DIALOG

Darin man versucht, vor Philos Ptetès eine gute Figur zu machen, ohne zu wissen, wer er ist oder ob er überhaupt anwesend ist, doch schließlich in Streit gerät.

Zum Abendessen wurde das Wenige serviert, was die kargen Vorräte im Keller neben der Kirche boten. Es war zu spät, um noch auf Jagd nach Wild zu gehen, außerdem wollte Naudé die drei Bärtigen um nichts in der Welt aus den Augen lassen. Philos Ptetès hätte sich ja in seiner Abwesenheit den anderen offenbaren können, und dann Adieu Handschriften! Die Tischrunde bestand aus dreizehn Personen, die sich die dürftigen Speisen teilen mussten. Da ich zunächst andere körperliche Bedürfnisse befriedigen musste, kam ich als letzter zu Tisch, wenn man unser Provisorium vor dem Kamin des Turms so nennen durfte. Kaum hatte ich mich gesetzt, spürte ich die trübe, gereizte Stimmung, die dort herrschte.

Die drei rustikalen Gesellen verspeisten, ohne sich lange zu zieren, alles, was ihnen auf den Teller gelegt wurde. Am Gespräch beteiligten sie sich mit keiner Silbe. Um sie herum wogte eine fast mit Händen zu greifende Wolke aus den unausgesprochenen Fragen, die unsere Gelehrten beschäftigten. War einer der drei bärtigen Bauern Philos Ptetès? Oder wussten die drei nur, wo der geheimnisvolle Mönch zu finden war? Mit welcher Frage konnte man sie aus der Reserve locken? Würden sie Auskunft geben oder uns nur geschickt auf eine falsche Fährte führen?

Der Zufall wollte es, dass mir der Platz neben deinem falschen Barbello angeboten wurde. Das hinter dem Schleier der Verstellung verborgene Weib empfing mich vollkommen gleichgültig, ohne einen Blick, ohne jeden Gruß. War sie denn nicht dieselbe, dich mich fast mit Gewalt in ihrem Schoß empfangen hatte? Ich wand mich zwischen |378|widerstreitenden Gedanken hin und her: Verachtete sie mich, weil sie erwartete, dass ich sie erkannte? Unmittelbar nach unserer Vereinigung schien sie wirklich überrascht, dass ich nicht wusste, wer sie war. Doch warum hätte ich es wissen sollen? Andere Frauen als meine liebe Gemahlin hatte ich nur in meiner Jugend kennengelernt. Dieses Weib hier war mithin viel zu jung, um eine meiner früheren Flammen zu sein.

Vielleicht war ihr Schweigen auch nur deiner Gegenwart geschuldet (du saßest an ihrer Seite). Du durftest nichts argwöhnen, es hätte dich verletzen können. Ich sah deinen linken und ihren rechten Arm sich bewegen, als suchten eure Hände sich unter dem Tisch. Mein Gott, wie mutig von dieser Frau, sich seit Tagen als Mann auszugeben ohne Angst vor Entdeckung! Nur weiblicher Wahnsinn, dachte ich, kann männliche Geistesschärfe so leicht täuschen. Wer bist du, verkleidete Frau? Doch ein armer Secretarius muss ganz andere Dinge im Geist bewegen, am allerwenigsten Frauengeschichten. Denn Münder und Ohren der Frauen empfangen viele Geheimnisse, doch ebenso viele geben sie preis. Und Geheimnisse sind der einzige wahre Schatz, den ein Secretarius kraft seines Amtes in jedem Augenblick schützen muss. Doch alsbald wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.

»Wir erleben einen unwiederholbaren historischen Moment!«, hub Naudé überraschend an, das gedämpfte Stimmengewirr am Tisch übertönend. »Einen historischen Moment, sage ich, in dem jahrhundertealte Ketten, die den Menschen und seinen Geist gefangen hielten, endgültig fallen. Und sie fallen durch die Tat einer Handvoll mutiger Männer, die kühn genug sind, das Alte zu bekämpfen, um das Neue siegen zu lassen!«

Es war einer der seltenen Gelegenheiten, in denen Mazarins Bibliothekar seinen ungezwungenen Ton zugunsten einer ernsten, fast theatralischen Pose aufgab. Wir sahen einander ein wenig verblüfft an.

