DISKURS XLV
Darin es fast gelingt, an Bord des Schiffes aufgenommen zu werden, doch eine kleine vorübergehende Unpässlichkeit alles verdirbt.
Der Abstieg vollzog sich in höchster Eile. Wir kletterten durch dieselbe felsige Schlucht, die wir hinaufgestiegen waren, doch ist das Herabsteigen auch im Gebirge häufig sehr viel gefährlicher als der Aufstieg. Einige zogen sich Abschürfungen zu, als sie sich von Fels zu Fels hangelten.
Auf der Hälfte der Strecke blieb Kemal stehen. Er schirmte seine Augen gegen das Tageslicht ab und verkündete:
»Heimathafen Livorno. Rotes Kreuz auf weißem Grund. Seht her, Secretarius, ist das nicht die Fahne Eurer geliebten Cavalieri vom Orden Santo Stefano?«
Der Barbareske hatte recht. Doch ich hörte schon nicht mehr zu, sondern krümmte mich, an einen Fels gelehnt.
»Gütiger Himmel, was ist los mit Euch, mein Freund?«, rief er laut aus, die Aufmerksamkeit der anderen erregend.
Die Gruppe umringte mich.
»Es ist nichts, das Abendessen ist mir nicht gut bekommen. Gehen |311|wir weiter, es wird gleich aufhören«, sagte ich, wohl wissend, dass das nicht stimmte.
Wir stiegen weiter ab und wedelten kräftig mit den Armen, um von der Schebecke, die wir nun direkt vor Augen hatten, gesichtet zu werden. Sie war noch weit entfernt, doch an Bord schien jemand uns bemerkt zu haben. Ein Matrose grüßte uns von der Brücke aus: das erste Zeichen der Hoffnung.
Wenige Minuten später wurde ein Beiboot zu Wasser gelassen. Vier kräftig rudernde Matrosen waren schon bald nah bei der Insel. Ich sah, wie Naudé und Pasqualini sich bebend vorbeugten, als könnten sie mit ihrer Körperhaltung die Erdoberfläche verkürzen und jenes rettende Boot näher heranbringen. Plötzlich wurden die Ruder eingezogen, und einer der vier Männer erhob sich.
Kemal kam uns zuvor: »Ihr seid still. Nur ich rede.«
Angesichts unserer Unerfahrenheit in Seefahrtsdingen wagte keiner, ihm zu widersprechen.
»Wie viele seid ihr und welcher Nationalität?«, fragte der Matrose in unsere Richtung schreiend, während das Boot aus Vorsicht etwa vierzig Schritt vor uns anhielt.
»Allesamt ehrliche Untertanen Eures Großherzogs, des Allerchristlichsten Königs von Frankreich, der Republik Venedig und Seiner Heiligkeit des Papstes von Rom«, brüllte Kemal zurück. »Zehn im Ganzen: drei Musiker, vier Gelehrte, ein Secretarius und zwei Seeleute.«
»Was tut ihr hier?«
»Überfallen von Barbaresken. Schiff verbrannt, mit Beiboot geflohen!«, schrie Kemal, der vor unserem Abstieg die lange Mähne hatte zusammenbinden und meinen Umhang überwerfen müssen, um alle Details seines piratenhaften Aufzugs zu verstecken.
Die Berufsbezeichnung »Seeleute« hatte Kemal anscheinend sich und Mustafa zugedacht, doch das Wichtigste war, dass wir uns das Vertrauen der Livorneser Mannschaft erwarben. Wenn wir erst einmal an Bord waren, würden wir ihnen die Geschichte der beiden Barbaresken, die zur wahren Religion unseres Herrn Jesus Christus zurückkehren wollten, vielmehr von Ali Ferrarese im Stich gelassen worden waren, schon langsam beibringen.
»Zu welcher Flotte gehörte Euer Schiff?«, fragte der Matrose.
»Es unterstand dem Allerchristlichsten König, wurde geentert und verbrannt. Wilde Korsaren, angeführt von Ali Ferrarese!«
|312|Stille trat ein, die vier Matrosen blickten einander an, wahrscheinlich überrascht, diesen Namen von trauriger Berühmtheit zu vernehmen.
