NOTIZ

Darin die gegenwärtige Lage hintangestellt und die außergewöhnliche Geschichte des Ali Rais, alias Ali Ferrarese, alias Francesco Guicciardo aus Ferrara, Sklave, Renegat und berühmter Korsar, erzählt wird.

Vor gut zweiundzwanzig Jahren, im Sommer 1624, hatte der Marquis von Santa Cruz, der spanische Vizekönig, der über Süditalien regierte, im Meer von Sizilien einen großen Sieg gegen die Barbaresken errungen. Nach einer erbitterten Seeschlacht hatte er drei große Galeonen der Korsaren voller Männer und Waffen erbeutet. Schiffe und Mannschaften waren unter schärfste Bewachung gestellt worden, denn sofort hatte sich das Gerücht verbreitet, Anführer der kleinen Flotte, die aus Bizerta, dem Hafen des Barbareskenreichs Tunis kam, sei der berühmte Ali Ferrarese, der blutrünstige, gefürchtete Korsar. Dieser Name rief im ganzen sizilianischen Volk Erinnerungen an tragische Ereignisse wach. In die Tausende ging die Zahl derer, die auf dem Meer von Barbaresken überfallen wurden und erzählen konnten, dass sie von Ali gefoltert, verschleppt und schließlich als Sklaven verkauft worden waren.

Sofort eilt eine große Menge Neugieriger, allen voran die ehemaligen Opfer von Ali, zum Hafen von Palermo. Wer ihm einmal in die Hände fiel, trägt noch immer tiefe Wunden aus den Jahren der Gefangenschaft in Tunis oder Bizerta, in den Weiten der Wüste oder an den Rudern der Korsarenschiffe. Die sich jetzt am Hafen versammeln, |150|sind dank eines Lösegelds oder einer wundersamen Flucht in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie haben Ali kennengelernt, als er Mannschaftsführer auf dem Flaggschiff der Flotte von Bizerta war, sie dagegen an die Ruderbänke gekettet. Es sind alte Matrosen, Bauern, kleine Leute aus der Provinz, alle mittlerweile hochbetagt. Sie laufen zum Hafen, lassen sich die vom Vizekönig erbeuteten Schiffe zeigen und stellen fest: kein Zweifel, das ist er, er ist der Mann in Ketten auf der Ruderbank. Wie könnte man sein verfluchtes Gesicht vergessen? Er ist der Mann, der sie vor Jahren beschimpft, ausgepeitscht, blutig geschlagen, mit Füßen ins Gesicht getreten hat. Er ist der Italiener, der Italiener abschlachtet. Er hat die stillschweigende Regel gebrochen, dass Abtrünnige ihre einstigen Landsleute verschonen. Ali Ferrarese aber tat das Gegenteil: Italiener behandelte er besonders grausam. Er nannte sie Hunde, Bestien, Tiere und genoss ihre Verwirrung, wenn sie die italienische Inschrift auf den Fahnen seiner Schiffe lasen: Die christliche Religion ist falsch, blasphemische Worte, am Hauptmast gehisst, um Empörung hervorzurufen, zu beleidigen und einzuschüchtern. Mit dieser lästerlichen Fahne kreuzte Ali über das Mittelmeer und demonstrierte so seine Treue zur Sekte Mohammeds, die ihm so viel eingebracht hatte: als Kind eines armen Fährmanns geboren, war er jetzt gefürchtet, reich und wichtiger Ratgeber des Regenten von Tunis.

Doch in Palermo hatte das Schicksal ihn in einen fatalen Hinterhalt gelockt, der große Korsar lag in Ketten vor seinen Opfern. Ali, erkennst du uns? fragen sie ihn höhnisch. Sie rufen ihn, wollen ihm die Beschimpfungen, das Anspucken, die Tritte in die Rippen zurückgeben. Doch der Gefangene dreht sich nicht einmal zu ihnen um. Er lässt einen Mauren an seiner Stelle reden: Das ist nicht Ali, er kennt keinen von denen, die ihn betrachten, er ist der Religion Mohammeds immer treu gewesen und vor allem spricht er nicht Italienisch. Die anderen lassen sich nicht beirren, sie schreien lauter: Aber natürlich ist er das, auf den Schiffen gab er Befehle auf Italienisch, er lügt nur, um sich zu retten.

Der Gefangene, der im Verdacht steht, ursprünglich ein Christ, also vom Glauben abgefallen zu sein, wird dem Heiligen Offizium von Palermo übergeben, das für die Fälle der Glaubenslehre zuständig ist. Rasch werden Dutzende Zeugen einberufen und befragt. Sie haben Jahre der Sklaverei in Tunis oder auf den Korsarengaleeren |151|hinter sich und sind jetzt Soldaten im Ruhestand, Matrosen, Schneider, Kutscher. Alle bestätigen, Ali erkannt zu haben, er ist es, der sie gefangen gehalten hat, sagen sie, und gerade mit seinen ehemaligen Landsleuten ging er besonders grausam um.

Er hat die Meere und Küsten Griechenlands, Mallorcas und der Adria mit Blut befleckt. Man sah ihn zwanzig wehrlosen Sklaven die Ohren abbeißen, und eines hat er sogar verschluckt. Er ließ einen christlichen Gefangenen lebendig begraben, damit er unter der Erde krepierte. Bei den Nazarenern, wie die Türken die Christen nennen, erreichte seine Grausamkeit ihren Höhepunkt. »Hunde, Gesindel, eure Mütter sollen verflucht sein, und euer Christus soll verflucht sein«, war seine bevorzugte Beleidigung. Einmal befahl er den Sklaven einer seiner Galeeren, das Schiff an Land zu ziehen, und an Land zwang er sie, den Hauptmast mit seinem ungeheuren Gewicht auf ihre Schultern zu laden. Über drei Stunden mussten sie reglos so stehenbleiben, erdrückt von dieser entsetzlichen Last, sie weinten vor Schmerz, während er sie verhöhnte: »Hunde, warum weint ihr? Und euer Christus? Das ist das Kreuz eures Christus …« Diese Schmähungen, berichteten die Zeugen, wurden immer auf Italienisch ausgesprochen.

Er kleidete sich auf türkische Art, das Hemd über der weiten, bequemen Hose, auf dem Kopf ein Turban. Die vorgeschriebenen Riten der Glaubenspraxis befolgte er peinlich genau: Er betete das Salat mit gesenktem und erhobenem Kopf und versäumte nie das guadoc, die Reinigung von Sünden, die bei einem rituellen Bad im Meer abgewaschen wurden. Er achtete stets darauf, sich öffentlich in einer Moschee zu zeigen, und betrat sie immer ohne Schuhe. Die Moschee, die er am häufigsten besuchte, war von seinem eigenen Geld erbaut. Er hielt das Fasten zum Ramadan gewissenhaft ein, und achtete ansonsten immer darauf, jeden Tag Fleisch zu essen, auch freitags und während der christlichen Fastenzeit. Die einzige Übertretung: von Zeit zu Zeit schlüpfte er in eine Taverne, um sich ein Glas guten Weines zu gönnen. Dennoch meinten einige, er sei den Pflichten der Religion so treu ergeben, dass ihm sogar der Ruf eines Marabout vorausging, eines heiligen Mannes.