Ich sah Schoppes Blick beunruhigt zwischen Naudé und unseren drei Gästen hin und her irren. Die aßen jedoch weiter, ohne ein Anzeichen, dass sie zugehört hatten. Dieses Mal war Guyetus der Erste, der begriff.

»Oh ja«, schloss er sich eilfertig an, »wir müssen titanischen Gestalten wie Galileo Galilei, Ferrante Pallavicino, Giulio Cesare Vanini oder auch … Tommaso Campanella dankbar sein.« Hier machte er, zu den drei Gästen hinüber spähend, eine Pause, während Schoppe mit vollem |379|Mund zusammenzuckte und endlich ebenfalls begriff. »Alles Märtyrer des freien Denkens, die mit Kerker, Folter und sogar dem Tod bezahlt haben!«

»Ich habe Tommaso Campanella, den sanften Dominikaner mit dem Herzen eines Löwen, gut gekannt. Und ich weiß, wie teuer die Papstmacht ihn seine Entscheidung für Mut und Tugend bezahlen ließ. Ach, Tommaso, wie viele Menschen in einem warst du!«, rief Naudé aus und legte sich gerührt eine Hand auf die Brust.

»Ein großer Märtyrer!«, bestätigte Guyetus, die Augen zur Decke hebend.

»Ah!« Mit diesem Laut hob der vom Biss einer Schlange Gelähmte, der bis jetzt stumm geblieben war, die Hand.

Dieser recht knappe und vage Kommentar lief dennoch wie ein Schauder durch das gelehrte Auditorium.

Hardouin hob belustigt die Brauen und unterdrückte ein Lachen. Jetzt war klar, was Naudé versuchte: Die Gelehrten waren aus der geheimen Zusammenkunft kurz vor dem Abendessen nicht mit einer gemeinsamen Strategie hervorgegangen, im Gegenteil, jeder spielte sein eigenes Spiel, in der Hoffnung, als Erster an den echten Philos Ptetès heranzukommen und sich die ersehnte literarische Beute zu schnappen. Doch die von meiner Wenigkeit geäußerte Vermutung hatte sie alle in größte heimliche Nöte gestürzt. Was war, wenn der slawonische Mönch, der sich vielleicht hinter einem unserer drei Tischgäste verbarg, seine gelehrten Gesprächspartner wirklich erst gründlich studieren wollte, um dann zu entscheiden, wem er die kostbare Last jener alten Handschriften anvertrauen sollte, die Poggio Bracciolini vor zwei Jahrhunderten in den abgelegensten Klöstern Europas gefunden hatte?

Darum versuchte Naudé jetzt, sich vor unseren drei Gästen schönzutun, um sich die Wertschätzung des unsichtbaren Philos Ptetès zu erwerben. Meine bescheidene Vermutung hatte ihn mürbe gemacht und schließlich dazu gebracht, sich kopfüber den steilen Abhang prahlerisch zur Schau gestellter Weltgewandtheit, des eitlen Prunkens mit dem eigenen Wissen hinunterzustürzen. Wie ein launischer Mars der Literatur hatte der Bibliothekar jegliche Zurückhaltung aufgegeben und stürmte nun gesenkten Hauptes in die Schlacht, eiligst gefolgt von seinen gelehrten Kollegen. Nach jedem Wort wurden die drei Bärtigen gemustert, in der Hoffnung, der wahre Philos Ptetès würde sich |380|offenbaren oder in den Mienen zeige sich wenigstens eine erhellende Regung.

»Wie auch du weißt, Gabriel, gehörte ich zu den Allerersten und wenigen in Rom und Italien, die während Campanellas Gefangenschaft den Mut hatten, sich mit seinem Fall zu beschäftigen und ihn zu verteidigen«, hub Schoppe in honigsüßem Ton an. »Ich möchte jedoch präzisieren, dass der arme Tommaso in Wahrheit kein Opfer des Papsttums, sondern Spaniens war, da er gut 27 Jahre Kerkerhaft in Neapel absaß, also im spanischen Vizekönigreich, wie du hoffentlich weißt«, schloss er mit dem üblichen Grinsen, das immer um seine Lippen spielte, wenn er Naudés angebliche Unwissenheit attackierte.

