»Seht nur!«, riefst du entsetzt aus und packtest mich am Arm.
Das Gesicht und die Hände des Toten, die wir noch unversehrt vorgefunden hatten, waren innerhalb weniger Minuten zu rieselndem Staub zerfallen wie Sand, der, in einen Trichter geworfen, so schnell darin verschwindet wie Wasser.
Und wir erlebten das Unglaubliche.
Jetzt war das Antlitz von Philos Ptetès nur mehr ein Totenschädel, Hände und Arme waren bis auf die Knochen entblößt, die Haare an den Schläfen nur noch ein dunkler Flaum, der sie kaum bedeckte, die Wangen knochenbleich, und die Lippen zu dem skurrilen Grinsen aller Totenschädel zurückgebildet.
»Oh nein! Was habe ich getan!«
Gabriel Naudé raufte sich die Haare, und in seine Augen trat ein verzehrendes, grausames Entsetzen.
»Ihr habt gar nichts getan, Monsire Naudé, es ist nur …«, versuchte ich zu erklären.
»Oh heiliger Himmel!«, flehte der Atheist Naudé, auf die Knie fallend, »vergebt mir meinen Fehler …«
»Was war das denn?«, fragtest du mit zitternder Stimme, erschüttert von dem teuflischen Anblick, während ich dich tröstend umarmte.
»Das ist die Natur, Monsire Naudé«, sagte ich.
»Die Natur? Was redet Ihr, das ist Magie oder ein Fluch!«, rief er bebend wie Espenlaub, offenbar kurz davor, alles liegenzulassen und zu fliehen.
»Ich kenne das Phänomen. Wenn man einen Sarg nach dem Begräbnis öffnet, ist das Fleisch vertrocknet, aber noch unversehrt. Doch die frische Luft von außen zersetzt es sofort und lässt es zu Staub zerfallen. Manchmal erlauben die Totengräber den Angehörigen eines geliebten Verstorbenen, noch einmal sein Gesicht zu sehen, und öffnen den Sarg. Ein paar Minuten lang betrachtet man noch die Züge im Augenblick des Todes, dann zerfällt alles in wenigen Sekunden. Wie Ihr selbst jetzt gesehen habt.«
Nachdem die Schrecksekunde vorbei war, öffnete Naudé bleich wie ein Bettlaken das Bündel Papiere.
|462|Es war eine Fülle unterschiedlichster Handschriften, doch keine Literatur: es handelte sich um notarielle Urkunden, Testamente, Auszüge aus dem Grundbuch, Überschreibungen von Grundeigentum und Weinbergen. Außerdem Prozessakten, Anzeigen, Scheidungsgesuche bei der Römischen Rota, Zeugenaussagen, Gutachten, Beschwerden, Eingaben, Klageschriften, Promemoria. Überall tauchten die Namen eines gewissen Ariodante Pizziconi und einer Jacopa Filippucci mit Beweisführungen und Gegenbeweisen von vier oder fünf Anwälten auf, die einander aufs Übelste in den Haaren lagen.
Alle drei wühlten wir im schwachen Lichtschein der Öllampe in diesem langweiligen Papierkram. Er erzählte das Leben eines Mannes, des armen Ariodante, der bis zum letzten Tag seines Lebens bemüht gewesen war, seine Besitztümer vor dem Zugriff der Schwägerin Jacopa und ihrer Schwester Lucinda, seiner Gemahlin, zu schützen.
»Hier, endlich!«, sagtest du schließlich.
»Was? Ein Gedicht? Ein Traktat? Epigramme?«, fragte Naudé ängstlich. Noch wollte er sich nicht damit abfinden, sich an eine Leiche gewandt zu haben, die zwar äußerst erfahren in Eigentumsstreitereien und Rechtssachen schien, mit der Literatur aber zeit ihres Lebens nie in Berührung gekommen war.
»Nein, Monsire Naudé«, antwortetest du höflich. »Ich meinte, ich habe, glaube ich, das wichtigste Dokument gefunden.«
Du entrolltest ein Blatt vor uns, das mit einer zittrigen, unregelmäßigen Handschrift beschrieben war, als sei es unter dem Einfluss eines heftigen Gefühlsaufruhrs verfasst:
AN MEINE SCHWÄGERIN, DIESE HURE
Ekle Vettel, stinkendes Ungeheuer,
Kommst bis in mein Grab gekrochen.
Doch unterm Arsch macht er dir Feuer,
Den du hier siehst als Haut und Knochen.
Gift hast du mir in den Teller getan.
Am Busen nährt ich das Natterngezücht.
Auf Erden wirst du leiden in deinem Wahn,
Elendiglich enden beim Jüngsten Gericht.
|463|Für mein Geld ward das Heil deiner Seele zunichte,
Die Gott dir schon schwärzte als du geboren
Und das Spiel gegen Kataster und Gerichte
Hast durch eigne Schuld du verloren.
