DISKURS XXXIX

Darin man sich aus Not unter ein anderes Dach flüchtet.

Endlich kamst du mich unter dem Baum suchen, Hand in Hand mit Barbello. O weh! Ihr gabt fein acht, dass die anderen euch nicht bemerkten, aber bei mir wart ihr nicht so vorsichtig. Mea culpa, mea maxima culpa, sagte ich mir. Du glaubtest wahrscheinlich sogar, mir einen Gefallen zu tun, indem du mir beharrlich zeigtest, wie gehorsam du – leider – meinen Empfehlungen folgtest.

Als unsere Gruppe wieder vereint war, sagte Naudé: »Wir müssen zur Festung zurückkehren. Lasst uns einen Korb oder ein Stück Stoff suchen, in dem wir die Hühner und Kaninchen mitnehmen können«, schlug Naudé vor.

»Monsire Naudé, seht Ihr denn nicht, dass es schon fast dunkel ist?«, erwiderte ich.

Plötzlich erleuchtete ein Blitz unsere Gesichter gespenstisch weiß, dann ließ ein mächtiger Donner uns zusammenzucken. Das Gewitter war zurückgekehrt.

Die Begeisterung über die Ausbeute an Hühnern und Kaninchen hatte der ganzen Gruppe die Sinne verwirrt, doch jetzt waren alle wieder zu sich gekommen. Ein abermaliges Donnergrollen und ein jäher, gewaltiger Sturzregen zwangen uns, wieder in dem Häuschen Zuflucht zu suchen. Von Kälteschauern geschüttelt, Nase und Haare triefend vor Nässe, traten wir über die Schwelle.

»Und jetzt?«, fragte bleich und zitternd Schoppe, dem die üppige Tolle an der Stirn klebte.

»Wir warten, bis der Regen nachlässt, dann kehren wir zur Torre Vecchia zurück«, sagte Hardouin.

|265|»Ich erlaube mir, Euch zu widersprechen, Monsire Hardouin«, entgegnete ich. »Der Weg zur Festung ist steil, und Ihr könnt Euch vorstellen, wie mühselig er sein wird. Wir tun gut daran, hier zu übernachten und morgen früh zur Torre Vecchia zurückzukehren. Angesichts der späten Stunde und des Unwetters glaube ich nicht, dass das Mädchen vor morgen früh zurückkehrt. Morgen werden wir einen anderen Weg in die Stadt finden.«

Im Haus gelang es uns mit ein wenig Glück, die Glut im Kamin wieder zu entfachen, indem wir den Holzvorrat der jungen Dame und trockenes Laub benutzten. Über diesem Feuer rösteten wir eine ordentliche Anzahl Kaninchen, die wir mit Kräutern aus dem Gärtchen gewürzt hatten. Die grässlichen Zeugen unseres Gemetzels, die Felle und Innereien der Kaninchen und die Köpfe und Beine der Hühner hatten wir vor die Tür geworfen. Außerdem nutzen wir die Flammen, um unsere durchnässten Kleider zu trocknen. So saßen wir alle in Hemd und Unterhosen da, außer Kemal, der seine nassen Kleider nicht einmal zu bemerken schien. Als wir einander so halbbekleidet erblickten, mussten wir alle lachen, was – im Verein mit dem Duft der bratenden Kaninchen – unsere gute Laune wiederherstellte.

Nach gründlichem Suchen entdeckten wir sogar einen Krug mit Wein und einen mit Öl. In einer Schublade lagen Talgkerzen, Mustafa zündete sie alle an.

»Ihr hättet wenigstens eine übriglassen sollen, das arme Mädchen muss auch für sich selbst sorgen«, bemerkte ich, doch der Korsar antwortete mir nur mit einem demonstrativ gleichgültigen Achselzucken.

Um ihn für seine Unhöflichkeit mir gegenüber zu bestrafen, versetzte der Statthalter ihm eine kräftige Ohrfeige und einen Tritt in den Hintern.

»Respekt vor Leuten, die mehr wert sind als du, Idiot!«, brüllte er, »sonst schlag ich dir eines Tages den Schädel ein.« Als Mustafa wieder mit den Schultern zuckte, sah ich, wie das Blut Kemal in die Augen schoss und sein Gesicht puterrot wurde. Er packte den Kameraden am Kragen, schlug ihm drei-, viermal mit dem Handrücken ins Gesicht und warf ihn zu Boden, wo er ihm einen Tritt gab.

