Als wir von unserer zweiten Reise nach Paris zurückgekehrt waren, bin ich nach Rom gefahren. Ich habe jemanden besucht, dem ich seit jener Nacht, in der ich Naudés Geständnis gehört hatte, ein paar Fragen stellen wollte. In der Hundstagehitze eines Augustmittags betrat ich eine schöne Villa auf dem Monte Mario, und dort, im gnädigen Schatten einer Weinlaube, zu deren Füßen sich ganz Rom erstreckte, traf ich einen alten, einsamen, in einen Weidensessel versunkenen Mann: Gian Vittorio Rossi, genannt der Eritreer. Die giftigste Feder der Schöpfung, wie Naudé ihn genannt hatte.
Er war es, der in Köln die Pinakothek veröffentlicht hatte, eine Galerie pikanter Porträts über verstorbene Persönlichkeiten des römischen Hofes, unter denen sich neben dem Arzt Trouiller, eines Mitglieds der Deniaisez, auch Bouchard befinden musste. Freilich hatten Naudé und Cassiano den Nuntius von Köln, Monsignore Fabio Chigi, dazu bewegen können, das Werk ohne das Kapitel über Bouchard erscheinen zu lassen. Wie du dich erinnern wirst, hatte die Sünde des Eritreers in den Augen der Deniaisez darin bestanden, Bouchards schmutzige Tagebücher unerwähnt zu lassen, obwohl Cassiano sie ihm gezeigt und sogar hatte kopieren lassen, weil er hoffte, das Andenken Bouchards damit höchst wirkungsvoll zu zerstören.
Warum hatte der Eritreer in seiner Porträtgalerie die obszönen Tagebücher |729|Bouchards nicht erwähnt? Das hattest du schon Naudé gefragt, aber er hatte dir trocken geantwortet, er wisse es nicht.
»Das Kapitel über Bouchard wurde nie veröffentlicht. Von wem habt Ihr den Inhalt erfahren? Und warum interessiert Euch diese alte Geschichte?«, fragte der Alte mich misstrauisch.
»Ich stelle im Auftrag des Cavaliere Girolami Sozzifanti, Kapitän der Marine des Ordens Santo Stefano, dessen Secretarius ich bin, Nachforschungen über den Cavaliere dal Pozzo an.«
Und hier, Atto, muss ich dir ein weiteres kleines Geständnis machen: Cassiano dal Pozzo war Cavaliere von Santo Stefano, sogar schon im zarten Alter von elf Jahren, da er ein Neffe des Erzbischofs von Pisa ist, welcher innerhalb der Marine des Ordens Santo Stefano die sogenannte »Commenda Puteana« eingerichtet hatte. Ihr Name ist die lateinische Übersetzung des Nachnamens dal Pozzo: a puteo. Das ist keine große Offenbarung, ich weiß, aber du musst wissen, dass Cassiano dal Pozzo in den letzten Jahren nicht sämtliche erwünschten Beförderungen und Pfründe erhalten hat, und daran sind einige mit großer Sorgfalt geknüpfte Beziehungen zwischen der Marine der Cavalieri von Santo Stefano und der Päpstlichen Marine, die von derselben bis zu Seiner Heiligkeit reichten, nicht ganz unschuldig. Ich brauche dir nicht zu sagen, warum diese Beziehungen ihren Weg nicht über den Großherzog der Toskana nahmen, oder? Und ich denke, du kommst von selbst darauf, warum der bescheidene, unbekannte Secretarius, der diese Beziehungen knüpfte und die Siegel unseres Ritterordens daruntersetzte, sich nicht einmal für würdig hielt, mit seinem Namen zu unterschreiben …
Der Eritreer musterte mich lange, dann lächelte er.
»Dieses Reisetagebuch war echt. Bouchard selbst gab es mir zu lesen«, verriet er mir aus seinem Weidensessel heraus.
Mir kam der Gedanke, dass er vielleicht all diese Jahre hier gewartet hatte, bis endlich jemand kam und ihm diese Frage stellte.
»Also war es nicht gefälscht?« Überwältigt von heftig widerstreitenden Gefühlen, wie selten in meinem Leben, konnte ich kaum mehr sprechen.
Auch Naudé hatte dir in jener Nacht auf Gorgona geantwortet, dass Cassiano und die anderen Deniaisez weit Schlimmeres mit dem Tagebuch angestellt hatten als es einfach nur zu fälschen. Und er hatte auf Potier angespielt, einen französischen Arzt und Freund von Cassiano, |730|der aus Bologna angereist war. Aber als du ihn um Erklärungen gebeten hattest, war er ausgewichen.
