»Sonderbare Geschichte«, bemerkte ich, an Bouchard zurückdenkend, während ich Schoppe eine dicke Wurzel unbekannter Art reichte, die nicht ganz durchgegart, aber schön heiß war. »Wer würde wollen, dass das Andenken an die eigene Person nach dem Tod so verunglimpft wird?«
»Eben. Seien wir also wachsam«, bestätigte Schoppe halblaut, den Mund hinter der Wurzel, in die hineinzubeißen er sich anschickte, und mit einem Blick auf den am Feuer liegenden Naudé. »Denn unser lieber Gabriel könnte über diese Geschichte mit ihren allzu vielen Widersprüchen mehr wissen als wir ahnen. Glaubt Ihr nicht auch, Signor Secretarius? Hört Ihr mir zu?«
»Verzeiht«, entschuldigte ich mich, »ich habe erst jetzt gemerkt, dass Hardouin die Liste mit den Lügen der antiken Historiker aus der Hand gefallen ist.«
Ich stand auf, um den Packen Blätter einzusammeln.
»Natürlich frage ich mich«, hub ich wieder an, ebenfalls zu einer gerösteten Wurzel greifend, »warum die Kommentatoren aller Zeiten nichts bemerkt haben. Wie haben diese Handschriften Jahrhunderte überleben können, ohne je Zweifel zu erregen? Warum haben die großen Bibliotheken der Vergangenheit derartige Hirngespinste aufbewahrt und weitergegeben, statt sie gleich auf den Komposthaufen zu werfen? Konnte man die albernen Geschichtchen, die wir zum Beispiel über Aischylos und Anakreon gelesen haben, schon in der Bibliothek von Alexandria lesen?«
»Wer wird das je entscheiden können? Diese herrliche Bibliothek, die größte der antiken Welt, wurde von Julius Cäsar im Jahr 48 vor Christus zerstört!«, jammerte Guyetus, der seine Wurzeln im Handumdrehen aufgegessen hatte und nun ungeduldig auf die nächsten wartete, die Mustafa soeben aufs Feuer gelegt hatte.
»Ein trauriges Kapitel, lieber Guyetus«, bestätigte Schoppe, »aber in einem Punkt irrst du. Die Bibliothek wurde 270 nach Christus von Aurelian zerstört.«
»War es denn nicht Theodosius 391?«, erlaubte ich mir zweifelnd zu fragen.
|347|»Nun, es gibt auch Leute, die behaupten, dass sie 642 nach Christus von den Arabern zerstört wurde«, erwiderte Schoppe. »Daran ist dieser Betrüger Scaliger schuld, der mit seinem Wahn, alles zu datieren, ein gewaltiges Durcheinander angerichtet hat.«
»Caspar!«, brauste Guyetus auf. »Reicht es dir nicht, dass du Scaliger mit deinen Unterstellungen umgebracht hast, nur um dich ins rechte Licht zu rücken?«
»Ach, Schluss damit«, zischte Schoppe. »Wie soll ich euch nur erklären, dass ich nicht wie dieser gerissene Galileo bin? Ich schreibe keine Bücher für Ruhm oder Geld, ich spiele nicht das Opfer, nur um meine Bücher zu verkaufen!«
Guyetus machte eine resignierte Handbewegung und brummte Verwünschungen in sich hinein.
