Die dramatischen Ereignisse hatten allen vorerst die Lust genommen, weiter über Galileo zu sprechen. Nachdem wir eine längere Strecke bergauf zurückgelegt hatten, verließen wir die parallel zu den Klippen verlaufende Hauptstraße und drangen in den Wald ein, wo wir einen schmalen Serpentinenpfad einschlugen, der eigens angelegt schien, um nicht gesehen zu werden. Die drei Insulaner führten uns sicheren Schrittes durch die dichte Vegetation und über Unebenheiten des Bodens. Auch wenn sich zwischen Blättern und Zweigen ein Spalt auftat, hatte man doch nie Gelegenheit, den unbekannten Teil der Insel oder gar die Stadt zu erblicken.
»Verflixt!«, fluchte Naudé, ungeduldig den Hals über Büsche und Sträucher reckend. »Diese Insel scheint so angelegt, dass man nie sieht, was sich auf der anderen Hälfte befindet.«
|441|»Du willst sagen, ob die andere Hälfte überhaupt existiert«, verbesserte Schoppe ihn sarkastisch.
»Es gibt keine halben Inseln«, bemerkte Naudé.
»Halbe Wahrheiten schon«, sagte Schoppe mit einem Blick auf Kemal, der ihn wieder auf dem Rücken trug, und es war nicht klar, ob er sich auf den Korsar und Mustafas seltsamen Tod bezog oder auf Naudé.
»Ich verstehe, was du meinst, Caspar«, sagte Naudé und wies mit einer Kopfbewegung auf die drei Bärtigen. Er hatte Schoppes Anspielung missverstanden oder täuschte ein Missverständnis vor.
Unsere drei bärtigen Koryphäen schritten mühelos voran, jeder stützte sich auf einen im Unterholz gefundenen Stock.
Sofort suchten wir es ihnen nachzutun. Jeder griff sich einen kräftigen Ast vom Boden, sogar Schoppe erhielt einen, obwohl er bequem auf Kemals Rücken hockte. Wie gewohnt Verwünschungen und Nörgeleien brummend, ließ der deutsche Herr seinen Stock durch die Luft sausen, wobei er den armen Kemal zu treffen drohte, der mit dem Kopf nach rechts und links ausweichen musste. Doch der Korsar klagte nicht, und als ich verstohlen sein Gesicht betrachtete, sah ich, dass seine Züge versteinert waren und keinerlei Spuren von Reue oder Angst zeigten. Es schien nicht so, als hätte er soeben seinen alten Räuberkumpan getötet, als läge ihm ein Toter auf dem Gewissen. Auch die anderen musterten ihn und hatten sicherlich alle denselben Gedanken: Wie unergründlich kann die raue Piratennatur sein!
Der Weg wurde beschwerlich. Weit davon entfernt, in dem schattigen Wald zu trocknen, war der Boden so rutschig wie eine Eisfläche. Trotz unserer Wanderstöcke stürzten wir einer nach dem anderen und beschmutzten uns bis zu den Hüften mit eiskaltem Schlamm. Selbst Kemal musste schließlich Schoppe absetzen.
»Dauert es noch lange, bis wir aus diesem verfluchten Sumpf herauskommen und zu Eurem Haus gelangen?«, fragte Naudé die drei Bärtigen in ungewöhnlich zornigem Ton.
»Wir sind fast da«, verkündete einer, »die Signori werden nicht enttäuscht sein.«
Wie ein mit Fühlern bewehrtes Insekt oder eine Katze mit empfindlichen Barthaaren spürte ich die hoffnungsvolle Erwartung, die diese Worte auslösten. Nach den Fragmenten, die wir hier und dort auf der Insel gefunden hatten, schien jetzt die Stunde des großen Beutezugs gekommen: Im Haus der drei sonderbaren Individuen, ob sich unter |442|ihnen nun der slawonische Mönch befand oder nicht, wartete vielleicht der Schatz von Philos Ptetès auf uns.