»Bouchard hatte dieses Tagebuch viele Jahre vor seinem Tod geschrieben, gleich nach seiner Ankunft in Rom«, hub der Eritreer an. »Im ersten Teil erzählt er seine Reise von Paris nach Rom im Jahr 1631, der zweite Teil erinnert an die Reise, die er 1632 von Rom nach Neapel unternahm, um sich dort auf Anraten seiner Ärzte von einer Krankheit heilen zu lassen. Dieser Teil war eine glänzend geschriebene Abhandlung voll präziser Beobachtungen der volkstümlichen Sitten und Gebräuche, das Werk eines jungen Mannes von heiterer Ironie und scharfem Blick, der alles zu kommentieren wusste, dessen Beobachtungsgabe nichts entging. Die begeisterte Schilderung ländlicher Gepflogenheiten und die Freude über das milde Klima und den Reichtum der Natur gingen stets mit einer beißenden Kritik an Unwissenheit, Ungerechtigkeit, Missständen in der Verwaltung und der Intoleranz der Menschen einher. Das Ganze wurde hinter der Maske des Orestes erzählt, dem Alter Ego Bouchards, von dem der Autor unterhaltsam in der dritten Person spricht. Nichts war erfunden. Als ausgezeichneter Philologe hatte Bouchard sich damit begnügt, von dem, was er gesehen hatte, auf die saftigste, lebendigste Art und Weise zu berichten. Von den erotischen Delirien, derentwegen diese Tagebücher berühmt geworden sind, gab es keine Spur.«
»Ich verstehe nicht.«
»Seid Ihr wirklich noch immer nicht drauf gekommen?« Grinsend zeigte der Alte seinen zahnlosen Mund. »In jener Nacht auf dem Platz vor Sankt Peter wollten sie sich Bouchards für immer entledigen. Während sein bluttriefender Leichnam noch auf dem Pflaster vor der Basilika lag, hätten sie seine Wohnung gestürmt und alle unbequemen Aufzeichnungen, seine Studien, seine Entdeckungen verschwinden lassen. Aber es ist schiefgegangen. Mein Freund – denn wir waren Freunde, wisst Ihr? – hat nach dem Überfall sogleich Verdacht geschöpft und Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Natürlich ging Cassiano schon bald wutentbrannt zu diesem Trottel Gabriel Naudé, doch vergeblich. Seine langen Besuche bei Bouchard nutzte Cassiano, um die Wohnung von oben bis unten zu durchwühlen, während Bouchard erschöpft auf seinem Bett einschlief. Das, wonach er suchte, fand er jedoch nicht: jene geheimen Forschungen, zu denen Bouchard durch die geplante Synkellos-Ausgabe angeregt wurde. Alles, was sich nach |731|dem Attentat außer dem Synkellos selbst, von dem natürlich auch die Barberini wussten, noch in Bouchards Zimmer befand, waren wertlose Aufzeichnungen und jenes unschuldige Reisetagebuch. Dal Pozzo packte Naudé also eines Tages am Kragen und drohte ihm: Sollte er Bouchard das Versteck der Notizen über seine geheimen Forschungen nicht entlocken können, würde dal Pozzo dafür sorgen, dass Naudé es bitter bereute.«
»Woher wisst Ihr das?«
»Naudé selbst hat es mir gestanden, als er mich Jahre später auf der Rückkehr von einer Reise nach Neapel besuchte. Damals war er bereits Bibliothekar von Kardinal Mazarin und reiste kreuz und quer durch Europa, um Bücher für ihn zu suchen, wie er es heute noch tut. Die Reue fraß ihn schier auf … Aber wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Naudé versuchte, Cassiano begreiflich zu machen, dass er nicht wusste, wie er es anstellen sollte, Bouchard Informationen zu entlocken. Denn Bouchard vertraute ihm nicht mehr. Schließlich musste dieser Knabenaufreißer dal Pozzo – ein Päderast wie Naudé, was Euch vielleicht nicht bekannt ist – Naudé glauben.
Da kam ihm die Idee, das Reisetagebuch ins Spiel zu bringen. Es ist typisch für dieses gottverfluchte Pack, jemanden ausgerechnet mit den Lügen zu zerstören, die er sein Leben lang bekämpft hat. Dieses Gesindel liebt es, alle Wahrheiten in ihr Gegenteil zu verkehren. Immer. Darum lassen sie sich ja auch von hinten nehmen. Oder wühlen selbst in der Scheiße anderer, wenn Ihr das vorzieht.«
Der Eritreer wird seinem üblen Ruf gerecht, dachte ich.
