DISKURS VII

Darin erklärt wird, wer Caspar Schoppe ist, und wie er bei seinen Streifzügen durch ganz Europa, das er mit seinen Schriften übersäte, sein eigenes und das Leben vieler anderer ruiniert hat.

Caspar Schoppe sei wegen seiner umstrittenen Propagandatätigkeit in ganz Europa bekannt, erklärte Naudé, während er die Tinte in dem |70|kleinen Glasbehälter beäugte, den ich ihm gebracht hatte. Er sei ein Flüchtling, aber nicht des Krieges wegen, sondern aus religiösen Gründen. Als Lutheraner geboren, war er zum Katholizismus konvertiert und der erbittertste Feind von Luther, Calvin und Zwingli geworden. Dutzende Bücher hatte er gegen das Unkraut der deutschen Ketzerei verfasst, die, in vielen tausend Exemplaren im Umlauf, bei der Mehrzahl Hass erregt und nur bei wenigen Zustimmung hervorgerufen hatten. Er hatte seine Heimat Deutschland verlassen müssen, wo zahlreiche Anschläge auf ihn verübt worden waren. Wie durch ein Wunder dem Tod entronnen, hatte er Bannflüche und Schmähungen zuhauf hinter sich gelassen. Nach häufigen Wechseln des Wohnortes (Venedig, Spanien, die Schweiz) hatte er sich in Padua niedergelassen, in der Hoffnung, dort seinen Verfolgern zu entkommen.

»Als ich ihn wiedererkannte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen«, sagte Naudé, derweil er das Fläschchen schüttelte, um die schwarze Flüssigkeit zu mischen, »und wir lagen uns sofort in den Armen. Der gute alte Schoppe!« Er nahm deinen Arm. »Du musst wissen, mein Junge, dass die Welt klein ist und besonders klein unter den Gelehrten! Ich kenne den guten Schoppe, seit ich zum ersten Mal nach Padua reiste, um den großen Galilei zu treffen. Du warst damals noch ein Kind. Padua ist die ideale Stadt für ein solches Individuum, einen Menschen, der nicht nur die politische Wissenschaft von Grund auf beherrscht, sondern auch ein bewundernswerter Kenner der Klassiker ist. Denn Padua ist eine der Wiegen für das Studium des Altertums. Was für eine Überraschung war es dennoch, ihn nach all den Jahren wiederzusehen! Als ich ihn erkannte, habe ich die Augen aufgerissen, denn wenn ich nicht sehe, glaube ich nicht, wie der Apostel Johannes sagte.«

»Der Apostel Thomas«, verbesserte ihn Guyetus abermals aus dem dunklen Winkel, umhüllt von den immer dichter werdenden Schwaden aus seiner Pfeife.

»Thomas, ja sicher, Thomas«, brummte Naudé, während er vergeblich versuchte, das Fläschchen mit den Zähnen zu öffnen, da sein Stopfen im gläsernen Hals festgesaugt schien wie die Muschel am Felsen.

»Bis jetzt kannte ich Schoppe nur dem Namen nach, da er einer der scharfsinnigsten Kenner klassischer Autoren ist, ein Philologe ersten Ranges, würde ich sagen«, erklärte Guyetus, der seinerseits der König |71|unter den Pariser Philologen war. »Zwar hat er schon seit vielen Jahren kein einziges Buch mehr veröffentlicht, ja, recht besehen, scheint er lediglich in seiner Jugend ein paar Sächelchen hervorgebracht zu haben«, fuhr er fort, jene feine Dosis Gift verspritzend, welche die Altertumsforscher meisterhaft in ihr Loblied auf einen Kollegen zu träufeln verstehen, damit die Würdigung wirkungslos bleibt.