»Oh, welch ein Schmerz! Helft mir!«
Der Hilferuf war aus Naudés Mund gekommen. Mazarins Bibliothekar hatte einen falschen Schritt getan, war gestürzt und rieb sich nun den Knöchel.
Kemal, Barbello und Malagigi kamen ihm sofort zu Hilfe. Der Unglückliche hatte sich das Fußgelenk verstaucht.
»Oh, das tut so weh! Der Knöchel ist gebrochen, ich spüre es!«, jammerte Naudé.
»Soll er sich den Fuß selbst amputieren! In Latein und Griechisch ist er eine Katastrophe, aber in Medizin ist er ja fast promoviert, haha!«, lachte Schoppe, vorübergehend auf eigenen Beinen stehend.
Die erzwungene Pause war erfüllt von Naudés lauten Schmerzensschreien. Unterstützt von Barbello und Pasqualini, die den erregten Bibliothekar festzuhalten versuchten, betasteten Kemals grobe Pranken ihn hier und da, um die verletzte Stelle zu finden.
»Ich flehe Euch an, nicht dort! Das schmerzt unerträglich!«, heulte der Unglückliche, der nicht stillhalten und ein würdevolles Benehmen wahren konnte. »Ihr wollt mir doch nicht etwa einen Fuß amputieren?«
»Mit der Amputation könnt Ihr auch zwischen den Beinen beginnen. Vertrocknete Äste werden am besten sofort herausgerissen«, brüllte Caspar Schoppe von weitem, entzückt über die Leiden seines Rivalen.
»Wenn du an der Reihe bist«, schlug Guyetus vor, »amputieren wir das gespaltene Stück Fleisch, das du im Mund hast. Diese Operation wird allen guttun.«
»Was kann man schon von einem erwarten, der aus purem Eigennutz katholisch geworden ist! Au, das reicht, ich bitte Euch!« Von Kemals Untersuchung seines Fußes kaum beeinträchtigt, schlug der Bibliothekar gegen Schoppe zurück.
»Ach, diese Landratten!«, stöhnte Kemal. »Alle zimperlich und feige. Mit eigenen Augen sah ich, wie Ali Rais sich die Nägel aus dem Fleisch zog, die eine Arkebuse ihm in beide Beine geschossen hatte. Er zog sie mit den Fingern heraus, ohne ein Wort. Und du jammerst wegen eines verstauchten Knöchels?«
|443|»Gabriel, mein Lieber, ich habe im zarten Alter von dreiundzwanzig Jahren über einen Monat lang überlegt, bevor ich den großen Schritt gemacht und mich zum einzigen Glauben bekehrt habe, dem der heiligen römischen Kirche, und ich muss wahrhaftig niemandem beweisen, dass es eine selbstlose Entscheidung war«, erklärte der alte Deutsche, nun schon weniger amüsiert.
»Ach komm schon, alle wissen, dass du danach gegiert hast, ein gedungener Spion zu werden, und nur dank deiner Konversion hat Kaiser Ferdinand von Österreich dich endlich angestellt«, erklärte Guyetus.
»Ich vergebe dir, weil du als guter Philologe keine Ahnung von Politik hast«, erwiderte Schoppe.
»Auch du hast die klassische Antike studiert, Caspar.«
»Ja, aber Caspar ist kein Philologe«, verbesserte ihn Naudé. »Sofort nachdem er katholisch wurde, hat er aufgehört, sich mit Texten des Altertums zu beschäftigten, denn bis dahin hatte er nur Ausgaben und Kommentare lutherischer oder calvinistischer Autoren benutzt, und nach seinem Religionswechsel war ihm das peinlich, hihi, au, oh!«, schloss er mit einer Reihe von Lachern und Schmerzensschreien, die Kemals Hantieren an seinem Fuß ihm entlockten.
