Schweigend musterten die drei Bärtigen unsere Schar, vielleicht warteten sie auf eine Reaktion. Doch niemand wagte zu sprechen. Es war, als wartete jeder darauf, dass der anderer zuerst den Mund aufmachte. Gewiss dachten alle: Wenn einer der drei Insulaner wirklich Philos Ptetès ist und ich jetzt irgendeine Dummheit sage, wird er mich dann noch für würdig erachten, seinen Schatz zu bekommen?
Auch ich musterte die Bärtigen: Wenn einer von ihnen der slawonische Mönch war, wusste er sein Geheimnis perfekt hinter dem leeren und leicht schwachsinnigen Blick, der den drei wunderlichen Individuen gemeinsam war, zu verbergen.
|421|Schließlich wagte Caspar Schoppe das Schweigen zu brechen:
»Ich habe immer geahnt, dass dein Freund keine Biographie wünscht«, sagte er zu Naudé.
»Warum nennst du ihn meinen Freund?«
»Nachdem du Campanella fallengelassen hattest, hast du dich bei Galileo eingeschmeichelt, schließlich hast du in Padua studiert, als er dort lehrte. Berühmtheiten haben dich schon immer angezogen«, bemerkte Schoppe mit einem Seitenblick auf die Reaktion der Bärtigen.
»Lieber Caspar, wie Plinius sagte, als er mit dem Kaiser Trajan sprach: ›Der aufrichtigste Mann ist der meines Vertrauens würdigste Mann.‹ Außerdem hast du dergleichen niedrige Unterstellungen bereits bei Tisch gemacht. Und ich habe dir bereits geantwortet, dass auch du Galileo kanntest. Also ziehen auch dich berühmte Menschen an. Du hast dich für Galileo eingesetzt, hast Papst Urban VIII. Gutes über ihn berichtet. Du hast tausend Eide geschworen, dass seine Theorien nicht im Widerspruch zur Heiligen Schrift stehen, und eine Zeitlang konntest du ihn schützen, oder irre ich mich?«
»Zuerst einmal stammt der Satz nicht von Plinius, sondern von Tacitus, aber diesmal vergebe ich dir, weil du ihn nur wie ein Papagei als Zitat bei Justus Lipsius nachgeplappert hast, und leugne nicht …«, kam ihm Schoppe zuvor, da Naudé bereits empört auffahren wollte, »dass ich dich erwischt habe, denn auch ich habe die Politicorum sive Civilis Doctrinae Libri von Lipsius gelesen, welcher denselben Fehler macht wie du. Abgesehen davon gestehe ich, dass es zutrifft, was du sagst. Aber dann habe ich die Wahrheit entdeckt.«
»Die Wahrheit kenne ich auch«, erwiderte Naudé. »Galileo war nicht nur eine Berühmtheit, wie du ihn nennst, sondern ein Genie.«
Angestachelt vielleicht durch die Möglichkeit, vor dem geheimnisvollen Philos Ptetès endlich eine gute Figur abzugeben, da die drei Bärtigen jetzt nicht schliefen, sondern dem Gespräch aufmerksam zuhörten, begann Gabriel Naudé seine Ausführungen mit Dingen, die jedes Kind weiß, nämlich, dass Galileo als Erster das Fernrohr, bis dahin ein Instrument für Seefahrer, in den Himmel gerichtet und die Theorie des Kopernikus bestätigt hatte, nach der die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.
»Und da begannen seine Probleme …«, sagte er mit einem vielsagenden Blick auf die drei.
»… mit der Kirche«, ergänzte Guyetus ernst, der nicht hintanstehen |422|wollte, wenn es darum ging, den vermeintlichen Philos Ptetès zu beeindrucken.
Der bärtige Besitzer des Papiers fragte neugierig: »Erzählt: welche Probleme?«
Galileos Geschichte war überall so sattsam bekannt, dass diese naive Frage ganz nach einer Falle aussah. Naudé verstummte augenblicklich und beäugte sein Gegenüber misstrauisch. Dann fuhr er vorsichtig fort:
»In der Bibel befahl der Prophet Joshua: ›Sonne, steh still!‹ Also muss die Sonne sich um die Erde drehen, sonst wäre die Bibel unwahr. Galileo verstieß gegen einen Glaubensgrundsatz, und das war sein Untergang. Er wurde zweimal verurteilt, mit Gefängnis und dem Tod bedroht, und musste schließlich widerrufen. Doch im Dialog über die hauptsächlichsten Weltsysteme und anderen Schriften konnte er seine Entdeckungen und aus Erfahrungen gewonnenen Überzeugungen schriftlich darlegen, und das war die Geburt der modernen Wissenschaft.«
Schwungvoll beendete er seine Rede, indem er den Zeigefinger zum Himmel erhob wie ein antiker Rhetor, was die drei Bärtigen mit bewunderndem Murmeln quittierten.
»Der übliche verfluchte Gottlose«, brummte Schoppe von seinem Posten auf Kemals Rücken, »und Lügner obendrein.«
»Was willst du damit sagen?«, ereiferte sich Naudé.
»Das weißt du ganz genau. Zwischen Kopernikus und Galileo liegen neunzig Jahre. In dieser Zeit sind nicht weniger als elf Päpste aufeinandergefolgt, und keiner von ihnen hat Einwände gegen Kopernikus erhoben, ja oft haben sie ihn sogar unterstützt!«
»Wirklich?«, wunderte sich der Bärtige, der das Papier hervorgezogen hatte.
