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Darin von der Tetrade die Rede ist und von der maßlosen Leidenschaft des Gabriel Naudé für alte Bücher und Handschriften.
Gabriel Naudé war nämlich Mitglied der berühmten Tetrade, einer Gruppe von vier großen Geistern, den gelehrtesten, passioniertesten, brillantesten Köpfen von Paris, die vielleicht den Gang der Geschichte in Frankreich und nicht nur dort verändern konnten. Die anderen drei hießen Elia Diodati, La Mothe Le Vayer und Gassendi, und sie unterschieden sich sehr voneinander: Diodati war entgegenkommend und friedlich, Gassendi herzlich und feurig, La Mothe Le Vayer distanziert, Naudé schließlich begeisterungsfähig, aggressiv, streitlustig und redegewandt. Sie alle einte der Wunsch, sich zu präsentieren und gelobt zu werden, doch alle plauderten auch gern ungezwungen. La Mothe, der mit unfassbarer Leichtigkeit große Mengen an Schriften verfasste, beschrieb ihre gemeinsamen Abende in seinen Dialogen des Orasius Tuberus als heiteres philosophisches Gespräch. In diesem Text tritt nach dem Vorbild antiker Dialoge jeder der vier unter falschem Namen auf (Orasius Tuberus zum Beispiel ist La Mothe) und spielt ein Versteckspiel mit dem Leser. Ganz Paris las die Dialoge, die damit zur großen Bühne des geistreichen Quartetts wurden.
Die vier Freunde der Tetrade, grundverschieden und gleichzeitig seelenverwandt, liebten sich, disputierten über jedes neue Buch und jedes aktuelle Thema, stritten sich, hassten einander, versöhnten sich wieder und erreichten damit, dass ganz Paris von ihnen sprach. Ihre Lehrer waren Klassiker wie Cicero oder Seneca, Plinius oder Plutarch. Ihre Strategie war: das Geheimnis wahren, immer. Doch vor allem hatten sie ein gemeinsames Credo: den Hass auf allzu viel Glauben. Glauben an die Götter und an Gott, an Wunder, an Geheimnisse, an die Mythen und Legenden. Ihr Motto hatten sie dem vorsokratischen Griechen Epicharmos abgeschaut: Nevi atque artus sapientiae sunt nihil temere credere, ein vorsichtiger Glaube ist der Kern und das Gerüst der Weisheit. Sie hatten sich einen Kampfnamen gegeben: Die Starken Geister, oder auch Les Deniaisez, diejenigen, die schlau machen. Sie verachteten die Naiven, die Tölpel, die Abergläubischen, Bigotten und all jene, die bedenkenlos an die Unsterblichkeit der Seele glauben.
|60|Die philosophische Strömung des Pyrrhonismus machte bei ihnen Furore. Der Name rührt von dem griechischen Philosophen Pyrrhon von Elis her, welcher sich folgende Fragen stellte: Was sind die Dinge, und wie sind sie beschaffen? Wie sind wir mit ihnen verbunden? Wie müssen wir uns ihnen gegenüber verhalten? Immer lautet Pyrrhons Antwort: Wir wissen es nicht. Wir können sagen, wie uns die Dinge erscheinen, aber über ihr Wesen wissen wir nichts Sicheres. Dasselbe Ding erscheint mehreren Beobachtern auf unterschiedliche Weise, die Meinungen gehen sowohl unter den Unwissenden wie unter den Weisen auseinander, was beweist, dass man nichts felsenfest behaupten darf und keine einzige Ansicht mit Sicherheit richtig oder falsch ist. Meinungen sind erlaubt, aber Gewissheit und Wissen sind unerreichbar. Daraus leitet sich ab, dass unser Verhalten gegenüber den Dingen distanziert sein und sich jedweden Urteils enthalten muss. Von nichts kann es Gewissheit geben, nicht einmal, ob draußen vor dem Fenster die Sonne scheint oder der Regen niederrauscht.