»Ah!«, stimmte der Hinkende abermals zu.

»Lieber Caspar, Campanella hat nicht weniger als fünf Prozesse in seinem Leben erlitten. Beim ersten Mal wurde er von den Garden des Apostolischen Nuntius verhaftet. Die Anklage lautete, dass er in seinen Schriften der neoplatonischen Philosophie des Bernardino Telesio folge, wie er ein Mönch aus Kalabrien, statt der Aristotelischen Lehre, die durch Thomas von Aquin offiziell von der Kirche übernommen worden war.«

»Du hast zehn Jahre in Rom gelebt, du bist Secretarius von niemand Geringerem als Kardinal Di Bagni gewesen, dann sogar von Kardinal Barberini und bist jetzt Bibliothekar von Kardinal Mazarin. Kurz, du hast dich von Kindesbeinen an zwischen den roten Soutanen herumgetrieben. Ich hoffe, dass du in all den Jahren wenigstens erkannt hast, dass es in der Kirche schon immer zwei Strömungen gab. Eine besteht aus den dogmatischen Aristotelikern des Heiligen Offiziums; die andere ist die Strömung der toleranten Platoniker unter den Theologen, zu denen beispielsweise auch Papst Urban VIII. gehörte. Dies vorausgeschickt, möchte ich dich daran erinnern, dass es damals für ausreichend gehalten wurde, Campanella für seine Entlassung aus der Haft Psalmen rezitieren zu lassen und ihm zu befehlen, innerhalb von acht Tagen in sein Kloster zurückzukehren, da der gute Tommaso viel lieber bei seinen Freunden herumlungerte und von einem Bankett zum anderen lief«, schlug Schoppe zurück.

»Natürlich hat man ihn sofort entlassen. Das Urteil kam erst nach einem Jahr Kerker!«, erwiderte Naudé, ohne auf den Seitenhieb des Verehrungswürdigen zu achten, was seine Unkenntnis in Kirchendingen betraf.

|381|»Kein Jahr Kerker, sondern milde Haftbedingungen, lieber Gabriel: Campanella hatte ein schönes Zimmer mit Fenster, konnte schreiben, forschen, lesen und sogar empfangen, wen er wollte. Und diese Behandlung war immer dieselbe, jedes Mal, wenn er wegen seiner ketzerischen Schriften vom Heiligen Offizium verurteilt wurde. Als die Spanier ihn in Neapel verhafteten, wurden jedoch ganz andere Saiten aufgezogen.«

»Mein guter Caspar, in Neapel ist Campanella nach einem Prozess durch die zivile und die religiöse Gerichtsbarkeit gleichzeitig im Gefängnis gelandet. Unter den Richtern saßen auch Inquisitoren.«

»Gefängnis!«, riefen die beiden Bärtigen erschrocken mit düsteren Stimmen, endlich von ihren Tellern abgelenkt.

Die Reaktion wurde als Empörung über das Schicksal Campanellas aufgefasst, was Naudé ermutigte.

»Campanella musste sich verrückt stellen. Nach der Lehre der Inquisition muss die Todesstrafe nämlich im Fall von Irrsinn aufgehoben werden, der theologischen Überlegung gemäß, dass ein geistig Gesunder im letzten Moment bereuen, also ins Paradies kommen kann, während ein verrückt gewordener Verbrecher, an dem man die Todesstrafe vollzieht, tatsächlich zur Hölle verdammt ist. Menschen haben jedoch nur das Recht, andere zum Tode, nicht zur Hölle zu verurteilen.«

