|455|DISKURS LXVII
Darin Naudé den dritten Buchstaben vorzeigt und eine sehr unangenehme nächtliche Jagd veranstaltet wird, die jedoch ein überraschendes Ergebnis zeitigt.
»Ihr habt Kemals Frage nicht beantwortet: Wie werdet Ihr im Dunkeln schießen?«, fragte ich Naudé, während wir über den Friedhof gingen, begleitet von dir, Atto, mit einer ramponierten, aber funktionierenden Öllaterne.
»Wer spricht vom Schießen? Wir haben nur einen Eimer und Schaufeln bei uns, wie Ihr seht«, antwortete er, als wir durch das altersschwache Friedhofstor schritten. »Wir begnügen uns mit dem, was die Natur uns schenkt.«
Der Bibliothekar Seiner Eminenz Kardinal Mazarins hatte Kraft und Optimismus zurückgewonnen. Er blieb stehen, um uns den Grund seiner guten Laune zu erklären, wobei er uns ein Papier unter die Nase hielt.
»Seht Euch das an, das lag im Haus der Bärtigen vor aller Augen. Ich habe mich hingesetzt und es zwei Schritte von mir entfernt auf dem Boden entdeckt.«

»Erstaunlich!«, rief ich erregt aus. »Das bedeutet vielleicht, dass diese Zettel und die Karte nicht von dem Mädchen ausgelegt wurden.«
»Genau«, bestätigte Naudé jubelnd. »Welches Interesse hätte diese Irre daran haben können? Natürlich hinterließ sie Spuren ihrer Anwesenheit in ihrem Haus und in der Torre Vecchia, wo sie häufig war. Aber warum hätte sie sich bis zur Piana dei Morti wagen sollen, um hier und da Buchstaben des Alphabets zu hinterlegen? Etwa für die drei schlafmützigen Bärtigen? Nein, ich glaube, dahinter steckt Philos Ptetès. Und er will dem Finder dieser Köder etwas mitteilen. Was er |456|uns sagen will, weiß ich nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es mit seinen Handschriften zu tun hat. Und denkt mal nach: Trägt die Karte etwa nicht die Überschrift Mysterium Thesauri? Und hat unser lieber Mönch während seiner Reise nach Frankreich nicht hier auf Gorgona Station gemacht, nachdem er in Livorno vergeblich auf uns gewartet hatte? Ich meine, nachdem er Guyetus und Schoppe vergeblich erwartet hatte«, verbesserte er sich, da Philos Ptetès ja seinen Brief an die anderen Philologen, nicht an ihn geschrieben hatte. »Jedenfalls stehen wir jetzt vor dieser Situation.« Und er zog die bekannte Karte hervor.

»Man darf also annehmen, dass wir auch an den anderen Orten auf dieser Karte Buchstaben finden werden. Sieben Buchstaben insgesamt. Dann …«
»Dann, Monsire Naudé, habt Ihr gewonnen: Ihr besitzt das vollständige Geheimnis. Ich bewundere Euch wirklich«, sagtest du.
|457|Dein übertrieben einschmeichelnder Ton verriet, wie sehr du noch an der Verbindung zwischen der Karte und dem Schatz von Philos Ptetès zweifeltest, derer sich Naudé hingegen so sicher war. Zum Glück bemerkte der Bibliothekar nichts.
»Genau. Oder wir finden unseren lieben Mönch noch vorher. Wenn das Glück uns hold ist«, sagte er in einem absichtlich geheimnisvollen, vielsagenden Ton.
»Was wolltet ihr mit diesen Schaufeln und dem Eimer?«
»Nun vertraut mir doch! Warum äußert Ihr nicht lieber Bewunderung, da ich das Glück hatte, diese kostbaren Werkzeuge in der baufälligen Hütte der drei Bärtigen zu finden? Wahrscheinlich werde ich bald die Hilfe williger Mitarbeiter brauchen!«
Es war nicht ratsam aufzubegehren, nur allzu gut erinnerten wir uns, dass Naudé uns durch Erpressung gezwungen hatte, ihn auf die (gescheiterte) Suche nach der Stadt zu begleiten: Entweder wir kooperierten oder wir würden bei Mazarin angeschwärzt.
