|217|DISKURS XXXIII

Darin sich der Zweck des Ausflugs als ein anderer entpuppt und man sich einer Erpressung von Gabriel Naudé fügen muss.

»Nun, Signor Secretarius, sagt an, welchen Weg würdet Ihr nehmen?«, fragte Gabriel Naudé, als wir auf dem Platz vor der Festung standen und die mächtige Wand dichter Vegetation vor uns aufragte, die die Torre Vecchia vom Rest der Insel trennte.

»Das scheint mir offensichtlich, Monsire Naudé. Geradeaus direkt ins Unterholz, damit wir alsbald auf einen Wildwechsel stoßen. Ein paar Kaninchen, eine Ziege, vielleicht sogar ein schönes Wildschwein …«

»Ein Wildschwein?« Naudé erbleichte, er wusste um die Gefährlichkeit dieser borstigen wilden Tiere.

»Sie sind sehr zahlreich auf den toskanischen Inseln, war Euch das nicht bekannt?«

»Oh ja … auch in Frankreich haben wir viele davon.«

»Wie viele habt Ihr erlegt?«, fragtest du unbefangen.

»Wie … wie bitte?«

»Wie viele Wildschweine habt Ihr erlegt?«

»Nun, um die Wahrheit zu sagen, ziehe ich andere Beute vor: Fasanen, Rebhühner …«

»Aha, Flugwild also.«

»Ja, genau das wollte ich sagen.«

Als wir ein gutes Stück von der Torre Vecchia entfernt waren, blieb Naudé stehen, lehnte das Gewehr mit unsicheren Bewegungen an einen Baum und gebot uns, anzuhalten.

»Endlich sind wir allein und ohne Schnüffler. Jetzt seht Euch das an.«

Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Tasche, faltete es auseinander und zeigte es uns:

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»Was ist das?«, fragten wir beide erstaunt.

»Das seht Ihr doch selbst, es ist eine Karte. Die Karte dieser Insel.«

»Wo habt Ihr die gefunden?«, fragte ich verwundert.

»Das war ein merkwürdiger Zufall«, antwortete er, und in seiner Miene spiegelte sich noch immer die Aufregung über seinen Fund. »Ehe wir den Hühnern den Garaus machten, wollte ich kontrollieren, ob die Bibel, die ich Seiner Eminenz bringen soll, noch unversehrt ist. Meine Tasche lag unter dem Stuhl, der unter dem Treppenabsatz steht. Schoppe und Guyetus hatten ihre Mäntel auf diesen Stuhl gelegt, bevor sie das Feuer im Kamin anzündeten. Als ich die Zipfel der Mäntel umschlug, habe ich in einer Ecke ein zweimal gefaltetes Blatt entdeckt, diese Karte.«

»So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte ich, die ziemlich rudimentäre, ja fast primitive Zeichnung betrachtend. »Es gibt keine Ortsnamen, nicht einmal den Namen der Insel selbst.«

»Aber der Titel auf Latein? Mysterium Thesauri, das ›Geheimnis des |219|Schatzes‹ … das ist doch wirklich sonderbar, oder?«, bemerkte Naudé frohlockend.

»Haltet Ihr das etwa für eine Schatzkarte?«, fragtest du skeptisch.

»Was denn sonst?«, erwiderte der Bibliothekar im Brustton der Überzeugung, auf das Blatt klopfend.

»Vielleicht stammt sie von Piraten, die ihre Beute auf dieser Insel versteckt haben?«, fragtest du mit aller Ehrerbietung, derer du fähig warst, und große Mühe darauf verwendend, das ironische Lächeln zu verbergen, das dir spontan die Mundwinkel verzog, denn nie und nimmer hättest du dir Mazarins Bibliothekar zum Feind machen wollen.

»Wie naiv du bist, mein Junge«, trällerte Naudé zunehmend ausgelassener. »Ein Schatz ja, aber keiner von Piraten. Die können kein Latein.« Er zwinkerte uns verschwörerisch zu.

Ich sah, wie du Naudé entgeistert anstarrtest.