»Ein Beispiel genügt: Gregor XIII. vollendete vor sechzig Jahren die Kalenderreform und stützte sich dabei auf die Prutenischen Tafeln, die auf Kopernikus’ Theorie aufbauen.«
»Ah!«, rief der Hinkende aus.
»Die Päpste interessiert nur, dass sich mit Kopernikus’ Berechnungen die Zeit und die Bewegungen der Planeten exakt messen lassen. Für sie sind diese Berechnungen praktische Werkzeuge. Der Erste, der Kopernikus angriff, war Luther, der ihn einen ›astrologischen Emporkömmling‹ nannte und sagte, seine Theorie sei ›reine Narretei‹.«
»Du bleibst der übliche Papist, Caspar.« Guyetus schüttelte indigniert |423|den Kopf und wandte sich ebenfalls an den Bärtigen: »Jetzt ist es Luthers Schuld, und die Kirche hat nichts damit zu tun.«
»Genau so ist es aber, tut mir leid«, erwiderte Schoppe unwirsch. »Melanchthon, Luthers Handlanger, widersetzte sich der Kopernikanischen Wende mit denselben Argumenten, die die römische Kirche achtzig Jahre später benutzte, um Galileo zum Widerruf zu zwingen. Also war der erste und wahre Feind Galileos nicht die katholische Kirche, wie du behauptest, Gabriel, sondern die reformierte aus Deutschland.«
Zwei der drei Bärtigen wechselten einen erfreut überraschten Blick. Zufrieden registrierte Schoppe den Treffer, ohne sich darum zu bekümmern, welch eine viehische Mühe sein heftiges Fuchteln zur Unterstreichung dieses oder jenes Satzes den armen Kemal kostete, der ihn auf dem Rücken trug.
»Das ist wirklich eine interessante Geschichte!«, bemerkte der eine vergnügt. »Auch meine Freunde bitten Euch, fortzufahren. Hier langweilt man sich so sehr, besonders im Winter, dass es ein unvergleichliches Glück ist, auf so redegewandte Cavalieri zu stoßen wie Euch.«
Eines von beidem: Entweder war diese Bitte Ausdruck der reinsten Unschuld, wenn sie aus dem Mund eines überaus schlichten, auf einer entlegenen Insel von der Welt getrennten Geistes gekommen war, oder sie war ein Meisterwerk der Verstellung, wenn derjenige, der sie ausgesprochen hatte, etwas von Philos Ptetès wusste. Aber vorerst gab es keine Möglichkeit, das zu klären: Die groteske Geschichte, auf die wir uns eingelassen hatten, musste ihren Lauf nehmen.
»Nehmen wir einmal an, es sei, wie du sagst, Caspar Schoppe«, schaltete sich Guyetus ein, seine Worte sorgsam abwägend, um noch genügend Atem für die Wanderung zu haben, die wohl recht lange währen sollte. »Die römische Kirche hätte Galileo angeklagt, indem sie sich die Ideen der Protestanten aneignete. Na und? Das gereicht der Kirche ja nicht gerade zur Ehre, im Gegenteil! Papst Urban VIII. hat Galileo einfach den Prozess gemacht und ihn genötigt, den kopernikanischen Theorien abzuschwören, indem er Argumente benutzte, die auf Luthers Mist gewachsen waren. Wirklich kühn!«
»Während des Prozesses gegen Galileo«, erwiderte Schoppe sofort, »tat Urban VIII. alles, damit Kepler, ein weiterer Anhänger des Kopernikus, einen Lehrstuhl in Tübingen bekam. Dann segnete er die neu gegründete Fakultät für Naturwissenschaften im spanischen Salamanca, |424|wo Kopernikus’ Lehre unterrichtet wurde. Du siehst also, mein lieber Guyetus, dass der Papst absolut nichts gegen die Idee hatte, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Im Gegenteil.«
»Unsinn!«, rief Naudé aus. »Dann erklär uns doch, ob es stimmt, dass der Papst Galileo verurteilt hat! Oder haben wir das alle nur geträumt?«
»Ich weiß nicht, wovon ihr träumt, du und deine liederlichen Pariser Freunde«, antwortete Schoppe bissig mit einem besorgten Seitenblick auf die Bärtigen, die ein wenig abgelenkt schienen. »Das Problem ist, dass ihr gewisse Dinge einfach nicht hören wollt. Urban VIII. ist zum Beispiel nie ein Feind der Ketzer gewesen.«
»Bum!«, machte Guyetus, einen Kanonenschuss nachahmend. Der Einfall amüsierte die drei Insulaner und machte sie wieder munter.
»Mach den Mund zu und lass dir die Kanonenkugel in der Kehle explodieren«, wetterte Schoppe. Die Bärtigen lachten.
»Lass ihn reden, Guyetus, mein Freund. Ich bin wirklich neugierig, wie es weitergeht«, spottete Naudé. »Der Verehrungswürdige hat meine einfache Frage noch nicht beantwortet: Wurde Galileo von der Kirche verurteilt, ja oder nein?«
»Lieber Gabriel, einfache Erklärungen sind weit verbreitet, eben weil sie so einfach sind, aber oft vereinfachen sie zu sehr, um auch wahr zu sein.«
Diese Bemerkung, von Schoppe in ungewohnt sachlichem Ton geäußert, brachte Naudé und Guyetus aus dem Konzept und überraschte auch den Rest der Zuhörerschaft. Die drei Inselbewohner nahmen ihre Wirkung wahr und blickten sich aufmerksam um.
