DISKURS XIV

Darin sich der Charakter der Gelehrten zeigt, wenn diese als Gruppe auftreten.

»Das Blut des Hammels stellt das Blut der Christen dar, die sie bei den nächsten Kämpfen abschlachten werden«, erklärte Guyetus. »So habe ich es im Buch des Pater Dan über die Barbareskenreiche gelesen.«

»Die Christenheit zu unterwerfen und auszurotten ist für die Mohammedaner ein politisches und ein religiöses Gesetz«, fügte Hardouin hinzu.

»Diese hier sind Korsaren aus dem Reich Tunesien, das zusammen mit Algerien und Tripolis eines der drei afrikanischen Vizekönigreiche des Sultans von Konstantinopel ist«, sagte Schoppe und schüttelte entmutigt den Kopf. »Wer weiß, wie viele Schiffe sie noch in dieser Gegend haben.«

»Das ist nicht gesagt«, warf Pasqualini ein. »Es ist Winter, das Meer ist bewegt, für Diebe wie sie ist das keine gute Jahreszeit. Sie werden versuchen, uns alsbald gegen Lösegeld loszuwerden, vor allem, wenn sie gute Kontakte im Hafen von Livorno haben. Wenn das allerdings nicht gleich klappt, werden sie uns nach Tunis bringen und als Sklaven verkaufen.«

Malagigis Prognose nahm allen die Lust am Fortgang der Diskussion. Der Erste, der wieder den Mund aufmachte, warst du, lieber Atto. Deine Frage zeigte deinen ganzen jugendlichen Ehrgeiz, niemals zu verzweifeln:

»Und wenn wir versuchen würden, uns selbst loszukaufen?«

»Wie soll das gehen?«, entgegnete Hardouin.

»Ich habe Wechselbriefe«, sagtest du flüsternd, zu Pasqualinis Ohr |107|vorgebeugt. »Zum Glück haben sie die nicht bei mir gefunden. Ich könnte sie ihnen mit einer Vollmacht überlassen. Ihr anderen könntet Euer Bargeld dazutun.«

»Vergiss es, junger Atto«, flüsterte Malagigi freundlich. »Sie würden uns alles abknöpfen und trotzdem das Lösegeld für unsere Freilassung verlangen. Die Korsaren spielen kein sauberes Spiel.«

»Der Junge hat versucht, sich etwas einfallen zu lassen«, verteidigte dich Naudé liebenswürdig.

»Leider respektieren die Barbareskenreiche das jus gentium nicht, junger Atto«, bemerkte Schoppe, während er vorsichtig um sich blickte, um sicherzugehen, dass unsere Wächter ihn nicht hören konnten. »Das Völkerrecht, an das alle europäischen Staaten gebunden sind. Es ist vorgekommen, dass Händler sich gegen Bezahlung auf ihre Segler eingeschifft hatten, um von Tripolis nach Alexandria zu gelangen, aber während der Fahrt hat der Kapitän der Barbaresken seine Meinung geändert, ist in Neapel gelandet und hat sie alle mitsamt ihren Waren als Sklaven verkauft. Wenn wir Christen dagegen ein Korsarenschiff kapern, untersuchen wir die Ladung, bevor wir sie verkaufen, um festzustellen, ob sie aus einer Plünderung stammt, und in dem Fall erstatten wir die Waren denjenigen zurück, die von den Korsaren beraubt wurden, seien es nun Christen oder Juden.«

»Was tun wir also?«, war deine Gegenfrage.

»Wir warten ab und sehen, was passiert. Ich habe gehört, dass die Tunesier nicht die Schlimmsten sind«, log ich, um der Gruppe Mut zu machen. »Die gierigsten sind die Algerier.«

»Wenn ihr gestattet«, widersprach mir Guyetus, »dann muss ich euch in der Frage der Gier korrigieren. Sowohl der Pascha von Tunis als der von Algier nehmen auf jedem gekaperten Schiff nur den zehnten Teil der Ladung.«

»Unsinn. Der Signor Secretarius hat recht«, unterbrach ihn Schoppe brüsk. »Pater Dan, den Ihr, Guyetus, gelesen zu haben behauptet, sagt klipp und klar, dass der Pascha von Algier zwölf Teile von hundert, die Paschas von Tunis und Tripolis hingegen nur zehn nehmen.«

»Ihr berücksichtigt beide nicht, dass die Hälfte des Zehntels auf jeden Fall an den Kapitän und den Besitzer des Schiffes gehen«, gab Naudé mit pedantischem Unterton zu bedenken.

»Und Ihr, Gabriel, vergesst, dass überdies die Belohnung für den |108|Korsar, der das christliche Schiff als Erster gesehen hat, abgezogen werden muss«, schloss Schoppe selbstgefällig und leicht verärgert.

Die Diskussion, die in Anbetracht unserer Lage alles andere als dringend erforderlich war, zeigte mir zum ersten Mal unverhüllt die streitsüchtige, zänkische Natur dieser Gelehrten: Für sie war es das Wichtigste, die Aussagen des Gegners, wenn er auf gleicher Stufe stand, immer und auf jeden Fall erbarmungslos zu bestreiten. Dein naiver Vorschlag, sich selbst loszukaufen, der sich als verheerend hätte erweisen können, war gutmütig aufgenommen worden. Guyetus harmlose Bemerkung über die Gier der Korsaren dagegen hatte eine bissige Diskussion entfacht. Just in diesem Moment kündigten unsere Wächter den Besuch des Mannes an, der unser Schicksal nunmehr in der Hand hatte: der Rais, Herr über das Korsarenschiff und der gesamten Beute, die es machte. Sofort suchte ich dein blasses Gesicht, dessen Züge vor Angst ob unserer verzweifelten Lage verzerrt waren. Doch dein Blick war wachsam und suchte den meinen. Du zogst sogar am Ärmel meiner Jacke, um meine Aufmerksamkeit auf die im Wind flatternde Fahne des feindlichen Schiffes zu lenken, die wir nun in wenigen Metern Entfernung direkt vor Augen hatten, da die beiden Schiffe durch die hölzernen Stege verbunden waren.

Unter den drei Halbmonden, die den oberen Teil des Piratenbanners füllten, prangte eine in großen Buchstaben aus Brokat aufgenähte, gut lesbare Inschrift:

DIE CHRISTLICHE RELIGION IST FALSCH

Ich hob den Kopf, um den blasphemischen Satz zu lesen, und die anderen taten es mir sofort nach. Kaum hatte Malagigi die Inschrift entziffert, konnte er eine Regung des Entsetzens nicht verbergen:

»Oh nein, das ist doch nicht möglich …«

Naudé und Guyetus fragten ihn besorgt, welche schlechte Nachricht er dem Banner der Korsaren entnommen habe. Unsere beiden Wächter hatten die Aufregung, die in unserem Grüppchen entstanden war, inzwischen bemerkt, und tauschten ein zufriedenes Lächeln über die Panik aus, in die uns ihre Fahne versetzte.

Endlich fasste Malagigi all seine Angst in einem Namen zusammen, den er wie einen schweren Stein zwischen uns fallen ließ:

»Ali Rais.«

Das Mysterium der Zeit
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