Monatelang spielte Campanella mit großer Seelenstärke den Verrückten, erzählte Naudé. Er tat so, als habe er durch das Elend der Haft und die Folter den Verstand verloren. Die Richter waren misstrauisch, sie stellten ihm einen Spion hinter die Zellentür, der ohne Unterlass sein Verhalten überwachen sollte. Campanella merkte es und stellte sich sechs Monate lang wahnsinnig, führte ununterbrochen irre Reden und zündete sogar mehrmals das Strohlager in seiner Zelle an, womit er sich in Lebensgefahr brachte. Im Sommer 1600 wurde er der Folter für schwere Fälle unterzogen: man hängte den Angeklagten an den Schultern an einen Querbalken und zog so lange, bis die Oberarmknochen aus den Schultergelenken sprangen. Mitunter renkten die Folterknechte sie wieder ein und die Prozedur begann von Neuem. Eine normale Folter dauerte eine halbe Stunde, bei Campanella dagegen wurde die »Nachtwache« angewandt: vierzig Stunden, also zwei Tage lang ununterbrochene Verhöre und Folterungen ohne Schlaf. Alle halbe Stunde musste er sich auf einen spitzen Keil setzen, der ihm das Fleisch zerfetzte und insgesamt zwei Pfund Blut verlieren ließ.

|382|Mit unglaublicher Kraft konnte er bis zur sechsunddreißigsten Stunde den Wahnsinnigen spielen, doch dann entfuhr ihm ein Hilfeschrei an die Mutter, der seine Verstellung zu verraten drohte. Mit äußerster Geistesgegenwart rief er gleich darauf einen sinnlosen Satz aus: »Zehn weiße Pferde«. Endlich überzeugten sich die Richter von seinem Irrsinn, und nach weiteren vier Stunden wurde Campanella offiziell für verrückt erklärt.

So rettete er sein Leben, aber er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt bis zum endgültigen Urteilsspruch und in der Festung Maschio Angioino eingeschlossen. Wegen des großen Blutverlusts war er nur knapp dem Tod entgangen. Die halbe Stunde Tageslicht, die ihm gewährt wurde, um im Brevier zu lesen (er war immer noch Dominikanermönch), nutzte er, um den Sonnenstaat zu schreiben.

Als der Name des berühmten Buches fiel, warf Naudé den drei Bärtigen einen verschwörerischen Blick zu, doch sie waren noch immer mit Essen und Trinken beschäftigt und gönnten dem Bibliothekar kein ermutigendes Zeichen.

»27 Jahre lang, junger Atto«, rief Naudé, sich an den Jüngsten in der Gesellschaft wendend. Er hoffte wohl, dass sein pädagogischer Eifer die Aufmerksamkeit der drei Individuen erregen möge, »ganze 27 Jahre lang im Gefängnis. Lerne daraus! Ein solches Ende nimmt, wer sich mit seinen eigenen Ideen gegen die Gewalt der Inquisition, des Papstes und der Katholischen Religion stellt!«

Eine merkwürdige Erklärung aus dem Munde Naudés, der, woran Schoppe soeben erinnert hatte, seit jeher im Dienst von Kardinälen stand.

In den endlosen Jahren seiner Haft, fuhr Naudé fort, schrieb Campanella unermüdlich, empfing Besuche und beteuerte immer wieder vergeblich seine Unschuld. 1626 wurde er endlich entlassen. In seinen Gefängnisjahren hatte er sogar die Kraft gefunden, anderen Verfolgten zu helfen, zum Beispiel mit einem Schreiben zugunsten Galileos, als der große Wissenschaftler vor Gericht stand.

»Von der langen Haft zermürbt, nach einer weiteren Verhaftung glücklich entflohen, rettete er sich zu uns nach Frankreich, wo sein Ruhm schon groß war. Bevor er floh, lernten wir uns in Rom kennen und hatten Gelegenheit zu einem langen Gespräch. Als ich nach Paris zurückkehrte, festigte sich unsere Freundschaft. Und in Paris ist er als freier Mann gestorben. Ach, was für ein Mensch, welch ein Charakter!«, |383|schloss Naudé und hob, melancholisch seufzend, die Augen zum Himmel.

»Bist du fertig mit deiner üblichen Propaganda für eure verruchte Bande, die Starken Geister?«

»Wie bitte?« Naudé bedachte Schoppe mit einem säuerlichen Lächeln.