»Erklärt Euch genauer«, sagte einer von ihnen, »diese Eure Bemerkung ist außerordentlich und wahrlich nicht uninteressant.«
Schoppe zupfte sich zufrieden den breiten Kragen seines Mantels zurecht, als hätte er den Sieg und einen hübschen Batzen Handschriften von Philos Ptetès schon in der Tasche. »Der Reihe nach«, fuhr er im gemessenen Ton seiner letzten Rede fort. »Erstens bekam Galileo, als er sein Fernrohr in den Himmel richtete, nicht mit der Kirche Probleme, wie ignorante und oberflächliche Menschen sagen, sondern mit den Wissenschaftlern, die seine Entdeckungen bezweifelten, und mit den aristotelischen Philosophen, die den Werkzeugen der Technik weniger vertrauen als denen des Denkens, vorausgesetzt natürlich es ist das des Aristoteles.«
|425|Schoppe erklärte, dass Cesare Cremonini, der große Aristoteliker, der im Ruf des Atheismus stand und außerdem ein unverbesserlicher Päderast war (dieses Wort betonte Schoppe), sich geweigert hatte, durch das Fernrohr seines Kollegen an der Universität von Padua zu schauen. »Ich würde nur den Dreck auf der Linse sehen«, hatte er zu Galileo gesagt.
Doch Galileo siegte und zwar dank der Kirche. Es waren die Astronomen der Vatikanischen Sternwarte, die seine Entdeckungen bestätigten, und dazu hatte sie der Jesuit Kardinal Roberto Bellarmino ermutigt, der Leiter des Heiligen Offiziums. Gekrönt wurde das Ganze durch einen feierlichen Empfang zu Ehren Galileos im Quirinalspalast, der päpstlichen Residenz. Er wurde Mitglied der Accademia della Crusca und der Accademia dei Lincei, der unter Aldobrandini-Papst Clemens VIII. gegründeten naturwissenschaftlichen Akademie.
»Ihr seht also, dass die Kirche nichts gegen Kopernikus und auch nichts gegen Galileo hatte«, schloss Schoppe, höflich auch an denjenigen unter den drei Bärtigen gewandt, der ihm die Frage gestellt hatte.
»Was sagst du dann zu diesem Dominikaner Niccolò Lorini, der die Kopernikanische Theorie 1612 der Ketzerei anklagte?«, wandte Guyetus ein.
»Das Heiligen Offizium verfolgte die Anzeige nicht«, beschied ihm Schoppe knapp.
»Eben. Das zeigt, dass die Kirche ein doppeltes Spiel spielte. In der Sache Galileo darf der niedrige Klerus wettern und die hohen Ränge wiegeln ab. So haben sie freie Hand auf beiden Seiten«, bemerkte Guyetus, und seine Miene zeigte, wie sehr ihn die Manöver der Nachfolger Petri anwiderten.
»Sehr gut, unser Guyetus!«, rief Schoppe überraschend aus. »Du hast den Kern der Sache getroffen: Wessen Spiel wird hier gespielt? Oder auch: Welches Spiel spielte Galileo? Die Kirche zögerte, das stimmt. Aber weil sie nicht wusste, wie sie auf Galileos widersprüchliches Verhalten reagieren sollte.«
»Ach, hör doch auf, Caspar! Wenn ich dir Recht geben müsste, müsste ich auch sagen, dass Esel fliegen!«, stieß Guyetus hervor, indem er seine Worte mit einer obszönen Geste begleitete.
»Ich weiß genau, wovon ich rede. Du hast es gerade erwähnt, Gabriel, ich habe mich in jeder denkbaren Form für Galileo eingesetzt, ihn bis aufs Blut verteidigt, immer gut über ihn bei Papst Urban gesprochen |426|und überall mit felsenfester Überzeugung vertreten, dass es zwischen seinen Theorien und der Bibel keinen Widerspruch gibt. Ich habe mich sogar bei seinem holländischen Verleger Louis Elzevier für Galileo verwendet und den Verleger ermahnt, nichts mehr von den ohnehin äußerst mageren Erträgen aus dem Verkauf von Galileos Büchern zu unterschlagen. Doch dann habe ich verstanden, wie Bouchard.«
Hier machte Schoppe eine Pause.
»Ich dagegen habe nicht verstanden«, wandte Guyetus säuerlich ein, obwohl er genau verstanden hatte.
»Ich habe endlich verstanden, dass Galileo gar nicht verteidigt werden wollte.«
»Das ist unerhört«, sagte Guyetus mit erstickter Stimme und faltete die Hände, als bäte er den Allerhöchsten um Schutz. »Noch so ein Verrückter, wie der arme Bouchard. Du wirst uns doch nicht auch noch mit dieser Geschichte kommen, dass Galileo sich absichtlich verurteilen ließ.«
»Galileo wollte Ruhm und Erfolg, aber er bekam sie nicht.«
Darauf hoben Naudé und Guyetus die Augen zum Himmel.
