|136|DISKURS XVIII
Darin man sich allein mitten auf dem Meer befindet, zu verstehen versucht, was die Katastrophe ausgelöst hat, und die Bekanntschaft der beiden Korsaren vertieft, welche keine solchen sein möchten.
Die folgenden Minuten waren vielleicht die düstersten und verworrensten im Leben eines jeden von uns. Die vereinte Anstrengung von vier Ruderern, den jüngsten und kräftigsten Männern der Gruppe (die beiden Korsaren, Hardouin und Malagigi), reichte kaum aus, um das Boot auf Kurs zu halten. Die Karacke hatte sich rasch von der brennenden Galeere entfernt, damit ihre Segel nicht durch Funkenflug Feuer fingen. Doch gewiss würde sie sehr bald versuchen, uns wieder einzufangen. Die Korsaren würden nicht so leicht auf ihre kostbarsten Beutestücke verzichten, nämlich Naudé und, wie sie glaubten, Schoppe, für die Mazarin ein üppiges Lösegeld zahlen würde.
Das Wrack des französischen Schiffs, das, von Flammen umhüllt, an eine riesige, schwimmende Fackel gemahnte, war nach hinten gekippt und hatte in seinem dramatischen Todeskampf den Bug zum Himmel aufgerichtet. Die Flammen blitzten aus gewaltigen, pechschwarzen Rauchwolken hervor, welche vom Wind gepeitscht und wie Windhosen nach unten gedrückt wurden, sodass sie auch unser Boot streiften, was beim alten Schoppe einen fürchterlichen Hustenanfall auslöste.
Von den beiden Korsaren, die nun zu unseren Leidensgefährten geworden waren, erfuhren wir, was in den Minuten vor der Katastrophe geschehen war. Die Franzosen hatten das Schießpulver gut versteckt, weil sie tatsächlich einen Überfall der Korsaren befürchteten. Nach ihrer Gefangennahme hatten die französischen Offiziere die eigentliche Funktion ihres Schiffes mutig verschwiegen. Die Barbaresken wiederum waren zunächst nur zufällig auf einige Kisten Schießpulver gestoßen, dann hatten sie ein System aus mehreren Zündschnüren entdeckt, die aus versteckten Nischen hervorkamen und zu dem explosiven Pulver führten. Zuletzt hatten sie das zusätzliche Rettungsschiff gesehen, das im Schlepptau der Galeere hing. Nachdem mit diesen Entdeckungen feststand, dass die Galeere in Wirklichkeit ein Brandschiff war, hatte man sofort versucht, Ali zu warnen, doch in eben diesem Moment war die erste Explosion erfolgt. Wahrscheinlich |137|hatte ein unvorsichtiger Korsar mit einer Arkebuse oder Pistole hantiert und das Feuer entfacht.
Das Tageslicht wurde langsam schwächer, der kalte Wind wurde eisig, das Geräusch der Ruder wetteiferte mit dem schaumigen Murmeln der Wellen. Hardouin, Malagigi und die beiden Barbaresken mühten sich mit aller Kraft, uns aus den Gewässern herauszubringen, in denen sich unser Unglück abgespielt hatte, doch noch immer sahen wir in der Ferne die rauchenden Umrisse unseres Schiffes, das sich als sinnloser Scheiterhaufen selbst verzehrte.
Plötzlich staunten wir. Der Bug der französischen Galeere hatte sich noch weiter erhoben, wahrscheinlich weil Wasser ins Heck eingedrungen war, denn die Explosionen mussten große Löcher in den Rumpf gerissen haben. Man hörte ein unheimliches Knirschen, dann einen Knall. Wie in einem letzten Todeszucken bäumte der Bug sich noch höher auf. Dann versank das Wrack vor unseren entsetzten Blicken blitzschnell, senkrecht wie ein ins Wasser gestoßener Dolch, nachdem es zum ersten und letzten Mal die elegant geschwungene Rundung seines Steuerruders zum Himmel gewandt hatte. Zum Glück waren wir schon weit genug entfernt, sonst hätte der Sog des über dem Schiff zusammenströmenden Wassers uns verschlungen. Schon als das Feuer ausgebrochen war, hatte die Galeere nichts mehr für uns tun können, trotzdem überkam uns bei dem Gedanken, nun allein, ohne den Anblick dieses nutzlosen, aber vertrauten Schiffes mitten auf dem Meer zu sein, die düsterste Trübsal. Verstohlen blickte ich in die Gesichter der anderen und fand nur Bestürzung und Verzweiflung.