»Wenn du nicht nur Medizin studiert hättest, übrigens ohne je zu promovieren, und dich stattdessen bemüht hättest, nicht gänzlich unbeleckt von politischer Geographie, Geschichte und Kirchenrecht zu bleiben, wüsstest du, dass die Inquisition, gegen die du bis jetzt anlässlich von Campanellas Prozess deine Wahnreden geführt hast, nicht die römische war, sondern die spanische, und dass Kardinal Maffeo Barberini, der spätere Papst Urban VIII., versucht hatte, ihn aus den spanischen Gefängnissen in Neapel nach Rom verlegen zu lassen, wo er ihm bessere Haftbedingungen und vielleicht die Freiheit hätte verschaffen können. Als Campanella freikam, ließ Papst Urban VIII. ihn als astrologischen Ratgeber zu sich kommen, und man munkelte sogar, er wolle ihn zum Haupt des Heiligen Offiziums machen! Campanella als Inquisitor, könnt ihr euch das vorstellen? Leider spielten zwei neidische Dominikaner ihm einen Streich. Ohne sein Wissen ließen sie recht unorthodoxe Schriften über Rechtsastrologie drucken, die Campanella in der Schublade verwahrte. Aus war es mit der Ernennung. Als er zum letzten Mal verhaftet wurde, konnte er nur dank der stillschweigenden Billigung Urbans VIII. ausbrechen und nach Frankreich fliehen, das wissen in Rom alle. Genügt dir das nicht als Beweis für die Milde und Weitsicht eines Papstes?«

»Geschwätz, schöne Gesten als pure Fassade. Erzähl uns nicht, dass die spanische Inquisition nicht unter die päpstliche Autorität fällt. Ist der spanische König etwa nicht katholisch? Er wird ja sogar der Katholische König genannt, haha!«, bequemte sich Guyetus zur Verteidigung Naudés.

»Lieber Guyetus«, stichelte Schoppe, »bei Gabriel kann ich Ignoranz vergeben, bei dir hingegen, der du nicht so ungebildet bist wie er, sehe ich nur die böse Absicht des Ungläubigen, der seine Gegner unbedingt mit Dreck bewerfen will.«

»Hört, wer da spricht«, brummte Guyetus.

»Unterbrich mich nicht. Du weißt genau, dass die Beziehungen |384|zwischen dem Heiligen Offizium, das von ausländischen Mächten unabhängig ist, und der spanischen Inquisition, die dem König von Spanien untersteht, sehr heikel sind. Und ihr beide wisst, dass die Spanier Campanella in Neapel nicht wegen seiner häretischen Ideen so entsetzlich folterten, sondern aus viel konkreteren Gründen: der gute Tommaso hatte in Kalabrien, seiner Heimat, eine Revolte gegen den spanischen Vizekönig angezettelt, und zwar mit Hilfe von Verbrechern, sogar eines abtrünnigen Korsaren, eines gewissen Cicala, der im richtigen Moment landen und den Aufständischen helfen sollte, die Regierung der Region an sich zu reißen. Kurzum: politische Verschwörung, Umsturz der öffentlichen Ordnung. Konnte der Vizekönig so etwas dulden? Hätte er Campanella etwa auf freien Fuß setzen sollen, damit er schöne philosophische Traktate schrieb? Übrigens hat Campanella später alle seine Komplizen verraten.«

»Ich möchte dich unter der Folter sehen«, sagte Guyetus.

»In dem Punkt hast du recht«, gab Schoppe zu. »Jedenfalls hoffe ich, dass ihr jetzt alle den Unterschied zwischen der römischen Kirche und den ausländischen Inquisitionen verstanden habt, die zuerst den politischen Interessen ihrer Heimat dienen, und danach, wenn überhaupt, dem Papst. Die angeblichen Hexen werden von protestantischen Inquisitoren auf den Scheiterhaufen gebracht, mitnichten von römischen. Giulio Cesare Vanini, der junge Karmelitermönch aus Apulien, der sich vor ungefähr dreißig Jahren zum Antichrist ausrief, armer Irrer, konnte seine Haut, solange er mit Rom zu tun hatte, immer retten. Munter wechselte er von einer Religion zur anderen, wobei er sich selbst je nach Laune widersprach. Obwohl er Europa mit ketzerischen Schriften überschwemmt hatte, drückte das Heilige Offizium jedes Mal ein Auge zu, ja half ihm sogar, aus England zu fliehen, wo man ihn ins Gefängnis geworfen hatte. Doch kaum war er in Toulouse angekommen, hat der Bürgerrat nicht lang gefackelt: Sie haben ihm die Zunge herausgerissen, ihn erwürgt und auf dem Markplatz verbrannt. Er war erst 34 Jahre alt. Ferrante Pallavicino, dieser Milchbart, der sich selbst die Geißel der Barberini nannte und sie mit seinen antipäpstlichen Schmähschriften bis zum Hals mit Jauche bedeckte, konnte ungestört kreuz und quer durch Italien fahren, aber kaum hatte er vor zwei Jahren einen Fuß auf französischen Boden gesetzt, wurde er geköpft!«