»Hör mal, ich bin bestimmt nicht der Einzige, der das sagt«, wandte Schoppe ein, die Hand wie zum Schwur an die Brust gelegt. »Der Erste war ausgerechnet jener atheistische Päderast Cremonini, über den ihr gottlosen Gesellen in Verzückung geratet. In Padua wissen alle, dass Galileo sich andauernd bei Cremonini darüber beklagte, dass keiner seine Schriften zur Kenntnis nahm. ›Es gibt eine Verschwörung des Verschweigens um meine Bücher‹, sagte er und fragte Cremonini um Rat, was er tun solle, aber der antwortete sarkastisch: ›Geselle dich zu der Verschwörung.‹«
»Was hat das denn damit zu tun?«, protestierte Naudé, »Es ist bekannt, und du selbst hast es vorhin gesagt, dass Cremonini die Forschungen Galileos nicht schätzte.«
Jeder unserer gelehrten Gefährten schielte immer dann heimlich nach den drei bärtigen Gästen, wenn er seine Reaktionen zeigte und seine Überzeugungen kundtat. Alle fühlten sich unter diesen mal zerstreuten, mal forschenden Blicken wie bei einer Prüfung. Und ein jeder musste unfreiwillig erleben, dass er seine Seele vor diesen Unbekannten entblößte, in der Hoffnung, der Bevorzugte zu sein, dem der literarische Schatz anvertraut würde.
|427|Nur Hardouin hielt sich abseits, da er nicht auf Einladung von Philos Ptetès hier war, sondern nur als Begleitung von Guyetus. Auch Naudé hatte mitnichten eine Einladung von dem slawonischen Mönch bekommen, doch Mazarins Bibliothekar fühlte sich weit würdiger als Schoppe und Guyetus, die kostbaren Papiere zu erhalten und sie der Welt bekannt zu machen – und er war fest entschlossen, den unsichtbaren Philos Ptetès genau davon zu überzeugen.
Galileo, erklärte Schoppe ungerührt, schien die Nachgiebigkeit der römischen Kirche gegenüber Kopernikus ein Ärgernis zu sein. Er tat alles, um sie in eine erbitterte Auseinandersetzung zu verwickeln und zog sogar den Papst mit hinein.
Auf der Höhe seines Ruhms setzt Galileo zur entscheidenden Attacke an: Er schreibt die berühmten Kopernikanischen Briefe, private Briefe zwar, doch absichtlich in Umlauf gebracht, in denen er die physische Realität der Kopernikanischen Theorie bis aufs Äußerste verteidigt: Die Erde dreht sich wirklich um die Sonne, Kopernikus’ Berechnungen sind keine rein mathematischen Hilfsmittel, sondern beschreiben die tatsächliche Erdbewegung. Folglich, so stellt Galileo fest, können einige Stellen in der Bibel nicht wörtlich genommen werden. Sofort greift ihn Pater Tommaso Caccini in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz an, doch Kardinal Giustiniani befiehlt dem Pater, seine Anklage öffentlich zurückzuziehen. Andere Geistliche übernehmen die Verteidigung Galileos: Pater Benedetto Castelli und der Dominikaner Luigi Maraffi. 1615 wird Galileo nach Rom gerufen, um seine Behauptungen zu belegen.
In der Zwischenzeit unterläuft ihm ein grober Fehler. Am Himmel erscheinen drei Kometen, und der hochgelehrte Pater Orazio Grassi vermutet, den Theorien des großen Tycho Brahe folgend, dass die Kometen Himmelskörper sind. Galileo, der wie üblich alle verhöhnt, die anders denken als er, behauptet, die Kometen existierten gar nicht, sie seien optische Täuschungen.
»Das stimmt, in meiner Buchhandlung in Paris habe ich beide Bücher, das von Pater Orazio Grassi und auch die Abhandlung über die Kometen von Galileo«, bestätigte Hardouin.
Kurz nach diesem letzten Bravourstück Galileos, fuhr Schoppe fort, geht ein Gerücht unter den Aristotelikern um, dass er vor dem Heiligen Offizium alles zurückgenommen, ja sogar seinen Theorien ausdrücklich |428|abgeschworen habe. Damals wandte Galileo sich an Kardinal Bellarmin, das Haupt des Heiligen Offiziums, und bat ihn um einen Brief, in dem die Vorgänge wahrheitsgemäß dargestellt werden. Bellarmin schrieb den Brief, den Galileo wünschte, und erklärte genau, dass das Heilige Offizium Galileo keinerlei Strafen auferlegt und ihn erst recht nicht zum Widerruf gezwungen hatte. Galileo wurde eben nichts abgeschlagen.
»Tatsächlich habe auch ich im Haus des Kardinals Barberini, meinem Herren, gehört, dass Bellarmin Galileo geholfen hatte«, meldete sich Malagigi von hinten zu Wort, während du und Barbara Strozzi schweigend zuhörtet.
1623 erscheint Il Saggiatore, dem neuen Papst Urban VIII. gewidmet, der sich das Buch beim Essen vorlesen lässt. Doch Galileo nutzt seine Freundschaft mit dem Papst aus und veröffentlicht 1632 den Dialog über die zwei hauptsächlichsten Weltsysteme, wo er sich unbegreiflicherweise über den Papst und über das Imprimatur lustig macht, das das Heilige Offizium dem Buch erteilt hatte. Überdies ist der Dialog auf Italienisch geschrieben, um ihm die größtmögliche Verbreitung zu sichern.
»Das stimmt, sonst hätte Galileo Lateinisch geschrieben, wie es bei Wissenschaftlern üblich war«, bemerkte Hardouin.
»Das beweist, was ich von Anfang an gesagt habe: Galileo wollte den Bruch mit der Kirche, er wollte einen Skandal«, sagte Schoppe, jede Silbe sorgfältig betonend.
»Was redest du denn von einem Imprimatur, mein armer Caspar? Das Heilige Offizium hat den Dialog auf den Index gesetzt«, rief Guyetus gereizt aus.