»Doch was mir an Schoppe am meisten gefällt, ist, dass er ein Meister des öffentlichen Wettstreits ist, ein wahrer Löwe, der bei Disputen auf Leben und Tod zur Hochform aufläuft. Mutig hat er mit halb Europa gestritten: mit den Jesuiten, den Engländern, den Spaniern, mit den Katholiken, als er Lutheraner und mit den Lutheranern, als er katholisch war. Man hat versucht, ihn zu erstechen, als er spazieren ging, zu erschießen, als er am Fenster stand, man hat ihn verleumdet, bedroht, beleidigt. Er hat Deutschland verlassen, weil er fürchtete, umgebracht zu werden, das stimmt, aber auch in Padua lebt er in ständiger Angst vor einem Attentat. Es heißt, dass man bei seiner Beerdigung Schlange stehen wird, weil so viele kommen, um sich zu vergewissern, dass er endlich tot ist, hihi!«

»Der gute Schoppe ist ein Meister in der Kunst, sich Feinde zu machen!«, ergänzte Naudé lachend. »Vor einigen Jahren hatte er sogar vor, nach Frankreich zu gehen, und bat mich um Hilfe bei der Beschaffung eines Privilegiums seitens unseres verstorbenen Königs Ludwig XIII., damit niemand seine Bücher plagiieren konnte. Doch dann hat er den Plan nicht weiter verfolgt.«

Doch vor allem hatte Schoppe mit seinen Streitschriften einen der größten Gelehrten aller Zeiten auf dem Gewissen: Joseph Justus Scaliger. Schoppe hatte ihn mit verleumderischen Pamphleten attackiert und sogar ein ganzes Buch gegen ihn verfasst, wo er ihn einen Betrüger nannte, der die Vergangenheit der Welt komplett erfunden habe.

»Die Vergangenheit der Welt erfunden?«, wundertest du dich. »Was bedeutet das denn?«

In Wirklichkeit, beeilte sich Naudé zu erläutern, habe Scaliger gar nichts erfunden, im Gegenteil. Er habe sich sein ganzes Leben lang bemüht, die Frage nach dem Alter der Welt vom Beginn mit der Schöpfung an systematisch zu klären, indem er als Erster die Chronologien mit den herausragenden Ereignissen in der Geschichte der Araber, Juden, Christen, Römer, Griechen, Byzantiner, Armenier, Perser, Chaldäer und Babylonier und aller anderen Völker der Antike miteinander |72|abstimmte und zu dem Zeitpunkt der Geburt unseres Herrn Jesus Christus in Bezug setzte. Scaliger müsse das wohl gelungen sein, denn seine Universale Chronologie, vor etwa sechzig Jahren veröffentlicht, gehöre zum sicheren Wissensbestand der Historiker und werde benutzt, um jedes beliebige Ereignis der Vergangenheit zu datieren.

»Erlaubt mir eine Frage, bitte«, warfst du ein. »Wusste man wirklich bis vor sechzig Jahren nicht, in welchem Jahr die Ereignisse der Weltgeschichte stattgefunden hatten?«

»So ist es«, antwortete Naudé.

»Unglaublich! Ich dachte, das hätte man immer gewusst, zumindest annähernd«, bekanntest du.

Naudé und Guyetus erklärten sodann, dass es viel Arbeit gekostet habe, die großen Ereignisse so vieler unterschiedlicher Völker zusammenzufügen, und dass sich vor Scaliger niemand hätte träumen lassen, dergleichen fertigzubringen, gewiss nicht so detailliert wie er. Das Endergebnis schien fast zu einfach: eine Liste mit Fakten und Daten, wo auch Begebenheiten aus Urzeiten ihren Platz in einer Zählung der Jahre nach oder vor der Geburt Jesu Christi fanden.

»Seht her, ich habe hier eine astrologische Gazette des neuen Jahres mit der üblichen chronologischen Tabelle der Weltgeschichte seit der Schöpfung, wie wir sie alle kennen«, und mit diesen Worten zogst du ein winziges Büchlein aus der Tasche und schlugst es auf der ersten Seite auf:

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»Ihr behauptet also, dass all diese Daten vor Scaliger unbekannt waren?«, fragtest du ungläubig.