Das grausame Beispiel, von Schoppe aufgetischt, hypnotisierte die drei bärtigen Gäste, die mittlerweile gesättigt schienen.

|385|»Richtig, Ferrante Pallavicino ist in Frankreich hingerichtet worden, aber in Avignon, mein Guter«, präzisierte Naudé, »welches päpstliches Gebiet ist.«

»Pallavicino hatte den Barberini eine Bittschrift geschickt, damit sie ihm das Leben retteten, und sie wollten ihm schon Gnade gewähren, da gab wohl nicht zufällig ein Unbekannter jenes schreckliche Pamphlet Pallavicinos gegen die Barberini in Druck, Il divorzio celeste di Gesù dalla Chiesa di Roma, und die örtlichen Machthaber in Avignon hielten es für besser, das Urteil vollstrecken zu lassen, ohne den Papst zu informieren. Verrückt, nicht wahr? Aber vielleicht bin ich nicht gut unterrichtet … Über solche Geschichten seid ihr Starken Geister sicher viel besser informiert als ich, zumal der Freund Pallavicinos, der ihn mit dem Märchen nach Frankreich gelockt hatte, dass Richelieu an ihm interessiert sei, und ihn dann an die Garden auslieferte, ein Franzose war …«, endete er mit einem anspielungsreichen Grinsen.

»Was unterstellst du damit?«, zischte Naudé.

»Ich unterstelle gar nichts, ich schildere meinen bescheidenen Eindruck«, gab Schoppe sarkastisch zurück. »Mir scheint, ihr Deniaisez, ihr Starken Geister, seid ständig auf der Suche nach zwei Dingen, damit man euch ernst nimmt: Monstren und Märtyrer. Das Monstrum ist der Papst, die Märtyrer sucht ihr mit der Laterne, damit ihr den Mund voll nehmen und gegen ungerechte Verfolgung wettern könnt: Campanella, Pallavicino und dieser … äh, dieser Galileo.«

Nach kurzem Zögern und einem raschen Blick auf die drei Bärtigen hatte Schoppe den Satz beendet, ohne beleidigende Attribute wie »Bandit« oder »Betrüger« hinzuzufügen, mit denen er den großen toskanischen Wissenschaftler, der Opfer der Inquisition geworden war, sonst bedachte. Er wusste nicht, wie die drei Gäste darüber dachten und wollte Fehler vermeiden.

»Ah!«, machte der Hinkende, vielleicht zustimmend.

»Jedenfalls wiederhole ich, dass ich mit Campanella sehr eng befreundet war«, setzte der Verehrungswürdige nach und schenkte den drei Landmännern ein breites Lächeln, während ihm die Gier nach dem Schatz von Philos Ptetès aus den Augen blitzte.

Eine Weile herrschte Stille, man hörte nur die Kaugeräusche der Tischgesellschaft. Bei Schoppes letzten Unterstellungen über die Deniaisez waren Naudé und Guyetus ungerührt wie Marmorstatuen geblieben.