Auf jeden Fall stimmen alle Zeugen darin überein, dass er in Ferrara geboren ist. In Tunis und auf den Schiffen wussten das alle, sowohl die Nazarener als auch die Mauren. Jemand berichtet sogar, er |152|habe gehört, dass die Türken ihn Giaur nannten, Abtrünniger. Ein anderer beteuert, er habe Ali sagen hören, er sei christlich geboren, und zwar in Ferrara. In Tunis pflegte er nicht zufällig Umgang mit anderen Leuten aus Ferrara, ebenfalls Abtrünnige, die Korsaren wurden: ein gewisser Alessandro, Barbiermeister und Sklave eines anderen italienischen Korsaren aus Genua; außerdem der berühmte Mami, ebenfalls ein Verräter aus Ferrara, Reeder der Schiffe des Regenten von Tunis; und schließlich Giovanni, seinen eigenen Neffen.

Wenn er Schiffe der päpstlichen Marine oder des Großherzogtums Ferrara überfiel, warnten ihn seine Matrosen, dass die nächsten Opfer Landsleute von ihm seien. Dann wurde er wütend: »Meine einzigen Landsleute sind die Türken!« Angeblich durfte man ihn nur, wenn er über die Meere des Ostens fuhr, den Ferraresen nennen.

Vor zehn Jahren war er schon einmal geschnappt worden. Seine schöne, schnelle Tartane, ein Juwel der Meere, das immer Achterwind hatte, war auch damals von den Galeeren des spanischen Vizekönigs von Neapel aufgebracht worden. Aus geheimnisvollen Gründen hatte man ihn gegen Lösegeld sehr schnell freigelassen, und er war seelenruhig nach Tunis zurückgekehrt, obwohl unter seinen Ruderern allgemein bekannt war, dass es sich um einen Abtrünnigen handelte. Wie hatte er das fertiggebracht? Einigen seiner Vertrauensleute erzählte er später, er habe die Nazarener getäuscht, indem er so tat, als verstehe er kein Italienisch, und habe auf ihre Fragen nur türkisch geantwortet.

Wer weiß, ob das stimmt. Den Aussagen mancher Zeugen zufolge wurde er unmittelbar nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft des Vizekönigs zum Mannschaftsführer des Flaggschiffs von Tunis ernannt. Man erzählte auch, dass er in Bizerta dank der Erträge aus seinen Raubzügen ein Haus, Weinberge, Felder, Frauen und Kinder hatte. Ein Jahr vor seiner Gefangennahme in Palermo war er zum Rais erhoben worden, nämlich zum Kommandanten einer Karacke von Jusuf Dey, dem Regenten von Tunis. Von seiner ersten Fahrt mit dem neuen Schiff war er mit zweihundert Nazarenern zurückgekommen, allesamt Soldaten der Republik Venedig. Darauf hatte der Dey ihm drei neue, soeben erst mit Mannschaft und Waffen bestückte Schiffe anvertraut, und mit diesen war er nach Sizilien aufgebrochen, wo das Schicksal den letzten, endgültigen Hinterhalt für ihn vorgesehen hatte, indem es ihn in die Hände der verhassten Christen trieb.

|153|Die erdrückendste Zeugenaussage gegen Ali kommt von einem Kapitän aus der Lombardei, Defendi Massarolo. Er ist auf Durchreise in Palermo, und als er von Alis Gefangennahme hört, bittet er darum, ihn sehen zu dürfen. Er ist ein sehr wertvoller Zeuge, denn vor sechsundzwanzig Jahren hat er Ali als Kind kennengelernt, in dem Dorf Ariano in Venezien, auf halben Weg zwischen Ferrara und der Adriaküste. Der Name des Jungen war Guicciardino, an den Nachnamen erinnert der Kapitän sich leider nicht mehr. Die Mutter hieß Lucrezia Valona. Ein paar Jahre später hat er ihn als Schiffsjungen auf eine Fahrt durch die Adria mitgenommen. Dann hat er ihn aus den Augen verloren.

Neun Jahre später wurde das Schiff des Kapitäns Massarolo, das ausgerechnet »La Ferrarese« hieß, von fünf Schiffen aus Bizerta verfolgt, eingekreist und gekapert. Massarolo wurde auf das Schiff des Kommandanten der Korsaren geführt, eines gewissen Rabaxi Rais. Ein Türke aus der Mannschaft kam ihm mit einem breiten Lächeln entgegen und fragte in perfektem Italienisch: »Erkennt Ihr mich nicht?«. Als Massarolo zögerte, gab der junge Korsar sich zu erkennen: »Ich bin Guicciardino, erinnert Ihr Euch? Euer Lehrling zur See … Es tut mir leid, dass Ihr von uns gekapert wurdet, aber so läuft es nun mal auf den Meeren.« Guicciardino war inzwischen Mannschaftsführer des Schiffes von Rabaxi Rais geworden. Er tröstete Massarolo, riet ihm, geduldig zu sein, und später lud er ihn sogar ein, das Abendessen mit ihm zu teilen: hartes Brot, in Wasser aufgeweicht und mit ein bisschen Honig versüßt.

Massarolo war viele Jahre lang Sklave in Tunis, wo er Guicciardino häufig sah, der ihm, wenn der italienische Kapitän krank wurde, durch einen Nazarenersklaven sogar Kleidung und Geld zukommen ließ. Hier in Palermo hat Massarolo Ali wiedererkannt.

Jetzt hat man genügend Beweise gesammelt, um den Angeklagten in die Verliese des Heiligen Offiziums verlegen zu lassen, die sehr viel sicherer sind als die gewöhnlichen Gefängnisse. Tatsächlich geht schon das Gerücht um, Ali habe demjenigen, der ihm zur Flucht verhelfe, zwanzigtausend Dukaten angeboten. Man weiß nun, aus welchem Dorf der Korsar vermutlich stammt, und wie gefährlich es wäre, wenn er seine Freiheit wiedererlangen würde. Er selbst hatte das Gerücht verbreiten lassen, sobald er zurück in Tunis wäre, würde er so viele Christen wie möglich verbrennen oder ertränken. Man |154|hätte auch noch die Mannschaften der Schiffe verhören können, die er zum Zeitpunkt seiner Gefangennahme befehligte, doch leider waren die Männer bereits als Sklaven auf andere Schiffe verteilt worden.

Also geht man dazu über, ihm ein Geständnis abzupressen. Ali beginnt, Erklärungen abzugeben, die er auf türkische Art beschwört, indem er den Zeigefinger der rechten Hand zum Himmel hebt. Er weigert sich, auf das Kreuz zu schwören wie ein Nazarener. Seine Aussagen werden von einem christlichen Dolmetscher übersetzt.

