DISKURS LI
Darin die drei zunächst verachtenswerten Inselbewohner sich als sehr wertvoll entpuppen und von der berühmten Abtei von Gorgona die Rede ist.
Dank des schönen Wetters legten wir den Weg, der vom Wald auf die Küstenstraße und von dort zur Torre Vecchia führte, dieses Mal relativ zügig zurück. Die drei sonderbaren Individuen fühlten sich offensichtlich in diesem Teil der Insel wie zu Hause und führten uns so leichtfüßig, dass wir kaum mit ihnen Schritt halten konnten.
Schon schnappten unsere Gelehrten nach Luft, denn sie versuchten, an der Seite der rüstig ausschreitenden Männer zu bleiben und ihnen gleichzeitig entscheidende Informationen zu entlocken.
»Seid Ihr schon öfter in der Torre Vecchia gewesen?«, fragte Guyetus.
»Ach nein, nicht oft«, antwortete der zweite Bärtige, »es ist ein überaus langweiliger Ort.«
»Warum? Sind Euch andere Orte auf dieser Insel lieber?«, fragte ich.
»Versteht sich: zum Beispiel die Abtei.«
»Eine Abtei? Davon wussten wir nichts«, keuchte Schoppe, dem der Marsch bereits zusetzte.
»Dann kennt Ihr die Vorzüge dieser Insel wirklich nicht, Signori«, bemerkte der Erste mitleidig, während der Zweite lachend nickte und der Hinkende, der trotz seines Leidens kraftvoll ausschritt, die ostentative Überlegenheit der anderen mit seinem Mienenspiel getreu nachahmte.
Unschwer ließ sich vorstellen, wie sehr die herablassende Behandlung durch diese Vogelscheuchen unsere auf ihre Bildung so stolzen Gelehrten indignierte. Sie erduldeten sie nur, weil die drei vielleicht etwas über Philos Ptetès und seine sagenhaften Handschriften wussten.
»Oh, dann erzählt uns doch bitte davon«, bat Caspar Schoppe mit gekünstelter Höflichkeit.
|365|Die zwei mit der Gabe der Rede ausgestatteten Bärtigen berichteten, dass die Insel Gorgona so genannt wurde, weil ihre Silhouette von der Küste aus gesehen an klaren, sonnigen Frühlingstagen dem Profil einer Frau ähnelte, das die Legende mit dem mythischen Gorgonenhaupt verbinde, dem von Perseus erschlagenen Ungeheuer. Schon die alten Griechen nannten sie Urgon oder Gorgon. Schon früh lebten hier Eremiten, wie der Historiker Rutilius Namatianus schon in der Spätantike berichtete. Am Ende des 6. Jahrhunderts hatte der Abt Orosius hier ein Kloster gegründet, in dem die Überreste des heiligen Gorgonio als Reliquie verehrt wurden, und das sogar die heilige Katharina von Siena besucht hatte. Dann war das Kloster an die Kartäuser übergegangen, die die Insel jedoch wegen der andauernden Piratenüberfälle verließen. Später hatten Basilianermönche sich hier niedergelassen, die ebenfalls aufs Festland flohen, weil sie die Grausamkeiten der Korsaren nicht ertrugen.
»Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Abtei von Gorgona trotz der Schwierigkeiten immer größer und ist heute ein Meisterwerk. Wir werden sie Euch zeigen, sobald das Wetter es zulässt. Leider muss man eine Art Eselspfad hinaufklettern, der aufgrund von Vernachlässigung kaum mehr begehbar ist. Bei diesem schlechten Wetter und dem nassen Boden droht man ins Tal hinabzustürzen«, sagte der Zweite.
»Wie sieht diese Abtei aus?«, fragte ich.
»Oh, sie ist der größte Schatz der ganzen Insel«, rief der Erste verträumt aus. »Das Gebäude hat einen sechseckigen Grundriss und sechs Stockwerke. In jeder Ecke ragt ein großer runder Turm von gut sechzig Schritt Durchmesser auf. Im untersten Hof stand einst ein Brunnen aus Alabaster mit Statuen der drei Grazien, die aus allen Körperöffnungen Wasser verspritzten. Zwischen den Türmen lagen Gärten mit Zier- und Obstbäumen. Die Abtei besaß mehrere tausend Räume, es sollen über neuntausend gewesen sein! Jeder hatte ein Vorzimmer, eine Garderobe, eine Kapelle und war je nach der Jahreszeit anders tapeziert. Der Fußboden war mit grünem Tuch belegt, in jedem Vorzimmer stand ein Kristallspiegel, in Feingold gefasst, mit Perlen geschmückt und so groß, dass ein Mann sich von Kopf bis Fuß darin spiegeln konnte.«
»Seid Ihr sicher, dass eine Abtei derartigen Komfort enthalten kann?«, fragte Malagigi, während die vier Gelehrten ihm ängstliche |366|Blicke zuwarfen, denn sie fürchteten, die leiseste Kritik könnte die drei bärtigen Gesellen, die Hüter wer weiß welcher Geheimnisse über Philos Ptetès, ungnädig stimmen.