Deine Schwester und du, diese Krakenbrut,
Um alles wolltet ihr mich betrügen.
Doch eure Schliche zielten nicht gut.
Jetzt muss mein Gerippe euch genügen.
Den ruhmreichen Gianni Schicchi ehrt
Der köstlichste Streich meiner Erdentaten.
Jetzt, wo meine Ruhe ewig währt
Bleiben euch nur noch Krümel vom Braten.
Nicht mal ein halbes Ringlein lass ich euch,
Alles kriegen die Neffen im Orden still.
Nun lest noch brav das Kodizill,
Das Nachsehen habt ihr und werdet niemals reich.
Teure Jacopa, das Gedicht hat dir gefallen, nicht wahr? Denk nur, ich hab’s mir von einem sehr gelahrten und echten Dichter aus Fiorenza machen lassen, und hab ihm einen Batzen Geld gegeben dafür, aber war die Sache ein Riesengaudi für mich, denn nun kriegst du nichts von meinem Erbe, was ich deiner Schwester gelassen, aber ist sowieso dasselbe, weil ihr beide seid zwei Kraken mit einem Kopf, nämlich deinem.
Wie du siehst, hab ich dich reingelegt, das soll dir eine Lehre sein, mir jeden Tag meines armen Lebens auf den Sack zu gehen und mich andauernd mit allen streiten zu machen, sogar mit Lucinda, meiner Frau und deiner Schwester, und deine Nase in all meine häuslichen Angelegenheiten zu stecken, und dir jeden Tag das Mittag- und Abendessen bei mir zu erschleichen, zusammen mit diesem dreckigen, verschwitzten Säufer Curtisi, wo sagt, er wär Tischler in der Neuen Welt gewesen, dabei riecht man meilenweit gegen den Wind, dass er aus dem Kerker gekommen. Und weil ich dich jedes Mal, wenn du’s verdient hast, in den Arsch getreten hab, also immer, hast du mir am Ende aus Rache Gift in die Kastaniensuppe getan, weil ich weiß genau, dass du es warst, die mich mit irgendeinem Kraut von den Vetteln aus deinem Dorf hast verrecken lassen, |464|nemlich in Poppi, und da hast du dir das Kraut geholt und vorher hast du womöglich noch irgend so eine Hexerei mit dem bösen Blick gegen mich gemacht, wie du’s immer bei allen getan hast, die du nicht leiden konntest, oder die dir nur mal ein einziges falsches Wort gesagt haben, aber die Sache ist nach hinten losgegangen für dich, denn als der Medicus mir gesagt hat, dass ich wahrscheinlich vergiftet ward und muss vielleicht sterben, da hab ich alle Juwelen und alles Gold und die Rubine und Edelsteine und das Geld auf der Bank von San Giovanni und die Mühlen in Signa und das gute Maultier, das einen Haufen Geld wert ist, und das große Haus in Florenz, all das hab ich meinen Neffen hinterlassen, die wo Klausurmönche in Sizilien sind, wenn du also wieder mit Advokaten gegen mich vor Gericht ziehn willst, wie du’s schon hundertmal gemacht hast, musst du bis nach Sizilien gehn, und dafür brauchst du mindestens zwei Wochen und hoffentlich krepierst du unterwegs.
Und weil meine Neffen mir höchlichst dankbar sind, haben sie mir diese Mönchskutte geschickt, die hat eine Nonne von ihrem Orden genäht, und sie sagen, ich bin gewiss sehr fromm und hab eine gute, heilige und reine Seele, und wenn ich sterbe, soll ich dieses Gewand anziehn und den Rosenkranz in Händen halten, dann komm ich nemlich viel schneller und ohne große Umstände ins Paradies.
Wo du aber eine Schnüfflerin bist, bin ich ganz sicher, dass du einen Richter um Erlaubnis bitten wirst, dies Grab öffnen zu dürfen, dass du wenigstens das Geld und die Juwelen findst, aber da werden nur diese Zeilen sein, die ich dir grad schreibe, und ich hoffe, sie lassen dich platzen vor Wut, aber jetzt nenn ich dich auch noch dreckige Hure, du stinkst aus dem Mund und bist es wert, zu verbrennen wie Holz oder ein Pinienzapfen, und bist eine Kröte und keinen Heller wert, verstanden? Schade, dass du jetzt, wo ich sterbe, nicht vor mir stehst, dann hätt ich dir noch einen schönen Schleimbatzen ins Auge gespuckt, aber vielleicht kann ich dir den auch aus dem Jenseits schicken.
Geh zur Hölle für immer.
A.D. 1634
Dein Schwager
Ariodante