»Seht Euch das an. Ich frage mich, warum ich der Einzige bin, der es bemerkt hat.«
Er hatte uns vor einen Grabstein geführt, von dem ein Stück abgebrochen und andere fehlende Teile grob durch Mörtel und Reste von Ziegelsteinen ersetzt waren. Im allerletzten Schimmer des Tageslichts konnte man nur mit großer Anstrengung die wenigen Buchstaben erkennen, die auf dem Stein noch sichtbar waren:
...SS ...
FIL ...
......
.....GON
....TUUS ....
...XXIV
»Ja, und?«, fragtest du.
»Wie? Das fragt Ihr mich, Signorino Atto? Seht Ihr denn nicht«, fragte er, die Stimme senkend und um sich blickend, als belauschte uns ein halbes Dutzend Schoppes im Dunkeln, »dass es der Grabstein unseres Mönchs sein könnte?«
Und er erklärte, wie man den Text rekonstruieren könne:
FILOS
PTETES
HIC GORGONAE
MORTUUS EST
A.D.MDCXXXXIV
»So in etwa, ein Wort mehr, eins weniger. Sie werden das ›Ph‹ von Philos mit ›F‹ verwechselt haben, das ist dasselbe. Dann lautet der Text: ›Der fromme Mönch Philos Ptetès ist hier auf Gorgona im Jahr des Herrn 1644 verstorben.‹ Was sagt ihr dazu?«
Ohne unsere Antwort abzuwarten, reichte er mir eine Schaufel, dir den Eimer und begann zu graben.
»Wenn er an dem Schlangenbiss gestorben ist, wurde er hier begraben. Und wahrscheinlich haben sie ihm alle oder einen Teil seiner Papiere ins Grab gelegt. An einem so gottverlassenen Ort wie diesem wird er niemanden gehabt haben, dem er sie anvertrauen konnte. Uns bietet sich eine einzigartige Gelegenheit.«
»Ihr wollt doch nicht etwa das Grab schänden!«
»Große Worte, mein Freund. Ich will nur sichergehen, dass wir uns nicht vergeblich bemühen, etwas an der Oberfläche zu suchen, was sich, wie dieser Angeber Kemal sagen würde, auf der anderen Seite des Grabens befindet. Also los jetzt! Vergesst nicht, dass dieser arme Bibliothekar bei Seiner Eminenz ein gutes Wort für Euch einlegen kann. Also lohnt es sich, ihm zu helfen, meint Ihr nicht?«
»Gewiss, Monsire Naudé«, sagtest du mit kaum verhehltem Grimm. Ich schwieg, ich hatte mich schon damit abgefunden, graben zu müssen.
Nach einer halben Stunde waren wir zu Tode erschöpft und hatten Blasen an den Händen. Feste Erde aufzugraben ist eine kräftezehrende Tätigkeit, etwas für Leute, die Schwerstarbeit gewohnt sind.
Schaufel für Schaufel wuchs das Häufchen Erde neben dem Grab zu einem kleinen Hügel heran.
»Da ist er!«, rief Naudé aus, als ein dumpfes Geräusch anzeigte, dass wir endlich am Sarg angekommen waren. »Jetzt müssen wir durchhalten, es fehlt nicht mehr viel.«
Ergeben schaufelten wir weiter, bis der Sarg zum Vorschein kam.
»Monsire Naudé, ich bitte Euch …«
|459|»Signor Secretarius, Ihr wollt mich doch nicht ausgerechnet jetzt im Stich lassen?«, rief er keuchend vor Anstrengung und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, die trotz des Dezemberabends vor Schweiß troff wie ein mit Wasser vollgesogener Schwamm.
»Aber man müsste das Holz aufbrechen, und das ist Sünde.«
»Ruhe! Erzählt mir nicht, dass Ihr auch an diese Albernheiten von der Seele, der Sünde und so weiter glaubt! Ihr enttäuscht mich, Signor Secretarius, Ihr seid nicht auf der Höhe der Zeit.« Naudé blickte sich noch einmal um, dann hieb er mit der Schaufel auf das Schloss ein.