»Ihr werdet mir meine Offenheit verzeihen«, sagte er und hob den fuchsschlauen Blick zu mir auf. »Es ist eine tödliche Tugend, müsst Ihr wissen. Bouchard ist daran gestorben.«
»Ich glaube nicht, dass ich Euch folgen kann«, murmelte ich.
»Cassiano dal Pozzo und die Du Puy, seine Auftraggeber, fühlten sich von Bouchard verhöhnt«, erklärte der Eritreer, »denn allen Übereinkünften der Starken Geister zum Trotz hatte er sich in den Kopf gesetzt, die Wahrheit zu verfolgen, und zwar genau jene Wahrheit, die die Starken Geister um jeden Preis zu verbergen trachteten.«
Doch jetzt wussten sie nicht, was sie tun sollten. Ein zweiter Überfall ließ sich nicht organisieren: Der Papst hatte sogar Galeeren bewaffnen lassen, um den Botschafter nach Frankreich zurückzuschicken, falls keine Entschädigung für das Attentat angeboten wurde. Vor |732|allem aber hätte es keinen Sinn gehabt. Denn wo waren Bouchards Papiere? Wem hatte er sie überlassen? Wer würde sie eines Tages ans Licht bringen? Die Leute, die Bouchards Tod beschlossen hatten, wollten zwei Dinge sicherstellen: dass er seine gefährlichen Forschungen beendete und dass seine Papiere vernichtet wurden.
»Bald stand jedoch fest, dass Bouchard sie irgendwo versteckt haben musste«, sagte der Alte, »oder schlimmer noch, jemandem anvertraut hatte, der sie eines schönen Tages veröffentlichen sollte. So wurde die teuflische Idee geboren, Bouchards Glaubwürdigkeit zu zerstören.«
»Und wie?«
»Indem man das Tagebuch veränderte.«
»Also ist es doch gefälscht«, beharrte ich. »Oder zumindest Teile davon.«
»Nein, das durften sie nicht tun.«
Seit seiner Reise nach Neapel, erklärte der Eritreer, war Bouchard eng mit Marco Aurelio Severino befreundet, einem neapolitanischen Arzt und Fachmann in einer sonderbaren Disziplin: der literarischen Divination oder auch der Kunst, zu erkennen, ob eine Handschrift echt oder nachgeahmt war. Er hatte auch ein Buch darüber geschrieben: das Vaticinator, sive tractatus de divinatione letteraria.
»Cassiano wusste, dass Severino, war die Nachricht von der Entdeckung jener verwerflichen Tagebücher erst einmal bis nach Neapel gelangt, unverzüglich nach Rom aufbrechen würde, um sie zu untersuchen. Die Barberini hätten ihm mit Freuden den Weg geebnet. Und wahrscheinlich hätte er eine falsche Handschrift in diesen Tagebüchern sofort erkannt. Tatsächlich kam es genau so, wie Cassiano vorausgesehen hatte. Als sich nach dem Tod Bouchards die Nachricht vom Fund jener Tagebücher voll unzüchtiger Einzelheiten verbreitete, reiste der gute Marco Aurelio Severino prompt nach Rom und bat die Barberini, ihm Einsicht in die Bücher zu gewähren. Doch er musste verlegen und bedauernd feststellen, dass die Handschrift wirklich Bouchard gehörte. Diese mit jeder Art Scheußlichkeiten gespickten Seiten waren echt.«
»Echt? Aber wie haben sie das fertiggebracht? Verzeiht mir, aber ich finde mich nicht mehr zurecht«, stammelte ich, mich an der Stirn kratzend.