»Der lateinische Titel deutet doch auf eine Verbindung zu Philos Ptetès hin, oder?«, bemerkte Naudé nun vorsichtiger angesichts unserer flauen Reaktion auf seine übertriebene Begeisterung. »Der Schatz könnte also die Handschriftensammlung von Poggio Bracciolini sein, und vielleicht will der Mönch mit diesem Titel sagen, dass die Zeit gekommen ist, ihn ans Licht zu bringen.«

»Wirklich ein interessanter Gedanke, Monsire Naudé«, schmeicheltest du ihm. »Und wie soll diese Karte uns helfen, ihn zu finden?«

»Eine dieser Zeichnungen sieht aus wie der Kopf eines Ochsen«, antwortete der Bibliothekar, mit dem Finger auf die Karte zeigend, »aber es ist unklar, was das bedeutet, denn ich glaube nicht, dass dort, wo er eingezeichnet ist, nämlich bei den Klippen, Weiden oder Kuhherden sein könnten. Das Kreuz hier muss einen Friedhof anzeigen, das andere Symbol darunter scheint ein Häuschen zu sein, dann noch eins, zuletzt ganz rechts eine Art Rohr und ein weiteres Gebäude … Doch ich vergaß, in dem gefalteten Papier befand sich auch dies hier:

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|220|»Sonderbar«, sagtest du in neutralem Tonfall, »was mag das mit der Karte zu tun haben?«

|220|»Keine Ahnung«, antwortete Naudé. »Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich habe das Gefühl, das alles hier wird uns nützlich sein. Darum habe ich beschlossen, Euch diese Karte zu zeigen, Signorino Atto und Signor Secretarius. Natürlich müsst Ihr mir versprechen, dass Ihr zu niemandem ein Wort darüber sagt, ja Ihr sollt mir sogar alles hinterbringen, was mir von Nutzen sein könnte, da ich ein ergebener Diener Eures zukünftigen Herren Kardinal Mazarin bin. Haben wir uns verstanden?«

»Monsire Naudé, wie könnt Ihr an uns zweifeln?«, antwortetest du mit dem rechten Maß an Ehrerbietung. »Wir werden das Geheimnis nicht nur bewahren, sondern Euch auch alles berichten, was seine Bedeutung und seinen Nutzen erhellen könnte.«

»Sehr gut«, sagte der Bibliothekar des Kardinals zufrieden und steckte die Karte und das seltsame Zettelchen mit dem Buchstabenf wieder in seine Tasche.

In seiner Miene las man die Befriedigung darüber, ein Dokument entdeckt zu haben, das er nicht mit Schoppe und den anderen teilen musste, obwohl es nicht so kostbar war wie das Fragment von Petronius. Als er nach dem am Baum lehnenden Gewehr greifen wollte, packte er es nicht fest und ließ es fast fallen. Bei seinem ungeschickten Versuch, es zu schultern, richtete er den Lauf plötzlich direkt auf deine Nase.

»Ich bitte Euch, Monsire Naudé, zielt nie mit der Waffe auf andere«, bat ich. »Wenn das Gewehr geladen ist, könntet Ihr versehentlich Signorino Atto oder mich treffen. Ihr müsst den Lauf immer auf den Boden richten.«

»Aber das tue ich ja immer!«, verteidigte sich der Bibliothekar. »Nicht wahr, Signorino Atto?«

»Natürlich, Monsire Naudé«, logst du, »doch mir scheint, Ihr habt Euer Horn mit dem Schießpulver nicht fest genug an Eure Hosen gebunden. Wenn es so am Boden baumelt, könnte das Pulver nass werden, dieser Wald ist noch feucht vom Regen, wie Ihr seht.«

»Ach ja? Potzblitz, Ihr habt recht, wie unachtsam von mir, haha!«

»Pst! Sprecht leiser Monsire Naudé«, ermahnte ich ihn, »sonst lässt das Wild sich nicht aufspüren!« Ich zeigte auf eine Talsenke, die erfreuliche Überraschungen zu bergen versprach.

|221|Wir drangen tiefer in das Unterholz ein, auf die kleinste Bewegung um uns herum achtend. Die Vogelrufe hielten uns in ständiger Alarmbereitschaft, wie auch das Rauschen der Blätter und das unaufhörliche Tröpfeln des Regenwassers, das sich von Blatt zu Blatt einen Weg nach unten suchte, um schließlich Ruhe zwischen den feuchten Erdschollen zu finden. Wir duckten uns hinter einen Felsen, bedeckten unsere Köpfe mit den breiten Fächern eines großen Farnkrauts und spitzen die Ohren. Unseren Gefährten forderten wir auf, es uns gleichzutun, doch er hielt sich kerzengerade, das Gewehr immer noch gefährlich auf halber Höhe, und versuchte, blindlings voranzukommen.