»Dieses Vieh muss noch gehorchen lernen. Eines Tages bring ich ihn um«, erklärte er uns, die wir die Szene staunend beobachtet hatten.

Ohne viel Federlesens bedienten wir uns vom Wein des Mädchens, der erst die Mägen und dann die Gemüter wärmte. Schließlich fühlten |266|wir uns alle besser. Nur Naudé klagte schon seit einiger Zeit über Schmerzen in der Brust, er hustete und nieste. Ich riet ihm, oben im Schlafzimmer nach einer Decke zu suchen, die er sich über die Schultern legen konnte, was er zu seinem großen Nutzen tat. Draußen tobte ein fürchterliches Unwetter, die Sturmböen peitschten das Haus und ließen seine Balken ächzen. In diesem engen Zufluchtsort hockend, erschien uns die von dem Mädchen beschriebene Stadt wieder wie eine unerreichbare Traumvision. Doch gemeinsam um einen Tisch zu sitzen machte wenigstens ein bisschen Mut und ließ uns hoffen, dass wir dieses vom Wind gebeutelte Häuschen am nächsten Morgen würden verlassen können.

»Wann das Mädchen wohl zurückkommt?«, fragte Barbello ein wenig beunruhigt, während er den letzten Tropfen Wein austrank.

»Unsere Freundin mag ja vom Inselleben abgehärtet sein«, bemerktest du, »aber es ist doch seltsam, dass sie bei diesem Sturm so lange draußen bleibt.«

»Sie sollte sich dieser Kälte nicht aussetzen, sondern in ihrem Häuschen bleiben, wo ich schon wüsste, wie ich sie aufwärmen muss«, dröhnte Caspar Schoppe mit einem lüsternen Lächeln. »Wer viel reist, kennt viele Weiber.«

Trotz seines würdevollen Alters spielte der verehrungswürdige Schoppe sich gerne als erfahrener Liebhaber auf, doch bei dieser Prahlerei blinzelten sich alle verständnisinnig zu.

Endlich wurden die Kaninchen serviert, die wegen der provisorischen Bedingungen, unter denen man gekocht hatte, ein wenig verkohlt, aber sehr schmackhaft waren.

Ein ohrenbetäubender, sehr naher Donner ließ alle zusammenzucken. Es klang, als hätte wenige Schritte vom Haus entfernt eine Kanone geschossen.

»Heiliger Himmel, was für ein Schreck!«, stammelte Barbello weiß wie ein Laken.

»Schreck? Auf dem Meer darf man sich nicht erschrecken lassen, haha«, lachte der Korsar.

»Willst du uns erzählen, dass ihr Abtrünnigen nichts fürchtet?«, fragte Schoppe säuerlich.

»Oh, Furcht haben wir, und wie«, räumte der Statthalter von Ali Ferrarese ein. »Wir fürchten Gott zum Beispiel. Aber Angst ist auf See verboten. Der Kapitän Enrichi, ein äußerst tüchtiger Korsar, begann seine |267|Laufbahn, indem er einen venezianischen Kaufmann, dessen Schiff, eine schöne Fleute, beladen mit Weizen, er gekapert hatte, bei lebendigem Leib verbrannte und all seine Männer tötete. Auch er starb in den Flammen. Die Venezianer fesselten ihn an ein großes Ruder, das sie in Brand gesetzt hatten, und auch seine Männer wurden alle getötet, gepfählt, um genau zu sein. Enrichi ahnte, dass ihm dieses Ende beschieden war, doch er hatte niemals Angst, wenn er Schiffe enterte.«

Um auf keinen Fall zu zeigen, dass wir von dieser Erzählung beeindruckt waren, nahm ein jeder sein Glas in die Hand und tat einen letzten Schluck.

»Wer auf See Angst hat, der verliert«, fuhr Kemal ungerührt fort. »Darum muss man sich einen Namen geben, der den Feind erschreckt, wie der Hinkende, Luzifer und der Schrecken des Teufels es getan haben. Oder der berühmte Christenverbrenner, der gerade in diesen Tagen auf dem Toskanischen Meer kreuzt, und denkt ja nicht, ich erfinde das.«

»Nein, das würden wir uns niemals erlauben«, sagte der Verehrungswürdige ironisch, doch die anderen pflichteten ihm nicht bei, denn die Erzählungen des Statthalters hatten sie beunruhigt.