»Fürst Virgilio Cesarini, der ein Mitglied der Accademia degli Umoristi war wie Cassiano«, begann die Erklärung des Eritreers, |733|»empfahl der Accademia dei Lincei im Mai 1621, Cassiano in ihre Reihen aufzunehmen, denn er sei ›unter Gelehrten für seine Findigkeit in der chemischen Wissenschaft sehr bekannt und hat enorme Ausgaben auf sich genommen, um viele Geheimnisse der Natur zu entdecken‹.«
»Worauf spielt Ihr an?«
»Ich spiele auf gar nichts an. Klarer geht es doch nicht. Aber ich werde Euch noch mehr sagen. Habt Ihr je von dem De Occulta Philosophia des Agrippa von Nettesheim gehört, darin gelehrt wird, wie man jemanden mit den Augen verzaubert und gefügig macht? Und von den Experimenten des Paracelsus über den Magnetismus der Hände? Und von der Iatrochemie?«
»Diese letzte kenne ich«, sagte ich, »das ist die Medizin des Paracelsus.«
»Genau. Die Accademia dei Lincei ist eine wissenschaftliche Akademie, die Paracelsus Lehren folgt. Wie auch Cassiano seit dreißig Jahren. Der hochgeschätzte Commendatore hat Mediziner in fast allen Ländern Europas brieflich miteinander in Kontakt gebracht, um die Iatrochemie zu verbreiten. Einer von ihnen, Pietro Castelli, der bis vor etwa zehn Jahren in Rom Seite an Seite mit unserem Cassiano zusammengearbeitet hat, behauptet, dass man durch die Verabreichung von Säuren jeden Vorgang im menschlichen Körper beherrschen und steuern kann.«
Im Lauf der Zeit, fuhr der Eritreer fort, wurden die Besuche des Commendatore bei Bouchard immer häufiger. Er begann, einen Arzt aus Bologna mitzunehmen, einen gewissen Potier oder Poterius, seit vielen Jahren ein Freund der Familie Cassianos. Potier war ebenfalls ein Anhänger von Paracelsus, er hatte einen Traktat über spagyrische Arzneien veröffentlicht und war außerdem dafür bekannt, bei den unterschiedlichsten Krankheitssymptomen Präparate auf der Basis von Antimonsalzen zu verabreichen, allen voran das »antithetische Remedium«, eine Mischung aus Antimonoxyd und Zinn, dessenthalben man ihn, wie es hieß, sogar aus der Universität in Paris gejagt hatte.
»Ihr könnt Euch vorstellen, warum«, sagte der Eritreer lachend. »Wer weiß, wie viele arme Unglückliche er auf dem Gewissen hat. Vor allem aber munkelte man, dass dieser Potier gelernt habe, seine Augen zu gebrauchen, um gefügig zu machen, wie Agrippa von Nettesheim.«
Acht Tage nach dem Überfall, die er im Bett verbracht hatte, waren Bouchards Kopfwunden eigentlich fast verheilt, erklärte der Eritreer. |734|Der Arzt der Barberini hatte festgestellt, dass die Verletzungen nicht lebensbedrohlich waren. Die Blutung war sogar Bouchards Rettung gewesen, weil sie die Bildung des Hämatoms verhindert hatte. Doch der arme junge Mann litt unter sonderbaren Schwindelanfällen, die in den nächsten Tagen nicht abklangen, sondern zunahmen. Ohnehin fürchtete er, früher oder später wieder Opfer eines Attentats zu werden. Also schrieb er Kardinal Barberini, er habe durch einen anonymen Informanten erfahren, dass der französische Botschafter plane, ihn innerhalb eines Monats erschießen zu lassen. Das war frei erfunden, aber Bouchard brauchte einen Vorwand, damit er darum bitten konnte, im Apostolischen Palast untergebracht zu werden. Er wollte nicht mehr auf die Straße hinausgehen müssen, um zur Arbeit zu gelangen. Doch ausgerechnet in jenen Tagen verschlechterte sich sein Zustand: Er bekam Fieber und fühlte sich so unwohl, dass er sein Zimmer in der Cancelleria bald gar nicht mehr verlassen konnte.
»Das Unwohlsein und die Fieberanfälle waren keine Folgen des Attentats, sondern die Wirkung der Substanzen, die Potier ihm verabreichte. Bouchard fühlte sich zunehmend verwirrter, er hatte Kopfschmerzen, Brechreiz und immer wiederkehrende Schwindelanfälle. Irgendwann begann er sogar zu delirieren.«
Monatelang versuchten Cassiano und Potier auf alle erdenklichen Weisen, Bouchard das Versteck seiner Papiere zu entlocken, doch vergebens: Sogar unter dem Einfluss des Magnetismus oder der Arzneien nannte ihr Opfer während seiner Delirien immer nur den Namen Bracciolini.
