DIALOG
Darin sich ein Streit abspielt, welcher einer gesitteten menschlichen Gemeinschaft unwürdig ist, und über die soeben entdeckte Handschrift disputiert wird.
Der Text war lateinisch abgefasst und sah ganz nach einem Entwurf aus, denn er war voller Korrekturen, Streichungen und Randbemerkungen.
Es handelte sich um eine eigenartige Erzählung:
Sed ut coeperam dicere, ad hanc me fortunam frugalitas mea perduxit. Tam magnus ex Asia veni, quam hic candelabrus est. Ad summam, quotidie me solebam ad illum metiri, et ut celerius rostrum barbatum haberem, labra de lucerna ungebam. Tamen ad delicias ipsimi annos quattuordecim fui. Nec turpem est, quod dominus iubet. Ego tamen et ipsimae satis faciebam. Scitis quid dicam: taceo, quia non sum de gloriosis. Ceterum, quod di volunt, dominus in domo factus sum, et ecce cepi ipsimi cerebellum. Quid multa? Coheredem me Caesari fecit, et accepi patrimonium laticlavium.
»Was ist das?« fauchte Guyetus und riss mir das Blatt aus der Hand, womit er Schoppe knapp zuvorkam, der bereits die Finger ausgestreckt hatte, aber von dem vor ihm stehenden Barbello am Zugreifen gehindert wurde.
Guyetus begann, den kurzen Abschnitt laut zu übersetzen:
Wie ich schon sagte, zu diesem Glück hat mir meine Genügsamkeit verholfen. Als ich aus Asien kam, war ich so groß wie dieser Kandelaber und tatsächlich maß man mich jeden Tag an demselben. Damit mir schneller ein Bart wuchs, rieb ich mich mit Lampenfett ein. Vierzehn Jahre lang musste ich meinem Padrone zur Lust dienen. Es ist nichts |190|Böses dabei, denn der Padrone befiehlt. Natürlich habe ich mich mit der Padrona verlustiert, Ihr versteht mich. Und mehr sage ich nicht, denn ich bin kein Angeber.
Nach dem Willen der Götter wurde ich innerhalb kurzer Zeit zum Herrscher in diesem Hause, ja, der Padrone dachte nur noch mit meinem Kopf. Was soll ich sonst sagen? Er machte mich zum Miterben, und ich erhielt Reichtümer wie ein Senator.
Neben dem lateinischen Text, in einem Dickicht aus Schnörkeln und Pfeilen, die, sich überkreuzend, auf dieses oder jenes Wort verwiesen, las man überaus rätselhafte Anmerkungen, diese in altem Italienisch verfasst:
Die Geschichte des Trimalchio mit einigen Wendungen des Schicksals fortführen.
Verlust von Geld. Schiff, das untergeht. Dreißig Millionen Sesterzen.
Dann verlässt die Gesellschaft das Bankett.
Sie kehren ins Wirtshaus zurück.
Der Freund vergnügt sich mit dem Knaben.
»Bei allen Göttern, was bedeutet das?«, fragte nun Schoppe, während er Guyetus das Blatt entriss.
»Eine lateinische Handschrift hier auf Gorgona, die kann doch nur von Philos Ptetès stammen«, rief ich aus.
Bei diesem Namen zuckte Schoppe zusammen. Er verstand nicht, was Gorgona mit dem Mönch aus Slawonien zu tun hatte, denn er wusste ja noch nichts von dem, was du Naudé und Guyetus berichtet hattest, dass nämlich Philos Ptetès möglicherweise derselbe slawonische Mönch war, der vor zwei Jahren auf unserer ersten Fahrt nach Paris auf Gorgona zurückgelassen worden war, weil eine Schlange ihn gebissen hatte. Rasch erhelltest du ihm den Zusammenhang, der vom Verehrungswürdigen mit Zeichen großer Erregung aufgenommen wurde.
Die erste untrügliche Spur von Ptetès Anwesenheit auf der Insel. Doch bevor geklärt wurde, wie und wann er das Dokument, das seinen Aufenthalt verriet, hier abgelegt hatte, hätten alle liebend gerne erfahren, ob wir womöglich eine erste Kostprobe der begehrenswerten Schätze des slawonischen Mönchs entdeckt hatten. Ein sehr wichtiges Indiz gab es bereits: den Namen auf diesem Papier.
|191|»Trimalchio!« Naudé schluchzte fast, seine Stimme war heiser vor Aufregung.
