NOTIZ
Darin die gegenwärtige Lage hintangestellt wird und man die Geschichte des berühmten Occhialì hört, eines italienischen Korsaren, der die Italiener hasste
Schon bevor er seine Seele auf die Erde sandte, sagte der Statthalter, hatte der liebe Gott seltsame Pläne mit diesem Occhialì. Er ließ ihn in Castella in Kalabrien zur Welt kommen, einem Dorf, wo man tagtäglich in Furcht und Schrecken lebt. Die Keller der Häuser sind noch massiver und besser gebaut als die Häuser selbst, man steigt durch eine gut verborgene Falltür hinunter – sie dienen als Versteck, wenn die Türken an Land kommen.
Sein Taufname war Luca Galeni, und man weiß nicht, wann genau er geboren wurde, manche sagen, vor hundert Jahren, andere schwören, es sei früher, andere, es sei später gewesen. Er war das Kind der Allerärmsten, deren Namen keinen Platz in der Geschichte haben und vielleicht nicht einmal im Taufregister der Pfarrei. Seine Eltern hatten Namen, die wie ein Witz klingen, Birno und Pippa: Er war ein Hungerleider aus Motta Sant’Agata, auch so eine arme Stadt, die unter den Sarazenenüberfällen zu leiden hatte, und sie ein zerlumptes Weiblein. Als das Kind geboren wird, kann es einem leidtun: von schlechter Gesundheit, üblem Aussehen mit Krätze auf dem Köpfchen. |250|Aber es hat einen aufgeweckten Verstand, und als es das Einmaleins lernen soll (der Lehrer war ein Handwerker, der abends die Rotznasen des Dorfes um ein Talglicht versammelte und ihnen das Rechnen beibrachte), zeigt es gute Erfolge. Was dann folgt, ist unbekannt, vielleicht wird er Fischer, vielleicht Hirte. Was auch immer er tut, er muss es mit etwa sechzehn Jahren für immer lassen, als Korsaren unter dem Kommando von Ali Ahmed im Golf von Squillace einen Raubzug unternehmen. Sein Vater Birno kommt um, der Junge wird entführt und in die Sklaverei geschickt. Der Korsar Chiafer Rais, ebenfalls aus Kalabrien stammend, kauft ihn und setzt ihn ans Ruder eines seiner Schiffe. Aber Lucas Gesundheit ist zu schwach für das Leben an Bord, es braucht Zeit, bis er dem Ruder an Steuerbord im Bug zugeteilt wird, wo der beste Ruderer angekettet ist, derjenige, der den Rhythmus vorgibt.
Die Wende in Lucas Leben kommt durch einen anderen Italiener, einen neapolitanischen Matrosen, ebenfalls Galeerensklave, der ihn beleidigt und tyrannisiert, sogar schlägt. Um sich zu rächen, bekehrt Luca sich zum Islam. Als Angehöriger der Religion Mohammeds kann er nicht mehr bestraft werden, aber vor allem möchte er einen Turban tragen, um die Krätze zu verbergen, die seinen Schädel verunstaltet. Man nennt ihn Al Fartas, den Grindigen, oder Uluds-Alì, den Räudigen. Diese Spitznamen wird er nicht mehr los, sie werden im Lauf der Zeit in jeder erdenklichen Weise deformiert: Lucali, Locchialì, Uluch-Alì, Oluzali, Ucciali und schließlich Occhialì.
Obwohl er nach wie vor am Ruder sitzt, verwandelt der Räudige sich in einen Bereitwilligen, einen gedungenen, bezahlten Ruderer, und genießt eine gewisse Freiheit. Vor allem aber ruft er den Neapolitaner zu sich, der ihn beleidigt hat, und tötet ihn bei einem Zweikampf, wodurch er endlich sein blutrünstiges Naturell offenbart. Die Gefährten respektieren und fürchten ihn, das hat er nicht erwartet, es gefällt ihm. Vielleicht hat er sich überlegt, dass das Gute, das er nun erfährt – die neue Stellung in der Rudermannschaft – durch das Böse bewirkt wurde, das er einem Landsmann antat. Könnte das gar eine Methode werden?
Jetzt, wo seine Gebete sich an Allah richten, stehen ihm alle Türen offen. Einen großen Schritt nach vorn tut er, als er die junge Bracaduna heiratet, die Tochter von Chiafer Rais, und den Grad eines Bootsmanns auf einem Korsarenschiff erwirbt. Die ersten Einkünfte |251|fließen, und er kann sich in eine Galeere einkaufen. Er ist listig, erlernt rasch die Seefahrerkunst und erhält nach einer Blitzkarriere das Kapitänspatent.