»Was die Befürchtungen der Deniaisez allerdings nur verstärkte, nämlich dass Bouchard bei seinen langwierigen Studien, an denen er niemanden hatte teilhaben lassen, wahrscheinlich auch ein paar unbequeme Entdeckungen gemacht hatte, die mit dem großen Poggio zusammenhingen. Vielleicht hatte er eine seiner Handschriften gefunden, wer weiß. Jedenfalls gab Bouchard trotz der Behandlung, die Potier an ihm vornahm, nicht den geringsten Hinweis auf den geheimen Ort, an dem er seine Papiere versteckt hatte.«
Während der Eritreer erzählte, klopfte mir das Herz wie verrückt in der Brust und ich sagte mir, dass es wahrhaft immer wieder Wunder gibt. In seiner fieberhaften Gier nach den Forschungsergebnissen Bouchards hatte Cassiano nicht begriffen, dass der Name Bracciolini, den der unglückliche junge Mann im Delirium aussprach, sich nicht auf |735|den berühmten Poggio bezog, der zwei Jahrhunderte zuvor gelebt und jene von den Deniaisez verehrten Werke fabriziert hatte, sondern auf Francesco, den Dichter und Secretarius der Barberini, dessen Arbeitsplatz wenige Meter von ihm entfernt lag. Ihm hatte Bouchard seine Papiere anvertraut. Die himmlische Barmherzigkeit musste einen Engel geschickt haben, um Ohren und Geist von dal Pozzo in Nebel zu hüllen. Vielleicht hatte Francesco Bracciolini, von Cassiano befragt, aber auch Verdacht geschöpft und es vorgezogen, den Unwissenden zu spielen.
»Zuletzt gelangte dal Pozzo sogar zu der Überzeugung, dass es diese Papiere gar nicht geben konnte und schrieb das den Du Puy in Paris. Doch diese ließen nicht locker, ja sie heckten daraufhin sogar den teuflischsten aller Pläne aus.«
Eines Tages hörten die Besuche des Commendatore auf, stattdessen kam Potier nun täglich. Jetzt hatte er zwei Gehilfen dabei, muskulöse Kerle, die niemand kannte, und von denen man nach Bouchards Tod nie wieder etwas hörte und sah. Das Trio steckte ihm die Schreibfeder in die Hand und zwang ihn Tag für Tag, ganze Seiten des alten Reisetagebuchs neu schreiben, um es durch Bouchards eigene Hand in jene schändlichen Geständnisse zu verwandeln, von denen die ganze Welt nach seinem Tod erfahren sollte.
»Der vornehme Cavaliere und Commendatore dal Pozzo hütete sich wohl, an diesen Sitzungen teilzunehmen. Er war Kammerherr der Barberini und erwartete die nächste Beförderung. Also konnte er sich nicht die Hände schmutzig machen. Und er durfte sich nicht mehr bei Bouchard blicken lassen. Selbst wenn Nachrichten über das Abscheuliche durchsickerten, was dem Ärmsten angetan wurde, würde niemand behaupten können, hinter der Unternehmung stecke er, der Fürst der römischen Gelehrten. Dennoch war es Cassiano, der vorgab, was der Arzt und seine zwei Schergen dem armen Opfer in die ausgetauschten Seiten diktierten.«
Potier habe allerdings nicht direkt dal Pozzo unterstanden, präzisierte der Eritreer, sondern derselben Gruppierung, der auch Cassiano gehorchen musste.
»Den Du Puy, der Tetrade, Elia Diodati«, vermutete ich.
»Ich sehe, dass Ihr gut informiert seid, doch lasst die Tetrade beiseite. Ein Kreis, dem dieser Trottel Naudé angehört, kann nur eine Spielfigur in den Händen anderer sein, nämlich Diodati und den Du Puy.« Der Alte lächelte mit halb geschlossenen Augen. »Diodati und |736|die Du Puy haben Potier befohlen, auch den Namen von Cassiano in die Tagebücher einzufügen, mit dem Zusatz, dass er ein allié von Orestes war, also sein ›Verbündeter‹.«
»Sein Verbündeter?«
»Sein Gefährte bei sodomitischen Spielchen, Signore, wie jedermann sofort versteht, der das geheime Idiom der Päderasten kennt. Und so sah Cassiano sich, wie Naudé, in die widerwärtigen Techtelmechtel verstrickt, von denen die Tagebücher erzählen.«
»Die Brüder Du Puy und Elia Diodati müssen sehr mächtig sein.«
»Auch sie sind Sklaven, was glaubt Ihr denn. Der eine ist Sklave des anderen, und alle miteinander sind sie gekettet an ihre gottlose Bande der Starken Geister, der Deniaisez, die Gruppe der Erhabenen oder der Verrückten, was dasselbe ist.«
Die Worte des Alten erinnerten mich an die impia cohors, die gottlose Bande in Bouchards Aufzeichnungen.
