Bei Anbruch der Nacht warf sich ein alter Seemann, wie es Brauch ist, einen Überwurf um, zog sich die Kapuze über den Kopf, zündete die Laterne an und kniete am Fuß des Großmastes nieder.
Auf dem Schiff flackerten zwischen den Bänken der Ruderer, am Bug und am Heck, an den Masten und sogar am Rettungsboot schon unzählige Kerzen. Es sah aus wie eine jener Konstellationen am Himmel, die man erblickt, wenn man Dutzende leuchtender Sterne mit einer imaginären Linie verbindet. Der düstere Horizont mit regenschweren, windgepeitschten Wolken bildete einen herrlichen Hintergrund für diese Arabeske aus zitterndem Funkeln.
Dann sprach der alte Seemann mit seiner tiefen, unheimlichen Stimme dreimal den Anfang des Nachtgebets. Es war ein Zwischending zwischen Gesang und Psalmodie, fast wie der Ruf der Priester |45|Mohammeds, wenn sie am Abend von den Minaretten Konstantinopels herab die Gläubigen zum Gebet mahnen. Er benutzte die Lingua franca, jenes Gemisch aus Italienisch, Latein und Französisch, das in allen Häfen gesprochen wird, doch auch in den Weiten der Wüste bis hin zu den abgelegenen Oasen Ziban, Beni Mzab und Touat. Eine ungeschliffene, universale Sprache, wo die Verben fast nur im Infinitiv stehen und deren wenige Ausdrücke für den ärmsten Schiffsjungen so klar sind wie die Sonne. Doch zu dieser nächtlichen Stunde klangen ihre mit altem Französisch durchsetzten rituellen Formeln des Gutenachtgrußes wie der majestätische Laut einer Glocke.
Laudato si il nomen de bon Jesu!
Christe gewähre uns buon voyage et buon passage zu unsrem Heil.
Die Schar der Matrosen und Ruderer antwortete mit einem inbrünstigen, kraftvollen Chor:
Laudato si il nomen de bon Jesu!
Christe gewähre uns buon voyage et buon passage zu unsrem Heil.
Amen!
Das Echo des Chores war kaum über den Wellen verklungen, als der alte Seemann seinen Sologesang wieder aufnahm:
Vous autres, signori Seeleute, fariez priere à Dieu und zu Monsignore Saint Giulian und corpi Sancta Marthe, unsren Bekennern, que Dieu nous traite et nous führe à leur melieure, à leur protection von navem und von Waren et de vous autres, signori Seeleute, mag Dieu es lenken und schützen.
Et vous autres, signori, orate à Dieu et à Madonna Sainte Helene que Dieu nous salve Mast und Rahe et Velum et Bagien, Fock un Klüver un das Luv mit dem Ruder. Christe nous mande un bon Achterwind a queste voyage et autre als da kommen, so Dieu will.
Dann wechselten Chor und Solostimme einander in einem raschen Austausch von Anrufungen ab:
Bon voyage für alle que saluent!
Amen!
Der Sänger endete mit einem Gutenachtgruß an den Messere Kapitän des Schiffs, den Messere Steuermann, den Messere Skribent an Bord, den Messere Schiffswächter und alle anderen:
Dieu vous mande la bonne sere, mesì lou comandant, mesì lou nochier, mesì l’escrivain et mesì lou guardian und alle andren eurer tüchtigen Compagnie vom Bug bis zum Heck. Christe nous mande un bon Achterwind a queste voyage et autre als da kommen, so Dieu will.
Amen! antwortete zum letzten Mal der Chor.
Der französische Kapitän erhob sich und machte einen Rundgang über das Schiff, wobei er der gesamten Besatzung, einschließlich der Ruderer, eine gute Nacht wünschte. Darauf wurden noch die Marienlitaneien gesungen.
Nachdem die Matrosen zuletzt alle Kerzen gelöscht hatten, kam der einzige Lichtschein von der Laterne, die der alte Seemann während seines Gesangs gehalten hatte. Er ging mit der Laterne ins Heck und stellte sie in einen Schrank, wo auch der Kompass aufbewahrt wurde. Die Galeere lag nun in fast vollkommener Dunkelheit, auch die letzten Schimmer des Tageslichts an der fernen Krümmung des Horizonts waren verschwunden. Die Wachposten am Steuerruder begannen ihre Schicht, sie würden sich alle zwei Stunden abwechseln. Alle Matrosen lagen in ihre Decken gewickelt, und die Stille umfing das Schiff mit ihrer unsichtbaren Umarmung.
In der Nacht erwachte ich plötzlich, vielleicht von einem körperlichen Bedürfnis, vielleicht von einer Vorahnung getrieben. Du warst nicht an deinem Platz. Vergebens suchte ich dich auf dem Deck, in den Unterkünften der Offiziere, sogar bei den Ruderbänken. Die Ruderer lagen zwischen den Dollen, ihre Rücken glänzten feucht vom Tau der Nacht.
Keine Spur von dir, nicht einmal beim Feuer, dem großen Glutbecken zwischen den Bänken auf der linken Seite, wo zwei wachhabende Matrosen eine Salbe für die wunden Hintern der Ruderer köcheln ließen. |47|Plötzlich fuhr ich zusammen, fast hätte ich aufgeschrien: jemand leckte meine Hand. Es war eine der beiden Ziegen, die sich als frischer Fleischvorrat an Bord befanden und noch nicht geschlachtet waren.
Der Mond war hinter einer dichten Wolkendecke verborgen, und das große Zelt aus grobem Tuch, das des Nachts über die Ruderer im Kielraum gelegt wird, löschte noch den letzten Rest Licht aus. Ich irrte an Steuerbord durch den schmalen Gang mit den Schießscharten, der um die ganze Galeere herumläuft und, obwohl er sich eher für Möwen als für Menschen eignet, dazu dient, mit Flinten auf feindliche Schiffe zu feuern. Dort auf dem Boden lag eine Steppdecke und darunter etwas, was sich bewegte. Ich hob einen Zipfel an und erblickte euch, die Hosen heruntergelassen, die Röcke gelüftet, zu beschäftigt, um mich zu bemerken. Ohne ein Wort ließ ich die Decke fallen, als hätte ich nichts gesehen, und kehrte auf mein Lager zurück. Seit dem Morgen hattet ihr beide, du und Rosina, vielversprechende Winke ausgetauscht, jetzt wart ihr zur Sache gekommen, all meinen Ermahnungen zum Trotze. Meine Aufforderung zur Verstellung hattest du beherzigt, das kann man wohl sagen, aber nur, um vor mir zu verheimlichen, dass kein sodomitischer Großherzog auf der Welt dich davon abhalten konnte, dich an den weiblichen Reizen zu ergötzen, soweit dein Körper es dir erlaubte. Worüber beklagte ich mich? War ich es nicht selbst, der deine Hoden vor zehn Jahren vom Bader nur beschneiden, nicht entfernen ließ? Was hättest du mir gesagt, wenn du es gewusst hättest? Das habe ich mich oft gefragt.