»Seht!«, riefst du plötzlich aus, mit der linken Hand zum Horizont zeigend.
Alis Karacke steuerte auf uns zu. Sie schien sich nähern zu wollen.
»Sie kommen uns holen!«, riefst du, unsicher, ob du dich freuen solltest, weil man dich aus diesem schwankenden Boot retten würde, oder ob du dich vor der bevorstehenden, erneuten Gefangennahme durch die Korsaren fürchten solltest.
Dein gespaltener Seelenzustand wurde vom Rest der Schiffbrüchigen geteilt. Nur der lockenköpfige Korsar begann heftig mit den Armen zu fuchteln, um die sich nähernden Piraten, seine Freunde, zu begrüßen. Der Statthalter verfolgte aufmerksam die Manöver des Schiffs.
»He, was habt ihr zu tuscheln, ihr drei?«, fragte er barsch, zu Naudé, |138|Malagigi und mir gewandt. Die nahende Vereinigung mit seinen Kameraden hatte dem Barbaresken seine grimmige Entschlossenheit zurückgegeben.
»Das werde ich dir gleich sagen«, antwortete der französische Bibliothekar prompt.
Naudé hielt eine Pistole in der Hand.
»Befiehl deinen Freunden dort drüben auf der Karacke, umzukehren und uns in Ruhe zu lassen«, forderte er.
»Sie ist geladen«, beeilte sich Pasqualini dem Statthalter zu erklären.
»Seid ihr verrückt? Glaubt ihr wirklich, sie gehorchen mir und verzichten auf die fette Beute, die ihr für Ali Rais bedeutet?«
»Mach keine Schwierigkeiten. Gib ihnen ein Zeichen umzudrehen«, wiederholte Naudé mit unbewegter Miene, während sein Blick immer wieder den meinen kreuzte.
Die Karacke kam derweil stetig näher. Ich meinte Ali Rais zu erkennen, der uns vom Oberdeck aus beobachtete.
»Wenn Ali sieht, dass ihr eine Pistole habt, schießt er erst auf mich und dann auf den da«, beharrte der Statthalter, auf den Lockenkopf zeigend. »Mein Rais ist nicht der Mann, der sich erpressen lässt.«
»Probieren wir’s aus«, erwiderte Naudé und zielte mit dem Lauf der Pistole auf das Gesicht des Barbaresken.
»Aufgepasst, Ali könnte auch auf jemanden von euch schießen.«
»Du widersprichst dir, mein Freund«, reizte ihn Malagigi. »Eben hast du noch gesagt, dass dieses Raubtier, dein Anführer, nicht auf die fette Beute verzichten würde, die wir für ihn bedeuten.«
Das Schiff kam immer näher.
»Sag ihnen, sie sollen abhauen!«, schrie Naudé fast wie von Sinnen den Statthalter an.
Mazarins Bibliothekar hielt die Rolle des eiskalten Schützen, die ihm im Grunde wenig entsprach, nicht mehr durch. Ich betete zum Himmel, dass er bei all den Reisen quer durch Europa und der ständigen Gefahr, von Räubern überfallen zu werden, wenigstens eine gewisse Vertrautheit mit Feuerwaffen erworben hatte.