»Wisst Ihr, was aus der Arbeit über Synkellos geworden ist? Ich weiß, dass Bouchard sie den Barberini hinterlassen hat, also wird sie in den Händen ihres Bibliothekars, jenes Lukas Holste sein, ebenfalls einer der Deniaisez.«
»Aha, Ihr kennt diesen ketzerischen Deutschen aus Hamburg also bereits. Es war Peiresc, der ihn überredete, pro forma zum Katholizismus zu konvertieren, denn er wollte ihn benutzen, um im Schoß der heiligen Mutter Kirche Ränke zu schmieden. Und das ist ihm sehr gut gelungen. In Bouchards Tagebücher wurden auch Hinweise auf Holste eingefügt, damit man außer Cassiano und Naudé auch ihn in Schach halten konnte. Es wird zum Beispiel erzählt, dass sein Page am Weihnachtstag ein Mädchen entjungfert hatte. In Wirklichkeit ist das eine Metapher für das blasphemische Treiben, das diese Leute zu Weihnachten gerne veranstalten, natürlich ohne Frauen … Päderasten sind immer erpressbar, also die idealen Kandidaten für schmutzige Arbeiten. Nehmt Bouchards Studie über Synkellos. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass Holste sie vernichtete. Nein, er hat alles nach Paris an die Du Puy geschickt, das war letztes Jahr.«
»Woher wisst Ihr das?«
»Signore, wenn ich nicht meine Informanten hätte, wie hätte ich dann auch nur eine Zeile meiner drei Bände mit Porträts schreiben können?«
»Den Barberini, die vor Bouchards Tod seine Ernennung zum Bischof |737|von Cagli vorbereitet hatten, erzählte dal Pozzo, dass der arme Mann wegen eines Blutgerinnsels im Kopf leider irreredete, aber Potier alles tue, um Abhilfe zu schaffen. Kardinal Barberini stattete dem Kranken mehrmals einen Besuch ab, und jedes Mal sorgte der Arzt dafür, dass er Bouchard in einem zerrütteten Geisteszustand vorfand, der keinen Zweifel mehr zuließ, und er dem Kardinal raten konnte, von weiteren Besuchen abzusehen, bis es Bouchard besser ging. Von der Bischofswürde war fortan keine Rede mehr. Mein armer Freund, der sich von einer Sitzung zur nächsten an nichts mehr erinnerte, ja sogar an Halluzinationen litt, wurde unruhig und verstand nicht, warum die Ernennung zum Bischof so lange auf sich warten ließ. Durch geschicktes Einflüstern erregte Cassiano in ihm den Verdacht, dass er den Barberini nicht mehr wichtig war. Also schrieb Bouchard einige Briefe voll bitteren Ressentiments gegen die Barberini an dal Pozzo, die der Fürst der römischen Gelehrten flugs herumzeigte, um sich über meinen Freund und seine lächerlichen Ambitionen auf ein Bischofsamt lustig zu machen. Mir hat indessen ein Blick auf diese Briefe genügt, um zu begreifen, dass sie etwas sehr Übles mit Bouchard anstellten. Auf seinen Briefen an Cassiano, wenige Monate vor seinem Tod geschrieben, lautete die Adresse des Absenders Monte Cavallo oder sogar Palestrina. Bouchard hatte Halluzinationen, er glaubte, er habe wieder angefangen zu arbeiten, sei sogar auf Reisen, während er in sein Zimmer im Palazzo der Cancelleria verbannt blieb.«
Zur Sicherheit ließen der Commendatore und sein Arzt die Nachricht verbreiten, Bouchard sei am ganzen Körper geschlagen worden und mehrere lebenswichtige Organe seien verletzt. Denn Cassiano brauchte eine Begründung für den nunmehr beschlossenen Tod Bouchards, der – gut fünf Monate nach dem Überfall – jedem unerklärlich erschienen wäre. Nach einer offensichtlichen Besserung seines Zustands sollte er nun langsam, aber unerbittlich an sein Grab geführt werden.
Die Arbeit an den Tagebüchern ist abgeschlossen. Sie brauchen Bouchard nicht mehr. Oder besser, als Leiche können sie ihn sehr gut gebrauchen. Potier versetzt ihm mit seinen Mittelchen den Gnadenstoß. Der junge Mann deliriert, während er sich im glühenden römischen Sommer schweißgebadet auf seinem Bett hin und her wälzt. Klare Augenblicke, in denen er versucht, den Kontakt zur Außenwelt nicht ganz zu verlieren, sind sehr selten.
|738|»Doch in diesen Momenten der Geistesgegenwart war er zu Tode erschöpft, und Naudé bestätigte mir, dass Bouchard sich nicht an die Schreibarbeit am Tagebuch erinnerte, zu der er unter der Wirkung der Gifte Potiers gezwungen worden war.«
Am 25. August steigt das Fieber so stark, dass die Barberini einen Priester und einen Notar zu ihm schicken. Bouchard macht sein Testament. Zwei Tage später stirbt er.
