|285|DISKURS XLII

Darin man in höchst liederlicher Weise erwacht.

Nach wer weiß wie langer Zeit fand ich mich in meinem Bett in Pistoia wieder, wo eine angenehme milde Wärme meinen armen schlafenden Leib umfing. Diese seraphische Wärme verströmte meine Gemahlin, die lächelnd neben mir lag. Glücklich, sie wieder umarmen zu dürfen, nachdem ich, Deo gratia, den Korsaren und dem Schiffbruch entkommen war (doch wer hatte mich nach Hause zurückgebracht?), suchte ich ihre Lippen. Mein Gesicht streifte ihre nackten, warmen Brüste, die prall waren wie zu der Zeit, als sie unsere Kindchen gestillt hatte, und ich versenkte Hände und Zunge in diese Hügel und Täler, während ihre Hände meinen Körper erforschten, den Wust der Kleider überwanden und sich schließlich um mein Glied legten. Sanft führten sie es zum mütterlichen Bauch, dann zu ihren glühendheißen Schenkeln und schließlich in die unergründlichen, waldigen, nachgiebigen Tiefen dazwischen. Ich unterschied nicht mehr zwischen mir und meiner Geliebten, und während ich mich und sie heftig wiegte, genoss ich dieses Bild in süßer Unbewusstheit und vergoss selig noch einmal jenen Samen, der uns schon so viele Kinder geschenkt hatte.

»Psst!«

Der leise Laut, der mir, begleitet von einem unterdrückten Lachen, ins Ohr gehaucht wurde, ließ mich auffahren.

In der Dämmerung, die dem Morgen vorausgeht, riss ich die Augen auf. Zwei weiche Hände lagen auf meinem Mund, sie hatten vor wenigen Minuten die hörbaren Auswirkungen meiner Lust gedämpft. Ein Schatten stieg von meinen Lenden, auf denen er bis jetzt gethront hatte, und setzte sich neben mich. Ich spürte, dass mein schlaffes, befriedigtes Glied der kalten Luft ausgesetzt war. Erst in dem Moment war ich sicher, dass es kein Traum gewesen war, ich hatte mich wirklich mit diesem körperlosen Bild begattet. Vor Entsetzen verstummt, versuchte ich, ihre Formen zu erkennen. Dies war nicht Pistoia, ich befand mich noch immer auf einem Lager aus Laub in einer Höhle auf einer Insel im Toskanischen Meer.

Flink wie eine Eidechse richtete auch ich mich auf und betastete bestürzt meine geöffneten Hosen, die nackte Scham.

|286|»Es war ein Vergnügen, Eure Bekanntschaft zu machen. Ein wirkliches Vergnügen«, hörte ich eine vertraute Stimme sagen. Meine Ohren erkannten sie, kein Zweifel, es war Barbellos Stimme.

Meine Überraschung war grenzenlos. Verzweifelt schlug ich die Hände vors Gesicht, mir war, als stürzte ich in einen Abgrund: also hatte ich mich, während ich von meiner Gemahlin träumte, mit diesem lasterhaften Wesen vereinigt? Ich musste von einer ganzen Legion unflätiger Geister besessen sein! Mir blieb wahrlich nichts anderes übrig, als mich ins Meer zu stürzen und zu ertrinken wie die vom Teufel besessenen Schweine in der Bibel!

Doch bevor ich meinem unwürdigen Leben ein Ende setzte, würde ich diesen feisten, entarteten Zwerg Barbello mit mir ins Verderben reißen, diesen kleinen Kastraten, der nicht ohne Grund in der sündigsten Stadt der Welt nach dem Florenz der Medici geboren wurde: Venedig, diesem Hurennest!

Zum Himmel betend, er möge wenigstens ein einziges Mal die Zeit zurückdrehen oder mir vergeben, weil ich nicht gewusst hatte, was ich tat, biss ich mir in die Hände. Da riss Barbello, mich überrumpelnd, meine Hand an sich und presste sie mit Macht zwischen seine Beine. Unwillkürlich öffneten sich meine Finger, tasteten sich vor, erkundeten, und mein Mund öffnete sich vor Staunen, während meine Augen, die sich in der aschgrauen Dämmerung endlich geöffnet hatten, einen wohlgeformten Busen erblickten, und der angebliche Kastrat mit einem leisen, lüsternen Lachen den lockigen Schopf nach hinten warf. Dabei bewegte er mehrmals den Unterleib, sodass meine Fingerglieder endgültig in den Tiefen seiner Scham versanken, damit ich nicht länger zweifelte: Barbello war kein Mann und noch weniger ein Kastrat.

Ich zog die Hand aus dieser unbekannten Vulva, die noch feucht war von den Säften, die ich kurz zuvor dort vergossen hatte, während mir träumte, ich gäbe mich meiner Frau hin.

Das Weib, das sich hinter der Verkleidung eines venezianischen Kastraten verbarg, begann, seine großen Brüste mit breiten Binden zu umwickeln.

»Jetzt kennt auch Ihr mein kleines Geheimnis. Seid Ihr zufrieden?«, fragte sie, ohne mich anzublicken.

»Wer seid Ihr?«, fragte ich bestürzt, ohne zu verstehen, was sie meinte. Ich knöpfte mir die Hosen zu und entdeckte darin die Seiten |287|des geheimnisvollen Orestes, die an meinem unfreiwilligen Koitus teilgenommen hatten.

