Bischof solche Papiere in Umlauf bringen, ja, dem unnachsichtigen Cavaliere und Commendatore dal Pozzo überlassen können? Bouchard hat Peiresc’ Motto missachtet: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht. Immerhin hatte er nach dem Attentat fünf Monate Zeit, diese Schriften verschwinden zu lassen und seinen Namen vor Schimpf und Schande zu bewahren!

Der Auftraggeber des Mordes hat einen Namen: in den Wochen vor dem Überfall hatte Marschall d’Estrées überall erzählt, dass er Bouchard eine Lektion erteilen wolle, denn die Stelle als Geistlicher des Konsistoriums war einem Schützling von d’Estrées versprochen. Es gibt glaubwürdige Zeugen, die die Frau des Botschafters von einer Bestrafung Bouchards haben reden hören. Außerdem leugnet der Botschafter, der als diplomatischer Vertreter des Allerchristlichen Königs strafrechtliche Immunität genießt, gar nicht. Er präzisiert nur, |343|dass Bouchard nicht mit dem Schwert getroffen, sondern mit Knüppeln zusammengeschlagen wurde, um das Opfer zu entehren. Denn er habe d’Estrées Männer zuletzt mit dummer Arroganz behandelt und sogar einen Stallmeister angezeigt, der in Rom eine Spielhölle betrieb, weil dort zwielichtiges Volk verkehrte. Ein Moralismus, der im Licht von Bouchards obszönen Memoiren unverständlich erscheint. Das Motiv und die Ausführenden seines Mordes sind also allen bekannt, keiner zweifelt mehr daran, dass der Unglückliche wegen einer Laune von Marschall d’Estrées umgebracht wurde. Bouchards Vater ist seit Jahren tot, der Stiefbruder hasst ihn, seine Mutter hat ihn nie geliebt. Keiner hat Interesse an der Aufklärung seines Todes, zumal seine Leiche, im fernen Rom begraben, nach Skandal stinkt und man besser die Finger davon lässt.

Jean-Jacques Bouchard ist dreimal tot: als Mann, als Bürger der Gelehrtenrepublik und als Starker Geist.

Während Schoppe sprach, hatte ich die lange Liste mit den Ammenmärchen der antiken Historiker hervorgezogen, doch Hardouin, der neben mir saß und sich rasch erholt zu haben schien, hatte mich gebeten, hineinschauen zu dürfen, und blätterte nun nachdenklich darin.

Unterdessen war auch Naudé wieder bei Bewusstsein.

»Er ist aus Angst ohnmächtig geworden, nicht durch den Schlag auf den Kopf«, verkündete der Statthalter von Ali Ferrarese lachend.

»Ihr beide solltet euch noch ein wenig ausruhen«, riet Kemal, »man muss aufpassen. Ihr wisst schon, verborgene Verletzungen … Manche stehen nach einem lächerlichen Unfall sofort wieder auf und zack! fallen tot um.«

»Wieso tot umfallen?«, fragte Naudé mit tonloser Stimme. Sein Kopf war verbunden, ein Auge zugeschwollen, verkrustetes Blut klebte noch an seinem Gesicht, und sein Ausdruck war der eines Mannes, der sich anschickt, sein Testament zu machen.

»Innere Blutungen, verborgene Brüche, geplatzte Adern … Bist du nicht Arzt, Nazarener? Ich habe im Kampf viel gelernt, aber müsstest du diese Dinge nicht auch wissen? Bist du nicht in Paris zum Arzt promoviert worden?«

|344|»Der Paranimf, hihi«, kicherte Schoppe, an die Gruppe gewandt. Er wusste, dass dieses eine Wort genügte.

»Oooh, geht es mir schlecht«, wimmerte Mazarins Bibliothekar, der anregende Mittelpunkt der Pariser Salons aus dem glänzenden Quartett der Tetrade.

»Habt ihr jetzt begriffen, liebe Freunde«, schloss Schoppe mit einem Blick auf Naudé, »welch einen Verräter wir unter uns haben? Wer glaubt noch, dass Naudé nicht weiß, dass sein unzertrennlicher Freund Bouchard sich hinter dem Pseudonym Orestes versteckt? Vorsicht also vor Gabriel Naudé, Vorsicht!«

Jetzt, wo feststand, dass Naudé seiner eigenen Angst, nicht dem Balken zum Opfer gefallen war, konnte der Verehrungswürdige sich nach Belieben an ihm schadlos halten.