»Apropos«, unterbrach der Eritreer seinen Bericht, während er den Blick über die Ewige Stadt zu seinen Füßen schweifen ließ. »Wisst ihr, dass just heute genau sechs Jahre seit seinem Tod vergangen sind?«
Ich nickte.
Der Alte sah mich schief an und nickte ebenfalls. Mein Besuch war keine zufällige Koinzidenz der Daten – jetzt hatte er verstanden. Er fragte nicht, warum ich mich außer für Cassiano dal Pozzo auch so sehr für Bouchard interessierte. Er war alt genug, um darauf zu pfeifen. Und ich war sicherlich der Erste und Einzige, der bis hierher auf diesen römischen Hügel gekommen war, um ihn nach dieser alten Geschichte zu fragen.
»Gabriel Naudé wurde von Gewissensbissen zerfressen«, hub er wieder an. »Er fragte Potier noch einmal, ob Bouchard die Interpolation seiner eigenen Tagebücher, zu der man ihn gezwungen hatte, wirklich niemals bewusst gewesen sei. Der Arzt versicherte ihm, dass die magnetische Macht der Augen den Willen aufhebe und zum Gehorsam bewege, ohne dass das Subjekt sich je daran erinnere. Doch eines Tages erfuhr Naudé, dass dies nicht die ganze Wahrheit sein konnte.«
Er war nach Frankreich zurückgekehrt, wo er auf ein Büchlein gestoßen war: Die Klage um das abgekürzte &. Der Verfasser war Marco Aurelio Severino, der das Buch überraschenderweise Cassiano dal Pozzo gewidmet hatte. Cassiano hatte Severino in den Briefwechsel zwischen den Anhängern Paracelsus einbezogen, und der neapolitanische Arzt war inzwischen zusammen mit Castelli und Potier zu einem der Stützpfeiler der Iatrochemie in Europa geworden. Kurze Zeit später erfuhr Naudé, dass der Commendatore Severino sogar damit beauftragt hatte, eine Reihe von graphologischen Porträts bekannter Persönlichkeiten zu erstellen. Während einer seiner Reisen auf der Suche nach Büchern für Kardinal Mazarin besuchte der Bibliothekar Severino in Neapel. Er fragte ihn nach Bouchard, nach seinem Gutachten über das Tagebuch. Severino antwortete, ja, die Handschrift sei im |739|Wesentlichen wirklich Bouchards Handschrift gewesen, doch seiner Einschätzung nach habe Bouchard manche Seiten dieser Tagebücher Jahre später ersetzt, und das müsse er in einem äußerst schlechten körperlichen und geistigen Zustand getan haben, wahrscheinlich nach dem Überfall. Denn seine Schrift bewahre zwar die wichtigsten unverwechselbar eigenen Merkmale, doch auf den anstößigsten Seiten unterscheide sie sich doch sehr vom Rest des Tagebuchs. Dort sei sie ebenmäßig, breit, ruhig und voller Gefühl für die eigene Würde, während sie an den anderen Stellen kritzlig, mühsam, verängstigt erscheine, als wäre Bouchard gewaltsam von anderen gezwungen worden, diese Seiten zu schreiben und habe das unter großem seelischen und körperlichen Druck getan.