»Ich heiße Ali vom Schwarzen Meer, ich bin Türke, geboren in Sinope, und ich bin Kapitän der Galeonen, die von den sizilianischen Galeeren vor anderthalb Monaten vor Capo Bon aufgebracht wurden. Ich wurde auf diesen Galeeren in Ketten gelegt bis zur Verlegung in die Gefängnisse dieses Gerichts, welche gestern stattfand. Ich bin vierzig Jahre alt. Mein verstorbener Vater hieß Isem und war Türke, geboren in Sinope. Auch meine Mutter wurde in Sinope geboren, und ich weiß nicht, ob sie noch lebt. Meine Großeltern väterlicherseits, Mahamet und Aysa, beide tot, waren ebenfalls Türken aus Sinope. Die Eltern meiner Mutter kannte ich nicht, aber auch sie waren Türken aus derselben Stadt. Mein Vater hatte einen Bruder, Asan Rais, der noch lebte, als ich, damals noch ein kleiner Junge, Sinope verließ. Seither bin ich nicht mehr zurückgekehrt. Ich bin in Tunis mit einer Türkin verheiratet, Mina, sechzehn Jahre alt. Wir haben einen Sohn, Mahoma, vier Jahre alt, und eine Tochter, Raxia, ein Jahr alt. Beide leben mit ihrer Mutter in Tunis. Vor zehn Monaten habe ich eine zweite Frau genommen, Aysa, eine Maurin, die Spanisch spricht. Als ich aus Bizerta aufbrach, erwartete sie ein Kind.«

Der Inquisitor fragt nach: Zu welcher Rasse gehört die Familie des Angeklagten? Sind sie Juden? Mauren? Türken? Oder zu einer anderen, jüngst gebildeten Sekte? Ist er ein getaufter Christ?

»Alle in meiner Familie sind Türken und Mauren, die von Türken oder Mauren abstammen, nicht von Juden, nicht von Christen. Und darum bin ich Türke, Sohn von Türken, wie ich schon sagte, kein Christ und kein Abtrünniger. Ein echter Türke, und als solcher habe ich mein ganzes Leben gelebt, gehorsam gegenüber den Geboten Mohammeds. Ich habe fünfmal am Tag das guadoc praktiziert, indem ich mir zur Reinigung von meinen Sünden das Gesicht und die Gliedmaßen wusch, und das Salat bete ich fünfmal am Tag, wobei ich den Kopf hebe und senke, wie der Ritus es vorschreibt. Ich habe während |155|der dreißig Tage des Ramadan gefastet, ohne etwas zu mir zu nehmen, bevor der erste Stern am Himmel erscheint, und ich habe alle Tage Fleisch gegessen. Und ich glaube, dass ich meine Seele rette, wenn ich in dieser Weise das Gesetz Mohammeds befolge. Dieses Gesetz steht im Widerspruch zur christlichen Lehre, das weiß ich, und die Christen sind Feinde, die man ausrauben und entführen muss. Als Korsar habe ich viele gefangen genommen und verkauft, ich habe gegen sie gekämpft und einige getötet. Auch ich wurde verletzt. Wenn ich mehr von ihnen hätte entführen und ausrauben können, hätte ich das getan. Ich sah und sehe mich immer als Korsar.«

Dann fuhr er fort:

»Bis zu meinem vierzehnten Geburtstag habe ich mit meinen Eltern in Sinope gelebt, dann habe ich ein Schiff bestiegen, das über das Schwarze Meer fuhr. Ich wollte die Kunst des Seefahrens lernen und war neun Jahre lang Matrose. Darauf bin ich nach Tunis gegangen, wo ich Kapitän einer Tartane wurde. Ich habe an den Küsten Spaniens gegen die Christen gekämpft, und nach ungefähr zwölf Jahren wurde mein Schiff von neapolitanischen Galeeren geentert. Ein Jahr lang war ich Gefangener in Neapel, dann wurde ich gegen einen Christen ausgetauscht, der Gefangener in Tunis war. Das hatte ich den Verhandlungen der Mönche eines jener Orden zum Loskauf von christlichen Geiseln aus türkischer Gefangenschaft zu verdanken. Über Palermo, wo ich mich einen Monat lang aufgehalten habe, bin ich nach Tunis zurückgekehrt. Zwei Jahre später wurde ich Janitschar, und als Soldat habe ich den Kampf gegen die Christen auf Galeeren und Galeonen wieder aufgenommen. Mannschaftsführer bin ich nie gewesen. Vor einem Jahr hat der Pascha von Tunis drei Galeonen bewaffnet und mir das Kommando übertragen. Auf diesen drei Schiffen waren gut sechshundert Türken, alles Matrosen und Soldaten. Wir holten die Anker ein und segelten gen Osten. Wir haben viele christliche Schiffe ausgeraubt. Auf der Rückfahrt nach Tunis sind wir selbst gekapert worden.«

Wenn Ali Rais von Geburt Türke ist, hat das Inquisitionsgericht kein Recht, über ihn zu urteilen. Den Gefangenen erwartet die Sklaverei oder das Rudern auf Galeeren, und ein Lösegeld oder ein von den tunesischen Machthabern ausgehandelter Austausch können ihn alsbald befreien.

Wenn er aber als Christ geboren ist, hat er mit seinen stolzen Erklärungen |156|beim ersten Verhör schon alle Brücken hinter sich abgebrochen, es gibt kein Zurück. Es sei denn, er bekehrt sich wieder zum Christentum. Doch das ist, wie die Richter genau wissen, ein äußerst gefährlicher Weg: wenn die Türken Ali-Guicciardo erwischen, wird er seine Kehrtwende auf jeden Fall mit dem Tod bezahlen müssen.

Wahrscheinlich weiß Ali nichts von den Zeugenaussagen, die ihn schwer belasten. Wie immer bei solchen Prozessen werden die Zeugen durch Anonymität und strenge Geheimhaltung des Ermittlungsverfahrens geschützt. Das Inquisitionsgericht spielt jedoch kein schmutziges Spiel und klagt nicht ohne Beweise an. Wenn es einen Schuldspruch gibt, muss er gut begründet sein, also sind die Inquisitoren entschlossen, allen im Prozess auftauchenden Fragen gründlich nachzugehen.

Eines Tages im Juli wird der Arzt des Heiligen Offiziums eilig ins Gefängnis gerufen. Man hat Ali leblos in seiner Zelle aufgefunden, der Puls ist sehr schwach – ein Kollaps. Durch einen christlichen Dolmetscher hatte er wissen lassen, dass er von nun an alle Speisen der Nazarener ablehnen werde, und seine Entscheidung sei unumstößlich. Der oberste Inquisitor begibt sich ins Gefängnis zu Ali. Dieser verlangt sofort, dass ein Religionsbruder ihm das Essen zubereitet und außerdem für ihn dolmetscht. Wenn man vor Ort keinen finde, solle man auf den Schiffen suchen, sonst werde er so lange die Nahrung verweigern, bis er sterbe.

