DISKURS IV

Darin ein Streit zwischen Kastraten stattfindet.

Am nächsten Morgen trällerte Rosina fröhliche Liedchen. Die Sängerin und der Kastrat, welch eine glückliche Paarung: Die stärksten Vertreter des schwachen Geschlechts beherrschen die Kunst, aus euch, den schwächsten Vertretern des starken Geschlechts, das Beste eurer verborgenen Fähigkeiten hervorzulocken. Argwöhnisch irrten Barbellos Augen zwischen dir und ihr hin und her, während seine Finger nervös auf seinen geliebten Wachstuchsack trommelten.

|48|Du standest im Windschatten in der winterlich kalten Meeresluft. Barbello näherte sich dir und verzog die schönen Lippen zu einem provokanten Lächeln:

»Dennoch gilt ihre ganze Zuneigung einem Kastraten …«

flüsterte er leise, während er dicht an dir vorüberging, aber doch laut genug, damit auch ich es hören konnte. Der kleine Kastrat warf dir als Fehdehandschuh eine Zeile aus jenem Spottlied über deine venezianische Liebschaft mit Barbara Strozzi vor die Füße. Du zucktest zusammen, bliebst aber stumm. Dergleichen neidische Sprüche von einem Kastraten hören zu müssen, der dich zudem begehrte, genügte schon, um dich zur Weißglut zu bringen. Barbello gab sich noch nicht geschlagen:

»Monna Barbara hat mir in ihrer Güte großzügige und liebevolle Hilfe gewährt, wisst Ihr das?«, hänselte er dich, als würde er auf der Bühne rezitieren. »Sie hat mich bei der Ausführung vieler harmonischer Kompositionen angeleitet und mich zuletzt in ihre geheimsten Künste eingeführt, vielleicht versteht Ihr, was ich meine.«

Wollte Barbello dir kundtun, dass auch er die Strozzi genossen hatte? Du verzogst keine Miene. Verwundern konnte dich eine solche Nachricht natürlich nicht, du wusstest schon damals genau, wer und wie deine Geliebte gewesen war, obwohl du kaum fünfzehn Lenze zähltest, als ihr einander angehörtet. Ging nicht schon damals in Venedig jenes andere Liedchen über ihre Tugend um, in dem ihre Neigung, Musik und Liebe sehr freizügig miteinander zu verbinden, aufs Korn genommen wurde?

Feine Sache, Blumen zu verschenken, nachdem man die Früchte schon verteilt hat …

Die Blumen waren die musikalischen Blumen der Arien, die sie so anmutig sang, während man unter den Früchten jene intimen Gunstbezeigungen zu verstehen hatte, die sie offenbar schon verteilte, bevor sie zur Laute griff. Deine Barbara schien sich bedenkenlos und wahllos dem Publikum ihres Gesangs hinzugeben. Dieses bestand aus den Signori der Accademia degli Unisoni, jener höchst exklusiven Vereinigung, die ihr Vater vor zehn Jahren als Zweig der Accademia degli |49|Incogniti gegründet hatte. Er selbst war ein einflussreiches Mitglied dieser Akademie, in der sich die venezianischen Gelehrten versammelten.

Ich spitzte die Ohren, damit mir kein Wort von Barbellos Rede entging:

»Vielleicht wäre es allzu kühn, brächte ich jene Geheimnisse ans Licht, indem ich sie Euch anvertraue«, stichelte er weiter, »doch wie könnte ich schweigen von jenem kleinen erdbeerfarbenen Muttermal, das sie in den Propyläen ihrer duftenden Scham verbirgt? Ah, diesem köstlichen Orte habe ich mich oftmals mit Seele und Leib gewidmet. Sogar mit Mund und Zunge.«

Dieses zickige Geschöpf wollte dich partout aus der Ruhe bringen, dachte ich schmunzelnd.

»… und so angenehm wärmte meine stets kalte Nasenspitze sich im dichten Gebüsch zwischen ihren Schenkeln, dass sie dort vor den Blitzen neidischer Verleumdungen so sicher sein konnte wie unter einem goldenen Eichbaum.« Mit dieser letzten ungeheuerlichen Provokation schloss er lachend und steckte dir blitzschnell die Hand zwischen die Beine.

Dieses Mal konnte er nicht rechtzeitig entwischen, weil du ihn am Nacken packtest und mit einem Zipfel seines Mantels kräftig über sein Gesicht riebst, wodurch die weiße Schminke verschmierte und alle künstlichen Schönheitsflecke sich lösten. Barbello schrie und schluchzte, du frohlocktest grinsend über deine kleine Rache an diesem unverschämten Kastratenbengel. Dann sangst auch du ihm ein Spottlied:

»Deine schlecht einstudierten Kantilenen lassen mich gähnen vor Langeweile!«, deklamiertest du kunstgerecht im komischen Stil, Barbello kräftig schüttelnd. »Und da dir so viel an meiner geschätzten Aufmerksamkeit für deine Salbaderei gelegen ist, nun, so sage ich dir, dass es niemanden gibt, der Monna Barbara verhöhnen könnte, am allerwenigsten ein bartloser Barbello mit dem ellenlangen Bart seiner stumpfsinnigen Späße!« Darauf entferntest du ihn mit einem Tritt auf die Hinterbacken aus deiner Nähe.