|386|»Ich habe dich reden lassen, Caspar«, setzte der Bibliothekar wieder an, und sein ausgesucht kühler Ton ließ mich Böses ahnen, »weil man dich unmöglich unterbrechen kann, ohne aus vollem Halse zu schreien. Ohnehin ist kein Wort deiner Rede eine Reaktion von meiner Seite wert. Nur eine Einzelheit muss ich aus moralischen Gründen zur Wahrung des Andenkens des großen Campanella klären. Du hast ihn mehrmals im Gefängnis von Neapel besucht, das ist wahr. Aber du hast vergessen zu erwähnen, dass er dir mehrere Handschriften übergeben hat, die Frucht unmenschlicher Anstrengungen im Dunkel seiner Zelle, und dich angefleht hat, sie zu veröffentlichen. Du hast es versprochen«, hier hielt Naudé kurz inne, die drei Gäste und Schoppes Gesicht studierend, »aber tatsächlich hast du die Schriften des Gefangenen plagiiert und für deine eigenen Bücher benutzt. Die versprochene Veröffentlichung fand nie statt.«

Die Reaktion des Verehrungswürdigen ließ nicht auf sich warten:

»Du! Ausgerechnet du, Naudé, wagst es, von Campanella zu sprechen! Auch du hast ihn im Gefängnis besucht, aber dann hast du ihn enttäuscht. Über ein Jahr hattest du Umgang mit ihm in Rom, aber du – nicht ich! – hast ihm Ideen und Handschriften gestohlen, um sie unter eigenem Namen zu veröffentlichen. Dann hast du drei Jahre nach seinem Tod im Jahre 1639, also vor vier Jahren, dein Gewissen entlastet, indem du eines seiner Bücher herausgegeben und dich damit obendrein unverdienterweise als großzügiger Freund hingestellt hast!«

»Lügen. Campanellas Schicksal hat dich nie interessiert, nur die politische Seite der Sache«, erwidert Naudé mit erzwungener Ruhe. »Einen Philosophen und Theologen wie Campanella an der Hand zu haben, der dir Material für deine politischen Schriften gegen Luther, Calvin und alle Protestanten lieferte, das war ein unbezahlbares Glück. Gewiss, Campanella trat für eine katholische Monarchie ein, also eine antilutherische Option par excellence. Darum war er für dich der ideale Kandidat, den du ausbeuten konntest. Im Gefängnis produzierte er Bücher wie eine Arbeitsbiene und du hast seine Argumente in deinen Büchern verwertet, hast daraus politische Vorschläge gemacht oder Streitereien angezettelt, die Kunst, in der du brillierst.«

»Du hast ihn nach Paris gelockt«, knurrte Schoppe, »denn er glaubte, du würdest ihm helfen, sich dort nach 27 Jahren Gefängnis ein neues Leben aufzubauen. Aber du hast ihn keines Blickes gewürdigt und sogar als Schwärmer hingestellt. Für dich zählt nur die augenblickliche |387|Mode. Erst warst du so besessen davon, dass man dich den Campanellisten nannte. Aber dieser alte, von der Haft verblödete Mönch nützte dir nichts mehr, er war nicht mehr in Mode. Also habt ihr, du und deine Freunde von der Tetrade, ihn fallengelassen und überall herumerzählt, dass er ein aufrührerischer Trottel sei. Stattdessen seid ihr hingegangen, Galileo Galilei den Arsch zu lecken, um aus ihm einen Helden zu machen, stimmt’s?«

»Du bist auch zu Galileo gegangen«, erwiderte Naudé nur achselzuckend. Er nützte es schamlos aus, dass Schoppe in diesem Moment nicht wagte, Galileo einen Betrüger zu nennen, der sich absichtlich hatte verurteilen lassen, um berühmt zu werden und endlich seine Bücher verkaufen zu können, die niemand haben wollte. Man konnte ja nicht wissen, wie die drei Bärtigen über den berühmten Wissenschaftler dachten, der mit seinem Widerruf auch im Klerus viele Anhänger gewonnen hatte. Was würde insbesondere Philos Ptetès denken, der sich vielleicht unter den dreien verbarg.