Was tun? Der Inquisitor schickt nach einem gewissen Zufo, einem ehemaligen Korsaren und Sklaven in den Gefängnissen des Heiligen Offiziums. Während der Verhandlung stehen dem Angeklagten nun zwei Dolmetscher zur Verfügung, ein Türke und ein Christ. Außerdem beschließt man, den Gefangenen nach seinem Zusammenbruch nicht mehr allein in der Zelle zu lassen und gibt ihm zwei Kameraden an die Seite.

Doch von diesem Moment an verläuft keine Verhandlung mehr ordnungsgemäß. Die vom 23. Juli, einen Tag nach dem Unwohlsein, wird aufgehoben, weil der Gefangene zu schwach ist. Die am 29. wird wegen Kopfschmerzen vertagt. Bei den Verhandlungen am 27. und am 31. zeigt der Angeklagte sich so hilflos, dass die Inquisitoren ihn auffordern müssen, sich nicht von Verzweiflung übermannen zu lassen. Und warum schläft er weiterhin auf dem nackten Boden, wenn ihm doch eine ausgezeichnete Matratze zur Verfügung gestellt |157|wurde? Außerdem soll er endlich wieder essen! Ali verteidigt sich, das Essen sei kein Problem, ihm genügten ein paar Datteln und ein wenig Reis. Am 5. August erscheint er nicht zur Verhandlung, auch am 7. nicht. Die Inquisitoren suchen ihn in seiner Zelle auf: er liegt am Boden und weigert sich, zu sprechen. Der Oberinquisitor flüstert ihm ins Ohr: »Lass dich nicht ausgerechnet jetzt zur Hölle verführen, wo Gott dich auf christlichen Boden zurückgebracht hat. Und glaube ja nicht, es könnte dir helfen, dass du die Nahrung verweigerst.« Ali dreht ihm den Rücken zu.

Der Prozess wird verschoben, die Verhandlungen abgebrochen, der Hungerstreik macht das Fortfahren unmöglich. Zäh und unerschütterlich verteidigt sich Ali. Er ist Türke seit seiner Geburt.

Den Inquisitoren bleibt nichts anderes übrig, als ihn am Leben zu erhalten, soll er sich doch verteidigen wie er will. Sie haben seine Forderungen alle erfüllt, auch als sie nur darauf abzielten, Zeit zu gewinnen, und sie haben ihn vier Mal persönlich in seiner Zelle besucht. Zudem haben sie dem Arzt Anordnung gegeben, über den Gefangenen zu wachen, ihm Trost zu spenden und in allem behilflich zu sein.

Der Moment ist gekommen, die Anklageschrift aufzusetzen, mittlerweile sind genügend Beweise gesammelt. Am 10. August erhebt der oberste Richter formell Anklage gegen Ali Rais, beziehungsweise den Christen Guicciardino, vom heiligen katholischen Glauben abgefallen zu sein, um die Gebote der verfluchten, verdammten Sekte Mohammeds zu befolgen. Er fordert die Höchststrafe, die Exkommunizierung höchsten Grades, und in der Folge das Urteil der weltlichen Gerichtsbarkeit, welche die Höchststrafe, also den Tod, gegen ihn verhängen wird. Außerdem wird empfohlen, eine moderate Form der Folter einzusetzen, um ein Geständnis zu bekommen.

Ali weigert sich, die Anklageschrift zu lesen, er will nicht einmal einen der beiden Pflichtverteidiger benennen, die ihm vom Gericht angeboten werden. Noch weiß er nichts von den Zeugenaussagen zu seinen Lasten, die dem Richter ermöglicht haben, so schwere Strafen zu fordern. Die Inquisitoren wollen trotzdem weitere Zeugen befragen, um die Anklagepunkte zu erhärten. Zusätzlich zu den neun vorhergehenden werden zehn neue Zeugen einberufen, doch sie bringen keine entscheidenden, neuen Erkenntnisse.

Im November werden Ali die Zeugenaussagen zu seinen Lasten bekanntgegeben. Die Dolmetscher lesen sie ihm vor und übersetzen |158|Wort für Wort. Nur die Einzelheiten, an denen man die Zeugen identifizieren könnte, werden ausgelassen. Ali rückt keine Handbreit von seiner Position ab: Ich bin Türke und Sohn von Türken, wiederholt er. Er bekräftigt alles, was aus seiner türkischen Identität folgt, auch Piraterie, Morde und Folter. Allerdings leugnet er die Episode mit den abgebissenen Ohren. Während der »Arbeit« können gewisse Unrechtmäßigkeiten immer vorkommen, räumt er ein. Der Kommandant des Schiffes muss sich Respekt verschaffen, mehr nicht. Und die Geschichte von dem Hauptmast, den die Sklaven drei Stunden lang tragen mussten? Unwahrscheinlich, wendet er ein, denn der Mast einer Galeere ist so lang und schwer, dass eine ganze Rudermannschaft ihn nicht einmal fünfzehn Minuten lang auf den Rücken tragen könnte, von drei Stunden ganz zu schweigen. Auch der Vorwurf, er habe die Tötung möglichst vieler Christen geplant, sobald er zurück in Tunis war, sei schlicht und einfach unglaubwürdig. Er habe zwar viele Nazarenersklaven besessen, doch die muselmanische Gerichtsbarkeit hätte ihn zur Verantwortung gezogen, wenn er sie umgebracht hätte.

Dann geht er zum Gegenangriff über: Auch die Zeugen der Anklage hätten gesagt, er sei stets türkisch gekleidet gewesen, einschließlich Turban. Genau so ist es, ich habe als vollkommener Türke gelebt, sagt er, und bin stolz darauf. Er bestätigt die Gefangenschaft in Neapel, wendet das gegnerische Argument jedoch zu seinem Gunsten um: Warum, fragt er, hat mich denn niemand von denen, die mich während meiner Gefangenschaft kennenlernten, beschuldigt, ein abtrünniger Christ zu sein? In Neapel wurde ich als Türke losgekauft, denn ein solcher bin ich, und ich wurde gegen einen Christen ausgetauscht.

Er behauptet, nie Mannschaftsführer auf einer Galeere gewesen zu sein, weder in Bizerta, noch woanders (seltsamerweise hatte er dies schon bestritten, noch bevor die Zeugen es erwähnten). Er sei zum Rais über fünf runde Schiffe ernannt worden, mit denen er im Golf von Venedig und dann Richtung Candia gesegelt sei, und dabei habe er zweihundertfünfzig Christen gefangen genommen. In Tunis nennt man ihn Ali Carandangilse, was Ali vom Schwarzen Meer bedeutet, nicht Ali, der Abtrünnige, wie manche Zeugen sagen. Ich bin in Sinope geboren, wiederholt er, und habe keine Familie in Ferrara, keine Verbindung zu Christen, auch keinen Freund unter ihnen. Ich |159|kann kein Italienisch. Nazarener sah ich immer nur auf den Schiffen unter meinem Kommando, und sie sind in Scharen gekommen, um mich anzustarren, als ich im Hafen von Palermo in Ketten lag wie Samson. Aber ich kannte keinen von ihnen und habe mit niemandem gesprochen.