In einfache Worte übersetzt für jemanden, der die gesamte lateinische Literatur nicht im Schlaf kannte wie Naudé und Schoppe, verbarg sich folgendes hinter diesem Namen:
Unter den Werken, die Philos Ptetès in seinem Brief zu besitzen behauptete, befand sich auch das berühmte Satyricon von Petronius, dessen vollständige Handschrift einer der Wunschträume aller Philologen und Literaten auf der Welt war. Denn von dem Roman des Titus Petronius Arbiter, wie sein lateinischer Name lautete, waren nur ein paar Dutzend Seiten erhalten, vielleicht nicht einmal ein Zehntel des Gesamtwerks. Das Satyricon, das als eine der erlesensten Perlen der Literatur der Antike gilt, verschwand auf geheimnisvolle Weise während der dunklen Jahrhunderte des Mittelalters und wird heute endgültig als verloren angesehen. Eine der Hauptfiguren in dem Werk war Trimalchio, ein freigelassener und dann zu maßlosem Reichtum gelangter Sklave, der eine recht gemischte Gruppe von Gästen zu einem üppigen Abendessen einlädt, wo unter großer Prunkentfaltung die erlesensten Speisen serviert werden. Doch die Beschreibung dieses Gastmahls, wie auch fast das ganze Satyricon, ist uns leider nur fragmentarisch überliefert.
Das unbekannte, von uns soeben entdeckte Papier war für Geist und Herz unserer Gelehrten wie ein Blitz in einer stillen, mondlosen Nacht, konnte es sich doch um ein bisher unbekanntes, unschätzbar wertvolles Fragment aus dem Gastmahl des Trimalchio handeln.
Überraschend bemächtigte sich wieder Guyetus mit katzenhafter Wendigkeit des Dokuments.
»So überlasst mir dieses Stück Papier doch bitte einen Augenblick lang«, flehte Schoppe, die Arme ausgestreckt wie ein Flüchtling in der Wüste, welcher der ersten Wasserquelle zustrebt, und es gelang ihm, des Blattes erneut in seinen Besitz zu bringen.
»Ich bin dran, verflucht, ich habe es noch nicht einmal angerührt!«, rief Naudé laut.
Innerhalb kürzester Zeit entstand zwischen den vieren ein würdeloses, ihrem glänzenden Ruf gänzlich unangemessenes Handgemenge. Caspar Schoppe, hochaufgereckt auf Zehenspitzen stehend und den anderen drei ohnehin an Körpergröße überlegen, hielt das Blatt in eine für sie unerreichbare Höhe, während sie ihn bestürmten wie |192|Hunde und Katzen, die sich mit den Vorderpfoten auf den Gast einer Taverne stürzen, dem der Wirt soeben ein schönes, duftendes Brathuhn serviert hat. Alsbald hielt Schoppe dem Ansturm nicht mehr stand, und das Blatt fiel ihm aus der Hand, glitt zu Boden, wo du, junger Atto, es flink aufhobst und meiner Wenigkeit reichtest, was dir einen Streit mit den vier exaltierten Gelehrten ersparte.
»Ich bitte Euch, Messeri!«, versuchte ich sie zu beschwichtigen, derweil ich mir das Papier unter die Jacke steckte, damit das Streitobjekt begehrlichen Blicken entzogen wurde und die Gemüter sich abkühlten. Die beiden Korsaren hatten der Szene mit offenem Munde beigewohnt, da sie absolut nicht begreifen konnten, warum hier so hitzig um ein altes Stück Papier unbekannter Herkunft gestritten wurde, das in einer verlassenen Festung lag.
»Dann sagt uns wenigstens eines!«, rief Guyetus mit anklagender Miene aus. »Wie habt Ihr dieses Papier gefunden?«
»Das habe ich doch schon gesagt, zum Donnerwetter!«, antwortete Malagigi beleidigt. »Mein Blick war auf eine alte Truhe im Erdgeschoss des Turms gefallen. Sie stand offen, ich sah hinein, und da lag das Blatt.«
»Warst du denn nicht auch losgegangen, den Turm zu erkunden?«, fragte Schoppe, Naudé zum ersten Mal duzend.