»Ich wollte nicht, dass Ihr noch länger mit meinem schönen Atto grollt«, erklärte sie, »gerade Ihr nicht, der ihn wirklich gern hat. Das habe ich sofort erkannt, als ich Euch beide am Hafen von Livorno sah. Dieser arme Junge hat niemanden sonst als Euch auf der Welt«, fügte sie mit ernster Miene hinzu, während ihre Brüste hinter dem festen Wickel verschwanden, und ihr Oberkörper das für Kastraten typische Aussehen eines aufgeblähten Brustkorbs annahm.

»Wer seid Ihr?«, wiederholte ich, noch immer fassungslos.

»Habt Ihr das immer noch nicht begriffen?«, wunderte sie sich, eine Haube über den Kopf ziehend, die ihren Lockenschopf versteckte, um dann die Perücke mit den glatten Haaren und den in die Stirn fallenden Fransen überzustülpen, die ihre Gesichtszüge entscheidend veränderte. Schließlich hängte sie sich ihren Sack über die Schulter.

Ich konnte nicht antworten, da wir eine Stimme am Eingang der kleinen Grotte vernahmen:

»Wollt Ihr bitte so freundlich sein, Signor Secretarius, mich einen Blick auf jenes Tagebuch werfen zu lassen?«

Es war der verehrungswürdige Schoppe, hellwach und in strammer Haltung, ein Frühaufsteher, wie alle alten Leute.

Barbello, oder wie auch immer dieses Weib wirklich hieß, verabschiedete sich mit affektierter Ehrerbietung, nachdem sie sich für ein leihweise überlassenes Taschentuch bedankt hatte. So bewahrte sie mich davor, von Schoppe eines sodomitischen Techtelmechtels verdächtigt zu werden.

Ich würde das Nachdenken über die verwirrende Entdeckung, die meine Hände und mein Geschlecht bei Barbello gemacht hatten, auf später verschieben müssen, ebenso wie weitere Nachforschungen über die weibliche Natur des venezianischen Kastraten, von welcher dieser Kuppler Malagigi gewiss auch unterrichtet war – und jetzt verstand ich auch sein Bemühen, dich und Barbello vor indiskreten Blicken zu verbergen! Schon verspürte ich eine erfrischende, unaussprechlich große Erleichterung bei dem Gedanken, dass deine leidenschaftlichen Umarmungen mit ihr, denen ich heimlich und voll bitterer Reue zugesehen hatte, nichts Widernatürliches besaßen. Um den Trost der Wahrheit zu erfahren, hatte ich freilich auf deinem eigenen Feld pflügen |288|müssen. Noch drehte sich mir der Kopf ob dieses unerwarteten erotischen Beweises, und ich musste mich mächtig zusammenreißen, um Schoppe anzuhören, ohne weiter an jene gerissene Dame, die sich Barbello nannte, und an den raffinierten Hinterhalt zu denken, durch den sie mich besessen hatte.

»Woher wisst Ihr, dass es sich um ein Tagebuch handelt?«, fragte ich den Verehrungswürdigen, als wir allein waren.

»Haltet Ihr mich für einen Dummkopf?«, antwortete der betagte deutsche Herr. »Ich bin zwar alt, aber nicht taub. Ihr und Naudé, das heißt, mein Freund Gabriel«, verbesserte er sich und steckte kurz den Kopf aus der Höhle, um sich zu vergewissern, dass der Bibliothekar noch schlief, »habt gestern Abend, als ihr im Zimmer neben mir miteinander spracht, so viel Lärm gemacht, dass man euch bis Livorno hören konnte.«

Überrumpelt, denn es war meine Schuld, dass er beim Lärm des zerbrechenden Kruges aufgewacht war, konnte ich Schoppe den Gefallen, um den er mich gebeten hatte, nicht abschlagen.

Nachdem ich aufgestanden war und mir das Laub von Hose und Jacke geklopft hatte, entfernten wir uns auf den Rat des alten Deutschen, um nicht von den anderen gehört zu werden.

»Nun«, sagte er, als wir im dichten Wald standen, »kann ich die Seiten jetzt lesen, bevor dieser Prahlhans Gabriel aufwacht?«

Ich reichte sie ihm, und wir setzten uns auf zwei große Felsbrocken.

»Interessant … sehr interessant«, bemerkte er von Zeit zu Zeit. »Die Handschrift ist tatsächlich dieselbe wie auf den Notizen über Lykurg. Aber wer ist dieser Orestes?«

»Das scheint mir der Verfasser zu sein«, vermutete ich.

»Das habe ich auch begriffen. Ich wollte sagen: Orestes ist sicher ein Pseudonym. Wer verbirgt sich dahinter?« Schoppe las fieberhaft weiter.

Ich nutzte die Gelegenheit, um gemeinsam mit ihm die Seiten zu überfliegen und so die Lektüre zu vervollständigen, die ich wegen des Überfalls der armen Irren und unserer Flucht aus ihrem Häuschen hatte unterbrechen müssen.

Nach den Berichten von höchst zweifelhafter Echtheit und Wahrscheinlichkeit aus den Textsammlungen antiker Historiker folgte nun der Kommentar.

Das Mysterium der Zeit
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