»Auf dem Meer begegnet man Leuten wie Karagöz«, berichtete der Abtrünnige weiter, »einen Dominikanerpater aus Venedig, der in den Dienst Allahs und des großen Süleyman übergewechselt war. Eines Nachts, es war wenige Tage vor der großen Schlacht bei Lepanto, malte Karagöz seine zweiundzwanzig Galeeren schwarz an, um sich heimlich dem Hafen von Igoumenitsa nähern zu können, wo die christliche Flotte vor Anker lag. Er wollte die Kraft des Gegners einschätzen können, darum verkleidete er sich als Fischer und stieg auf die feindlichen Schiffe, um sie zu zählen. Niemand entdeckte ihn.«

Der ganzen Gruppe entfuhr ein Murmeln des Erstaunens über die tollkühne Unternehmung.

»Schade nur, dass er sich verrechnet hatte«, fuhr der Statthalter fort. »Er hatte die fünfzig Galeeren der venezianischen Flotte übersehen, die hinter einer Landzunge lagen. So beschlossen die Osmanen, in die Schlacht zu ziehen und verloren, und Karagöz wurde in Lepanto auf seinem Schiff wie ein Hund mit einer Arkebuse erschossen, haha!« Lachend verlangte Kemal nach mehr Wein.

Wir lachten alle, da der Name gefallen war, der die berühmte Niederlage der osmanischen Flotte bezeichnete. Sie wurde im Jahr des |268|Herrn 1571 bei Lepanto von den christlichen Flotten vernichtend geschlagen, woran Barbello schon erinnert hatte, als wir noch Gefangene der Korsaren waren und über den Koran und die Muttergottes diskutiert hatten.

Ein weiterer Donner ertönte krachend in der Nähe, doch dieses Mal taten wir, als hätten wir nichts gehört, da diese Beispiele von Freibeutermut uns empfindlich in unserer Ehre trafen.

»Oder nehmt die Kühnheit von Cociuc Jusuf.« Kemal war nicht zu bremsen. »Auch er ein italienischer Überläufer, geboren und aufgewachsen in Kalabrien. Als er auf seiner Galeere mit dreiundzwanzig Ruderbänken nach Capo Passero unterwegs ist, sieht er eine Handelsfregatte und fängt an, sie zu verfolgen. Doch er gerät in einen Hinterhalt von zwei verdammten Galeeren der Malteser unter dem Kommando des berühmten Romegas. Die Malteser sind in der Überzahl, Cociuc wendet und flieht, aber die beiden verfolgen ihn die ganze Nacht und noch am nächsten Morgen. Schließlich bricht der Mast seiner Galeote, und was tut Cociuc? Er wendet noch einmal, wirft sich gegen die nächste maltesische Galeere und entert sie. Männer, das ist Mut! Schreiend, eine Pike in der Hand, klettert er auf die Galeere, doch sie schießen sofort. Er fällt mitten zwischen die maltesischen Ruderer, die ihn mit den Zähnen zerreißen, sodass vom ganzen Cociuc am Ende nur ein, zwei Stückchen übrigbleiben.«

Die letzte Information verdarb uns den Appetit.

»Hier sind wir in den Gewässern der Toskana«, hub Kemal wieder an, »wo vor vier Jahrhunderten, als Genua und Pisa sich gegenseitig ausbluten ließen, Guglielmo il Porco umherfuhr, der Alptraum der Pisaner, ein Korsar, der Schiffe enterte wie ich mir die Haare am Arsch kratze, und immer als Erster auf das feindliche Schiff sprang, mit bloßen Händen.«

»Pirat, pass auf, wie du dich ausdrückst«, tadelte ihn Schoppe mit einem Blick auf Barbello und dich, die ihr beide erbleicht wart bei den grausamen Schilderungen und groben Worten.

»Warum denn? Das sind doch keine Weiber … ach so, ich verstehe, verzeiht!« Er lachte dreckig. Er beleidigte die Kastraten und damit auch dich. Ich warf ihm einen flammenden Blick zu, und er verstummte.

»Unser guter Secretarius kann offenbar recht effizient sein, wenn es nottut«, bemerkte Guyetus, während Barbello mich dankbar anblickte, wie mir schien.

|269|»Aber niemand hat je so viel Mumm bewiesen wie der einzige Kommandant, den ich so gut kenne wie mich selbst: Ali Ferrarese«, fuhr Kemal in gemäßigterem Ton fort. »Als die Schiffe des Vizekönigs von Neapel seine Galeote aufbrachten und er erkannte, dass es zu Ende war und man ihn gefangen nehmen würde, stürzte er mit einer Fackel in die Pulverkammer, um das ganze Schiff explodieren zu lassen und sich selbst auch, denn die Freiheit ist wichtiger als das Leben. Doch gerade in dem Moment kamen zwei Männer des Vizekönigs, die wussten, wozu er fähig war, und hielten ihn auf.« Dann fügte er hinzu, die Augen weit aufgerissen und die Stimme gesenkt, als würde er uns ein großes Geheimnis anvertrauen: »Keiner, vergesst das nicht, keiner hat je so viel Mut gehabt wie dieser Bastard Ali Rais, und ich soll verflucht sein, wenn es auf dieser Seite des Grabens jemanden gibt, der den Tod so verachtet wie er.«

»Was mag aus dem Mädchen geworden sein?«, fragtest du, um das Thema zu wechseln.