Als Luca zwanzig Jahre alt ist, bereitet der große Korsar Dragut einen Feldzug mit Kaperfahrten und Überfällen vor. Der Kaufmann Chiafer möchte seinen Sohn Ali teilnehmen lassen, damit er Erfahrungen sammelt. Luca-Occhialì ist inzwischen vollkommen gesund, er wird zum Führer des kleinen Ali ernannt. Langsam steigt er in der Hierarchie der osmanischen Flotte auf.
Er nimmt an der Seeschlacht von Preveza teil, wo die Christen wegen des unverständlichen und verdächtigen Zauderns des Genueser Kommandanten Andrea Doria schmachvoll verlieren. Occhialì erkennt, welchen Wert die subtile Kunst des Verrats, im richtigen Moment angewandt, bei den Italienern haben kann. Denn er kennt auch den Grund für das ständige Zögern der Doria, durch das die Christen fast schon gewonnene Schlachten verlieren: Es sind die Genueser Wucherer, die mit ihrem Geld erzwingen, dass dem Osmanischen Reich nie der entscheidende Schlag versetzt wird. An den Osmanen bereichern sich nämlich ihre Verwandten, indem sie dem Sultan Geld für seine Kriege gegen die Christen leihen. Ein Teufelskreis.
Als Occhialì überraschend mit einer kleinen Mannschaft in Genua auftaucht und Oneglia bedroht, erfährt er, dass es eine persönliche Domäne der Doria ist. Prompt lässt er einen Sklaven seines Schiffes frei und schickt ihn mit tausend Entschuldigungen zu den Doria.
Drei Jahre später gehört er zur Mannschaft von Dragut, fällt in Süditalien ein und kapert Schiffe der gefürchteten Cavalieri von Malta. Er begleitet Dragut auf eine Mission nach Konstantinopel und erwirbt de facto die Admiralswürde. Er fängt wichtige Geiseln, die viel Geld einbringen, wie der katalanische Edelmann Jaume Losada oder der spanische Kapitän Pietro di Mendoza, der später berichtete, auf dem Schiff, wo die Gefangenen weniger wert sind als ein streunender Hund, habe Occhialì ihn sehr respektvoll behandelt.
Seine täglichen Opfer, der Brennstoff, der die Flamme seines Hasses nährt, sind jedoch seine ehemaligen Landsleute. Die Venezianer, die den besten Geheimdienst im ganzen Mittelmeer besitzen, wissen alles über ihn: ein großer Seefahrer, aber ungehobelt wie der dümmste Bauer, so jähzornig, dass man kaum mit ihm reden kann, des Lesens und Schreibens unkundig, ruht sich nie aus und ist den |252|anderen immer einen Schritt voraus. Er ist ebenso großzügig wie erbarmungslos, sein Geist versprüht Funken, aber in fleischlichen Dingen ist er unberechenbar, und für eine Liebschaft ist er imstande, sich vom Verbündeten in einen Todfeind zu verwandeln. Übermannt ihn der Zorn, nimmt sein ohnehin grobschlächtiges Gesicht monströse Züge an, er ist zu ebenso phantasievollen wie entsetzlichen Grausamkeiten fähig, und nicht einmal seine Vorgesetzten wagen es, das Wort an ihn zu richten. Zwei Dinge verfolgt er besonders unerbittlich: seine einstige Religion und seine Landsleute. Er hat eine grässliche Narbe am rechten Unterarm, die ihm zugefügt wurde, als er einen Sklavenaufstand bei der griechischen Insel Chios eigenhändig im Blut ertränkte. Er ist untersetzt, behaart, die Krätze hat ihm im Lauf der Zeit den Schädel völlig zerfressen, und ohne Turban kann er nicht sein.
Alle Italiener jagen ihn: Giovanni Andrea Doria, der Neffe des berühmten Andrea Doria, die Ritter vom Heiligen Grab und die vom Orden Santo Stefano. Wie ein Teufel entwischt er und taucht unversehens wieder auf. Mit einer Galeone und einer Galeere, die er katalanischen Händlern raubte, wird er bei Djerba abgefangen, aber er lässt die beiden Schiffe stranden und rettet sich mit der gesamten Mannschaft an Land.
