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Über Joseph Justus Scaliger.

Joseph Justus Scaliger, erklärte Hardouin, war Astronom und Historiker, und vor einem halben Jahrhundert hatte er eine Allgemeine Chronologie verfasst, ein grandioses Werk, das die Geschichte der Griechen, Römer, Ägypter, Juden und Babylonier, kurz, aller Völker zusammenfasste, obwohl sie ihre Zeit seit jeher unterschiedlich gemessen hatten. Die Griechen hatten die Olympiaden gezählt, die Römer ihre Kaiser und Konsuln, die Ägypter ihre unendlichen langen Dynastien, die Juden ihre Unglücke und so weiter. Doch vor Scaliger war immer ein Chaos entstanden, wenn man diese Ereignisse aufeinander abstimmen wollte. Wie groß war der Unterschied zwischen dem römischen und dem griechischen Monat? Wann hatte die erste Olympiade nach chaldäischer Zeitrechnung stattgefunden? Wann waren die Juden nach Sicht der Ägypter durch die Wüste gezogen? Jahrhundertelang hätte sich niemand zu träumen gewagt, diese Fragen beantworten zu können. Die Geschichten der Völker liefen parallel nebeneinander her, wie Reisende, die in einer engen Kutsche zusammensitzen, aber nie ein Wort wechseln. War es überhaupt möglich, eine Zeittafel aufzustellen, die die Scherben der Vergangenheit zu einem einzigen Bild zusammenfügte? Dafür brauchte man die Astronomie, denn wenn man wusste, welche Sonnenfinsternisse sich im Laufe der Jahrhunderte ereignet hatten, konnte man sie in den parallelen Geschichtsläufen aufspüren und aufeinander abstimmen, wodurch man sehr wichtige Bezugspunkte erhielt. Wer dieses kolossale Unterfangen der Geduld und Gelehrsamkeit meisterte, würde sich einen Platz im Olymp der Wissenschaft erwerben. Scaliger war es gelungen. In seinen monumentalen Werken, der Emendatio Temporum und dem Thesaurus Temporum hatte er aus den Chroniken die Allgemeine Chronologie und aus den Epochen die Einzige Zeit |478|herausgearbeitet. Mit Hilfe riesiger synoptischer Tafeln hatte er endlich festlegen können, in welchem Jahr der christlichen Zeitrechnung sämtliche Ereignisse der Vergangenheit stattgefunden hatten. Ein unermesslich großer Fortschritt für die historische Forschung, Archäologie, Literatur, Numismatik, Architektur und andere Wissenschaften. Jedes bekannte Ereignis war nun in ein allgemeinverständliches Raster aus Jahren und Monaten gezwängt. Zu Recht wurde Scaliger der Phönix Europas, Licht der Welt, Unendlicher Ozean der Gelehrsamkeit, allwissend, unermüdlich, Wunder der Natur und Sieger über die Zeit genannt, und manche zögerten nicht, ihn wegen seiner Bedeutung und glorreichen Errungenschaften mit dem größten Philosophen, Aristoteles von Stagira, dem »Meister der Wissenden« zu vergleichen.

Doch ein Schatten lag auf der Arbeit Scaligers. Wo ihm sichere astronomische Daten fehlten, hatte er keine Lücken oder offene Fragen gelassen, nein, er hatte sich das Recht zu Vermutungen herausgenommen. Ganze Teile seiner Allgemeinen Chronologie basierten auf bloßen Vermutungen, Wahrscheinlichkeiten – in einem Wort: Erfindungen.

Das Mysterium der Zeit
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