Eine Anspielung, aber nicht besonders subtil: Wenn Ali dem gefangenen Samson gleicht, welche Rache wird er dann an den Philistern-Inquisitoren nehmen, wenn er seine Kräfte zurückgewonnen hat?

Unterdessen breiten die Ermittlungen sich aus. Am 18. November schicken die Inquisitoren einen Gesandten zu den Bischöfen von Reggio und Ferrara. Er soll Informationen und Dokumente sammeln, vor allem muss geklärt werden, in welcher Diözese das Dorf Ariano liegt, aus dem Ali-Guicciardino stammen soll. Eine beglaubigte Kopie des Taufscheins wird benötigt, außerdem Zeugenaussagen von jedem, der ihn als Kind gekannt hat.

Die Wartezeit ist eine schwere Belastung für den Angeklagten. Wenn Ali wirklich Guicciardino ist, weiß er, dass die Nachforschungen in seinem Geburtsort entscheidende Beweise erbringen können. Also bittet er um Beschleunigung des Verfahrens, bevor die Beweise erdrückend werden. Er verlangt eine Sitzung nach der anderen, und am 21. Januar verfasst er ein Protestschreiben: Seit nunmehr acht Monaten bin ich gefangen, mir scheint, das reicht, wenn ich gerichtet werden soll, dann tut es sofort. Am 10. April klagt er abermals: Ich lebe nun seit zehn Monaten unter der Erde, wenn die Inquisitoren gottesfürchtig sind, sollen sie mich richten. An einem anderen Tag bricht er in Tränen aus, mischt jedoch geschickt Drohungen und Erpressungen unter sein Weinen: Bei dem Gedanken an die gefangenen Christen, vor allem die Geistlichen, die dem Regenten von Tunis ausgeliefert sind, verspüre ich Mitleid und Schmerz. Er schätzt mich sehr, er weiß, dass ich in diesem Kerker schmachte und kennt meinen Kummer. Glaubt ihr etwa, was hier geschieht, hätte keine Konsequenzen für die Nazarener, die in Tunis eingekerkert sind? Sie werden nur darunter leiden …

Warum, so entgegnen ihm die Inquisitoren, gesteht er dann nicht endlich seine christliche Herkunft und setzt den Repressalien, von denen er spricht, ein Ende? Er antwortet: Ich will meine Seele retten. Eure Exzellenz Inquisitor möge die seine retten.

|160|Derweil schleppen sich die Nachforschungen über Ariano mühsam voran. Der Gesandte aus Palermo hat zum Beispiel herausgefunden, dass das Dorf zwar zum Herzogtum Ferrara gehört, aber außerhalb der Grenzen seiner Diözese liegt, also zur Diözese Venedig gehört. Der Gesandte beschließt sogar, den Auftrag dem Heiligen Offizium in Rom zu übergeben. Doch am 28. März schreibt er endlich nach Palermo, dass der Inquisitor von Ferrara bereits auf dem Weg nach Ariano sei. Hier werden dann ohne größere Probleme die Zeugen gefunden, die Guicciardino, vielmehr Francesco Guicciardo, wie sein wirklicher Name lautet, gekannt haben.

Ariano ist ein Dorf, wo Kaufleute und Bauern leben, doch auch Matrosen, Bootsführer und Kapitäne. Zwei der in dem kleinen Ort aufgespürten Zeugen haben vor vielen Jahren mit Ali unter einem Dach geschlafen. Eine heißt Isabella, ist jetzt sechzig Jahre alt und die Schwester der Stiefmutter des Korsaren, Lucrezia. Der andere heißt Simone Superbo, achtundvierzig Jahre, und ist Cousin ersten Grades des Angeklagten. Die anderen Zeugen sind alle Einwohner von Ariano, außer einem Matrosen, der in Livorno ausfindig gemacht werden musste.

Francescos Elternhaus, erzählen sie, lag zwischen dem Fluss und der Piazza des Ortes, wo es eine Taverne und einen Laden gab. Dort wohnten Isabella und Simone mit Francesco Guicciardo, der damals ein kleiner Junge war, seinem Vater Battista, einem Fährmann, der Dienst auf dem Fluss Po tat, und der Stiefmutter Lucrezia. Der zukünftige Korsar war ein aufsässiges, streitlustiges, ja, außergewöhnlich wildes Kind. Der plötzliche Tod des Vaters hatte die Familie und sicher auch das Leben des Jungen erschüttert, der sich schon bald auf Schiffen als Lehrling verdingte.

Der Inquisitor von Ferrara findet auch die Frau des Kapitäns des ersten Schiffes, auf dem Francesco arbeitete, die sich gut an den unruhigen Jungen erinnert. Sein Cousin Simone wiederum berichtet, dass Francesco mit sechzehn Jahren, als er auf einem venezianischen Schiff Dienst tat, von einer türkischen Galeere aus Bizerta gefangen genommen wurde. Danach hatte Francesco-Ali durch Nicolò Prandinus, einen Kaufmann aus Ariano, der nach Livorno umgezogen war, Grüße an alle italienischen Verwandten ausrichten lassen. Denn dieser Prandinus hatte einen Verwandten, den berüchtigten Mami, ebenfalls aus Ferrara und Korsar in Tunis. Die Mutter dieses Mami |161|war mehrmals nach Tunis gereist, um ihren Sohn zu sehen, und dort hatte sie auch Francesco getroffen. Einmal hatte Simone sogar einen Brief seines Cousins erhalten, doch da er weder lesen noch schreiben konnte, hatte er ihn so lange bei sich getragen, um sich den Brief von Leuten vorlesen zu lassen, die er auf Reisen traf, dass das Papier zuletzt ganz zerfetzt und der Brief unleserlich geworden war.

Nach den Zeugenaussagen hatte Francesco bei einem seiner Raubzüge einen Onkel und einen Cousin entführt, eben jenen Giovanni, von dem die Inquisitoren schon wussten. Jetzt kommt die Nachricht aus Ariano, dass der Onkel freigekauft werden konnte, der arme Giovanni von Francesco-Ali aber gezwungen wurde, in Tunis zu bleiben, wo er, nachdem er den zahllosen Versuchen seines Cousins, ihn zur Konversion zu überreden, tapfer widerstanden hat, gestorben ist. Jedenfalls wissen alle Zeugen ganz genau, dass Francesco in Tunis zum Türken geworden ist, geheiratet hat und ein reicher Mann wurde.

Die Berichte der früheren Zeugen werden bestätigt und vervollständigt. Jetzt liegen sehr viel mehr und detailliertere Beweise vor, die schwer zu widerlegen sind. Auch die Geburtsurkunde wird gefunden, nach welcher der Angeklagte, da im Jahr 1584 geboren, zum Zeitpunkt der Arrestierung vierzig Jahre alt gewesen sein muss. Genau das Alter, das er vor dem Gericht von Palermo angegeben hat.