»Muchacha andar in foresta und trovar Fungus, aber Fungus zu groß et muchacha hat viel Arbeit, haha.« Mustafa lachte herzhaft über seinen obszönen Witz.

»Sei still oder ich bring dich um!«, knurrte der Statthalter und stieß seinem Kumpan mit dem Ellenbogen in den Bauch.

Ein weiterer Donnerhall, vom gespenstischen Licht des Blitzes angekündigt, setzte der Diskussion ein Ende und überzeugte die ganze Gruppe, dass es höchste Zeit zum Schlafen war, wenn wir bei Tagesanbruch zur Torre Vecchia zurückkehren wollten. Während der Verzehr der Kaninchen zunächst alle heiter gestimmt hatte, war die Fröhlichkeit durch Kemals unheimliche Geschichten, in denen seine Korsarenfreunde sich dank ihrer blutgierigen Kühnheit stets als Sieger aufspielten, gründlich verflogen.

Ein jeder zog wieder seine Kleider und Mäntel an, die unterdessen am Kaminfeuer getrocknet waren, und legte sich mit einer der Decken, die wir oben im Schrank gefunden hatten, auf den Boden. Unsere Gruppe zählte zehn Personen, und das Haus des Mädchens war recht klein, doch wenn man ein wenig zusammenrückte, fand jeder mit etwas gutem Willen ein Lager für die kurze Nacht, die uns bevorstand. Das einzige Bett im Obergeschoss wurde Schoppe aus Altersgründen und seiner nunmehr angeschlagenen Gesundheit wegen zugestanden, doch zuvor mussten die klamme Matratze und die Decken |270|mit einem Bettwärmer aufgewärmt werden. Die anderen richteten sich in der Küche ein, wo noch die laue Wärme des erlöschenden Feuers herrschte. Du rücktest natürlich eng mit Barbello zusammen. Ich bemerkte, dass ihr euch ein verborgenes Eckchen unter der Treppe zum Obergeschoss erobert hattet. Um den Weg zwischen euch und der Küche zu versperren, hatte sich Malagigi, der inzwischen der Schutzgeist eurer sodomitischen Begierden war, auf die Schwelle gelegt. Ein feiner Lehrer, knurrte ich in mich hinein. Barbello fing meinen scheelen Blick auf und warf mir ein unergründliches Lächeln zu. Kemal blies die letzte Kerze aus.

Erschöpft wie Maultiere und erschlafft vom Wein, gaben wir uns, nachdem wir einander eine Art Gutenachtgruß zugemurmelt hatten, einer tiefen Betäubung hin. Ich für meinen Teil fühlte mich wie vergiftet von dem Gedanken an das, was du und dieser lasterhafte Barbello jetzt wohl bereits unter der Treppe begonnen hattet, und während ich mich zusammenrollte, betete ich, der Himmel möge mich im Schlaf vernichten und mich in die Hölle werfen, weil ich dich in den Abgrund des widernatürlichen Lasters gestoßen hatte. Denn dass die Großherzöge dich seit dem Kindesalter gegen deinen Willen und gegen deine Neigung missbrauchten (unser lieber Herr Jesus würde dich im Himmel für das erlittene Martyrium entschädigen), war etwas anderes als bei Barbello, bei dem ich dich freiwillig sehr aktiv gesehen hatte! Mea culpa, mea maxima culpa, seufzte ich leise.

Noch immer in der klebrigen Umklammerung dieser Gedanken befangen, hörte ich nach einer guten Weile ein Geräusch: ein Niesen, mühsam unterdrückt.

Ich öffnete die Augen und erblickte Naudé, der über das Bündel des auf der Türschwelle schlafenden Pasqualini gestiegen war und nun die Treppe hinaufging. Die Gestalt des Bibliothekars wurde von der Kerze erhellt, die er bei sich trug. Die Erkältung, die er sich im Regen geholt hatte, hatte ihn verraten.