»Hier irrst du!«, versetzte Schoppe. »Anfangs verlangte die kirchliche Zensurbehörde nur, Galileo solle dem Dialog eine abschließende Rede zugunsten der ptolemäischen Idee hinzufügen, nach der die wirkliche Bewegung der Himmelskörper nicht erkennbar sei. Galileo tat das, aber er legte diese Rede dem Simplico in den Mund, dem einfältigen Gesprächspartner, der überdies die Lieblingsthesen des Papstes wiederholte, nämlich dass die Wissenschaft lediglich den äußeren Anschein der Dinge erforschen kann, während ihr Wesen nur Gott allein bekannt ist! Was hatte Galileo nach so einem Schlag unter die Gürtellinie schon zu erwarten? Natürlich hat das Heilige Offizium das Buch dann auf den Index gesetzt!«
|429|Galileo hatte den Papst, seinen einstigen Freund und Unterstützer, in voller Absicht beleidigt. So erkläre sich, sagte Schoppe, warum Urban VIII., der Kepler Zuflucht geboten hatte, nachdem er von den deutschen Protestanten als Anhänger des Kopernikus vertrieben wurde, Galileo nicht vergeben konnte und der Inquisition freie Hand lassen musste. Andernfalls hätte er sich selbst der Lächerlichkeit preisgegeben.
»Gefängnis und Folter. Ali Ferrarese hat von beidem gekostet«, tönte Kemal finster, der bei dem Wort Inquisition zusammengezuckt war und, obwohl er unter Schoppes Gewicht keuchte, genug Atemluft für diese Bemerkung fand.
»Gefängnis und Folter? Weit gefehlt!«, lachte Schoppe. »Galileo wurde wie ein König behandelt. Man quartierte ihn in eine Wohnung mit fünf Zimmern und Blick auf die vatikanischen Gärten ein, er hatte einen Diener und Speisen aus der toskanischen Botschaft.«
»Jetzt willst du uns nicht auch noch erzählen, dass auch der Widerruf eine Erfindung ist!«, fuhr Guyetus auf.
»Nein, gewiss nicht. Am 22. Juni vor 13 Jahren kommt der Urteilsspruch des Heiligen Offiziums. Galileo muss vor den zehn Kardinälen des Offiziums, von denen übrigens drei zu seinen Gunsten gestimmt hatten, darunter auch der Neffe des Papstes, Francesco Barberini, seinen Widerruf verlesen. Die Strafe: Arrest im Haus des Erzbischofs von Siena, der sofort in Hausarrest in seiner Villa in Arcetri verwandelt und kurz darauf ganz aufgehoben wird. Außerdem musste er drei Jahre lang einmal wöchentlich die sieben Bußpsalmen beten. Schöne Strafe! Das ist die furchtbare Rache der römischen Kirche! Galileo, der inzwischen alt und über dem nächtlichen Sternegucken erblindet war, verließ seine Villa nicht mehr.«
»An seinen Ideen gescheitert, der arme Mann«, sagte Naudé kopfschüttelnd.
»Nicht gescheitert, sondern siegreich«, korrigierte Schoppe. »Galileo hatte gewonnen! Er lächelte, als er den Widerruf las, während Papst Urban VIII. ihn mit finsterer Miene betrachtete.«
»Hör mir mal gut zu, Caspar«, sprach ihn Guyetus mit heiserer Stimme an, in der sich Wut in erschöpfte Resignation verwandelt hatte. »Es mag sein, wie du sagst, dass einfache Erklärungen vereinfachend sind und daher nicht wahr sein können, aber dein Sermon, ob wahr oder nicht, ist ziemlich verworren.«
|430|»Verworren ist das, was Galileo tat! Ich habe nur berichtet. Galileo ist es gelungen, die Kirche von Rom zu nötigen, und das in einem äußerst heiklen Moment des Kampfes gegen die Protestanten, in dem die Katholiken beschuldigt wurden, den Buchstaben der Bibel nicht zu achten!«
»Einen Augenblick! Alle stillgestanden und Mund zu, verflucht!«
Es war Kemal, der Schweigen geboten hatte. Er ließ Schoppe absteigen und kletterte auf einen Baum mit starken Ästen. Wir beobachteten ihn neugierig, wie er seinen Blick über das Innere der Insel schweifen ließ. Dann kam er herunter, offenbar ohne etwas gesehen zu haben.
»Unser Heim ist nicht weit, liegt aber sehr einsam, von hier aus könnt ihr es nicht sehen«, erklärte ihm einer der Bärtigen.
»Euer Heim ist mir völlig egal«, entgegnete der Barbareske, »ich habe versucht, meinen Matrosen, diesen Faulpelz, zu entdecken. Mir war, als hätte ich einige Pflanzen in verdächtiger Bewegung gesehen. Aber es war nichts, gehen wir weiter.«
Schon wenige Minuten später flammte der Streit zwischen Schoppe, Guyetus und Naudé wieder auf.
»Vielleicht wollte Galileo sich nur für die ewigen Verhöre durch die Kirche rächen«, mutmaßte Naudé grinsend an Schoppe gewandt.