Der verwirrte und panische Geisteszustand, der sich auf den Zügen des Pariser Bibliothekars abzuzeichnen begann, machte den Statthalter nicht selbstsicherer, sondern alarmierte ihn. Und er hatte nicht Unrecht: Naudé drohte die Nerven zu verlieren und blindwütig auf ihn zu schießen.
|139|Der Barbareske seufzte, erhob sich langsam von der Ruderbank und strich sich seine langen, fuchsroten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Hochaufgerichtet, die Arme erhoben, um seinen Kameraden zu bedeuten, dass er sprechen werde, schrie er aus vollem Halse etwas auf Türkisch. Darauf blieb es still. Der Statthalter wiederholte seine Botschaft.
»Wer soll denn verstehen, was dieser Gauner sagt?«, rief Guyetus beunruhigt. »Warum spricht er nicht Italienisch oder wenigstens die Lingua franca? Wie können wir sicher sein, dass er …«
In diesem Moment erfolgte die Antwort vom Deck der Karacke. Es gab einen Wortwechsel, dann setzte Ali Rais sich an die Spitze seiner Männer. Ein ganzer Trupp von Barbaresken umgab ihn. Alle legten ihre Musketen an und richteten sie auf uns.
Es geschah so schnell, dass wir keine Zeit hatten, ins Wasser zu springen oder vor Schreck an einem Herzschlag zu sterben, als wir dieses Erschießungskommando vor uns sahen.
Ali Rais und seine Männer eröffneten das Feuer. Während wir die Kugeln pfeifend über unsere Köpfe fliegen hörten, sahen wir, wie der Rais seinen Statthalter mit einer Handbewegung verabschiedete, uns den Rücken zudrehte und im Innern des Schiffes verschwand. Nur der Rauch der Musketen blieb zurück. Das Piratenschiff drehte ab und begann sich zu entfernen.
Jeder von uns betastete sich, um sich zu vergewissern, dass er noch am Leben war und keine Löcher in irgendeinem Körperteil hatte. Währenddessen beugtest du, armer Atto, dich über den Bootsrand, um zu erbrechen. Die angesammelte Anspannung musste sich urplötzlich entladen.
Aber was war geschehen? Ali Rais war wirklich verschwunden, nachdem er uns zur Erinnerung und Warnung einen haarscharf über unsere Köpfe hinweg gezielten Kugelhagel hinterlassen hatte.
»Siehst du, dass ich recht hatte? Dein Rais liebt dich«, bemerkte Naudé ironisch, die Pistole noch immer auf die Brust des Statthalters gerichtet. So konnten du und ich die beiden Korsaren durchsuchen. Als schließlich mehrere Dolche verschiedener Größe und Machart auf dem Boden des Bootes lagen, ließ er zufrieden die Pistole zurück in meinen Reisesack gleiten, der offen neben ihm gelegen hatte.
|140|Unsere vier Ruderer legten sich wieder ächzend in die Riemen und brachten uns endlich fort von diesem traurigen Meeresabschnitt. Auch Alis Schiff entfernte sich mit vollen Segeln, und fast alle konnten wir noch immer nicht fassen, dass wir der Gefahr entronnen waren. Hatte der Korsar wirklich auf eine so gute Gelegenheit verzichtet, sich auf Kosten der königlichen Kassen Frankreichs zu bereichern?
»Wie um alles in der Welt hast du deinen Rais dazu gebracht, uns in Ruhe zu lassen?«, fragte Guyetus misstrauisch.
»Zuerst habe ich ihm gesagt, dass ich nicht sicher bin, ob ihr nur diese eine oder noch mehr Pistolen habt, also das Feuer auf sein Schiff eröffnen könntet, was unvorhersehbare Folgen gehabt hätte. Wenn er euch dagegen alle gleich auf der Stelle erschießen würde, könnte er das Lösegeld vergessen, ganz zu schweigen davon, dass der Bey von Tunis, der ein Zehntel von allen Plünderungen des Rais fordert, ihm den Kopf absäbeln lassen würde, wenn er hörte, dass ihm eine so hohe Summe entgangen ist. Außerdem hat Ali ja die Offiziere der französischen Galeere als Geiseln an Bord, auch für die wird Mazarin eine hübsche Summe zahlen müssen.«
»Deine Rede hat Lecks an allen Ecken und Ecken, du Verbrecher!«, donnerte Guyetus. »Warum sollte ein ganzes Erschießungskommando aus Barbaresken an Bord einer mit Kanonen bewaffneten, riesigen Karacke Angst vor uns armen Unglückswürmern hier auf dieser Nussschale haben? Und dadurch, dass er uns laufenließ, hat Ali das Lösegeld für uns verloren!«
»Er hat doch sicher immer noch die Absicht, uns zu schnappen, wahrscheinlich wenn wir es am wenigsten erwarten, stimmt’s?«, fragte Malagigi den Statthalter, der die Augen senkte.
