|178|DISKURS XXIII
Darin es zuerst eine böse Überraschung gibt. Dann beginnt man, die Insel zu erkunden und stößt alsbald auf die Torre Vecchia.
Ich schlief wieder ein. Kurz bevor der Morgen graute, wurde ich jedoch geweckt. Ich meinte, ein Geräusch gehört zu haben. Als ich die Augen öffnete, war ich nicht mehr sicher, ob ich geträumt hatte oder nicht. Doch ich musste nur den Kopf zu dir wenden, um zu begreifen.
Hätte ich mich freuen sollen? Vielleicht ja, nach all den Reden, die ich dir gehalten hatte, doch stattdessen packte mich eine finstere Wut, erst auf mich selbst, dann auf dich, der du frech in nächster Nähe dalagst und dich im Liebesspiel erwärmtest, Barbellos Kopf zwischen deinen Beinen, während dein Mund, der in der Öffnung seiner Hosen verschwand, ebenfalls eifrig Lust spendete.
Er war zu dir gekommen, dieser kleine, lüsterne Kastrat, und diesmal hattest du ihn erhört. Wenn du mir damit erklären wolltest, dass du meinen Empfehlungen endlich zu folgen gedachtest, nun, dann hättest du einen diskreteren Weg wählen können, statt direkt neben mir deine Spielchen zu treiben. Ich versuchte, meinen Zorn mit geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen zu ersticken, dann sprang ich auf. Die Kälte, die dem Morgen vorausgeht, kroch mir in die Knochen, doch meine Glieder spürten keine Müdigkeit. Ich ging ins Freie und erblickte den ersten Schimmer der rosenfingrigen Morgenröte. Hatten sich nicht noch in dieser Nacht schwarze Flammen des Abscheus in deiner Brust entzündet, mein Atto, als du hörtest, dass Naudé an dem gemeinen Laster teilnahm? Ich hatte dir genau ins Gesicht gesehen, ich konnte mich nicht täuschen! Was nur hatte, wenige Minuten später, Barbellos Sieg bewirkt? Ach, ich bin ein Dummkopf, sagte ich mir – hatte ich doch selbst gesehen, wie du seine Hand hieltest, nachdem du die Peitschenhiebe von Ali Ferrarese auf seinem Hinterteil verarztet hattest, als wir noch auf dem Brandschiff in Gewalt der Barbaresken waren. Ich hatte an Mitleid mit deinem so grausam gequälten Schicksalsgenossen geglaubt. Aber nein, da war mehr. Darum hatte Pasqualini, der dich väterlich liebte, und dem du die Liebe eines Sohnes entgegenbrachtest, sich zwischen euch und den Rest der Gruppe gestellt und seinen Mantel geöffnet, um euch zu verbergen, als Barbellos Hinterbacken versorgt werden mussten. Ich hatte geglaubt, er wolle die |179|Szene schamhaft verhüllen, da Barbello ja vom Gürtel abwärts nackt war. Stattdessen wollte er eure schmutzige Tändelei vor den anderen verstecken. Ja, du bist wirklich mein gehorsamer Schützling, da gab es nichts einzuwenden, schloss ich, mich selbst verspottend.
Die Sonne wärmte nicht im Geringsten, denn die gesamte Himmelskuppel war von einem dichten Dunstschleier bedeckt. Wir befanden uns auf der Westseite der Insel, wohin am Morgen wegen der hier sehr hoch aufragenden Klippen kein einziger Sonnenstrahl gelangte.
Kurze Zeit später erwachten die anderen der Gruppe einer nach dem anderen, bis ins Mark durchfroren und vor Hunger und Erschöpfung schwankend. Du stelltest dich an meine Seite. Aus dem Augenwinkel versuchte ich zu erspähen, ob du eine zustimmende Äußerung zu der Neuigkeit von mir erwarten würdest, da du sie mir ja direkt unter die Nase gehalten hattest. Aber du erwähntest die Sache mit keinem Wort.
Stumm traten wir den beschwerlichen Weg über die Felsen an, misstrauisch jeden Stein mit der Fußsohle prüfend, und kamen so vielleicht noch langsamer voran als in der gestrigen Nacht. Der Morgenwind peitschte die Gesichter und ließ Wassertropfen durch die Luft tanzen, die er den Wellen entriss, wenn sie sich auf den Klippen brachen. Die Augen gegen das milchige, aber starke Licht des Sonnenaufgangs am Meer zu schmalen Schlitzen geschlossen, begann ich, die Beschaffenheit der ungastlichen Felsenküste zu erforschen. Nach etwa zwanzig Schritten erhob sich das Riff, an dem unser Boot so übel zerschellt war, zu einer steil über dem Meer aufragenden Wand.