»Ich muss zugeben, dass mir einige … sagen wir, Details dieser Freundschaft unbekannt waren«, gestand Guyetus, vielsagend eine Augenbraue hebend, »doch ich glaube immer noch, dass unser Naudé den Decknamen seines Freundes nicht gekannt haben muss, da er kein Philologe ist.«

In diesem Moment krümmte Hardouin sich vor Schmerz und fasste sich an die Rippen. Wir öffneten seinen Mantel und entdeckten, dass seine Kleider blutgetränkt waren. Erschrocken riefen wir nach Kemal.

»Wie ich befürchtet habe. Eine Blutung, die wahrscheinlich von inneren Verletzungen herrührt. Schwer zu beurteilen. Vielleicht nur ein kleine Vene, die sich nicht schließen will, vielleicht auch etwas Schlimmeres im Körperinneren. Betet zu eurem Gott, Nazarener, dass dieser Mann seine Frau wiedersieht und das Kind erlebt, das ihm geboren werden soll«, sagte Kemal ohne Rücksicht auf den armen Bretonen, der bereits bitterlich weinte.

»Sei unbesorgt, Nazarener«, sagte der Statthalter in übertrieben tröstlichem Ton, »es tut nicht weh, an inneren Blutungen zu sterben. Du schläfst ein, und es ist vorbei.«

Verängstigt, wie wir waren, fiel niemandem ein, Kemal für diese unerhörte Rohheit zu tadeln. Der Statthalter legte den armen Hardouin mit unserer Hilfe auf den Boden, und nachdem er die Wunde betrachtet hatte, befahl er Mustafa, ein Feuer zu entfachen. Dann bat er um eines seiner Messer.

Die Bitte löste besorgtes Murmeln in der Gruppe und ein schwaches Zusammenzucken des am Boden liegenden Buchhändlers aus.

|345|»Ich muss seine Wunde verätzen«, erklärte Kemal knapp.

»Warum?«, fragte Guyetus mit hauchdünner Stimme.

»Was weiß ich? Aber das machen die Barbaresken immer bei solchen Wunden. Manchmal klappt es sogar, und der Verletzte stirbt nicht.«

Wir fragten Hardouin, ob er einverstanden sei. Nachdem er von uns erfahren hatte, dass seine Verletzung immer noch stark blutete, gab er Kemal freie Bahn. Dann fing er schluchzend an, den Rosenkranz zu beten.

Die Operation war äußerst grausam. Malagigi, Mustafa und du wurdet gerufen, um Hardouin festzuhalten. Nachdem er das Messer über dem Feuer zum Glühen gebracht hatte, gebrauchte Kemal es so, wie er musste, was jedoch keiner von uns sah, denn schon als die glühende Klinge sich über den armen Buchhändler und werdenden Vater senkte, legten wir uns alle unwillkürlich die Hände über die Augen. Doch wir rochen den Gestank verbrannten Fleisches und unsere Trommelfelle wurden von den Schreien des Elenden fast zerfetzt. Als wir wieder hinsahen, war Hardouin ohnmächtig, doch der Blutstrom war tatsächlich versiegt.

Kemal verarztete die Wunde mit einer dicken Schicht aus selbst zubereitetem Pflanzenbrei und verband sie mit Stoffstreifen, die er von seinem Hemd abgerissen hatte.

»Jetzt bleibt uns nur, ein paar Stunden abzuwarten, was mit dem Ärmsten passiert«, verkündete Ali Ferrareses Statthalter. »Mustafa, schüre das Feuer, denn der Nazarener darf nicht frieren.«

Wir kauerten uns in Grüppchen um das Feuer: Ich neben Schoppe und Guyetus, du natürlich bei Barbello, der jedoch Naudé half, sich weiterhin kalte Steine auf die Stirn zu legen, Malagigi lauschte irgendwelchen Piratengeschichten von Kemal, während Mustafa das Feuer hütete wie eine Vestalin. Er hatte trockene Zweige und Wurzeln gesammelt, die er über den Flammen garte. Ohne Gewehre gab es tatsächlich keine Hoffnung auf üppigere Verpflegung. Wir würden gewiss nicht satt werden, aber es war immerhin etwas.

Das Mysterium der Zeit
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