|40|BETRACHTUNG

Darin einige Erinnerungen an vergangene Zeiten die zwei Arten von Kastraten erklären und darlegen, welcher der junge Atto Melani angehört.

Erinnerst du dich wirklich, junger Atto, an jenen Tag vor zehn Jahren? O ja, du erinnerst dich. Du warst schon halb benebelt von jenem orientalischen Kraut, als sie dich in die Wanne mit kochendheißem Wasser legten, wie man es mit den Hummern macht, um sie zu betäuben, während deine Mutter im Nebenzimmer schluchzte und dein Vater feige floh.

Was du aber nicht wissen kannst, junger Atto, ist, dass ich, der Secretarius, den Bader bezahlte, damit er nur die Samenleiter durchschnitt und deine beiden Kügelchen nicht gänzlich entfernte, wie es die abstoßende Mode dieser Zeit verlangt.

Vor der Operation hatte ich mir einige Kenntnisse verschafft. Werden die beiden männlichen Drüsen von den Samenleitern getrennt, schrumpeln sie zusammen und verschwinden fast, das ist wahr, aber eben nicht ganz.

Sie zu entfernen, ist weitaus schlimmer: der Knabe geht seiner männlichen Natur vollkommen verlustig, sein Geist wird passiv, sein Gemüt weich, er ist ein willenloses Objekt in den schmutzigen Händen seiner Kuppler. Ganz abgesehen davon, dass bei der vollständigen Verstümmelung die Gefahr von Infektionen, tödlichem Fieber und starken Blutungen hundertmal größer ist.

Wie viele Knaben sind bei der Operation verblutet? Wie viele von ihnen haben sogar die Sprache verloren und sind ihr Leben lang stumm geblieben?

Zu jenem Zeitpunkt hatte ich schon meine zwei Töchter, sonderlich aber einen männlichen Erben, das Thema war mir daher nicht gleichgültig.

Lässt man die Hoden unversehrt und schneidet nur die Samenleiter durch, muss man freilich mit anderen Risiken rechnen. Es gab den Fall des jungen Kastraten, der auf dieselbe Weise operiert wurde wie du und ein starkes männliches Begehren behalten hatte. Zunächst ging er zum Schein auf die Forderungen seines Gönners ein, doch schließlich packten ihn große Wut und ein so unüberwindlicher Abscheu, dass |41|er ihn tötete und sich zuletzt selbst von den Zinnen seines Palazzo stürzte. Und ein anderer Kastrat ward vom Zorn auf seinen Vater, der ihn hatte kastrieren lassen, übermannt, sodass er aus Dresden, wo man ihn mit Ehren und Reichtümern überhäuft hatte, nach Italien zurückkehrte, nur um seinen Vater aufzuschlitzen und die väterlichen Eingeweide und Genitalien den Hunden zum Fraße vorzuwerfen.

Kleine Jungen, lautet die Regel, werden ordentlich kastriert und sodann von den Weibern ferngehalten. Punktum. Nicht ohne Grund verbot Papst Sixtus V. vor fast sechzig Jahren jeden fleischlichen Verkehr zwischen Kastraten und Frauen. Sogar die häretischen Theologen Deutschlands, welche sich sonst in allerlei Haarspaltereien gefallen, verbieten den Entmannten die Ehe, weil ihr Samen nicht fortpflanzen kann, wohingegen sie das Zusammenleben more uxorio mit einem Mann oder einem anderen Kastraten gestatten.