Er ist derber als der gemeinste Plebejer, kann aber überaus raffiniert Ehrungen und Entehrungen verteilen, sogar an seine Feinde, und besonders gerne bei Italienern. Als er in der Meerenge von Malta auf vier Galeeren des Johanniterordens trifft, die Zypern zu Hilfe kommen wollen, tötet er achtzig Ordensritter und ihren General, fast alle Soldaten und die Rudermannschaft. Doch nachdem er das feindliche Hauptschiff in Besitz genommen hat und triumphierend im Hafen von Konstantinopel eingelaufen ist, befiehlt er zur großen Überraschung aller, dass die Gefangenen menschlich behandelt werden, lässt die Verletzten verarzten, die Nackten kleiden, die Hungernden speisen. Aber er misshandelt jene, die er feige erlebt hat, und beleidigt einen Ordensritter, Nicola Valori, der sich in der Schlacht unehrenhaft verhielt. Zwei jungen Franzosen schmeichelt er dagegen so sehr, dass sie ihrer Religion abschwören und Mohammedaner werden. Die Statuen des heiligen Johannes am Heck des Schiffes werden mit einer Kette um den Hals kopfüber aufgehängt, wie Gehenkte, und das Volk applaudiert.
|253|In Djerba gewinnt er eine der größten Seeschlachten des Jahrhunderts. Der Seekrieg, den die Türken und die Barbareskenreiche führen, hat Süditalien und Spanien in die Knie gezwungen, und der neue spanische König Philipp II. will einschreiten: Er schmiedet einige italienische Landesfürsten, den Papst, die Malteserritter und sogar deutsche Fürstentümer zu einer Allianz zusammen und arbeitet sechs Monate lang unter größter Geheimhaltung an einem Handstreich, mit dem Tunis erobert werden soll, das Herz der Barbareskenreiche. Aber Occhialìs Spione, Kaufleute natürlich, entdecken den Plan, und der Überraschungsangriff wird unmöglich. Es ist Winter, die christliche Flotte, die bereits von Epidemien, Unwettern und Aufständen im Inneren geplagt wird, errichtet eine Basis in Djerba und baut dort eine Festung zu ihrer Verteidigung. In starken Etappen kommt eine riesige türkische Flotte aus Konstantinopel an, angeführt von Piale Pascha, dem Schwiegersohn des Sultans und Sohn eines ungarischen Schusters (man erzählt, er sei als Kind von den Türken bei ihren Raubzügen in der magyarischen Ebene nackt auf einem Pflug gefunden worden, aber in Wirklichkeit wurde er geraubt wie Tausende anderer Kinder, die die Osmanen jedes Jahr gewaltsam aus den christlichen Ländern verschleppen, um sie zu Würdenträgern bei Hofe und im Heer zu machen). Als Piale Pascha mit seiner gewaltigen Flotte in Sicht kommt, zögern die Nazarener: kämpfen oder flüchten? Angesichts der Unentschlossenheit ihrer Anführer geraten die Matrosen in Panik, die Flotte löst sich auf, die Türken fallen ein und richten ein Blutbad an. Die Christen verlieren vierzehn Schiffe, tausend Männer ertrinken, fünftausend werden zu Gefangenen. Die Überlebenden schwören, das Meer sei blutrot gewesen, die Eingeweide der Toten wurden von Fischen gefressen, und Occhialì habe am Ende des Tages aufgezählt, wie viele Italiener er getötet hatte. Die italienischen Schiffsjungen auf den türkischen Schiffen, Überläufer, aber noch zartbesaitet, weinen angesichts des grässlichen Schauspiels, aber Occhialì hat schon lange keine Tränen mehr. Der Räudige lässt die Schiffbrüchigen und Flüchtigen einen nach dem anderen auf dem Strand einfangen, dann errichtet er zum Zeichen seines Sieges aus ihren Knochen und Schädeln einen Haufen, Schädelturm genannt.