»Wir haben schwere Verluste erlitten«, ergänzte unser Herold, »die Mannschaft zu Sklaven gemacht, die Waren geplündert, das Schiff versenkt. Wir sind Schiffbrüchige. Wir flehen euch um Hilfe an, um unseres Herrgotts willen!«
»Wir Musiker werden mit allergrößter Dringlichkeit von Seiner Eminenz Kardinal Mazarin persönlich am französischen Königshof erwartet!«, fügte Malagigi wohlbedacht hinzu.
Die vier Matrosen berieten sich untereinander, dann ergriffen sie die Ruder und kamen auf uns zu.
»Gott sei’s gelobt!«, hörte ich Pasqualini aufseufzen.
Sie waren nicht mehr als zehn Schritt von uns entfernt, wir konnten ihnen nunmehr ins Gesicht sehen: Der Anführer, der mit Kemal verhandelt hatte, war ein untersetzter Mann mittleren Alters, das von einem weißen Bärtchen umrahmte Gesicht sonnenverbrannt. Die anderen waren junge Kerle zwischen zwanzig und fünfundzwanzig. Während sie ruderten, betrachteten sie uns neugierig und wachsam zugleich.
»Wo sind die anderen?«, fragte der Anführer. »Wir müssen mindestens zwei Fahrten machen, um euch alle aufzunehmen, und dann braucht es ziemlich viel Zeit, um …«
»Himmel, Signor Secretarius, Ihr sagtet doch, es geht Euch besser …«, rief Kemal mit einem entsetzten Blick auf mich aus.
Prompt richteten sich die Augen des Weißbärtigen und der anderen auf meine Wenigkeit.
Ich erbrach mich, hilflos an einen Felsen geklammert.
»Gleich ist es heraus … nur einen Augenblick noch«, sagte ich keuchend, während ich reichlich Magensäfte ausspie, doch nichts von dem am gestrigen Abend gegessenen Fleisch. Die grünliche Lache zu meinen Füßen verhieß nichts Gutes.
»Quarantäne! Quarantäne!« Nur dieses eine Wort warf der untersetzte Mann mit dem weißen Bart uns vom Boot aus zu.
Die Gesetze der Seefahrt sind eisern: Ohne ein Gesundheitszeugnis galten wir angesichts eines so offenkundigen Unwohlseins alle als ansteckend. Überdies gab es keine Garantie, dass Kemals Worte der Wahrheit entsprachen. Wenn er nun gelogen hatte, um zu verheimlichen, dass der wahre Grund unseres Aufenthalts auf Gorgona eine |313|Seuche war? Als ich mich aufrichtete, sah ich Pasqualini und Naudé, die mich mit kaum verhohlenem Zorn musterten. Dann brach ich wieder zusammen und hoffte, endlich meine Eingeweide zu leeren.
»Verseuchte! Ihr seid verseucht!«, wurde vom Boot aus gerufen. »Wir müssen alle toskanischen Häfen warnen, dass euch vierzig Tage lang keine Mannschaft an Bord nehmen darf!«
»Was? Vierzig Tage lang?«, schrien du und Malagigi. Ihr blicktet euch an, beide einer Ohnmacht nahe.
»Seine Eminenz Kardinal Mazarin erwartet uns dringend in Paris!«, protestiertest du aus vollem Halse.
Vergebens: das Boot wendete, um zur Schebecke zurückzurudern. Der Bärtige blickte hinter sich, betrachtete uns nachdenklich. Dann gab er ein Zeichen, innezuhalten.
»Wir sind Christenmenschen und haben Mitleid mit euch«, rief er, »aber die Gefahr, die von euch ausgeht, ist zu groß. Eure Krankheit könnte sich im Hafen von Livorno ausbreiten, was bedeuten würde, in kürzester Zeit den halben Erdkreis anzustecken.«
»Ein Seemann mit Verantwortungsgefühl und Gewissen, das muss man zugeben. Ein wahrer Christ.« Kemals Bemerkung überraschte, hatte man doch bisher noch keine frommen, für die Idee der Nächstenliebe empfänglichen Gedanken von ihm vernommen.
»Von wegen wahrer Christ!«, knurrtest du. Unerwartet kam deine Frage an das bärtige Männchen: »Wie viel willst du?«
»Toskanische, päpstliche oder französische Münzen sind willkommen. Natürlich auch Gold oder Perlen!«, lachte dieser. »Keine Wechselbriefe oder Münzen aus den Barbareskenreichen!«
Deine unverblümte Frage verwirrte uns. Trotz deiner Jugend wusstest du besser als wir, dass alles auf der Welt seinen Preis hat. Ein Stich fuhr mir durchs Herz und ließ mich das Magenleiden vergessen. Deine Eingebung stammte aus dem Missbrauch durch die Medici und ihre unflätigen Kumpane, den du seit deiner Kindheit hattest erleiden müssen, und aus der Erfahrung, von deinem eigenen Vater verraten worden zu sein.