Ohne mich zu rühren, beobachtete ich, wie er auf Zehenspitzen die Treppe hinaufstieg. Dort oben schlief Schoppe. Der Regen war weniger heftig als zuvor, und die Latrine befand sich vor dem Haus. Wenn Naudé ein körperliches Bedürfnis drängte, hätte er hinausgehen müssen.

Noch immer wie eingegipst in meiner Pose eines Schlafenden, |271|spitzte ich die Ohren. Keine Stimme, kein leises Flüstern ließ sich vernehmen, nur das friedliche Schnarchen unserer Gruppe. Ich erhob mich, huschte mit schlangenhafter Wendigkeit an Malagigi vorbei und schlich leise zur Treppe, nicht ohne einen Blick unter die Stufen zu werfen, wo du und Barbello im Dunkeln fest schliefet. Es genügte jedoch, einen Zipfel der Decke zu heben, um darunter die Spuren dessen zu gewahren, was ihr soeben getan hattet.

Dann folgte ich Mazarins Bibliothekar die Treppe hinauf. Als ich über die letzte Stufe hinausblicken konnte, sah ich ihn in das Zimmer eindringen, wo der Schrank stand, aus dem er auf meinen Rat hin eine Wolldecke geholt hatte. Ich sah, wie er den Schrank erneut öffnete, sorgsam bedacht, kein Geräusch zu machen. Er blickte kurz hinter sich. Dann kramte er auf dem Schrankboden unter eben jenem kleinen Stapel Decken, den ich dort entdeckt hatte.

Er zog ein paar Blätter hervor, warf noch einmal einen wachsamen Blick um sich und setzte sich dann auf den Boden.

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Ich musste es wissen und beschloss, mich zu erkennen zu geben.

»Um diese Zeit noch wach?«

Naudé fielen vor Schreck die Blätter aus der Hand.

»Es tut mir leid, ich wollte Euch nicht stören, aber ich habe das Licht gesehen …«, erklärte ich.

Naudé rang mühsam nach Atem.

»Kein … keine Ursache«, sagte er mit hauchdünner Stimme, »aber ich bitte Euch, kündigt Euch beim nächsten Mal mit einem leisen Geräusch an, mit einem Husten vielleicht.«

Ich kam näher und betrachtete die Papiere, die er wieder einsammelte.

»Ich glaube, ich habe eine interessante Entdeckung gemacht«, sagte er mit tonloser Stimme.

»Ach, wirklich?« Bei diesen Worten stieß ich versehentlich an einen Krug, der auf einem Schemel stand, worauf der Krug zu Boden fiel und zerbrach.

»Seid doch vorsichtig, verflixt! Wollt Ihr alle aufwecken?«, zischte Naudé außer sich.

Ich bat ihn demütig um Vergebung für meine Unvorsichtigkeit. Der Bibliothekar spitzte die Ohren, aber niemand schien aufgewacht zu sein. Er reichte mir die Blätter.

|272|Das erste war ein Stück Papier, das genauso aussah wie jenes, das Naudé zusammen mit der Inselkarte in der Torre Vecchia gefunden hatte. Nur las man hier statt des Buchstabens f ein anderes Zeichen:

»Ich vermute, dahinter steckt das Mädchen«, sagte ich. »In der Torre Vecchia hat sie die Karte und das f hinterlassen, hier finden wir ein s. Natürlich ist noch nicht klar, warum.«

»Ihr habt recht, Signor Secretarius, das hat sicher mit der wunderlichen Frau zu tun«, sagte Naudé leicht enttäuscht.

Die Karte, die Naudés blühende Phantasie zunächst mit Philos Ptetès verbunden hatte, brachte ihn jetzt zu dem weit weniger interessanten Mädchen aus der Festung zurück.

Aber es gab noch viel mehr. Naudé zeigte mir die anderen Funde: einen Stapel dicht beschriebener Blätter.

»Es ist dieselbe Handschrift wie auf dem Zettel mit den Notizen über Lykurg, den wir im Turm gefunden haben«, stellte ich fest.

Naudé nickte schweigend.

Das Dokument begann mit einer Art detailliertem Index von Zitaten antiker Historiker, dem einige bissige Bemerkungen vorausgingen. Ungewöhnlich war, dass der Autor von sich in der dritten Person sprach. Er verbarg sich hinter dem Pseudonym Orestes, einem Namen, den er sogar auf Altgriechisch geschrieben hatte.

Das Mysterium der Zeit
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