»Mehr noch, mein lieber Junge«, lachte Guyetus. »Diese Tabelle, diese Daten, hat der große Scaliger persönlich festgelegt.«

Für sein großes Vorhaben habe Scaliger ein neues Kalenderjahr erfunden, fuhr Guyetus fort, das Julianische Jahr. Es dauert 7980 Jahre und geht aus der Multiplikation des Zyklus von 28 Sonnenjahren mit dem der 19 Mondjahre und den 15-Jahresperioden hervor, den Indiktionen, wie Notare sie benutzen. Mit diesem konstruierten Jahr habe Scaliger rückwärts gezählt und einen imaginären Zeitpunkt des Beginns der Zeit festgelegt, der vor allen bekannten historischen Ereignissen lag, sogar noch vor der Sintflut. Ein gewagtes Unterfangen! In |75|seine julianischen Jahre habe er dann geduldig, nach ungeheuer mühseligem, jahrelangem Vergleichen, die Daten der Dokumente alter Kulturen und Völker eingefügt und sie aufeinander abgestimmt. Das Ergebnis war zum Beispiel, dass man jetzt genau sagen konnte, dass der babylonische König Nabupolassar 110 Jahre nach dem Tod des Romulus und 625 Jahre vor der Geburt Jesu regiert hatte, während man vorher nicht einmal genau wusste, wann er gelebt hatte. Oder man konnte sagen, dass Troja 1444 Jahre vor Christus gefallen war, und dass der Exodus der Juden im Jahr 1496 v. Chr. stattgefunden hatte.

»Doch jedes einzelne dieser Daten«, sagte Guyetus, »hat Scaliger beim Vergleichen von astronomischen Beobachtungen, Berichten der Historiker und antiken Kalendern Schweiß und Tränen gekostet. Um zum Beispiel das Zeitalter des Dareios Hystaspes festzulegen, musste er dem griechischen Historiker Herodot glauben, demzufolge Dareios sieben Jahre und fünf Monate nach Kambyses regiert hatte. So gelangt man in das Jahr 226 der Zeit des Nabonassar, ein Datum, das durch die Sonnenfinsternis bestätigt wird, von der Ptolemäus in seinem astronomischen Traktat Almagest sagt, dass sie in das 20. Jahr der Regierung des Dareios fiel. Daraus kann man schließen, dass dieses Jahr auch das Jahr 246 von Nabonassar ist, was von einer Mondfinsternis bestätigt wird, die Ptolemäus im Jahr 31 von Dareios, also im Jahr 357 von Nabonassar auf den fünften Mondzyklus legt. Ist doch klar, oder?«

»Nun, mehr oder weniger«, seufztest du resigniert und verzichtetest lieber auf Erklärungen zu vielen anderen geheimnisvollen Ereignissen (Kallippischer Zyklus, Sahami der Armenier, Sturz des Zedekia) in Scaligers Universaler Chronologie.

»Schoppe hat aber nicht nur den armen Scaliger zu Unrecht diffamiert, er hat auch Gutes getan«, sagte Guyetus, »zum Beispiel hat er Galileo mit gezücktem Schwert vor dem Heiligen Offizium und dem Papst verteidigt, um ihm den Widerruf seiner Lehren zu ersparen. Allerdings scheint der gute Caspar irgendwann verrückt geworden zu sein, denn er hat plötzlich behauptet, Galileo habe sich um jeden Preis verurteilen lassen wollen und eine Art Verschwörung gegen den Papst angezettelt, damit dieser ihn zum Widerruf seiner Lehre zwänge.«

»Völlig verrückt«, bemerkte Naudé kopfschüttelnd. »Darum glaubt niemand mehr, was Schoppe sagt. In der Gelehrtenrepublik ist er mittlerweile ein toter Mann.«

»Ich habe nie recht verstanden«, fuhr Guyetus fort, »mit welchen Argumenten |76|Schoppe plötzlich Anklagen gegen Galileo erhob, nachdem er ihn so heftig verteidigt hatte. Aber ich schwöre, dass ich ihn auf dieser Reise danach fragen werde, damit ich was zum Lachen habe, haha!«

Das Mysterium der Zeit
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