Auf dem Meer kennen ihn mittlerweile alle, alle reden über ihn, aber keiner versteht ihn wirklich: Franzosen, Engländer, Spanier, sogar Araber achten ihr ehemaliges Vaterland. Wer in den Dienst der |254|Barbaresken übertritt, schont die Schiffe seiner ehemaligen Landsleute, das ist Tradition. Occhialì aber hat tiefer als alle anderen in das dunkle Geheimnis des italienischen Wesens geblickt. Es ist ein Volk ohne Brüderlichkeit, eine vagabundierende Miliz aus Einzelkämpfern, Heckenschützen, unechten Helden, Verrätern und schmutzigen Kämpfern. Doch vielleicht verstehen sie gerade wegen ihrer Vertrautheit mit den dunklen Seiten des Lebens besser, was Jesus wollte, der sich nicht zufällig mit Zöllnern und Huren umgab. Wenn Occhialì sich vage an die Reden der Priester aus seiner Kindheit erinnert, fällt ihm ein, dass Jesus gesagt hat, man solle sein Haus verlassen, alle Reichtümer und Sicherheiten, sogar die Familie, um ihm nachzufolgen. Und hat er, als man ihm den Besuch seiner Mutter und seiner Geschwister ankündigte, nicht auch gesagt: »Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, derselbige ist mein Bruder, Schwester und Mutter«? Hat er nicht Freiheit durch Wahrheit versprochen? So bastelt der Räudige in schlaflosen Nächten auf dem schwankenden Schiff an seiner verschrobenen, nebulösen Philosophie, indem er alte Schmerzen und neuen Groll zusammennagelt, aber in seiner bäuerlichen Unwissenheit findet er keinen Ausdruck dafür. Ich werde mir meine Freiheit nehmen, denkt er, die Freiheit, die mir das Evangelium versprochen hat, und werde sie Mohammed in die Hand drücken, und wenn keiner mein Bruder ist, werde ich durch meine Rache reich und mächtig werden, und alle werden mir zustimmen, und es macht nichts, wenn Jesus nicht einverstanden ist, denn ich habe wenigstens Allah auf meiner Seite.
Manchmal versucht er, ohne Tränen und Schluchzer weinend, das Unglück zu verstehen, das ihm als Kind widerfuhr, und dann tut er einen Schwur, dessen umgekehrte Logik dem Fürst dieser Welt teuer ist: Nie wieder sollen die meine Brüder sein, die mir als Brüder genommen wurden.
Mit seinem systematischen Brudermord verflucht er Schlacht für Schlacht das Wort des Evangeliums, verkehrt die Freiheit in Chaos, die Zärtlichkeit in Schläge, die Umarmung in Angriff, die Einsamkeit in Isolation und tauscht die Ketten des Galeerensklaven gegen die eines Sklaven des Bösen, eines Söldners des Nichts. Während alle ihn tüchtig, scharfsinnig und genial nennen, werden die Taue, Segel und Wanten seiner Schiffe vom Wind eines unterdrückten Wahnsinns ergriffen.
|255|In Ligurien dringt er ins Landesinnere vor und macht bei seinen Plünderungen der Örtchen im Hinterland reiche Beute an Schätzen und Sklaven. Nach dem Sieg in Djerba präsentiert er sich kühn vor den gedemütigten christlichen Seestreitkräften. Auf dem Gebiet des Herzogs von Savoyen nimmt er vierzig Arkebusier als Geiseln, verlangt ein Lösegeld von tausendzweihundert Scudi und fordert frech ein intimes Beisammensein mit Ihrer Königlichen Hoheit, der Gattin des Herzogs und Tochter des Königs von Frankreich. Man willigt ein, doch statt der Herzogin wird ihm ohne sein Wissen eine Hofdame der Herzogin vorgeführt. Hochzufrieden setzt er seine Raubzüge an den italienischen Küsten fort, auch wenn er schwer wie ein Lastesel mit Beutestücken beladen ist und seine Männer müde werden. Er plündert, brandschatzt und verwüstet die Küsten Genuas oft bis tief ins Landesinnere. Trifft er auf Einwohner, werden sie in Ketten fortgeschleppt, ist der Ort dagegen leer, legt er Feuer und zerstört alles, einschließlich der unschuldigen Fischerboote am Strand. Als die Bewohner des kleinen Ortes Taggia Widerstand leisten, überfällt er die Kirche und das Kloster, schleppt Kruzifixe, Stühle und Kandelaber fort, zerlegt eine ganze Orgel und nimmt sie Stück für Stück bis zur letzten Pfeife mit. Seit dem Tag findet er die Ortschaften Liguriens fast immer leer vor, so groß ist die Angst der Einwohner.