Pasqualini hatte richtig geraten. Die Gefahr, wieder in die Klauen von Ali Rais und seinen Männern zu geraten, war alles andere als gebannt.
Im letzten Tageslicht spähte ich verstohlen in die Gesichter der anderen. Guyetus war bei Pasqualinis Worten endgültig in sich zusammengesunken und lag jetzt, zerzaust und mürrisch wie eine alte Elster am Bug. Mit einer Hand schützte er sich müde gegen die Spritzer der Wellen, in der anderen hielt er das Säckchen, in dem er die Gerätschaften verwahrte, die er vor der Katastrophe hatte retten können. Neben ihm saß Naudé aufrecht und wandte den Kopf nach rechts und links, |141|um noch in der Abenddämmerung eine Landzunge zu erspähen, auf die man sich flüchten konnte, oder um zu kontrollieren, in welche Richtung das Piratenschiff fuhr. Auch er trug einen großen Sack aus hartem Leder mit breiten Schulterriemen auf dem Rücken, in den er seine Kopie der Gutenbergbibel gesteckt hatte. Am Heck kauerte Schoppe zu meiner Seite. Körperlich erschöpft, aber geistig wach, brummte er auf Deutsch einige Verwünschungen gegen Ali Rais, der uns nicht in Ruhe lassen wollte, außerdem gegen alle Korsaren des Mare Nostrum und nicht zuletzt gegen Luther, Calvin und alle Ungläubigen der Erde. Doch er hatte die Freundlichkeit besessen, eine kleine Decke über deine Schultern zu legen. Ich betrachtete dich. Du warst kreidebleich, deine Augenlider sanken herab, von jener Erschöpfung gezeichnet, in die junge Menschen sich unbewusst flüchten, wenn die Dinge der Welt unerträglich werden.
»Presto arrivar la noche«, gab der lockenköpfige Korsar besorgt zu bedenken.
Er trug einen Schal aus weißem Tuch um den Hals, den er gewiss bei einem seiner vielen Überfälle auf wehrlose Handelsschiffe einem Edelmann geraubt hatte.
Wir fragten ihn nach seinem Namen.
»Me Mustafa, aber vero nom di me esta Antonio«, antwortete er.
»Antonio? Bist du auch Italiener?«, rief Malagigi erstaunt aus und hörte auf zu rudern.
Der Korsar erzählte, er sei zusammen mit seiner Mutter aus einem sizilianischen Dorf entführt und noch als Kind von ihr getrennt worden. Sein Vater wurde bei diesem Überfall der Korsaren getötet, und er erinnerte sich nicht einmal mehr an seinen Namen. Den eigenen kannte er, weil er ihn hatte behalten dürfen, obwohl er als Sklave häufig den Besitzer gewechselt hatte.
»Aber du bist doch ein Abtrünniger, du hast dich zu Mohammed bekehrt, oder?«, fragte Guyetus argwöhnisch. »Und sprichst trotzdem kein Türkisch?«
»Ich habe es euch doch gesagt«, bemerkte Pasqualini. »Diese Barbaresken sind im Grunde samt und sonders abtrünnige Italiener! Hungerleider, die ihr Glück gemacht haben, als sie mit Allahs Erlaubnis in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt sind, um plündernd und marodierend blutige Rache an ihren Landsleuten zu nehmen, denen es ein bisschen besser ging als ihnen!«
|142|Da mischte sich der Statthalter ein. Zunächst stellte er sich vor, bei den Korsaren heiße er Kemal, in Wirklichkeit aber Vincenzo.
