|465|DISKURS LXIX
Darin das Geheimnis aufgeklärt wird und man sich einer anderen, noch weniger erfreulichen Jagd widmet.
Nach beendeter Lektüre senkte sich Stille über uns wie eine bleierne Decke.
Mazarins Bibliothekar blickte hinab auf das Skelett in dem Sarg, den er mit rasender Wut aufgebrochen hatte.
Alles war klar: Der Leichnam gehörte einem wohlhabenden Grundbesitzer im Hinterland, den das Schicksal mit dem typischen Exemplar einer schmarotzenden, habgierigen Schwägerin geschlagen hatte. Ihre ganze traurige Geschichte steckte in dem makabren Gedicht und dem folgenden Brief.
Das Schicksal hatte seinen Spott mit Naudé und uns allen getrieben.
»Und der Grabstein?«, fragte er verzagt.
»Im Lichte der Tatsachen, Monsire Naudé, lässt er sich wahrscheinlich so lesen:«
CARISSIMUS
FILIUS
ARIODANS PIZZICONIUS
HIC GORGONAE
MORTUUS
A.D.MDCXXXIV
Was bedeutete: Der teure Sohn (Gottes) Ariodante Pizziconi ist hier auf Gorgona im Jahr des Herrn 1634 verstorben.
Der arme Naudé wollte zu seiner Niederlage kein Wort sagen. Nachdem er den Sarg wieder geschlossen hatte, begann er emsig zu schaufeln, um das Loch, das wir so hoffnungsvoll gegraben hatten, wieder mit Erde zu füllen.
Als das schwierige Werk beendet war – es war eine Menge Erde übriggeblieben, die wir in der Umgebung verteilen mussten, um unsere blasphemische Tat zu verbergen – blieb noch ein letztes Problem.
»Wo finden wir jetzt Eulen und Käuzchen für das Abendessen, Monsire Naudé? Ihr schient eine Idee zu haben, als wir hinausgingen …«, fragtest du so taktvoll wie möglich.
|466|»Ach ja. Natürlich habe ich eine Idee, eine ausgezeichnete Idee.«
Naudé ging auf einige kleine Kapellen in der Nähe des Grabes zu, das wir gerade so tölpelhaft und vergeblich entweiht hatten. Er wartete nicht einmal auf uns, und schon kehrte er zurück.
»Schnell! Gebt mir etwas, um sie festzuhalten!«
»Grässlich!«, riefst du beim Anblick der haarigen Wesen aus, die er in den Händen hielt. »Sogar Fledermäuse tut man in Schweden in die Pfanne?«
»Fledermäuse sind, um genau zu sein, eine Spezialität in Norwegen und Finnland«, beschied er dir knapp.
Das ungewöhnliche Wildbret, mit dem wir von unserer angeblichen nächtlichen Jagd zurückkehrten, rief Entsetzen und Ekel bei allen hervor, oder fast bei allen.
»Tja, der Zweck ist gleichermaßen erreicht: niemand von euch hat noch Hunger, haha!« Mit diesen Worten packte Kemal die Fledermäuse und drehte vor unseren Augen einer nach der anderen ohne viel Federlesens den Hals um.
Das war nicht verwunderlich, immerhin war Kemal der Statthalter des berüchtigten Ali Ferrarese, der sogar das Ohr eines Galeerensklaven abgebissen und gegessen hatte.
Der Korsar ließ sich eines seiner Messer geben, und nachdem er die Fledermäuse mit einer Geschicklichkeit gehäutet hatte, die auf eine gewisse Erfahrung schließen ließ, legte er sie in einen Topf auf dem Feuer.
»Mit Rotwein gekocht und mit ordentlich Knoblauch pikant gewürzt, sind diese fliegenden Mäuse durchaus schmackhaft. Die Eingeweide hänge ich in den Kamin, so trocknen sie und werden geräuchert. Sie haben einen starken, süßen Geschmack und eigenen sich vortrefflich als Beigabe auf Waldkräutern. Aber sie müssen wirklich gut austrocknen und alle Säfte verlieren.«