Als Occhialì auf die fünfzig zugeht, stirbt Süleyman der Prächtige auf dem Schlachtfeld in Ungarn. Sein Sohn Selim folgt ihm nach, er ist hässlich wie der Räudige, mehr Ungeheuer als Mensch, seine Gliedmaßen sind unproportioniert, das Gesicht zerfressen vom Wein und vom Schnaps, den er im Übermaß zur Verdauung benutzt. Der junge Sultan ist grob, ungeschickt und faul, Essen und Trinken sind seine Lieblingsbeschäftigung, die Regierung überlässt er seinem Großwesir. Selim schätzt Occhialì sehr, er überträgt ihm die Führung des Barbareskenreichs Algier. Aus gutem Grund bezeichnet das Wort »algerisch« lange Zeit Menschen, die besonders grausam gegen die Christen wüten.
Als sein Schiff im Hafen einfährt, geloben die für ihre Aufsässigkeit bekannten Anführer der Janitscharen ihm Gehorsam und schenken ihm ein prächtiges Pferd mit Zaumzeug aus Gold und Türkisen. Occhialì, der Schlächter von Unschuldigen, von einem dekadenten, lasterhaften Diktator zum Regenten ernannt, hält auf seinem Pferd, umgeben von einer Schar Räuber, triumphalen Einzug in |256|der Berberei, während tausendfünfhundert Kanonenschüsse abgegeben werden und die Menge sich prügelt, um ihn zu sehen und zu berühren.
Sein neuer Titel verleitet ihn zu tollkühnen Aktionen. Er lässt vierzehntausend türkische Arkebusiere und sechzigtausend Mauren zusammenziehen und schickt sie mit vierhundert, mit Schießpulver beladenen Kamelen nach Mazagan am Golf von Arzew, um während der Osterwoche die Stadt Oran anzugreifen und eine Landung in Spanien an der Küste Andalusiens vorzubereiten. Vierzig Galeoten kreuzen schon vor Almeria, doch durch einen Zufall wird sein Invasionsplan entdeckt und ein heimlich angelegtes Waffenlager im Binnenland beschlagnahmt.
Kaum erklingt sein Name, versammelt sich eine begeistert Menge aus Gaunern. Occhialì der Räudige ist der Prophet der Banditen, der schmutzige Messias der Schakale, Freischärler und gedungenen Mörder geworden. Er zieht mit seinen Korsaren und fünftausend Janitscharen aus Algier und führt das Heer über Land in Richtung Tunis, das mittlerweile von den Spaniern und dem König Muley Hamida kontrolliert wird. Auf dem Marsch entlang der nordafrikanischen Küste gesellen sich über tausend Berber freiwillig zu seinen Truppen. Muley Hamida flieht in Todesangst, Tunis fällt sofort. Occhialì dringt mit seiner Infanterie durch einen Tunnel in die Stadt ein und verwandelt sie in eine Basis der Korsaren unter der Führung von Cayto Ramadan aus Sardinien, auch er ein abtrünniger Italiener, auch er ein Schlächter seines eigenen Volkes, auch er eine der zerlumpten, blutdürstigen Mänaden, die bei dem Gastmahl der Wahnsinnigen triumphieren, das sich Krieg nennt.
Italiener waren die Toskaner, Apulier und Genueser, die der Räudige auf seinen Raubzügen an der Küste jahrelang gequält hatte. Italiener sind die Venezianer, die er jetzt im griechischen Meer massakriert. Aber es sind ebenfalls Italiener, nämlich Kalabresen, die seinem Ruf einen schweren Schlag versetzen, als sie ihn vor ihrer Küste erblicken. Denn sie berichten ihm, die spanische Flotte des Don Juan von Österreich liege noch in Sizilien, obwohl sie längst in Lepanto ist, wo kurz darauf die größte Seeschlacht aller Zeiten stattfinden wird.
An der Schlacht nimmt er als Kommandant des linken Flügels mit über sechzig Galeeren und achtundzwanzig Galeoten teil. Auf allen |257|Schiffen sitzen seine schmutzigen Piraten zwischen den regulären Truppen. Es gelingt ihm, die Reihen der feindlichen Schiffe zu durchbrechen, und zunächst sucht er den Kampf mit der spanischen Admiralität des Don Juan von Österreich. Doch dann wirft er sich gegen andere Italiener, attackiert das Hauptschiff der Malteserritter unter dem Kommando von Piero Giustinian, seinem persönlichen Feind. Giustinian wird von türkischen Pfeilen getroffen und gefangengenommen. Der Räudige entert das Schiff der Malteserritter, lässt sechsunddreißig Mann auf Deck die Kehle durchschneiden, alle Offiziere sterben. Insgesamt macht er in Lepanto zwölf Galeeren kampfunfähig und tötet über tausend Mann. Doch kaum will er abziehen, stürzt sich die christliche Nachhut auf ihn. Er flüchtet mit dem Hauptschiff der Malteser. Die Christen, die später an Bord des Malteserschiffs kommen, brechen bei dem grauenhaften Anblick der Leichenberge auf Deck in Tränen aus. Auf der Flucht gibt Occhialì auch die zwölf eroberten Galeeren auf und rettet sich mit seinen eigenen, schwer beschädigten Schiffen. In Konstantinopel wird der Sultan ihn loben, weil er mit seinen Wagestücken eine Niederlage auf ganzer Front verhindert hat.