Gibt es noch Zweifel, dass der Korsar der wilde Sohn des Fährmanns aus Ariano ist? In Wahrheit haben alle Zeugen in Ariano Francesco-Ali seit seinem Übertritt zu den Barbaresken nicht mehr gesehen. Doch eine Zeugenaussage ist entscheidend, jene des Kapitäns Defendi Massarolo, jetzt in Sizilien ansässig, der ihn sowohl in seiner Jugend als auch bei seinen Taten als Korsar erlebte. Ein glaubwürdiger Zeuge obendrein, denn er hat keinen Grund zur Feindschaft gegenüber Ali, mit dem er sogar immer in freundschaftlicher Verbindung stand. All seine Aussagen werden überdies von denen der Einwohner von Ariano bestätigt.

Aber Ali gesteht nicht. Er streitet alles ab: Ariano hat er nie gesehen, nie von einem Francesco Guicciardo gehört, niemals einen Fuß in eine Kirche gesetzt. Die Zeugen, die ihn belasten, sind Christen, Feinde seines Glaubens, also unglaubwürdig und abzulehnen.

Nun kommt Giulio ins Spiel, einer seiner Zellengenossen. Es ist der 11. März, die Nachforschungen in Ariano stehen noch am Anfang, |162|als der Häftling erzählt, vor fast zwei Monaten sei Ali bei einem Wutanfall in einen erstaunlichen Monolog ausgebrochen. Nachdem er acht Monate lang nur türkisch gesprochen hatte, begann er nun, vom Zorn übermannt, wild zu gestikulieren, er seufzte, grunzte, ahmte allerlei Geräusche nach und gab Satzfetzen auf Türkisch, Spanisch, zuletzt auch auf Italienisch von sich.

Anfangs wiederholte er zum zigsten Mal seine Treue zum muselmanischen Glauben, dann folgten die ersten Zugeständnisse: Ich bin das Kind von Christen, doch als mein Vater meiner Mutter beilag, jene wenigen Tropfen in sie gab und sie mich empfing, machte Gott mich zum Türken. Und Türke bin ich.

Zum ersten Mal gestand er, dass er das Kind von Christen sei (doch wenn die Inquisitoren ihm das vorhalten, wird er leugnen und sagen, Giulio habe ihn falsch verstanden). Dann folgten wieder Drohungen: Diese Signori sollten mich freilassen, brüllte er, ich habe dem Pascha von Tunis zweitausend christliche Sklaven gebracht, darunter viele Adelige, und von denen sind noch vier in der Sklaverei, aus jedem könnte man achttausend Real herausholen, doch der Pascha wird keinen freikaufen lassen, wer auch immer es ist, solange ich hier drin sitze. Mein Weib geht jeden Morgen zu ihm, um ihn anzuflehen, das weiß ich, und er versichert ihr: Wenn Ali in Sizilien stirbt, werden hier bei uns einer oder zwei Adelige sterben.

Dann ließ er sich zu halben Geständnissen hinreißen, erwähnte einen Bruder und eine Schwester, die Christen sind, nannte aber ihre Namen nicht. Und deine Heimat? fragte Giulio seinen Zellengenossen. Meine Heimat? Man muss bis zum Süßwasser fahren, antwortete er. Das schien eine Anspielung auf den Po zu sein, den Fluss bei Ariano. Doch dann wetterte er wieder gegen die Richter der Inquisition: Juden Canzir, das Heilige Offizium der Juden Canzir, so nannte er sie, Schweinejuden, obwohl man nicht recht versteht, warum sie Juden sein sollen.

Er bat Giulio um Papier und Feder und kritzelte wild auf einem Fetzen Papier herum. Sieh her, ich kann in drei Sprachen schreiben: Türkisch, Spanisch und Italienisch. Und sprechen kann ich sieben: Türkisch, Maurisch, Spanisch, Italienisch, Flämisch, Albanisch und Französisch.

In Wahrheit hat Ali immer nur so getan, als verstehe er kein Italienisch, außer, so sein Zellengenosse, wenn es um die Speisen ging, die |163|er von der Gefängnisküche verlangte: Frittata mit Fadennudeln in Olivenöl, marinierte Forelle, Kompott aus Kürbis und Grieß …

Als er erneut von den Richtern verhört wird, gesteht er, dass er Italienisch kann, streitet aber ab, es schreiben zu können, ebenso, dass er seinen Genossen um Papier gebeten oder auf seine italienische Abstammung angespielt habe. Wenn ihr mir den Kopf abschneiden oder mich in Stücke reißen wollt, tut es, brüllt er, aber meinem Glauben werde ich niemals abschwören. Dann geht er wieder zum Gegenangriff über. Er lehnt alle belastenden Zeugen ab und nennt seine eigenen. Der erste ist unser Gott, sagt er, in dessen Händen alle Menschen jedweden Glaubens sind. Dann verlangt er, dass vier Matrosen des Schiffs angehört werden, auf dem er gefangen genommen wurde, und gibt eine detaillierte Beschreibung der Männer. Sie sind jetzt Sklaven an Bord verschiedener Schiffe, es dauert ein Jahr, bis alle vier gefunden werden. Endlich aufgespürt und verhört, geben sie nichts Nützliches zu Protokoll. Sie kommen nicht vom Schwarzen Meer, kennen Ali nicht gut, oder sie schwören, nie etwas von seiner christlichen Herkunft gehört zu haben. Doch da der Prozess nun schon Jahre dauert, sind die Ermittlungen kaum mehr geheim, und es ist sehr wahrscheinlich, dass diese neuen Zeugen (die seit zwei Jahren auf den Routen Siziliens fahren, wo Ali gefangen gehalten wird) sehr gut wissen, was beim Prozess passiert. Wie auch immer, keiner kann Beweise dafür liefern, dass der Angeklagte als Türke geboren ist.

Der Prozess wird abgeschlossen. Bei der Abstimmung und dem Urteilsbeschluss kommen zu den Inquisitoren die Konsultoren des Gerichts, die beiden Qualifikatoren Pater Bonaventura aus Trapani und Pater Vincencio Juancarlo, hinzu. Die Ermittlungen sind mit einem großen Aufwand an Mitteln, Arbeitskraft und Geduld geführt worden. Dazu zwangen die schwerwiegenden Umstände des Falles.

Die Urteilsverkündung entspricht dieser Situation: Ali muss die Entscheidung bei einer öffentlichen Zeremonie zur Kenntnis nehmen. Dann wird er der bürgerlichen Justiz übergeben. Das Urteil: Tod auf dem Scheiterhaufen. Noch muss die Entscheidung allerdings von der Zentralbehörde der Inquisition in Madrid bestätigt und unterzeichnet werden. Eine Kopie wird nach Spanien geschickt.

Das Warten beginnt also erneut. Ein Jahr vergeht, dann folgt ein Schreiben, in dem der Höchste Allgemeine Rat der Inquisition darauf verweist, dass der Angeklagte nicht der Folter unterzogen wurde, wie |164|der Richter verlangt hatte, weil sie ihn vielleicht zu einem Geständnis hätte bringen können. Man solle darum zur Folter schreiten, danach werde der Rat den Fall erneut prüfen. Wenn der Angeklagte jedoch weiterhin leugne, solle man das Urteil nicht vollstrecken, sondern die Prozessakten nach Madrid schicken.