»Mein lieber Gabriel«, hob Schoppe zu seiner entnervenden Leier an. »Ich verstehe ja, dass du nicht promoviert bist, aber du bist immerhin Secretarius eines Kardinals in Rom gewesen! Du müsstest besser wissen als ich, dass das Heilige Offizium jeder Anzeige, die es erhält, nachgehen muss. Und Neider gibt es in der akademischen Welt zuhauf. Trotzdem verliefen alle Anzeigen gegen Galileo im Sand, weil er ein Freund der Priester war. Jahrzehntelang hatte er eine Frau aus dem Volk als Konkubine, doch als er berühmt wurde und von den italienischen Höfen umworben, entledigte er sich ihrer und der gemeinsamen Kinder mit Hilfe seiner Priesterfreunde. Der Junge wurde von einem Priester aufgezogen und die Mädchen ins Kloster gesteckt. Dank seiner Freunde aus der Kirche konnte er das Verbot umgehen, dass Kinder keine Gelübde ablegen dürfen. Die Trennung von der Mutter und das Eingeschlossensein im Kloster erschütterten das jüngste Mädchen so sehr, dass sie den Verstand verlor. Reicht dir das?«
»Liebster Caspar, Ihr habt so viel Wissen unter Eurem erhabenen, |431|schön gescheitelten und gefärbten Schopf, und wollt uns weismachen, dass Galileo die Kirche zwang, ihn zu verurteilen?«, gab Naudé säuerlich grinsend zurück.
»Dein Freund Galileo zwang die Kirche, Position zu beziehen!«
»Die Priester sind Meister darin, sich dumm zu stellen, und Galileo hat gut daran getan, als er sie zwang, aus der Deckung zu kommen!«
»Halt den Mund, Ignorant. Wie ich dir schon sagte, hat es immer zwei Strömungen in der Kirche gegeben: die dogmatischen Aristoteliker des Heiligen Offiziums, für die Aristoteles allem Anschein und aller mathematischen Berechnung zum Hohn immer Recht behält, und die platonischen Theologen, die sich damit begnügen, die augenscheinlichen Tatsachen für praktische Zwecke zu nutzen, ohne sich dafür zu interessieren, ob dieser Anschein auch wirklich ist, da nur Gott weiß, was wahr ist und was nicht.«
»Entschuldigt bitte«, unterbrach sie der redefreudigste der Bärtigen mit komischer Ehrerbietung, »ich wäre sehr dankbar für eine nähere Erhellung dieses wahrlich komplizierten Gedankens.«
»Ich werde es Euch erklären«, antwortete Schoppe eifrig und seine Augen strahlten vor Freude darüber, vom vermeintlichen Philos Ptetès um etwas gebeten worden zu sein. »Eine Theorie kann nicht durch ihre Wirkungen bewiesen werden. Es lässt sich nämlich nicht ausschließen, dass dieselben Wirkungen auf anderen, noch unbekannten Wegen erzielt werden. In wenigen Worten: wenn wir durch das Fernrohr sehen, dass die Erde sich um die Sonne zu bewegen scheint, und mathematische Berechnungen diese Theorie bestätigen, beweist das noch nicht, dass diese Bewegung wirklich stattfindet. Vergesst nicht, dass die Sonne sich, mit bloßem Auge gesehen, um die Erde zu drehen scheint! Und die Tabellen des Ptolemäus haben sich jahrhundertelang bei der Vorhersage der Bewegung der Planeten sehr gut bewährt! Bis Kopernikus andere, noch genauere aufstellte, bei denen nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt des Universums steht. Doch es handelt sich nur um Berechnungen, nicht um absolute Wahrheiten! Eine Theorie kann also nicht durch ihre Wirkungen bewiesen werden, sondern nur dadurch, dass man die Existenz anderer Theorien ausschließen kann, die mit Mitteln, die der Wissenschaft noch unbekannt sind, ähnliche Wirkungen hervorrufen. Ptolemäus ist heute durch Kopernikus widerlegt. Eines Tages könnte Kopernikus von anderen überwunden werden, die sagen, dass auch die Sonne sich um irgendetwas |432|dreht. Und immer so weiter. Hinter jeder Wahrheit steckt eine noch wahrere. Der Mensch ist dazu verdammt, das Wissen auf der Erde zu sammeln und es niemals ganz zu besitzen. Nur Gott besitzt die absolute Wahrheit.«
»Halt, Caspar! Jetzt bring nicht alles mit neuen Sophismen durcheinander!« Erregt übertönten Naudé und Guyetus einander. »Tu nicht so als hättest du vergessen, dass die Kirche durch ihre Verurteilung Galileos das Dogma bestätigte, dass die Sonne sich wirklich um die Erde dreht!«
»Ich bitte euch, mit diesem Urteil hat die Kirche rein gar nichts bestätigt! Wirklich schade, dass du und deine liederlichen Freunde in Padua nur ein bisschen Medizin gepaukt habt. Sonst könntest du, ohne andauernd so grobe Schnitzer zu machen, erkennen, dass das Urteil gegen Galileo 1633 der Beschluss einer römischen Kongregation war, der in forma communi gebilligt wurde. Das bedeutet, er gehört nicht zu jener Art Behauptungen, bei denen die Kirche unfehlbar ist. Es handelt sich um einen Beschluss von Kirchenleuten, nicht um Dogmen der Kirche, ein großer Unterschied, mein Lieber. Leider urteilst du, wie alle, die über Galileo daherreden, nach dem Hörensagen, ohne die Dokumente zu kennen.«
»Moment! Was hast du vorhin gesagt? Dass der Papst und andere Theologen Platoniker waren? Caspar, du vergisst Thomas von Aquin! Die Kirche ist aristotelisch!«, krächzte Naudé.