»Gütiger Himmel, hoffentlich hören die anderen uns nicht«, sagtest du. »Könnt Ihr Euch vorstellen, was Schoppe tun würde, wenn er sähe, dass wir ein Grab aufbrechen?«
»Schoppes Vater schnitt den Toten die Füße ab, damit sie in den Sarg passten. Wenn er es wagt, herzukommen und uns zu stören, werde ich ihn daran erinnern, dann bläst er sich nicht mehr so auf. Und Schoppe selbst hat mit seinen grässlichen Büchern vielen Lebenden das Leben zur Hölle gemacht, während ich bloß einen Toten belästige und das höchstens für ein paar Minuten!«
Es folgten weitere Schaufelhiebe, Tritte, Faustschläge und sogar wütendes Ausspucken. »Das verdammte Ding geht nicht auf«, fluchte der Fürst der französischen Bibliophilen.
Schließlich sagte er, die Schaufel wie das Schwert Durandarte zückend, mit erstickter Stimme: »Cicero und Sueton haben recht: Si violandum est ius, regnandi causa! Wenn man das Recht übertreten muss, sei es nur, um zu herrschen.«
Doch endlich gelang es ihm, den Sargdeckel aufzubrechen. Als das Schloss nachgab, stieß Naudé einen heiseren Freudenschrei aus.
»Sieg! Los, helft mir!«
Unwillkürlich wandten wir die Augen von dem grausigen Anblick ab. Obgleich vom düsteren Schweißtuch des Todes umhüllt, das seinen schwarzen Abdruck auf jedem Antlitz hinterlässt, war der Leichnam noch gut erhalten. Vor uns lag ein alter Mann mit langen Haaren und strengen Zügen, gekleidet in ein langes Gewand wie eine Kutte. In den ebenfalls gut konservierten Händen hielt er einen Rosenkranz. An seiner Seite, es war kaum zu glauben, steckte ein Bündel Papiere. In Anbetracht der noch an den Knochen haftenden Kleider war es durchaus möglich, dass er erst vor kurzem verschieden war, wie Gabriel Naudé bei seinem Versuch, die Buchstaben des Grabsteins zu |460|entziffern, vermutet hatte. Das mögliche Todesdatum fiel tatsächlich mit Philos Ptetès Aufenthalt auf Gorgona zusammen.
Uns allen fuhr ein Schauder der Abscheu und Begeisterung gleichzeitig über den Rücken. In diesem unvergesslichen, erschütternden Moment sah Naudé sich als Sieger. Er kniete zwischen dem Sarg und der Wand des Grabes nieder.
»Philos Ptetès«, sagte er seufzend, eine Hand an die Brust gelegt, mit geschlossenen Augen. »So also erscheinst du mir! Erst auf deiner letzten Bettstatt offenbarst du mir deine Züge, die so viel edler sind als die Züge all jener, die dich in diesen Monaten vergeblich suchten. Nun, ich hätte dich gerne lebend angetroffen, mein Freund, aber das Schicksal hat es anders gewollt. Mors omnia solvit, der Tod löst alles auf, wie der weise Cicero sagte.«
»Das war eher Justinian«, präzisierte ich.
»Ach so. Und jetzt vergib mir, guter Mönch, aber nachdem wir dich so lange gesucht haben, müssen wir unverzüglich ans Werk gehen! Dir verdanken wir den sensationellsten Handschriftenfund aller Zeiten! Wir beide werden in die Geschichte eingehen, Signor Secretarius, und ich werde dem Kardinal berichten, wie wertvoll Eure Hilfe war.«
Du und ich wechselten einen bedauernden Blick. Der seichte Naudé, promoviert als Paranimf, Schreiberling der Mächtigen, der die Lehren anderer wiederaufwärmte, König der Mittelmäßigen, schien gewonnen zu haben.
Er stand auf, faltete die Hände und sprach pathetisch:
»Jetzt verneigt euch, unsichtbare Geister der Geschichte, der Philologie, der Archäologie, der Paläographie und der Numismatik: In dieser dunklen Nekropole leuchte das Licht des Wissens! Mit diesem Sarg und seinen armseligen Knochen zerreiße der Schleier des Vergessens, öffne sich die Mauer des Tempels, und die barbarische Bestie der Dummheit knie vor ihm nieder!«
Dann streckte er die Hand nach dem Bündel Papiere aus und zog es mit den Fingerspitzen aus dem Sarg, als fürchtete er, sich mit einer tödlichen Krankheit zu infizieren.
»Igitt, wie ekelhaft … Nehmt, Signor Secretarius.« Er drückte mir das makabre Fundstück in die Hand.
Ich öffnete das Schnürband, und eine schmutzige Wolke schwarzen Staubs stieg auf. In diesem Moment ereignete sich Erstaunliches.