»Monsire Naudé, wohin wollt Ihr?«, flüsterte ich. »Hier haben wir einen ausgezeichneten Jagdstand.«

»Ist dies nicht der Weg in die Stadt?«, fragte er, geradeaus zeigend.

»In die Stadt?«, fragte ich besorgt. »Und unsere Jagd?«

»Quae casus obtuli in sapientiam vertenda«, rezitierte der Bibliothekar.

»Wie bitte?«

»Was der Zufall bietet, sei umsichtig in Nutzen verwandelt«, übersetzte Naudé, »wie der große römische Historiker Tacitus sagte. Wenn ich mir vorstelle, dass dieser verdammte Philos Ptetès mit seinem Schatz in dieser Stadt ist, wie immer sie heißt, und wir hier Zeit mit Kaninchen und Wildschweinen verlieren …«

»Was habt Ihr vor? Was sollen wir zu Essen mitbringen?«, fragtest du.

»Signorino Atto, Signor Secretarius, hört mir gut zu«, sagte Naudé, während er das Gewehr mit dem nach oben gerichteten Lauf an sein Bein lehnte wie ein Anfänger, sodass ein versehentlich gelöster Schuss ihm den Kopf zerfetzt hätte. »In Paris werdet Ihr in den Dienst Kardinal Mazarins treten, meines Herren, dem ich natürlich über die Reise, über jeden einzelnen Teilnehmer und über alle wichtigen Begebenheiten zwischen uns Bericht erstatten werde.«

»Gewiss, Monsire Naudé.«

»Nun, seid gewiss, dass ich, allemal unter bestimmten Bedingungen, die Vorzüge des Signorino Atto, seine Hingabe an den Dienst für Seine Eminenz, sowie die Weisheit und Diskretion des Secretarius ausführlich preisen werde. So bin ich nun einmal, ich spreche gerne gut über jene, die es verdienen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«, schloss er mit gönnerhafter Miene.

|222|»Oh ja, Monsire Naudé«, antworteten wir einstimmig. »Ihr habt vollkommen recht, was die Stadt betrifft, warum gehen wir nicht gleich hin, da wir ohnehin schon in der richtigen Richtung unterwegs sind und Ihr, sollten wir dort Philos Ptetès finden, der Erste sein könntet, der seine Papiere in die Hände bekommt!«

»Signorino Atto, Signor Secretarius, jetzt verstehen wir uns! Ich bin sicher, dass es Euch an meiner Stelle auch nicht behagen würde, die Entdeckung mit Caspar Schoppe zu teilen, der ein Freund ist, Gott bewahre, aber leider unzuverlässig und schwärmerisch, armer Caspar. Oder mit Guyetus, ein hochrangiger Philologe, das bestreite ich nicht, aber in seinem Alter keinesfalls mehr imstande, eine anständige Ausgabe des gesamten Materials zu besorgen, das der slawonische Mönch entdeckt haben will. Es stimmt zwar, dass der Brief von Philos Ptetès an sie gerichtet war, nicht an mich, aber ist das von Bedeutung angesichts der Notwendigkeit, diese Schätze der Menschheit zu übergeben?«

»Gewiss nicht, Monsire Naudé.«

»Wir haben uns verstanden, denke ich«, sagte unser Gegenüber mit einem vielsagenden Lächeln.

Was er meinte, war sonnenklar: Die einzige Möglichkeit für Mazarins Bibliothekar, den Schatz von Poggio Bracciolini an sich zu reißen, bestand darin, Philos Ptetès vor Schoppe und Guyetus zu finden. Da der Brief an sie, nicht an Naudé gerichtet war, fürchtete der Bibliothekar, es könne keine Hoffnung mehr für ihn geben, wenn Ptetès die beiden traf.