Durch meinen heimlichen Einfluss auf die Operation habe ich dich also vor dem Abgrund der völlig Entmannten gerettet, um dich in den weniger düsteren, aber leidvolleren und von der Welt verabscheuten Abgrund der Unfähigkeit zur Liebe, der halbierten Männlichkeit zu stoßen. Ich wusste, dass ich dich in die Reihen der Kastraten verbannte, die von Fürsten, Theologen, Juristen und Verwandten verfolgt werden, weil sie sich in eine Schülerin oder Tochter des Kapellmeisters oder in die Witwe, bei der sie in Pension leben, verlieben. Nicht wenige deiner Vorgänger sind sogar so weit gegangen, ihre Geliebte als jungen Kastraten zu verkleiden, um die heimliche Verbindung in Ruhe leben zu können. In Deutschland gab es einen, der die Wahrheit so gut verschleiern konnte, dass sie erst nach seinem Tod ans Licht kam, weil der vermeintliche Kastrat, der das ganze Leben mit ihm geteilt hatte, sein Erbe beanspruchte. Es stellte sich heraus, dass er eine Frau war und obendrein heimlich mit dem Verstorbenen verheiratet. Wenn solche Kastraten das Jünglingsalter überschreiten, werden sie im Bett ihrer Gönner gewöhnlich durch junge Entmannte ersetzt und erhalten als Lohn für die geleisteten Dienste eine gute Stellung als Kapellmeister. Das ist der Zeitpunkt, an dem viele von ihnen ihren Traum krönen möchten: Sie bitten um Dispens, damit sie mit der Geliebten endlich in den Hafen der Ehe einlaufen können – nicht heimlich, sondern coram populo. Ach, sie täuschen sich! Sie vergessen, wie sehr man sie dafür hasst, dass sie, diese erbärmlichen halben Männer, eine Frau an sich gezogen haben. Heißt es im Volksmund nicht, Frauen suchten in |42|einem Mann nur die Manneskraft im Bett, und entlarvt das die Frauen nicht als minderwertige Wesen, die zu höheren Gefühlen nicht fähig sind?

Dieses versteckt sodomitische Denken führt dazu, dass die Kastraten und ihre geliebten Frauen in der lutherischen und calvinistischen Welt sogar exkommuniziert werden. In Rom dagegen lehnen die Päpste die Bitten um Dispens mit geistreichen Bemerkungen ab. Vielen, die als Grund ihrer Bitte eine schlecht ausgeführte Kastration angaben, wurde entgegnet: Dann soll man eben besser kastrieren! Im Königreich Neapel aber finden sich zum Glück noch viele Priester, die aus Mitleid bereit sind, nachts, in aller Heimlichkeit, einen unglückseligen Kastraten mit einer Frau zu vermählen.

Doch nicht einmal diejenigen, die sich mit einer heimlichen Liebschaft abgefunden haben, werden je in Ruhe und Frieden leben können. Allzu viele sind von unbekannter Hand ermordet worden: Diebe in der Nacht; maskierte Banditen, die Kutschen überfallen; Schüsse von einem Dach; Messerstiche ins Herz durch einen vermummten Passanten; und so weiter. Alle entmannten Sänger, die auf diese Weise umgebracht wurden, hatten zufällig ein Liebesverhältnis mit einer Frau.

Doch um den Befehlen unserer Herrscher, der Medici, nicht zuwiderzuhandeln, trug ich jetzt selbst dazu bei, das Licht zu verdunkeln, das ich in dir wachgehalten hatte. Deine Zukunft lag in den Betten deiner Padroni, die dich unter dem Vorwand deiner Gesangskunst einander weiterreichten – ein anderes Schicksal war undenkbar. Dem Willen des Fürsten Mattias de’ Medici, Bruder des Großherzogs und Gouverneur von Siena, nicht zu gehorchen, konnte dich teuer zu stehen kommen, wenn Mattias’ Interesse an dir das war, was man vermuten durfte. Ließ er sich doch aus Rom fortwährend hoffnungsvolle Sänger aller Art kommen: ob alte Weiber oder Huren, Frauen oder Männer war Mattias herzlich egal, er stellte sie alle mit Wonne auf die Probe.

Für dich ist das der Weg gewesen, auf dem du dir Ehren am Hof von Florenz, den Applaus in venezianischen Theatern und jetzt das Vertrauen Kardinal Mazarins erwerben konntest, und das muss der Weg bleiben.