Guyetus lachte: »Du hast verloren, Caspar.«

Tatsächlich war der deutsche Herausforderer am Ende des Streitgesprächs durch den Eifer, mit dem er die letzten Schläge ausgeführt hatte, völlig verschwitzt, der französische Gegner, der seine Kräfte zu schonen wusste, hingegen kühl und trocken. Bevor er antwortete, stopfte Schoppe sich eilig eine Handvoll Rosinen in den Mund. Darauf verdrehte er erst die Augen, dann begann er heftig zu husten: der Bissen war ihm in den falschen Hals gekommen. Das machte sich Naudé in gemeiner Weise zunutze. Er stand auf, hob das Glas in seiner Hand und sprach mit der ausholenden Gestik eines Rhetors, wie ein römischer Senator der Antike:

»Um ehrlich zu sein, mein armer Caspar, muss ich nicht einmal unbedingt recht behalten. Der Grund ist den Worten desjenigen eingeschrieben, der ihn zu entdecken weiß, er ist auf sein Gesicht gemalt und dem Gedächtnis der Nachgeborenen eingemeißelt. Was dich betrifft, Caspar, bedenke, dass es nicht unehrenhaft ist, besiegt zu werden, und du hast dich im Kampf tapfer gezeigt. Nicht ohne Ehren betrittst du am Ende deines Lebens das Schattenreich. Obwohl du im Kampf unterlagst, ist dies dir genug: Du bist in der Schlacht gestorben, du hast deine Kraft mit anderen gemessen. Nicht hat dich das weichliche Alter, von den Jahren gebeugt, dem Tod zwischen Hühnern anheimgegeben. Du hast an den Sieg geglaubt, aber das Schicksal und |388|die Natur waren stärker als alle Anmaßung und Anstrengung. Es gewagt zu haben, zählt etwas: Die kommenden Jahrhunderte werden nicht leugnen können, dass du dein Bestes tatest. Dennoch hast du nicht begriffen, dass das Schicksal dich in dieser aus Blinden und Blindenführern bestehenden Welt zu Ersteren gestellt hat. In diesem Körper der menschlichen Republik sind wir es, nicht du, denen befohlen wurde, die Aufgaben der Augen zu erfüllen und jeder nach Kräften die Interessen der Wahrheit und des Lichts zu verteidigen!«

Naudé leerte sein Glas auf die angegriffene Gesundheit Schoppes, während Guyetus ihm eifrig frisches Wasser anbot, damit seine Kehle sich erhole.

Erst jetzt konnte Schoppe seinen Husten beruhigen, mit dem er Naudés gesamte Tirade als Kontrapunkt begleitet hatte.

»Wir, wir … Wer ihr? Ach, hör doch auf! Es gibt nichts Schlimmeres als einen großen Gedanken in einem kleinen Hirn. Du und diese Libertins und Päderasten, ihr seid hysterische, gemeingefährliche Irre, das seid ihr! Und wie üblich ist dein Salbadern nicht mal auf deinem Mist gewachsen, sondern du hast es bei Gior…«

»Zitiert habe ich den Philosophen Giordano Bruno, nun, was ist schlecht daran?«, kam ihm Naudé zuvor.

»Einen Philosophen nennst du ihn? Das war ein schmutziger Spion der englischen Protestanten, der Maria Stuart verriet und köpfen ließ! Ein Besessener, der schwarze Messen las, der …«

Ein erneuter, heftiger Hustenanfall zwang ihn, sich mit einer Hand auf dem Tisch abzustützen, mit der anderen schützte er seinen vom Hustenreiz verzerrten Mund.

Es war zu Ende. Aus dem Streit war Naudé als triumphierender Sieger hervorgegangen. Schoppe hatte den Fanatiker, Naudé den erhabenen Geist abgegeben – gewiss nicht aufgrund dessen was, sondern wie sie es gesagt hatten. Geblendet von der Oberfläche, machte sich keiner von uns die Mühe, darüber nachzudenken, ob in Schoppes Maßlosigkeit nicht auch gerechte Empörung steckte, und ob sich hinter Naudés Ungezwungenheit nicht böse Absichten verbargen.

Mit einem seraphischen Lächeln wandte Mazarins Bibliothekar sich zu unseren drei Tischgenossen, und der alte deutsche Gelehrte tat es ihm mit verzerrtem Gesicht widerwillig nach. Doch schon bald tauschten ihre Mienen die Plätze: Die drei Eingeborenen waren eingeschlafen, wer weiß wie lange schon.

Das Mysterium der Zeit
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