Nachdem wir uns Naudés indirekter Erpressung gebeugt hatten, setzten wir den Marsch in Richtung Stadt, oder besser, ins Unbekannte, fort.

Das Gelände fiel zunehmend ab und wurde rutschiger. Noch immer wanderten wir durch dichten Wald, unsere Schuhe und Beine waren schlammbedeckt. Plötzlich vernahmen wir ein fernes Murmeln, eine Art Gurgeln. Wir blickten uns nachdenklich an, keiner konnte sich das Geräusch erklären.

»Wir hätten schon seit geraumer Zeit auf die Straße stoßen müssen, die von der Torre Vecchia auf die andere Inselseite führt«, gabst du zu bedenken.

»Richtig, ich wundere mich auch darüber«, sagte Naudé.

|223|Der von dichten Baumkronen verdunkelte Abhang, auf dem wir vorangingen, wurde jetzt zu einer Schlucht, die steil vor uns abfiel. Wir mussten sie durchqueren, wenn wir weiterkommen wollten. Am Grund der Schlucht strömte ein kleiner Wildbach.

»Es scheint, dass wir zu weit rechts gegangen sind, wir haben uns von der Straße zur Stadt entfernt, die muss weiter links liegen«, überlegtest du. »Durch die Schlucht können wir jedenfalls nicht, sie ist zu steil auf beiden Seiten.«

»Das war also jenes Murmeln, das hätte ich mir denken können«, sagte ich, auf den Bach zeigend.

»Hilfe!«

Der Unfall ereignete sich gänzlich unerwartet. Gabriel Naudé war ausgerutscht und gestürzt, jetzt glitt er unaufhaltsam auf den Bach zu, wo er sich ein Bein brechen, vielleicht sogar den Schädel spalten würde.

Du strecktest den Arm aus und konntest ihn an einer Schulter packen, bevor er unseren Blicken entschwand, doch vergebens: Auch du stürztest zu Boden und wurdest von dem Gewicht desjenigen, den du retten wolltest, in die Tiefe gezogen.

»Haltet euch an einer Pflanze fest!«, rief ich, mich auf Knien nach vorn beugend, im verzweifelten Versuch, euch zu ergreifen. Doch kaum hatte ich deinen rechten Arm mit den Fingerspitzen berührt, riss es euch jäh weiter in die Tiefe und ihr verschwandet hinter Brombeergestrüpp, das an der Schlucht emporrankte.

»Atto!«, schrie ich in panischer Angst.

Nichts zu machen, ihr wart nunmehr dazu verdammt, in die enge Schlucht zu stürzen, und ich selbst, von dem über meine Schulter hängenden Gewehr behindert, konnte mich nur an einem Baumstamm festhalten, um eurem Schicksal zu entgehen.

»Hilfe!«, hörte ich Naudé schreien, »rettet mich!«

Dann Stille. Einige Augenblicke lang hörte ich nur das Blut wild hinter meinen Schläfen klopfen und das unaufhörliche Rauschen der Blätter. Mit äußerster Vorsicht versuchte ich, auf die Füße zu kommen und rief noch einmal: »Atto!«

Niemand antwortete. Ich blickte nach oben, wo die Baumkronen sich im milchigen Licht des toskanischen Himmels ausdehnten.

»Monsire Naudé!«, rief ich weiter, das Herz schon von den fürchterlichsten Ängsten beschwert.

|224|Immer noch Stille. Auf welchem Stein wart ihr zerschellt, in welcher Welle des Wildbachs dort unten floss dein jugendliches Blut?

Ich spürte, wie sich mir der Kopf voll bitterer Todesgedanken drehte, kletterte ein wenig höher, um mich dem magnetischen Abgrund zu entziehen, in den ihr gestürzt wart, und blähte mir die Lungen auf, um dich ein letztes Mal zu rufen, bevor ich die anderen zu Hilfe holen würde.

»Ein Seil, werft uns ein Seil herunter! Wir können nur noch kurze Zeit aushalten, macht schnell, um Himmels willen!«, hörte ich Gabriel Naudé röcheln.

Das Mysterium der Zeit
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