»Mein Freund hier wurde zur Konversion gezwungen!«, rief er sodann betrübt aus. »Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass er lieber, wie ich auch, in seiner Heimat geblieben wäre? Doch wenn man in den Barbareskenreichen überleben will, muss man die Religion des Propheten annehmen. Sonst lassen sie dich in den Sklavenbädern verfaulen. Mein Vater war ein italienischer Kaufmann, meine Mutter war Engländerin, und sie wurde mit mir von algerischen Korsaren geraubt. Man verkaufte uns an zwei verschiedene Herren und trennte uns so für immer. Aus Kummer blieb ich drei ganze Jahre lang stumm. Ich musste mich in die Konversion fügen. Also habe ich den Zeigefinger zum Himmel erhoben, und wie alle dem Koran ewige Treue geschworen. Ich habe mich beschneiden lassen, wie alle. Ich esse fast jeden Tag Fleisch und verfluche den Gott der Nazarener, wie alle. Aber wenn ich könnte, würde ich zu euch Christen zurückkehren, das schwöre ich.«
»Und warum tust du es nicht?«, fragte Hardouin.
»Weil ich nicht sterben will. Wenn eure Leute mich bestrafen, weil ich Korsar war und mich zum Galeerensklaven machen, könnte ich von den Barbaresken, die mich kennen, gefunden werden. Sie würden mir wegen des Verrats sofort die Kehle durchschneiden. Simon Danziker, der Holländer, der zu den Barbaresken übergewechselt war und dann wieder auf die Seite der Nazarener zurückgekehrt ist, wurde, kaum hatte der Bey von Tunis ihn geschnappt, in Stücke gerissen und seine Leiche in einen Graben geworfen. Der Kapitän Kara Hasan, der für Barbarossa gegen Ahmed-ben-el-Kadi gekämpft und sich dann gegen seinen Herrn aufgelehnt hatte, wurde, nachdem er geschlagen und gefangen genommen war, von Barbarossa persönlich aufgeschlitzt, denn dem lag viel daran zu zeigen, wie Verräter enden. Wer zu Mohammed überläuft und dann abtrünnig wird, der nimmt immer ein böses Ende.«
»Nazaren mucho gefährlich, aber Korsar mucho mehr gefährlich!«, erklärte Mustafa, während er sich mit einer stolzen Geste seinen weißen Schal um den Hals legte.
»Alles Feiglinge, diese Renegaten«, bemerkte Schoppe in seinem gewohnten grimmigen Ton.
Ich fragte die Korsaren: »Was ist euer Meinung nach der nächstgelegene Landeplatz?«
|143|»Die Insel Gorgona im Westen.«
Gorgona. Der Name der unbedeutenden kleinen Insel, der auf Altgriechisch »Sirene« bedeutet, ließ Naudé, Hardouin und Guyetus zusammenzucken und in lautes Rufen ausbrechen, als wären sie plötzlich durch den Gesang einer Sirene verhext. Schoppe blickte sie überrascht an, da er den Grund für diese Aufregung nicht verstand.
»Soll sich Capraia und Gorgona rühren!«, zitierte Schoppe Dante, in der Hoffnung, die Insel könne uns durch Zauberkraft entgegenkommen.
Während Hardouin offenbar von Guyetus über unser Gespräch in der Unterkunft der Offiziere informiert worden war, wusste Schoppe von gar nichts. Da er ihr Konkurrent bei der Suche nach den kostbaren Handschriften war, hatten seine französischen Kollegen ihm verschwiegen, dass Philos Ptetès sich möglicherweise auf Gorgona aufgehalten hatte. Gewiss, du hattest Naudé und Guyetus beteuert, dass du den Namen des slawonischen Mönches nicht kanntest, der vor zwei Jahren auf der Reise nach Frankreich auf der Insel zurückgelassen wurde, weil ihn eine Schlange gebissen hatte. Aber das hatte ihre Hoffnung, auf Gorgona Spuren von Philos Ptetès und der enormen Menge unveröffentlichter literarischer Meisterwerke der Antike zu finden, nicht gedämpft. Immerhin würden sie dem, der sie zuerst in Druck gab, unsterblichen Ruhm einbringen.