»Nicht mal ein Steinbock könnte da raufklettern.«
Das war Barbello, der uns eingeholt hatte. Auch er blickte sich auf der Suche nach einem Durchgang nach allen Seiten um. Fast wäre ich dem übermächtigen Impuls gefolgt, ihn am Kragen zu packen und ins Meer zu werfen, doch mich hielt der Gedanke zurück, dass eher ich eine solche Strafe verdient hätte.
»Seht mal dort hinten, über diesem Busch«, rief Malagigi aus, der ebenfalls näher gekommen war, um die Lage zu erkunden.
Ich verscheuchte meine Rachegedanken und schärfte die Augen. Kaum sichtbar wegen des Mosaiks aus Felsen und Spalten, die man kaum voneinander unterscheiden konnte, öffnete sich eine Art Furche zwischen den Steinen, die langsam immer höher führte, über den |180|Kamm der sehr hohen Klippe, die vor uns aufragte, hinaus. War das womöglich der Weg, um ins Innere von Gorgona zu gelangen? Wir riefen sofort die gesamte Gesellschaft zusammen und befragten die beiden Korsaren, die jedoch nie an dieser Seite der Insel angelegt hatten und uns wenig Nützliches sagen konnten. Es wurde beschlossen, auf diesem Weg aufzusteigen, denn nur dann würden wir sehen, ob die Entscheidung richtig war.
Der enge, steile Pfad zwischen den Felsen gestattete es nicht, als geschlossene Gruppe voranzugehen. An die Spitze der Prozession setzten sich die beiden Korsaren, dicht gefolgt von Hardouin und Pasqualini als ihre Bewacher. Kemal lud sich freiwillig Schoppe auf den Rücken, während du Guyetus einen stützenden Arm botest. Die beiden alten Männer nahmen die Hilfe sofort an, der erste fluchend, der zweite mit griesgrämiger Würde, als wäre ihm die Unterstützung geschuldet. Die Nachhut bildeten Naudé und meine Wenigkeit.
Gerade als wir uns in der Schlucht in Marsch gesetzt hatten, verzogen sich die Wolken im Osten, und die Sonne streifte den Kamm des Felsenriffs. Ein goldener Strahl fiel auf die höchsten Ausläufer und gab unerwartet den Anblick auf ein massives Bauwerk frei: einen Festungsturm.
»Was ist das?«, fragte Pasqualini die beiden Korsaren.
»Er heißt Torre Vecchia. Im Sommer übernachtet darin die Garnison des Großherzogs«, antwortete Kemal.
Alle Augen waren auf den hohen, an die Klippen geklammerten Wehrturm gerichtet, der sich, von unten gesehen, nur durch ein Wunder dort oben zu halten schien und seine kriegerischen Zinnen stolz dem Meer präsentierte.
»Ali Ferrarese hat uns gesagt, dass im Winter niemand auf dem Turm Wache hält«, erinnerte sich Kemal. »Die Soldaten vom Festland wissen, dass wir Barbaresken oft in Gorgona anlegen, um Holz und Wasser zu holen, aber sie verschweigen das ihren Vorgesetzten, weil sie sich nichts weniger wünschen, als nach Gorgona zur Bewachung einer Klippe mitten im Meer geschickt zu werden. Doch die Barbaresken ihrerseits hüten sich, den Turm zu benutzen. Wenn sie die Kanonen und Nahrungsvorräte des Großherzogs anrühren würden, wäre er gezwungen, mit seinen Soldaten einzuschreiten und die Insel auch im Winter zu bewachen. Den Schiffen der Berberei käme das nicht gelegen. Darum rühren sie den Turm nicht an.«
|181|»Gibt es denn keine anderen Unterkünfte auf dieser Insel?«, wandte Schoppe ein, »einen Hafen, ein Dorf, einen Bauernhof?«
»Das wissen wir nicht«, antworteten die beiden.
Wir blickten einander erstaunt an. Ein jeder hoffte, dass das, was die beiden Seeräuber sagten, der Wahrheit entsprach und nicht dazu diente, uns in die Irre zu führen oder, schlimmer, in eine Falle des Rais. Mit stummer Ergebung teilten wir uns wieder in kleine Grüppchen auf und begannen mit dem Aufstieg.