Drei Jahre nach seiner Gefangennahme wird Ali in die Folterkammer geführt. Doch der Wundarzt des Heiligen Offiziums bemerkt zwei Wunden auf Alis rechtem Arm. Nicht weniger als drei Ärzte werden hinzugezogen und bestätigen, dass er die Folter der Winde nicht überstehen wird, die einzige, die in sizilianischen Gerichten erlaubt ist. Man wird ihn also einer leichteren Qual unterziehen: An allen Gliedmaßen gefesselt, wird er an den Füßen aufgehängt und dann fallengelassen, freilich nicht aus großer Höhe. Die Folter wird fünfzehn Mal wiederholt, dann ordnet der Wundarzt einen Aufschub an. Am nächsten Tag geht es weiter, doch das Geständnis erfolgt nicht. Ali will lieber sterben als zu gestehen, dass er ein abtrünniger Christ ist. Zwischen den Folterungen ruft er Allah und Mohammed an, schreit, erklärt verzweifelt: Ich bin weder Kind von Türken noch von Christen, verbrennt mich doch, wenn ihr wollt!

Einen Monat später, am 18. Oktober, gibt es eine neue Abstimmung und Entscheidung: er wird zu Kerkerhaft in Ketten verurteilt. Doch ihm wird kein Urteil mitgeteilt, weder öffentlich noch im Gerichtssaal.

Ali-Francesco hat die Folter überstanden, was immer zugunsten des Angeklagten spricht. Die Inquisitoren meinen jedoch, dass die Beweise immer noch ausreichen, um ihn dem Henker zu übergeben. Madrid versucht, Zeit zu gewinnen und beschlagnahmt die Prozessakten für einen endgültigen Urteilsspruch. Den Kollegen in Palermo ist das nur recht: dieser Gefangene ist eine zu heikle Angelegenheit, niemand ist sich ganz sicher, dass er gerichtet werden soll, aber freilassen will ihn auch niemand. Die Zeit läuft langsamer, in der Sanduhr von Alis Leben wiegt jedes Körnchen nicht mehr Sekunden, sondern Wochen.

Ein Jahr später, am 14. Februar 1628, liegt Ali-Guicciardo immer noch in Ketten im Kerker von Palermo, dem undurchsichtigen politischen Kalkül seiner Richter und des Regenten von Tunis ausgeliefert. Der Prozess ist längst abgeschlossen, jetzt folgt der Kuhhandel.

Zunächst versuchen die Korsaren, ihn gegen eine Gruppe von achtzehn |165|spanischen Geistlichen auszutauschen, die auf einer Überfahrt nach Italien gefangen genommen wurden. Aber die Transaktion scheitert, unter anderem, weil man entdeckt, dass Ali aus unerfindlichen Gründen Briefe nach Tunis schicken durfte, in denen er die ihm angetanen Grausamkeiten maßlos übertrieb, um die Korsaren zu seiner Befreiung anzustacheln.

Wieder vergeht Zeit, der Gefangene verfault im Loch. Fünf Jahre später, 1633, will man ihn gegen neunundachtzig Gefangene austauschen, und die Sache scheint schon abgemacht, als die Inquisitoren den Obersten Rat der Inquisition davon informieren und dieser alles blockiert. Nur neun Geiseln werden aus Tunis nach Sizilien geschickt, Frauen und Kinder. Sie teilen die von Tunis gestellten Bedingungen mit: Ali muss befreit oder wenigstens auf eine Galeere an die frische Luft verlegt werden. Der Erzbischof von Palermo dagegen will Ali-Francesco unbedingt gegen einen sizilianischen Priester austauschen, der in Tunis festgehalten wird. Wieder lehnen die Inquisitoren ab: eine einzige Geisel für den berühmten Francesco Guicciardo ist zu wenig. Doch auch abgesehen von solchen Details möchte niemand dafür verantwortlich sein, dass dieser berüchtigte Abtrünnige und Christenschlächter wieder frei herumläuft. Er konnte nicht hingerichtet werden, so viel ist klar, ohne schwere Vergeltungsmaßnahmen seitens der Tunesier zu riskieren. Doch welche Gräueltaten wird er nach neun Jahren Kerker, Prozessen und Folter verüben, sobald er wieder auf Kaperfahrt geht? Nur eine Verlegung auf Galeeren, als Rudersklave, käme den Forderungen der Tunesier entgegen, ohne dass man ihn freilassen muss. Natürlich nur unter der Bedingung, dass eine Flucht unmöglich ist, und dass er nicht bei der nächsten Seeschlacht von den Seinen befreit wird.

Der Oberste Rat der Inquisition billigt die Verlegung auf ein Schiff. Doch ein weiteres Jahr vergeht, und nichts bewegt sich. Der Italienrat, die spanische Regierungskommission, die sich mit dem Vizekönigreich in Süditalien befasst, zögert und gibt zu bedenken, dass schon vor einem halben Jahrhundert, seit der Zeit Philipps II., empfohlen wurde, die gefangenen Rais an sicheren Orten zu bewachen, zum Beispiel in Festungen im Hinterland, niemals aber auf Schiffen, von denen es tausend Fluchtmöglichkeiten gibt. Ihn auf Galeeren zu schicken, statt in den Kerker oder aufs Schafott, hieße außerdem, ihn als Türken anzuerkennen. Das hatte er immer geschworen, und es wäre |166|ein, wenngleich bitterer, Sieg für den Korsar. Für die Inquisitoren, die Jahre gebraucht haben, um ihn anzuklagen, dagegen eine schwer erträgliche Lösung. Vom doktrinären Standpunkt aus ließe sich der Fall nur befriedigend abschließen, wenn Ali sich mit seinem christlichen Glauben versöhnt, also die Rückkehr in die Herde vollzieht. Andernfalls würde er hocherhobenen Kopfes das Gefängnis verlassen und sich stolz zwischen die Ruderer setzen, ein Türke unter Türken.

Zuletzt wird in Anbetracht der Einzigartigkeit des Falles trotzdem beschlossen, ihn auf ein Schiff zu bringen, später kann man ihn ja immer noch in irgendeiner gut bewachten Festung einsperren. Auch der König von Spanien gibt seine Einwilligung. Nun steht der Verlegung auf eine Galeere nichts mehr im Weg. Doch ausgerechnet von diesem Moment an verliert sich alles im Dunkeln.

»Was soll das heißen, im Dunkeln?«, fragte ich.

»Die Einwilligung des Königs von Spanien kam 1634«, antwortete der Statthalter. »Aus unbekannten Gründen ignorierten die Inquisitoren, deren Gerichtsbarkeit der Gefangene untersteht, sogar den Willen des Königs, und nichts bewegte sich bis zum Jahr 1640, also vor sechs Jahren.«

In diesem Jahr drängt der Erzbischof von Palermo wieder darauf, den Korsar gegen den in Tunis gefangenen sizilianischen Priester auszutauschen, der ihm so sehr am Herzen liegt. Zwei weitere Jahre vergehen, der Oberste Rat der Inquisition schließt sich den sizilianischen Kollegen an und vereitelt die Verlegung auf ein Schiff. Vielleicht fürchtet er, dass jemand heimlich die Flucht des Gefangenen vorbereitet?