»Was ist denn mit euch los? Seid ihr übergeschnappt?«, fragte Schoppe mehrmals, jedoch ohne dass seine gelehrten Kollegen irgendeine Notiz von ihm nahmen.
Ich beobachtete dich. Du saßest direkt neben Schoppe und verfolgtest aufmerksam die Szene. Du hättest ihn davon in Kenntnis setzen können, wie wichtig es war, nach Gorgona zu gelangen, so wie du an diesem Tag Naudé und Guyetus die überraschenden Nachrichten von Philos Ptetès geliefert hattest. Doch das tatest du nicht.
Dein Blick war hart und wieder lag darin jenes kalte silberne Funkeln, das ich nach meinen bitteren Ermahnungen am Vortage in deiner Seele hatte entstehen sehen. Jetzt las ich zusätzlich Ehrgeiz und Verlangen in deinen Augen. Am vorigen Morgen hattest auch du von jener verwickelten Geschichte erfahren, in der sowohl die Medici, unsere Herren, als auch dein neuer Mäzen Kardinal Mazarin eine Rolle spielten. Darum weihtest du Schoppe nicht ein, der dir bei deinen ehrgeizigen Plänen nicht helfen konnte, spitztest aber die Ohren, damit |144|dir keine Gelegenheit entging, beiden Herren dienen zu können, den Toskanern wie den Franzosen, und von beiden reich entschädigt zu werden.
Ich fühlte, dass es zu spät war, um dich aufzuhalten. Was hätte ich auch tun können? Niemand, auch ich nicht, hatte dich vor dem grausamsten, abscheulichsten Missbrauch retten wollen, den der menschliche Geist ersinnen konnte. Also hattest du beschlossen, den größten Nutzen daraus zu ziehen, ja, auch ein doppeltes Spiel, vielleicht sogar Verrat nicht zu verschmähen, sobald sich die Gelegenheit bot. Worüber beklagte ich mich? Hatte ich dir nicht selbst am vorigen Tag gesagt, der launischen Schicksalsgöttin müsse man die großen Momente im Leben entweder hinterrücks oder durch Verstellung entreißen?
Warum spürte ich jetzt ein Beben und einen jähen verzweifelten Schmerz in meiner Brust? War ich nicht selbst der Auslöser deiner heutigen Verwandlung gewesen? Nein, vielleicht war ich es nicht, ich hatte dir nur die Augen vor der unveränderlichen Wirklichkeit geöffnet und vor den Verheerungen, die die Liebe dir bringen würde. Dein Leben ist und wird hart sein, mein geliebter Atto, sagte ich dir mit meinem Herzen. Du wirst noch härter sein müssen.
Derweil hattest du nach einem ausgiebigen Gähnen die Augen zu einem vorgetäuschten Schlaf geschlossen, um nicht mit Schoppe sprechen zu müssen, der sich bereits mit Fragen an dich wandte. Der alte Deutsche verzichtete jedoch bald auf Nachforschungen, gähnte, von dir angesteckt, und schloss die Lider, um sich nach diesem schrecklichen Tag der Erschöpfung zu überlassen.
Ich versuchte, die Stimmung derjenigen, die noch wach waren, zu heben, indem ich sie zum Handeln aufforderte:
»Der Wind steht günstig. Die Garnison des Großherzogs ist häufig auf Gorgona stationiert, also wird es auch ein Feuer oder einen Leuchtturm geben, der uns helfen wird, sie zu erspähen. Wir finden sie, seid guten Mutes.«
Auf der Insel würden wir warten, bis ein französisches oder spanisches Schiff anlegte, um Wasser zu holen.