»Gabriel, hör auf, mich mit deinen dummen Verallgemeinerungen zu ärgern, ich will mich nicht wiederholen«, seufzte der alte Deutsche und gab Kemal einen Klaps auf den Rücken, als wollte er ihn antreiben, um Guyetus und Naudé hinter sich zu lassen.
Der Korsar, der immer außergewöhnlich fügsam war, wenn er den alten Literaten auf dem Buckel trug, gehorchte wie ein Fohlen und beschleunigte seinen Schritt.
»Bravo, Caspar!«, schimpfte Guyetus, der vergeblich mitzuhalten versuchte. »Wenn dir die Argumente ausgehen, nimmst du Reißaus.«
Schoppe lief rot an. »Ich und Reißaus nehmen? Nimm das sofort zurück, sonst …«, und er fuchtelte von seinem Reittier herab drohend mit der Faust.
Unter den entsetzten Blicken der ganzen Gesellschaft lief Guyetus los, fiel hin, erhob sich mit schlammverschmierten Knien, lief weiter, erreichte sein Ziel und schlug Schoppe mit der flachen Hand auf den |433|Rücken, worauf dieser ihm einen heftigen Fausthieb auf den Kopf versetzte.
Der Statthalter von Ali Ferrarese machte einen entschlossenen Satz nach vorn, um den Angreifer abzuschütteln, und wir hörten ihn über dieses Scharmützel zwischen alten Männern lachen. Guyetus nahm die Verfolgung wieder auf, stürzte erneut, erhob sich noch schmutziger als zuvor und zog mit einer Reihe wüster Beschimpfungen die Ehrbarkeit von Schoppes Mutter in Zweifel.
Der Deutsche räusperte sich und sandte seinem Gegner einen ansehnlichen Batzen Spucke, verfehlte sein Ziel jedoch um Haaresbreite. Guyetus kratzte eine Handvoll Steine aus dem Schlamm und traf Schoppe dank geschickter Ballistik dreimal an der Schulter und einmal am Fuß – der teutsche Gelehrte listete derweil aus vollem Hals brüllend alle Misshandlungen auf, denen sich Guyetus’ Mutter, Vater, Geschwister und Cousins gerne hingaben, worauf dieser sich selbst verfluchte, weil er Schoppe das Leben gerettet hatte, als Ali Ferrarese ihn den Fischen zum Fraß vorwerfen wollte. Nach mehreren vergeblichen Versuchen traf der Verehrungswürdige seinen einstigen Retter schließlich mit einem grässlichen Schleimbatzen auf die Nase, während der Pariser Philologe ihn just im selben Moment mit einer großen Kugel aus Schlamm am Hals erwischte, die an Schoppes Kragen klebenblieb.
Die beiden alten Gelehrten boten ein abstoßendes Schauspiel, das die ganze Gruppe traurig stimmte.
»Schluss damit, ich bitte Euch!«, flehte Hardouin betrübt, aus der Nachhut vorgerückt, um den Streit zu schlichten, doch mit geringem Erfolg. »Platon oder Aristoteles«, rief er darauf mit lauter Stimme, »du musst einräumen, lieber Freund Guyetus, dass Urban VIII. alles Recht auf seiner Seite hatte. Verglichen mit dem Papst war Galileo der eigentliche Dogmatiker.«
Der Satz fiel wie ein Felsbrocken auf das Haupt des alten französischen Philologen.
»Tu quoque?«, fragte er mit erstickter Stimme, Julius Cäsars letzte Worte zitierend, als dieser unter seinen Mördern auch seinen Sohn Brutus erblickte.
Guyetus hatte keine Kraft mehr, er fühlte sich von dem Freund verraten, den er auf diese unglückselige Reise mitgenommen hatte. Hardouin hielt dem vorwurfsvollen Blick seines betagten Mentors stand, |434|bis dieser die Augen senkte. Der bretonische Buchhändler offenbarte Überzeugungen, die sich sehr von denen der Starken Geister unterschieden, zu denen Guyetus und Naudé gehörten. Und was am schlimmsten war, mit diesem Satz hatte Hardouin vor dem vermeintlichen Philos Ptetès anerkannt, dass der Siegeslorbeer Schoppe gebührte. Der Verehrungswürdige frohlockte: er hatte sich für seine Niederlage bei dem Tischgespräch über Campanella gerächt. Doch seine Genugtuung währte nicht lange.
»Warum sagt Ihr, dass die Kirche zwischen Aristotelikern und Platonikern aufgeteilt ist?«, fragtest du, Atto. »Aristoteles und Platon waren zwei heidnische Philosophen, die, wie mir scheint, vor Christus gelebt haben. Müsste die Kirche nicht der christlichen Philosophie folgen? Was haben die Theologen mit heidnischen Lehren zu tun? Ich hörte Euch diese Unterscheidung soeben machen und zuvor auch schon, als Ihr über Campanella diskutiertet, aber ich verstehe sie nicht.«
»Erkläre es, Verehrungswürdiger, wenn du den Mut dazu hast!« Guyetus schöpfte wieder Kraft. »Gesteh diesem unwissenden Jüngling, dass das Christentum eine miese Kopie aus älteren Philosophien und Religionen ist, eine Suppe auf der Basis von Platon, Pythagoras und anderen, gewürzt mit antiken Mysterienkulten von Zarathustra bis Mithras, der nicht zufällig auch nach drei Tagen aufersteht, mit den Kulten von Isis, Osiris und Horus, mit den dionysischen und eleusinischen Mysterien, mit den Kulten von Soter und Attis, und das Ganze vom heiligen Paulus um jeden Preis harmonisiert, stimmig und glaubwürdig gemacht!«
»Schweig, Ungläubiger! Die Analogien vorchristlicher Philosophien und Religionen zum Christentum zeigen nur den großen Wunsch, den die Welt nach dem Messias, dem Heiland hatte!«, erwiderte Schoppe hastig.