»Natürlich«, antwortete der Bibliothekar, »doch als ich hörte, dass die anderen Nahrungsmittel gefunden hatten, bin ich hierhergelaufen. Ich glaube, Signor Pasqualini war aufmerksamer als ich, da er auch die Truhen untersucht hat.«
»Ich habe ebenfalls bemerkt, dass eine Truhe offen stand«, fügte ich hinzu, da ich mich verpflichtet fühlte, Naudé zu verteidigen, »aber ich hatte keine Gelegenheit, etwas zu entdecken, denn gerade als ich in die andere hineinschaute, hörte ich euch rufen und bin hierhergeeilt.«
»Verzeiht mir die Einmischung, Monsire Naudé, darf ich Euch eine Frage stellen?« Taktvoll wandtest du, lieber Atto, dich an den Bibliothekar Mazarins, welcher tatsächlich erst jetzt die puterrote Gesichtsfarbe verlor, die er während des Kampfes um den Besitz des Papiers angenommen hatte.
»Na gut, bitte sehr«, antwortete dieser, den Kragen seiner Jacke weitend, um den Druck der seelischen Anspannung zu mindern.
»Ihr und Eure gelehrten Kollegen«, hubst du an, »seid die größten Experten für antike Schriften. Könnt Ihr uns erklären, was es mit diesem Blatt auf sich hat?«
|193|Ich zog das kostbare Papier unter der Jacke hervor und reichte es Naudé. Hardouin, Schoppe und Guyetus kamen näher, um hineinzuspähen, freilich nicht ohne noch einen letzten bösen Blick zu wechseln.
»Meiner Meinung nach gibt es keinen Zweifel«, begann Naudé, »es könnte durchaus ein Stück des Satyricon von Petronius sein, in dem ein gewisser Trimalchio vorkommt. Petronius, Signori! Ist euch bewusst, aus welch fernem, überaus noblem Altertum dieses Fundstück stammt?«
»Wann hat Petronius gelebt?«, fragtest du.
»Frag doch diesen Betrüger Scaliger«, entgegnete Schoppe. »Er hat ja sogar bis dato unbekannte Fragmente des Satyricon neu angeordnet.«
»Meine Güte, Caspar, wie kannst du es wagen, Scaliger noch nach seinem Tod einen Betrüger zu nennen?«, tadelte ihn Guyetus, ebenfalls zum Du übergehend, als hätte die Entdeckung der alten Handschrift sie alle zu Brüdern gemacht.
»Ich habe es ihm oft gesagt, als er noch lebte, und er hat mir nie geantwortet, also wird er auch jetzt nichts dagegen einzuwenden haben. Und wo ich schon einmal dabei bin, sage ich auch, dass es kein Zufall ist, wenn Scaliger seine Kompilation nie veröffentlicht hat. Er brüstete sich, den ursprünglichen Zustand des Satyricon wiederhergestellt zu haben, aber die vier alten Handschriften, die ihm angeblich dazu dienten, sind zufällig unauffindbar. Er war eben nichts anderes als ein betrügerischer Prahlhans.«
Naudé hob trostsuchend die Augen zum Himmel und fuhr fort:
»Wie ich schon sagte, wenn dieses dürftige Stück Papier wirklich Petronius ist, Signori, dann wird die gesamte Gelehrtenrepublik uns beglückwünschen, weil wir es gefunden haben. Und wenn wir auch den Rest finden, wird unser Andenken in den Schriften der Ingenien für immer bewahrt werden, auch noch in vier oder fünf Jahrhunderten. Das Problem ist nur, dass es sich nicht um eine alte Handschrift aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert nach Christi Geburt handelt. Man sieht genau, dass die Schrift nur ein paar Jahrhunderte alt ist. Und ich glaube, dass es sich um die Handschrift von Poggio Bracciolini handeln könnte, den angesehenen, ruhmreichen Humanisten aus Florenz, der zahlreiche unbekannte Werke der lateinischen Antike entdeckte. Das sage ich, weil Poggio berichtete, er habe ein Fragment |194|des Satyricon in seinen Besitz gebracht, dessen Spuren sich jedoch danach verloren. Es könnte also dieses hier sein. Wenn meine Schlussfolgerungen richtig sind, haben wir ein Fragment jenes Werks von Petronius in Händen, das der berühmte Poggio Bracciolini aus einem Kodex in einer alten Abtei kopiert haben muss. Wahrscheinlich war dieser Kodex einer seiner genialen Funde, für die er so berühmt wurde. Die Schrift auf dieser Seite entspricht jedenfalls jener der florentinischen Humanisten. Und wenn es nicht Poggio persönlich war, dann war es eben einer der Kopisten in seinen Diensten.«
Schoppe, Guyetus und Hardouin nickten: Ein rascher Blick hatte vor allem den ersten beiden genügt, um eine Vorstellung von Alter und Provenienz des Manuskripts zu gewinnen.