»Von diesem Moment an, also vor vier Jahren, hat niemand mehr gewusst, wo er sich befand«, schloss der Statthalter. »Einige sagen, er sei noch immer im Gefängnis, andere wähnen ihn aufgrund einer dringlichen Verfügung des Königs von Spanien in Ketten auf einer Galeere im Golf von Neapel. Manche beteuern, sie hätten ihn in einer kleinen Festung im Gebirge mitten in Sizilien gesehen, andere haben sichere Beweise, dass er unter falschem Namen nach Spanien gebracht wurde. Es gibt auch Gerüchte, er sei erkrankt, und da er bald sterben werde, habe man ihn seinen Korsaren zurückgegeben, damit er wenigstens in |167|der Heimat sterben könne, was den Zorn des Regenten von Tunis hoffentlich ein wenig dämpfen werde.«

Doch das sei alles nicht wahr, sagte der Statthalter. Die Wahrheit, die sich hinter allzu vielen politischen Interessen verstecke, hätten wir mit eigenen Augen feststellen können: Ali Rais, der Ferrareser, war wieder auf Kaperfahrt als Korsar. Wir und die auf der Karacke angeketteten französischen Matrosen seien die Zeugen.

»Ihr werdet mich fragen: Wie hat er das gemacht? Ich sage euch: Es ist ein Geheimnis, das von einem weiteren Geheimnis umgeben wird, das sich wiederum in einem Geheimnis verbirgt, und alle zerbrechen sich darüber die Köpfe, hahaha!«

Der Barbareske lachte ein hässliches Lachen und blähte die Brust auf, um Atem zu holen. Das anstrengende Rudern auf diesem verfluchten Boot reiße an seinen Gliedern, fluchte er.

»Und ich kann euch versichern«, fügte er hinzu, »dass er nicht einmal mir, der ich ihn besser kenne als die Haare auf meinem Bauch, je verraten hat, wie er in sein früheres Leben zurückkehren konnte. Es heißt, eines schönen Tages sei er urplötzlich aus dem Nichts auf dem Marktplatz von Tunis aufgetaucht, in der Hand eine Tasche voller Goldmünzen und den Befehl des Regenten, eine Rudermannschaft zu rekrutieren, um eine Karacke auszurüsten, und zwar genau das Schiff, das ihr heute gesehen habt.«

Und langsam verbreitete sich von Livorno bis Toulon, von Malta bis Cadiz das Gerücht, der große Ali Ferrarese, einer der schrecklichsten Barbareskenführer aller Zeiten, habe wieder begonnen, zwischen Tunis, Neapel und Frankreich auf Kaperfahrt zu gehen und mache noch größere Beute als früher.

Außer den Inquisitoren, die ihn jahrelang eingeschlossen hielten, hätte ihn mittlerweile niemand mehr mit Sicherheit wiedererkennen können, und Bildnisse gab es keine. Die Zeugen beschrieben ihn als einen Mann in mittleren Jahren, kräftig, jedoch nicht groß, von feurigem Temperament, mit einem roten Bart und heller Haut, vermutlich Linkshänder, denn er schlug die Christen immer mit der linken Hand.

Wie hatte Ali Ferrarese es fertiggebracht, in die Freiheit zurückzukehren? Dies war das letzte und am tiefsten verborgene Geheimnis, das niemand ergründen konnte außer einigen Männern aus den höchsten Rängen der spanischen Inquisition, einem oder zwei zuverlässigen sizilianischen Inquisitoren, dem spanischen Vizekönig von |168|Neapel, dem König von Spanien und wahrscheinlich dem Regenten von Tunis.

»Verflucht, eins schwöre ich: Wenn er mir eines Tages sein Geheimnis anvertraut und mir erlaubt, es zu verbreiten, werde ich ein Buch darüber schreiben.«

»Ein Buch?«, fuhr Hardouin erstaunt auf.

»Ja, ein Buch. Wenn ich es nicht allein schaffe, werde ich es jemandem diktieren, der besser schreiben kann als ich. Und auf eins könnt ihr wetten: Alis Geschichte wird die Menschen noch in dreihundert Jahren in Erstaunen versetzen, ich bin sogar sicher, dass …«

Kemal wurde von Pasqualini unterbrochen, der das Ruder losgelassen, eine Hand ins Wasser getaucht hatte und wie von einem Skorpion gestochen aufgesprungen war.

»Seht her!«, rief er, mit triumphierender Gebärde einen großen, tropfnassen Zweig durch die Luft schwenkend.

Wir betrachteten ihn erstaunt, ohne recht zu wissen, was wir aus dieser Entdeckung schließen sollten. Nur Kemal begriff:

»Das ist der Zweig einer Pflanze mit vielen Beeren. In der Nähe ist Land«, verkündete er.

Das Mysterium der Zeit
titlepage.xhtml
cinnertitle.html
cimprint.html
caboutBook.html
caboutAuthor.html
cnavigation.html
ctoc.html
c4.html
c5.html
c6_split_000.html
c6_split_001.html
c7.html
c8.html
c9.html
c10.html
c11.html
c12.html
c13.html
c14.html
c15.html
c16.html
c17.html
c18.html
c19.html
c20.html
c21.html
c22.html
c23.html
c24.html
c25.html
c26.html
c27.html
c28.html
c29.html
c30.html
c31.html
c32.html
c33.html
c34.html
c35.html
c36.html
c37.html
c38.html
c39.html
c40.html
c41.html
c42.html
c43.html
c44.html
c45.html
c46.html
c47.html
c48.html
c49.html
c50.html
c51.html
c52.html
c53.html
c54.html
c55.html
c56.html
c57.html
c58.html
c59.html
c60.html
c61.html
c62.html
c63.html
c64.html
c65.html
c66.html
c67.html
c68.html
c69.html
c70.html
c71.html
c72.html
c73.html
c74.html
c75.html
c76.html
c77.html
c78.html
c79.html
c80.html
c81.html
c82.html
c83.html
c84.html
c85.html
c86.html
c87.html
c88.html
c89.html
c90.html
c91.html
c92.html
c93.html
c94.html
c95.html
c96.html
c97.html
c98.html
c99.html
c100.html
c101.html
c102.html
c103.html
c104.html
c105.html
c106.html
c107.html
c108.html
c109.html
c110.html
c111.html
c112.html
c113.html
c114.html
c115.html
c116.html
c117.html
c118.html
c119.html
c120.html
c121.html
c122.html
c123.html
c124.html
c125.html
c126.html
c127.html
c128.html
c129.html
c130.html
c131.html
c132.html
c133.html
c134.html
c135.html
c136.html
c137.html
c138.html
c139.html
c140.html
c141.html
c142.html
c143.html
c144.html
c145.html
c146.html
c147.html
c148.html
c149.html
c150.html
cfootnotes.html