Naudé fragte Severino, ob er diese Eindrücke Cassiano dal Pozzo zu dem Zeitpunkt mitgeteilt habe, als er die Tagebücher Bouchards untersuchte. Dieser antwortete, das habe er erst später getan, nachdem er eine Zeitlang gründlich über die Sache nachgedacht hatte, denn eine so beeindruckende Veränderung der Handschrift sei ihm bisher nur sehr selten vorgekommen. Der Cavaliere und Commendatore hatte mit einem überschwänglichen Lob auf die herausragenden divinatorischen Fähigkeiten Severinos reagiert und ihm aufgetragen, eine ganze Reihe psychologischer Porträts unterschiedlichster Persönlichkeiten zu verfassen, die auf einer Analyse ihrer Handschrift basierten. Cassiano versprach ihm, das Werk drucken zu lassen und bezahlte ihn fürstlich, doch dann tat er nichts für die Veröffentlichung.«
»Warum?«
»Versteht Ihr nicht? Dal Pozzo fürchtete, dass Severinos Intuition ihn früher oder später gefährlich nah an die Wahrheit heranführen würde, darum hat er sich seine Freundschaft gekauft. Und der neapolitanische Arzt ist in die Falle gegangen, hat sich zu einem bedingungslosen Bewunderer des unangefochtenen Fürsten der römischen Gelehrten gemacht und sich keine Fragen mehr nach abstoßenden Tagebüchern des mittlerweile verstorbenen Bouchard und seiner zwei unterschiedlichen echten Handschriften gestellt. Dem armen Bouchard war also durchaus bewusst gewesen, was man während jener von Potier verursachten alterierten Zustände mit ihm gemacht hatte! Er muss Höllenqualen erlitten haben! Von wegen Tod durch Stockschläge. Die erzwungene eigenhändige Fälschung seiner Tagebücher und die Gifte Potiers: das hat Bouchard umgebracht.«
|740|»Wenn ich recht verstanden habe, hat Naudé Euch das alles auf seiner Rückreise aus Neapel erzählt, nachdem er mit Severino gesprochen hatte.«
»Genau so ist es.«
»Jetzt berichtet mir von Eurem Kapitel über Bouchard, dessen Veröffentlichung Monsignore Chigi unterband. Cassiano hatte Euch die schmutzigen Tagebücher gezeigt. Warum habt Ihr sie nicht erwähnt?«
»Mein Porträt von Bouchard war nicht gerade zartfühlend, wohlgemerkt, doch der schlimmste Vorwurf, den ich meinem Freund gemacht habe, war, dass ich ihn einen Emporkömmling genannt habe. Ich habe ihn als den Sohn eines Gemüsehändlers ausgegeben, verschwiegen, dass er Philologe ist, und seine Karriere politischen Manövern statt eigenen Verdiensten zugeschrieben. Das ist alles. Natürlich wusste ich, dass das alles Lügen waren, aber was soll ich machen, Signore, mein Publikum will nichts anderes als Klatschgeschichten und pikante Enthüllungen. Und mein Freund war tot. Aber von Päderastie oder dergleichen, Gott bewahre, kein Wort davon. Wollt Ihr wissen warum? Auch ich hatte mit Severino gesprochen, lange vor Naudé. Ich erfuhr von seinen Zweifeln angesichts der Veränderungen von Bouchards Handschrift in jenen Tagebüchern, von den Spuren von Zwang, die Severino auf den obszönen Seiten entdeckt hatte. Und da ich schlauer bin als diese Leute, hatte ich mir schon bald zusammengereimt, was sich hinter all dem verbergen konnte.«
»Ihr habt es also getan, um das Andenken Eures Freundes zu wahren?«
»Ach was. Ich glaube, dass den Toten ihr Ruf herzlich egal ist, Signore. Das sind nur Vorstellungen von uns Lebenden, die diesem dunklen, stinkenden Kellerloch, das wir Welt nennen, viel zu viel Wichtigkeit beimessen. Vielleicht hängen die Seelen im Fegefeuer noch ein wenig an dieser Welt, nach dem zu urteilen, was man sich über sie erzählt, doch wer aus diesem Keller ins Paradies aufsteigen konnte, der scheißt drauf«, schloss der Eritreer mit philosophischer Bissigkeit.
»Warum habt Ihr es dann getan?«
»Ich habe immer noch die Absicht, über diese Tagebücher zu schreiben, aber nicht in einem Porträt Bouchards, sondern in dem eines anderen.« Er grinste verschlagen.
»Was meint Ihr damit?«
|741|»In einem Porträt von dal Pozzo, zusammen mit der ganzen Geschichte, wie er Bouchard ermordet hat. Ich warte nur darauf, dass dieser Päderast krepiert, haha! Aber ich weiß, dass er mir diesen Gefallen nicht tun wird, diese Verkörperung des Teufels. Er ist elf Jahre jünger als ich. Wie Ihr seht, sind meine Aussichten, ihm den Nekrolog zu schreiben, den er verdient, äußerst gering. Doch früher oder später wird es jemand übernehmen. Die Wahrheit ist wie Scheiße: sie kommt immer wieder an die Oberfläche, haha!«
Gian Vittorio Rossi, genannt der Eritreer, starb noch im selben Jahr an einem feuchten Novemberabend 1647. Unvorbereitet entschlief er unter seiner Weinlaube, zu deren Füßen sich ganz Rom erstreckte, ohne dass ihm die Genugtuung zuteilwurde, den ersehnten Nekrolog für den Cavaliere und Commendatore Cassiano dal Pozzo schreiben zu können.