Er stand sogleich wieder auf, rieb sich mit dem Handrücken über das mit verwischtem Bleiweiß gestreifte, fast unkenntlich gewordene Gesicht und griff abermals an, penetranter als zuvor:

|50|»Oh, ihr überaus vorsichtigen Ohren, Monna Barbara wäre dankbar, wenn sie Euch hörte, da auch sie mit heroischer Güte stets jedwede Ehrerbietung anzunehmen beliebt! Sie war gewiss nicht die letzte in meiner Gunst, wie auch mein Stängelchen sich ergeben beugte, um ihre erlesenen, heimlichen Privilegien zu empfangen«, zischte der Schamlose, während er sich hartnäckig an dich heranpirschte. »Doch ich wollte Euch mit meiner unschuldigen Geste nicht beleidigen, welche Ihr falsch verstanden habt, nein, ich suchte nur tastend eine Bestätigung ihrer Berichte über Euer anbetungswürdiges Stängelchen, welches sich – Ihr Glücklicher! – auf ein gleichwohl geleertes Säckchen legen darf!«

Das war zu viel, du stürztest dich auf ihn, doch dieses Mal gelang es Barbello, dir zu entwischen, indem er sich flink zwischen die Bänke der Ruderer duckte. Dort konntest du ihm keine Lektion erteilen, denn für die Rudermannschaft sind Passagiere, die in ihre Reihen eindringen, ein Ärgernis – zu oft schon verletzten Stiefelsporne ihre nackten Schultern.

Das Gesicht aschfahl wie Unwetterwolken, kehrtest du zurück. Zur ohnehin beschwerlichen Enge auf dieser Reise kam nun eine neue Qual hinzu: tagelang würdest du den knappen Raum auf der Galeere mit diesem Schandmaul, diesem unverfrorenen kleinen Kastraten teilen müssen, dem Barbara sogar deine intimsten körperlichen Merkmale verraten hatte!

Ich näherte mich dir und legte dir eine Hand auf die Schulter.

»Diese Geschichte ist fünf Jahre alt, Signorino Atto«, sagte ich, um dich zu trösten. »Ihr wart ein zarter Jüngling, heute seid Ihr ein Mann. Außerdem wette ich, dass all diese Gesichter in Eurem Geist schon verschwimmen: die Strozzi, die Checca …«, zählte ich sie auf, Gott dankend, dass wenigstens Margherita Costa, die Schwester der Checca, nicht mit uns fuhr – eine Versuchung weniger. »Und dann Rosina …«, fügte ich mit deutlicher Betonung des Namens hinzu.

Rosina. An diesem Morgen hatte noch keiner von uns auf das angespielt, was in der Nacht zwischen euch geschehen war. Ich hätte mich schwarzgallig zeigen müssen: der junge Schützling, der mir vom Großherzog Ferdinando und seinem Bruder Mattias anvertraut ist, darf natürlichen Bedürfnissen keinen freien Lauf lassen, es sei denn, er handelt wider die Natur – das ist es, was deine Padroni von dir erwarten. |51|Stattdessen war ich zufrieden. Ich zeigte es dir nicht, im Gegenteil, ich steckte dir ein Billet zu, dessen Inhalt etwa folgendermaßen lautete:

Ich mag ein allzu verwegener Deuter verborgener Gedanken sein, doch scheinen sie, vom Feuer in deiner Brust verbrannt, ihre Asche auf deinem Gesicht verstreut zu haben. Und der Anblick deines aschgrauen Gesichtes drängt mich, mit dir zu sprechen. Um deine Verletzungen zu heilen, tut kühne Indiskretion not, die das Eisen dort einführt, wo es die Wunde zwar erneut öffnet, gleichzeitig jedoch den Weg zur Heilung bereitet.

»Der Signor Secretarius wünscht, sich mit mir zu besprechen?«, fragtest du gestelzt, nachdem du das Billett gelesen hattest. Du ahntest ja nicht, dass dein naiver Hochmut mich zärtlich stimmte, statt mich zu beleidigen.

»Ja, Signorino«, antwortete ich.