»Allerdings …«, zögerte Hardouin.
»Allerdings?«, drängte Malagigi, der, wie wir auch, in der Philologie und ihren labyrinthischen Geheimnissen gänzlich unbewandert war.
»Im Grunde kann man sich nie sicher sein«, ergänzte der Bibliothekar in einer Mischung aus Vorsicht und Vagheit. »Wenn Poggio brieflich von seinen Funden erzählte, brachte er gern alles durcheinander, und in dem, was er schreibt, gibt es immer ein paar Unstimmigkeiten. In Sankt Gallen erzählt er erst, dass er Handschriften in einem Turm des Klosters gefunden hat, dann war es die Bibliothek oder umgekehrt. Häufig verschwinden die Handschriften, die er angeblich kopiert haben will, zurückbleibt nur Poggios Kopie, von der man daher nicht sagen kann, wie genau sie ist, und so weiter.«
»Und diese Anmerkungen am Rand, was bedeuten die?«, fragtest du. »Sind das Geschichtchen, zu denen das Satyricon Poggio inspiriert hat?«
»Gott bewahre dir deine Naivität, Junge!«, rief Caspar Schoppe kopfschüttelnd aus und seufzte.
»Ich bitte Euch, junger Atto!«, ereiferte sich nun auch Guyetus. »Geschichtchen? Es ist doch sonnenklar, dass es sich hier um Glossen handelt, Anmerkungen, die wir Philologen am Rand eines Textes für unsere eigenen Zwecke notieren. Poggio wird es ebenso gehalten haben: Er scheint eine rasche Glosse mit dem Fortgang der Handlung entworfen zu haben. Vielleicht weil der Text lückenhaft war und er daher nicht genau verstand, was im Folgenden geschah.«
Sodann verkündete Schoppe mit dem Mangel an Bescheidenheit, der ihm eigen war, das Satyricon besser zu kennen als jeder andere, |195|weil er als junger Mann eine Untersuchung von Petronius’ Text verfasst habe, und weil er dank seiner unübertrefflichen Bildung in den Kreis engster Freunde des Gelehrten Melchior Goldast aufgenommen worden sei, jenes angesehenen Verlegers, der das Wenige veröffentlicht hatte, was vom Satyricon bis heute erhalten war.
»Ruhe, der Verehrungswürdige spricht«, zischte Gabriel Naudé seinem Kollegen Guyetus ins Ohr.
Schoppe warf beiden einen flammenden Blick zu. Nachdem unter seinen Zuhörern wieder Ruhe eingekehrt war, verkündete er mit strenger Miene:
»Meiner Meinung nach haben wir eine der wichtigsten philologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte, ach, was sage ich, der letzten Jahrhunderte vor uns.«
Als ich deinen Gesichtsausdruck musterte, glaubte ich deutlich die nicht besonders reinen Gedanken lesen zu können, die deinen Geist in Aufruhr versetzten: Eine Laune des Schicksals wollte es, dass dieses Stück des Petronius, wenn es sich denn wirklich um das Satyricon handelte, wie gemacht schien, um die Diskussion, die wir zu Beginn der Reise gehabt hatten, wieder zu entfachen. Das Schicksal lacht dem, der sich von seinen Herren genießen lässt, und auch wenn er insgeheim das zarte Geschlecht vorzieht, findet er sein Glück doch nur, wenn er bei der widernatürlichen Liebe abkassiert.
Das war kein Zufall, mein lieber Atto: Diese Namen und diese Titel – Petronius und sein Satyricon sind nur ein Beispiel von vielen – waren, sind und bleiben dem Großteil der Menschheit völlig unbekannt, aber sie beherrschen unsere Gedanken, Reaktionen, Neigungen, Gebräuche und Gewohnheiten. Die Menschen denken, handeln und glauben nicht im Vollbesitz ihrer eigenen Kräfte, sondern sind, ohne es zu bemerken, Vorbildern unterworfen, die Petronius, Seneca, Lukrez, Horaz, Vergil, Ovid und vor allem Platon und Aristoteles schufen. Alles Namen, die das Volk für die Angelegenheit weniger Gelehrter hält, aber in Wirklichkeit sind sie die Tyrannen der Welt, wie du durch den Ausgang unseres Abenteuers erkennen wirst.
Doch die Debatte konnte nicht zu Ende geführt werden, denn in diesem Moment hörten wir ein Geräusch auf dem kleinen Platz.