»Habt ihr noch etwas bei euch?«, fragte Kemal halblaut.
Alle schüttelten wir traurig den Kopf.
»Du weißt ganz genau, Schurke, dass dein Anführer, dieser Renegat, uns alles genommen hat!«, murrte Hardouin einmal weniger sanftmütig als sonst.
|314|»Ich habe die Gutenbergbibel. Sie ist von unschätzbarem Wert! Kardinal Mazarin täte alles, um sie zu bekommen!«, wagte Naudé einen Versuch, wohlweislich verschweigend, dass es sich um eine Kopie handelte.
»Wir haben nur ein altes, kostbares Buch, das dem König von Frankreich gehört!«, fasste Kemal den Sachverhalt für die Bootsmannschaft grob zusammen.
»Haha! Vielen Dank, aber im Moment wackelt keiner von den Stühlen an Bord, und die Mannschaft benimmt sich anständig!«, spottete der Weißbärtige. Er spielte auf die beiden einzigen Verwendungsweisen an, die Seefahrer Büchern zugestehen: Entweder stützt man damit wackelige Möbel oder man rührt mit Hilfe von Meerwasser aus den Seiten einen ekelhaften Brei, den aufrührerische Ruderer zur Strafe schlucken müssen.
Mit diesen Worten und ohne unsere Reaktion abzuwarten oder uns noch eines Blickes zu würdigen, ruderten die Matrosen auf dem Beiboot unter Scherzen und Gelächter wieder zur Schebecke zurück.
»Räuber!«, protestierte ich, nach überstandenem Unwohlsein mein Kinn mit dem Jackenärmel säubernd. »Sie wollten unser Unglück ausnutzen! Außerdem habe ich nur einen verdorbenen Magen, keine Pestbeulen!«
»Auf See zählen solche Feinheiten nicht«, sagte Kemal, »und bei einem Verdacht auf ansteckende Krankheiten unter den Passagieren kann einem Handelsschiff sogar der Zugang zum Hafen verwehrt werden, dann muss es die Quarantäne abwarten. Die Waren verderben, die Geschäfte mit den Händlern am Ort platzen. Lässt der Kapitän heimlich kranke Passagiere von Bord gehen, muss er eine gesalzene Strafe zahlen und darf für lange Zeit nicht mehr in diesem Hafen ankern. Das ist verlorenes Geld, lieber Secretarius, und ohne Geld gibt es keine Seefahrt.«
Nach diesen Worten gab der Korsar mir die Mütze zurück, die ich ihm zur Verkleidung geliehen hatte. Der freundliche Hieb auf den Rücken, den er mir versetzte, brach mir fast sämtliche Knochen, aber als körperlich fühlbarer Kommentar fasste er die gesammelte Wut der Gruppe gut zusammen.
Eine mühselige und traurige Rückkehr auf den Gipfel der Klippe erwartete uns. Wir hatten eine Gelegenheit versäumt, unsere Gefangenschaft auf dieser Insel rasch zu beenden, und wussten noch immer |315|nicht, ob sie eine Stadt oder einen Hafen besaß, der diesen Namen verdiente. Nicht einmal die Matrosen der Schebecke hatten wir danach fragen können, da sie uns so schnell unserem Schicksal überlassen hatten.
Es würde eine gute halbe Stunde dauern, um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren. Während wir langsam auf dem steilen Pfad zwischen den Felsen emporkletterten, spürte ich die zornigen Blicke der Gesellschaft im Rücken wie Dolche, die mir bis in die Knochen fuhren. Ach, hätte ich diese Magenverstimmung doch fünf Minuten früher gehabt und nicht erst, als wir von der Mannschaft der Schebecke verhört wurden, dann wären wir jetzt schon an Bord des Livorneser Schiffs auf der Fahrt zum Festland. Schimpf und Schande über diesen armen Secretarius! Doch ich beklagte mich nicht und schlug mir auch nicht an die Brust. Es gehört zu den Pflichten des Secretarius, Unerschütterlichkeit und Würde zu bewahren, wenn diese auch seinen Herrn auszeichnen sollen.