Während ich dein Profil betrachtete, das am Heck dem Wind des Toskanischen Archipels trotzte, fragte ich mich: War das einsame Leben |43|des Kastraten nicht schon den Sternen deiner Geburtsstunde eingeschrieben? War nicht schon alles in deinem Vater vorgezeichnet?

Dein Vater Domenico Melani. Eine erste Ehe wurde unerklärlicherweise schon nach acht Monaten aufgelöst, der Grund soll nach seinen Worten die Braut gewesen sein, die er in sinnlicher Umarmung mit einer schönen Wäscherin erwischt hatte. Ich wusste, dass das Gegenteil zutraf: Die junge Braut hatte Domenico in flagranti im Bett mit dem Bischof ertappt und war weinend mit ihrer ganzen Aussteuer zu den Eltern zurückgekehrt.

Der Bischof erkaufte sich Domenicos Schweigen mit einer ansehnlichen Summe Geldes. Mit vierzig heiratete dein Vater erneut und zeugte eine große Kinderschar. Nur so ließen sich die Gerüchte über seine Beziehung zum Bischof aus der Welt schaffen, denn der hatte Domenico vom Glöckner zum Sänftenträger befördert und euch alle, seine sieben Jungen, im Chor der Kapelle und in der Bistumsschule untergebracht, obwohl dort nur Platz für zwanzig Schüler war. Also gingen die Klatschgeschichten munter weiter.

Wie den nagenden Verdacht ausmerzen, dass dein Vater die männliche Natur insgeheim hasste? Nur ein Sohn wurde verschont, Giacinto, weil er für Nachkommen sorgen sollte. Vier wurden mit Sicherheit kastriert, zu ihnen gehörtest du. Bei Jacopo und Alessandro schließlich hatte ich den Bader ebenfalls vor der Kastration bestochen, so wie bei dir und deinen anderen Brüdern, aber das Ergebnis war, dass sie in den Stimmbruch kamen. Zornentbrannt verfluchte dein Vater den Bader … Alessandro schlägt sich jetzt als Komponist durch, und Jacopo ist sogar Tenor geworden, freilich ein sehr hoher, fast schon ein Altus. Sie teilen dein Schicksal, niemals heiraten zu dürfen. Ich habe getan, was ich konnte.

Welcher Vater lässt sechs von sieben Söhnen in zartem Alter verstümmeln und setzt sich überdies dem Risiko aus, ohne Nachkommen zu bleiben?

Die Leute sagen: Er hat es fürs Geld getan, die Mäzene haben ihn großzügig entschädigt. Mag sein, doch indem er seine beiden Töchter ins Kloster schickte, hat Domenico auch den weiblichen Teil der Familie ausgelöscht und nichts dafür bekommen. Euren Segen hat er gewiss nicht gehabt. Als wir von unserer dritten Reise nach Paris zurückkamen, ist er aus einem Fenster seines Hauses gestürzt. Seltsamer Tod. |44|Dies sind die Klatschgeschichten, die seit eh und je in Pistoia umgehen. Deinen mächtigen Beschützern sind sie jedoch fast oder vollkommen gleichgültig. Mit der Taufe bist du in die Obhut der Sozzifanti gekommen, Cavalieri des Ordens Santo Stefano. Und schon als Kind unterstandest du der Befehlsgewalt von Mattias, dem Bruder des Großherzogs, der wie jeder große Fürst seine privaten Zerstreuungen pflegt, auf die er nicht zu verzichten gedenkt.

Nachdem ich so für mich gegrübelt hatte, wählte ich vorsichtigere Worte, um dich an diese traurigen Themen zu erinnern.

Und so schwiegst du, während ich sprach und wir uns im Achterkastell mit zwei Decken aus grober Wolle vor dem Wind schützten. Auch dein Körper verriet deine Gedanken nicht. Am Ende meiner Rede gewährtest du mir ein stummes, bitteres Lächeln. Du hattest verstanden.

Das Mysterium der Zeit
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