»Dann gib dem Jungen eine sinnvolle Antwort und rede nicht von ›Wünschen‹ oder Prophezeiungen. Erklär ihm zum Beispiel, warum eure Heilige Dreifaltigkeit sich schon lange vor Christus in der platonischen Trias von Sein, Leben und Denken findet, oder in der chaldäischen von Vater, Macht und Geist. Erklär ihm, dass die Kirchenväter ihre Ideen bei Platon gestohlen und mit Billigung der Konzile den Stempel der Kirche darauf gedrückt haben. Erkläre, warum die Kirchenväter bei Porphyrios von Alexandria – einem erbitterten Feind |435|des Christentums! – die Geschichte vom Dreieinigen Gott abkupferten. Und leugne es nicht, sogar der heilige Augustinus gibt es zu.«
»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, tönte der Verehrungswürdige von der Höhe seines Reittiers herab, doch sein hohles Pathos verriet, dass ihm passende Erwiderungen auf seinen atheistischen Kollegen fehlten.
»Du weißt nicht, was du sagen sollst?«, griff ihn Guyetus an. »Dann rede ich: Mit der Idee vom Dreieinigen Gott, die sie den griechischen Philosophen abgeguckt hatten, konnten die Kirchenväter sich vom Judentum lösen und das Christentum als autonome Religion erfinden. Und so haben sie Rom erobert!«
Der alte Deutsche schwieg.
»Darum, mein Junge«, schloss Guyetus an dich gewandt, »bedient sich Urban VIII. heute bei Platon.«
»Du bist ein Lügner«, fauchte Schoppe.
Auf seine letzten Worte folgte Schweigen. Dem Verehrungswürdigen schienen die Argumente zur Verteidigung des Wahren Glaubens tatsächlich ausgegangen zu sein. Während wir marschierten, beobachtete ich dich verstohlen. Du warst nachdenklich, dachtest du an Guyetus Anklagen? Wir alle hatten gelernt, dass Platon und Aristoteles vor Jesus lebten. Bedeutete das wirklich, dass unsere Religion eine von heidnischen Lehren inspirierte Erfindung war? Ich wusste genau, wie verworren, zaghaft und schwankend dein Glaube war. Woran sollte man denn auch glauben? An den Bischof unseres heimatlichen Pistoia, der sich deinen Vater ins Bett geholt hatte? An deinen Vater, der dich und deine Brüder kastrieren ließ? Dir zu sagen, dass du auf Gott vertrauen solltest, weil Gott Vater ist, war nicht besonders verlockend für dich, dachte ich sarkastisch.
Du wandtest dich wieder an Guyetus. »Ihr nanntet den Namen eines Porphyrios von Alexandria. War es das Alexandria in Ägypten?«
»Ja, er war dort Schüler von Plotin, dann blieb er, um dessen Philosophie zu lehren«, antwortete dir Guyetus. »Aus Alexandria stammte auch Hypatia, die die Philosophie des Porphyrios sehr verehrte, und Theon von Alexandria, der Vater Hypatias, ein Mathematiker und Astronom, wie seine Tochter. Sie wurde im Auftrag des Bischofs Kyrill von Alexandria von besessenen christlichen Mönchen gevierteilt. Alexandria in Ägypten, das 331 vor Christus von Alexander dem Großen gegründet wurde, war das erste wissenschaftliche Zentrum mit der |436|ersten Universität im modernen Sinne, wo man die Welt allein durch die menschliche Vernunft erklären wollte. Dort wirkten auch Philon von Alexandria und der große Mathematiker Euklid. In Alexandria erlebten die griechische Philosophie und Kultur eine neue Blütezeit, mein Junge.«
»Es ist also die Stadt der berühmten Bibliothek, des Museions, des Serapeions und des großen Leuchtturms – alles Bauwerke, von denen keine Spur geblieben ist«, stelltest du mit tonloser Stimme fest, an das Gespräch vor den Ruinen des Hauses von Nummern Drei erinnernd, als Naudé und Hardouin durch einen herabfallenden Balken verletzt worden waren.
Mit einer wohlerzogenen Entschuldigung verließest du Guyetus und setztest dich an die Spitze der Gruppe.
Da ich nun nicht mehr vom Wortwechsel der Gelehrten abgelenkt wurde, kehrte ich in Gedanken zu den vielen offenen Fragen zurück, die Bouchards Notiz aufwarf. Man hatte sie mir zur Aufbewahrung gegeben, um Konflikte zu vermeiden. In welcher Beziehung hatten Bouchard und Galileo gestanden? Wer war E.D.? Wer die zweimal erwähnte impia cohors? Wer jene, »denen man sich nicht widersetzen kann«? Wohin führten ihn seine sorgfältigen Recherchen und Untersuchungen der Lügen antiker Historiker? Gar zu etwas Verbotenem? Und warum hatten die drei Bärtigen sich gänzlich uninteressiert an dem Papier gezeigt, als ich es im Auftrag der Gruppe eingesteckt hatte? Doch da lenkte ein unvorhergesehenes Ereignis die Aufmerksamkeit aller auf sich.