DISKURS XXXIV

Darin die Rettung stattfindet und die Expedition von Erfolg gekrönt wird.

Tausende Mal dankte ich Gott, dass ich beim Aufbruch nicht vergessen hatte, ein festes Seil aus der Torre Vecchia mitzunehmen. Nach mehreren Versuchen und Rufen konnte ich euch das Seil zuwerfen, dessen anderes Ende ich an einer Steineiche verknotete.

Wir mussten all unsere Kräfte zusammennehmen: ich ziehend, ihr beide kletternd auf dem rutschigen, taufeuchten Erdreich, das die Wand der Schlucht bedeckte.

Ihr hattet den halben Aufstieg schon bewältigt, als ich zu meinem Entsetzen die nächste Gefahr gewahrte.

»Beeilt Euch, macht schneller! Wenn Ihr das Seil nachgeben spürt, klammert Euch sofort an einen Ast!«, rief ich.

»Seid Ihr verrückt? Was ist passiert?«, rief Naudé.

»Der Baum gibt nach, der Boden ist zu nass, schon heben sich die Wurzeln an!«

Der Baum, an dem euer Leben hing, drohte umzustürzen. Ich versuchte, ihn mit meinem Gewicht zu stützen, indem ich mich wie ein Wahnsinniger an den Stamm drückte, doch mit geringem Erfolg. Unaufhaltsam wurde die Steineiche entwurzelt und bot eurem Aufstieg immer weniger Halt. Doch das Seil abnehmen und an einen anderen Baum knüpfen hätte bedeutet, euch zurück in den Abgrund rutschen zu lassen. Mit jedem eurer Schritte auf die Rettung zu tauchten mehr |225|Wurzeln aus dem Erdreich auf; ich betete, flehte und konnte doch nicht mehr tun, als euch zur Eile zu drängen und vor allzu heftigem Zerren an dem Seil zu warnen.

Das glückliche Ende nahte: Zuerst sah ich dein schönes Gesicht auftauchen, dann die Schultern, und nachdem ich dich am Arm hochgezogen hatte, eilte ich zu Naudé und bot ihm an, sich an meinem Bein festhalten, während ich mich wie ein Kätzchen an das Fell des Muttertiers an einige Äste klammerte.

Nach titanischen Anstrengungen wart ihr beide endlich gerettet, schmutzig und zu Tode erschöpft.

»Das ist ein Wunder«, sagte ich und umarmte dich unter der schwankenden Eiche, die euch gerettet hatte.

Sodann schüttelte ich Naudé herzlich die Hand, obwohl er uns alle in diese Notlage gebracht hatte.

»Ein Wunder, das könnt Ihr laut sagen«, antwortete dieser. »Wenn dieses Gitter nicht gewesen wäre …«

»Welches Gitter?«

»Das Eisengitter. Habt Ihr es nicht auch bemerkt, Signorino Atto? Daran habe ich mich festgehalten, sonst wäre ich nach unten in den Bach gestürzt.«

»Um ehrlich zu sein, ich habe dieses Gitter nicht gesehen«, sagtest du erstaunt. Und wirklich gab es in diesem wilden Wald keine Spur von Häusern oder Gebäuden, ja, von irgendeinem Menschenwerk.

»Aber ich schwöre euch, dass …«

»Achtung!«

Dieses Mal warst du es, der Naudé rettete, indem du ihn mit einem kräftigen Ruck zur Seite zogst, bevor er von dem Erdrutsch erfasst wurde: Ein ganzes Stück der Anhöhe, auf der wir uns befanden, löste sich und glitt in die Tiefe. Das sichtbarste Opfer, das der Abgrund verschlang, war die arme alte Steineiche, die wie eine kraftlose Marionette in einer Wolke aus Erde und Staub hinabstürzte. Aus Vorsicht traten wir noch ein paar Schritte zurück, da brach schon ein zweites Stück des Abhangs ab und rutschte in die Tiefe. Wir waren gerade noch einmal davongekommen.

»Die Wurzeln hielten den Boden zusammen. Als sie herausgerissen wurden, ist alles abgerutscht«, erklärte ich. »Dem Himmel sei Dank, dass er uns diese weitere Falle erspart hat.«

Niemand sprach es aus, aber es war klar, dass das eiserne Gitter, das |226|Naudé erwähnt hatte – wenn es je existiert hatte – nun unter dem Erdrutsch verborgen war.

Die überstandene Gefahr hatte Naudé, wenigstens vorerst, jede Lust genommen, die mysteriöse Stadt und den Schatz von Philos Ptetès als Erster zu entdecken. Wir wechselten die Marschrichtung und machten uns wieder daran, die Umgebung auf Wild abzusuchen.

So verging eine gute halbe Stunde, in der unsere Hoffnungen schwanden. Schmackhafte Vögel waren nicht zu sehen, von wilden Ziegen und Kaninchen keine Spur, ganz zu schweigen von den gefürchteten Wildschweinen.

»Verflixt, sollen wir etwa mit leeren Händen zurückkehren?«, fragte sich Naudé, als läge der glückliche Ausgang der Jagd ihm mehr als alles andere am Herzen.

Schon drohte Enttäuschung die Oberhand zu gewinnen, da sahen wir dich plötzlich den Zeigefinger auf die Lippen legen, um uns zum Schweigen aufzufordern.

Es waren zwei schöne Wildkatzen von beträchtlicher Größe, eine rot, die andere grau. Auch sie waren auf der Pirsch.

Ich blickte zu Naudé hinüber und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, als Erster zu schießen, doch er sah mich nur hilflos an.

Das hatte ich erwartet. Ich lud, zielte und schoss.

»Ihr müsst wissen, Monsire Naudé«, sagte ich, während ich die beiden Tiere häutete und von den Patronen säuberte, »manchmal ist es wichtiger, was man zu essen glaubt, als was man wirklich isst. Nun, wenn Ihr keine Einwände habt, sollen unsere Freunde in der Torre Vecchia heute meinen, dass ihnen außer den Hühnern zwei köstliche Hasen aufgetischt werden. Glaubt mir, oft sieht auch der erfahrenste Jäger den Unterschied nicht. Vorzüglich dann nicht, wenn der Hunger zu stark ist. Was meint Ihr?«

»Ich habe nichts dagegen, Signor Secretarius, durchaus nicht«, antwortete Mazarins Bibliothekar bedrückt und gedemütigt.

Nachdem wir unter allgemeinem Jubel in die Festung zurückgekehrt waren, sollten die »Hasen« und Vögel über dem von Guyetus und Schoppe entfachten Feuer schön braun geröstet werden. Wir brauchten jedoch einen eisernen Spieß, auf den wir die lieben Tierchen stecken konnten.

Das Mysterium der Zeit
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