»Mein armer Freund«, erwiderte der Erste mit dünkelhafter Ironie, »Ihr wisst ja nicht, dass die Abtei durch unzählige Hände gegangen ist: Kirchenleute, Lehnsherren des Großherzogs der Toskana, Soldaten, unrechtmäßige Besetzer und so weiter. Selbstverständlich wurden diese prächtigen Dekorationen im Laufe der Zeit fortgeschafft, wer weiß, wo sie gelandet sind. Wir sprechen von der goldenen Zeit, als in der Abtei nur gelehrte und erlesene Geister lebten, die fünf oder sechs Sprachen kannten, die Kunst der Konversation pflegten, Musik und Dichtung liebten. Alle Bewohner trugen Schwert und Dolch wie Edelleute und Samtbarette mit einer weißen Feder.«
»Schwert und Dolch?«, wundertest du dich. »Sollten in einer Abtei denn nicht nur Mönche leben?«
»Selbstredend. Sie waren wirklich Mönche. Aber sie kleideten sich eben so«, beschied dir der Bärtige. »Niemand konnte ihnen irgendetwas vorschreiben: was sie essen, sagen, denken oder tun sollten. Denn freie, hochgeborene, gebildete und in sittlichen Kreisen aufgewachsene Menschen haben eine natürliche Neigung dazu, der Tugend zu folgen und das Laster zu meiden. Sie pflegten jede Art der Kunst, doch nicht aus egoistischem Vergnügen, sondern zur Ergötzung ihrer Kameraden. Sie kleideten sich elegant, im Winter nach französischer, im Sommer nach türkischer Art. Die Damen und die Edelmänner taten alles, um einander zu gefallen, darum wurde die Wahl der Kleidung den Damen überlassen.«
»Frauen? In einem Mönchskloster?«, rief Malagigi bestürzt aus.
»Es waren Nonnen«, erklärte der Zweite, als müsste sich das von selbst verstehen, während der Hinkende wie immer eifrig nickte. »In dieser Abtei war alles luftig, frei und leicht. Die Regel lautete: Tu, was du willst. Die Abtei hatte nicht einmal Umfriedungsmauern, denn ihre Erbauer wussten, dass dort, wo Mauern stehen, Machtgier, Neid und Verschwörung gedeihen. Um keinerlei schädliche Grenzen zu schaffen, gab es in der Abtei weder Uhren noch Sonnenuhren, damit nicht einmal die Zeit das menschliche Handeln aufhalten konnte.«
»Seid Ihr sicher, dass es sich nicht um eine Legende handelt?«, fragtest du ohne Angst, Missstimmung bei den drei Landmännern hervorzurufen.
|367|Sie antworteten mit herzhaftem Gelächter, während der Hinkende, der sich wie immer ein wenig verspätet der Reaktion seiner Genossen angeschlossen hatte, dir sogar einen freundlichen Hieb auf den Rücken versetzte, was dir (wie ich in deiner Miene las) durchaus keine Freude machte.
»Euer Junge hier ist wirklich reizend!«, sagte der Zweite zu mir, »er hat noch immer nicht verstanden! Natürlich handelt es sich um Märchen, Geschichten, Legenden! Wir sind ja nicht wie Nummer Drei, die jedem, der ihr über den Weg lief, blühenden Unsinn erzählte!« Und wieder lachten sie.
»Und weiter?«, drängtest du.
»Die Abtei ist so herrlich, und ihre Geschichte reicht so tief in die Vergangenheit, dass Hunderte sich einen Spaß daraus gemacht haben, etwas über sie zu erfinden. Unten in Taprobana gibt es einen, der Euch mit seinem Repertoire tagelang unterhalten könnte«, sagte der Zweite, während wir über den Innenhof der Festung schritten.
Bei diesem letzten Satz hörte ich Schoppe einen schrecklichen Fluch auf Deutsch ausstoßen.
Guyetus runzelte die buschigen Brauen: »Taprobana?«
»So heißt die Stadt«, antworteten sie.
»Was für ein seltsamer Name«, pflichtete Naudé in gewählt höflichem Ton bei. »Bedeutet er etwas in Eurem hiesigen Dialekt?«
Naudés Frage entlockte Schoppe weitere ungehaltene Grunzer.