Im Schutz des heulenden Westwinds konnte ich sprechen, ohne neugierige Ohren fürchten zu müssen. Also hielt ich dir jene kleine Rede, die der Anlass gebot: »Wer nicht lügen kann, kann nicht regieren. Ich werde darum aufrichtig zu dir sprechen. Der launischen Schicksalsgöttin muss man die großen Momente im Leben entweder überraschend oder durch Verstellung entreißen. Darum muss in dir, mein Söhnchen, das Geschlecht lügen, wenn du lernen willst, die guten Früchte deines Unglücks zu ernten. Die Natur machte dich zum Mann, dein Vater wollte dich als Weib. Doch von einer Frau hast du nicht mehr als die Lüge seiner gedungenen Schlächter, die über die Natur und das Schicksal triumphieren wollten, indem sie dich verstümmelten und dich zur Frau erklärten. Er hat dich so zurichten wollen, wie er dich nicht hat zeugen können, und sich darin als Vater gezeigt, dass er dein wahres Wesen leugnete, statt es dir zu geben. Alle bestärkte er in der Überzeugung, dich bis in deine Seele hinein kastriert zu haben, und so verbreitet und tief verwurzelt ist diese Vorstellung schon, dass nur du sie ausmerzen kannst. Achte jedoch auf die Folgen, die sich aus dem Festhalten an diesem Betrug ergeben: vergiss nicht, dass auf deine unbedachten Handlungen unvermeidlich der Verlust des Applauses folgen wird. Bedenke, dass die unglückselige Stellung, in der du dich befindest, großes Talent zur Täuschung und |52|Verstellung erfordert, und nur dank seiner wirst du überleben. Die Klinge des Schweineschlächters ermordete dich und machte dich gegen deinen Willen zum Engel. Ein normales Schicksal blieb dir verwehrt, weil man dir den Boden unter deinen kindlichen Füßen wegzog und dich zum gefährlichen Gang eines Menschen verdammte, der auf Messers Schneide geht, um die Gier seiner mächtigen sodomitischen Gönner zu befriedigen. Wenn deine eigenen Sehnsüchte, ihren unflätigen Plänen zum Trotze, der Natur folgen, erwarten dich die Straße und schließlich der Abgrund. Zeige dich also nicht als Mann, und die lebendige Liebe sei der Feind deiner Gedanken, weil in ihr jedes Glück, das du genießt, blitzschnell untergehen wird. Gewöhne dich daran, Ruinen zu hinterlassen, in dir hat die Liebe Grund, dich bis in die Grundfesten zu erschüttern. Erwäge, welche Schätze durch deine Schwächen verlorengehen, sobald diese Schwächen dein wahres Wesen offenbaren. Richte alle deine Kräfte auf die Notwendigkeit, dass du deine Mörder überlebst. Überlege und plane und spiele all jene Rollen, die deiner Lüge Geltung verschaffen. Übergroß ist dein Unglück, bitter der Kelch, den zu leeren du aufgerufen bist. Nie länger als eine winzige Zeitspanne und nur um eine gewisse Erholung zu erlangen, wirst du, wenn du willst, dich gelegentlich vor dir selbst verbergen und ausnahmsweise vom nosce te ipsum oder »Erkenne dich selbst« abweichen können, indem du auf Wegen außerhalb deines Selbst wandelst. Freilich musst du dich, bevor du dir diesen Luxus erlaubst, streng und erbarmungslos prüfen, und dabei nicht an der Oberfläche der Meinungen verweilen, welche sehr oft irren, sondern musst in die Tiefe deiner Gedanken vordringen und um das Maß und die wahre Bedeutung deines Wertes wissen. Es ist unglaublich, dass die Menschheit so sorgsam darauf bedacht ist, den Preis ihrer Habe zu kennen, doch nur wenige Menschen Sorge tragen oder neugierig sind, den wahren Wert ihres Seins zu erfahren. Wenn du nun das irgend Mögliche getan hast, um dein wahres Selbst zu erkennen, magst du dir sodann für ein paar Tage die Freiheit nehmen, dein unseliges Los zu vergessen, und versuchen, wenigstens mit einem Bild der Zufriedenheit zu leben, damit du den Gegenstand deines Elends nicht immer vor Augen hast. Es wird wie ein Schlaf der müden Gedanken sein, wenn du die Augen vor der Erkenntnis deines Schicksals eine Weile geschlossen hältst, um sie nach dieser kurzen Erquickung umso weiter zu öffnen. Und mit Bedacht sage ich: kurz, denn leicht würde sich die |53|Ruhe in Lethargie und Tod verwandeln, wenn du zu oft zu dieser flüchtigen Erholung greifen würdest.«

Mit einer bittenden Handbewegung machtest du meiner Rede ein Ende. Mehr Milch brauchtest du nicht, denn wer wachsen muss, dem genügt es, sich vom Wind zu nähren, um sich erheben zu können.

Das Mysterium der Zeit
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