Nach dem Sieg der Christen bei Lepanto ist seine Flotte die einzige türkische Streitkraft, die noch das Mittelmeer befährt. Im Dezember nimmt er mit seinen verbliebenen Schiffen Kurs auf Konstantinopel. Er hat in verschiedenen Häfen siebenundachtzig Schiffe aufgebracht, wird zum Admiral der türkischen Flotte ernannt und sein Spitzname lautet fortan Kilige Ali, Ali, das Schwert, weil er bei Lepanto den Kreis der feindlichen Schiffe wie ein Schwert durchstoßen hat.
In fünf Monaten bauen die Türken hundertfünfzig Galeeren. Das Geld kommt von den venezianischen Geldleihern, die der christlichen Flotte derweil die Mittel kürzen, damit sie den Sieg bei Lepanto nicht nutzen und das nunmehr wehrlose Konstantinopel angreifen, wie die christlichen Admirale und der Papst laut fordern.
Occhialì hat inzwischen das Kommando über zweihundertdreiundzwanzig Galeeren, im Meer nebeneinander aufgereiht, würden sie die Linie des Horizonts verdecken. Um seine verbrecherischen Fähigkeiten ins rechte Licht zu setzen, erfindet er bei jeder Schlacht neue Kniffe. Vor Malvasia lässt er, verfolgt von Marcantonio Colonna, dem großen christlichen Heerführer, bei Anbruch der Nacht all seine Schiffe gleichzeitig feuern. Eine ungeheure Wolke aus Pulverdampf |258|entsteht, in deren Schutz Occhialì mit einem Großteil seiner Flotte entkommt.
Die Jahre vergehen. Manchmal landet er in seiner alten Heimat, um seinen Geburtsort wiederzusehen. Mit über sechzig fährt er zum letzten Mal aufs Meer. Er ist kein Italiener mehr, aber auch kein richtiger Türke. Der ehemalige Schrecken der italienischen Küsten lässt nun Gnade bei seinen Landsleuten walten, in Konstantinopel erlaubt er ihnen, die lateinische Messe zu lesen, sie dürfen kostenlos in Häusern wohnen, die ihnen zugewiesen wurden und die sie sogar ihren Kindern vererben können. Den Abtrünnigen aus Kalabrien, jener besonderen Rasse, der auch er angehört, schenkt er ein großes Haus in der Stadt, das Nuova Calabria genannt wird.
Geheimnisumwittert wie seine armselige Herkunft ist auch sein Tod, weil er sich in den allzu hohen Kreisen um den Sultan ereignete. Wurde er von Hand eines christlichen Sklaven vergiftet oder von seinem Barbier mit einem Schnitt durch die Kehle umgebracht? Andere sagen: Er ging in die Moschee, sprach sein Gebet, verteilte die üblichen Almosen und kehrte in seinen Palast zurück. Da es ihm seit zwanzig Tagen schlecht ging, hatte der Arzt ihm fleischlichen Verkehr verboten, doch er hörte nicht auf ihn und starb in den Armen einer jungen Frau. In seinem Palast fand man fünfzigtausend Goldmünzen, der Verkauf seiner Besitztümer brachte weitere fünfhunderttausend, und all das fiel, zusammen mit seinen tausenddreihundert Sklaven, an die Staatskasse.
Andere behaupten, er sei an Bord eines Schiffes ermordet worden, weil er die Tochter des Sultans und Gemahlin des Großwesirs eine Hure genannt hatte. Ein Leidenschaftsdelikt, wie es sich für einen Kalabresen gehört. Vielleicht hat man ihn von einem seiner vielen italienischen Sklaven zerfleischen lassen, die namenlos sind wie Steine, aber schwer wiegen auf der Seele des Luca Galeni, als er die Augen für immer schließt, unfreiwillig an Kalabrien, an Italien, an das Christentum gekettet.