»Wie auch immer, niemand wird uns je sagen können, was unter den 40 000 Büchern war, die mit der Bibliothek von Alexandria verbrannt sind«, fuhr Schoppe fort. »Vielleicht waren es sogar noch mehr. Seneca sagt 40 000, aber Ammianus Marcellinus spricht von 70 000 und Aulus Gellius von 700 000, während Cicero, Strabo, Livius, Lukan, Florus, Sueton, Appian und Athenaios, die über den Brand im Hafen von Alexandria berichten, kein Wort über die Bibliothek verlieren.«
»Die Wahrheit ist«, sagte Guyetus, »dass wir Philologen, Historiker und Literaten alle einen geheimen Kummer haben. Einsam beweinen wir des Nachts, wenn uns der Kopf schon auf die Bücher gesunken ist, irgendein Werk von Aristoteles, Platon, Sophokles oder Demosthenes, von dem es heißt, es habe existiert, das aber nach vielen Jahrhunderten auf geheimnisvolle Weise verschwunden ist. Es ist das Werk, das uns erlauben würde, hundert zweifelhafte Textstellen zu verstehen, tausend Lücken zu füllen, hunderttausend Fehler der Kopisten zu korrigieren. Horaz schreibt etwas, was man kaum versteht, und fügt hinzu: Das habe ich in einem anderen Werk besser erklärt – aber das Werk ist verschwunden, niemand hast es je gesehen. Oder Polybios gesteht: Meine Quelle für dieses ganze Werk war das Buch von Soundso. Aber die Werke dieses Soundso sind nicht überliefert. Werden wir sie je kennenlernen? Wenn alle Kopien vernichtet sind, wird unser Weinen nie aufhören. Das Gedächtnis der Menschheit geht verloren, und es gibt keine Abhilfe. Nur in einem einzigen Moment der Weltgeschichte wurde der Gedächtnisverlust bekämpft: als der ägyptische König Ptolemaios |348|II. beschloss, in seinem Alexandria die vollkommene Bibliothek zu gründen, um alle Bücher der Welt dort zu versammeln. Eines bösen Tages wurde sie angezündet, egal ob von Julius Cäsar oder 600 Jahre später von den Arabern. Welche und wie viele unschätzbar wertvolle Meisterwerke gingen verloren? Wir weinen, alle Philologen weinen, denn niemand kann es genau sagen, und wenn wir es wüssten, würde uns das Herz brechen.«
»Und die griechischen Handschriften«, ergänzte Schoppe, »die von den Malatesta aus Cesena vor zweihundert Jahren in Konstantinopel bestellt und auf der Überfahrt während eines Sturms ins Meer geworfen wurden, um das Schiff leichter zu machen? Xenophon erzählt, als er von Thrakien hinauf nach Salmydessos reiste, habe er in Untiefen gesunkene Schiffe entdeckt, die ganze Sammlungen an Papyrusrollen mit sich führten. In seiner Biographie des Terentius berichtet Sueton von einem gewissen Quintus Cosconius, der behauptete, bei einem Schiffbruch habe er die soeben angefertigte lateinische Übersetzung von hundertacht, ich wiederhole, hundertacht griechischen Komödien des Menander verloren, die damit für immer dahin waren. Und erzählt nicht auch Poggio Bracciolini, dass er das Werk des Quintilian auf dem Verkaufstisch eines Händlers entdeckte, der die Seiten benutzte, um Käse, Oliven und Schinken darin einzuwickeln?«
Unterdessen hattest du, lieber Atto, dich zu unserer Gruppe gesellt. Mit war nicht entgangen, dass du dich mit mühsam unterdrücktem Zorn von Barbello entfernt hattest: Deine geheimnisvolle, in der Verkleidung eines Kastraten steckende Geliebte war damit beschäftigt, Naudé zu versorgen. Zu sehr für deinen Geschmack, zumal der Bibliothekar, obwohl noch benommen, über diese Aufmerksamkeiten entzückt zu sein schien und keine Gelegenheit versäumte, ihr die Hände zu drücken. Naudé mit seinen widernatürlichen Neigungen hofierte ein Wesen, das er für einen Kastraten hielt. Das mysteriöse Weib entwand sich sanft seinem Zugriff und fuhr fort, ihm, nach Kemals Rat, kalte Steine auf die Schwellung am Kopf zu legen. Doch reichte sie ihm auch eine Wurzel, was Naudé mit schmachtenden Blicken quittierte.
»Wie ereignete sich der Brand der Bibliothek von Alexandria?«, fragtest du, dem unwürdigen Anblick den Rücken zudrehend.