Wenn Naudé seine Zeit nicht damit verbrachte, sich mit den anderen der Tetrade oder im Haus der Gebrüder Du Puy, dem zweiten großen Treffpunkt der Gelehrten und Gebildeten von Paris, in philosophischen Erörterungen zu ergehen, eilte er von einem Ende Europas zum anderen. Auch im Winter, wenn die Straßen vereist waren, brach er vor dem Morgengrauen auf, wenn ihn die Kunde erreicht hatte, dass die lang gesuchte Handschrift, die angeblich unauffindbare Ausgabe oder die äußerste seltene Sammlung von Drucken sich in diesem oder jenem abgelegenen Städtchen befände. Viele sahen ihn mit Spinnweben bedeckt und am Staub fast erstickt aus den Speichern von Altwarenhändlern herauskommen, die zufällig dieses oder jenes kostbare Buch besaßen. Damit der Händler nicht erkannte, welchen Schatz er besaß, pflegte Naudé für wenig Geld das gesamte Geschäft zu kaufen. Er besaß den unfehlbaren Instinkt des Wilderers. Keine Frau, keinerlei Ablenkung, keinen anderen Gedanken im Kopf als Büchern nachzujagen, sie seinen Herren auszuhändigen und damit schließlich den Gelehrten zur Verfügung zu stellen.
Schon als Zwanzigjähriger hatte er Erfahrungen gesammelt, als er Monsire de Mesmes, dem Präsidenten des Parlaments von Paris, dieselben Dienste geleistet hatte. De Mesmes aber war dem Vorschlag des jungen Bibliothekars, seine ganze Sammlung für das Publikum zu öffnen, nicht nachgekommen. Enttäuscht war Naudé nach Italien |61|gegangen, zunächst nach Padua. Darauf hatte er elf Jahre in Rom im Dienst von Kardinal Di Bagni gestanden. Auch dieser war während seiner Zeit als Nuntius in Paris ein Besucher des Salons der Gebrüder Du Puy gewesen und hatte Naudé auf die wärmste Empfehlung der beiden hin angestellt. Nach dem Tod von Kardinal Di Bagni 1641 war er ein Jahr lang den Barberini zu Diensten und wurde dann von Mazarin, der soeben Nachfolger von Richelieu geworden war, nach Paris zurückgerufen. Ein wahrer Glücksfall für Naudé: Jetzt hatte er den wohlhabendsten und großzügigsten Herrn, den man sich in Frankreich wünschen konnte, denn der König war noch ein kleines Kind. Zudem hatte Seine Eminenz Naudé gestattet, seine unermesslich reiche Sammlung jeden Donnerstagnachmittag für das gelehrte Publikum zu öffnen. Außerdem wurden unter Leitung von Naudé Kopien sämtlicher wichtiger Handschriften aus der Sammlung des Kardinals angefertigt, um den Gelehrten, die donnerstags die Bibliothek aufsuchten, statt der Originale nur Kopien vorzulegen (man kann nie vorsichtig genug sein). Doch das war geheim, Atto hatte es nur zufällig während seiner Gesangssoireen am französischen Hof erfahren.
Im Mai 1645 war Naudé mit uns von Paris nach Florenz zurückgekehrt. Er sollte den Kopisten von Florenz, die für die Medici arbeiteten, eine Bibel des berühmten Gutenberg übergeben, von dem alle sagen, er habe den Buchdruck erfunden. Naudés Auftrag lautete, eine perfekte Kopie herstellen zu lassen, die dem Originaldruck täuschend ähnlich sah. Die Arbeit war mühselig. Kein Kopist oder Drucker in Frankreich oder in Rom war imstande gewesen, die Seiten Gutenbergs nachzuahmen. Denn die beweglichen Lettern, die er benutzt hatte, waren im Lauf der Zeit natürlich verlorengegangen. Doch die Kopisten der Medici bewirkten Wunder: nach einem Jahr war die Kopie fertig. Wir hatten vereinbart, dass ich ihm brieflich Nachricht gab, sobald er kommen konnte, um sie abzuholen. Leider war mein Brief während des Transports verlorengegangen, und ich hatte ihn ein zweites Mal schreiben müssen. Danach war er endlich nach Florenz gekommen, um Gutenbergs kostbare Originalbibel und die perfekt ausgeführte Kopie abzuholen. Auf seiner Rückreise hatte Naudé nur die Kopie mitgenommen, das Original hatte er mit drei berittenen Sonderkurieren des Heeres zu Lande nach Paris schicken lassen.