»Im Übrigen munkelte man immer, dass er sein erstes Buch bei anderen abgeschrieben habe«, setzte Guyetus grinsend hinzu. »Es waren zwei Bücher mit kritischen Anmerkungen zu Symmachus, Apuleius und Petronius, über die Priapea, Properz, Lukrez und Terentius, nicht wahr? Voll mit Ausdrücken der Bewunderung über sich selbst, natürlich: Caspar ist nur dann wirklich glücklich, wenn er sich im Spiegel betrachten kann oder Bücher liest, die er selbst geschrieben hat, haha!«
»Und nur ich soll mit gespaltener Zunge reden, was?«, knurrte Schoppe.
»Aber deine ist unschlagbar«, stichelte Guyetus. »Erinnerst du dich an Gifanius, diesen tüchtigen Professor aus Ingolstadt, der dich dank einer Empfehlung von Freunden in seinem Haus aufnahm? In der Bibliothek von Gifanius hast du heimlich eine Handschrift mit Dutzenden Bemerkungen über die Sprache des Symmachus kopiert und sie dann unter deinem Namen veröffentlicht. Als Gifanius protestierte, hast du ihn mit Beleidigungen überhäuft und gesagt, die Handschrift stamme selbst aus einem Diebstahl.«
|444|»Ich habe kein einziges Buch von Gifanius plagiiert! Die Handschrift, die ich in seiner Bibliothek gelesen habe, hatte er dem Kardinal Bessarione gestohlen, also hätte er besser daran getan, mich nicht mit Lügen und Übertreibungen anzugreifen! Das ist die reine Wahrheit!«
Die drei Bärtigen schauten dem Barbaresken bei seiner ärztlichen Untersuchung zu, rieten zum Betasten dieses oder jenes Knöchelchens oder zum Gebrauch bestimmter Heilkräuter und verfolgten unterdessen interessiert den Wortwechsel.
Es wurde beschlossen, allen eine Rast zu gönnen, vor allem dem Kranken, der offenbar keinen Knochenbruch erlitten hatte. Wir verstreuten uns im Gelände, Schoppe setzte sich erschöpft auf einen Baumstumpf.
Nach der Konversion zum Katholizismus, erklärte Naudé den drei Bärtigen mit gedämpfter Stimme, sei Schoppe wie besessen gewesen und habe jede Gelegenheit genutzt, um den Feinden der römischen Kirche den Krieg zu erklären.
»Caspar hat immer nur einen Wunsch gehabt: im Vordergrund zu stehen. Und das ist ihm gelungen! Er hat persönlich mit Päpsten, Kaisern und Kardinälen verhandelt und sie mit Ratschlägen, Warnungen und Berichten überhäuft, vor allem dann, wenn keiner ihn darum gebeten hatte. In seinen Büchern hat er viele Leute verleumdet und beleidigt. Wenn seine Opfer nach Padua kommen, fragen sie nach seiner Adresse.«
»Mit dieser billigen Technik hat er sogar Glück gehabt!«, ergänzte Guyetus ebenfalls mit leiser Stimme.
»Papst Paul V., Gott hab ihn selig, gab Schoppe den Auftrag, die politische und religiöse Situation in Deutschland zu beobachten und, aber das ist nicht offiziell, in seinem Namen Drohungen auszusprechen. Er hat Paolo Sarpi, dem jungen venezianischen Priester, dessen Ideen Rom nicht gerne hörte, gedroht, wenn er so weitermache, werde ein Unglück geschehen. Einen Monat später wurde Sarpi nachts ins Gesicht und in den Hals gestochen und er wäre fast gestorben.«
»Klatschweib, Päderast! Ich habe alles gehört!« Schoppe stürzte sich wie ein wütender Geier auf die Gruppe. »Die Klatschgeschichten über mich und Paolo Sarpi hängen mir zum Hals raus, aber du musst wissen, dass ich, nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, von den venezianischen Behörden ohne ersichtlichen Grund verhaftet wurde. Wer war hier der Verfolgte, er oder ich?«
|445|»Bist du müde?«, hörte ich dich den falschen Barbello fragen.
Ich musterte Barbara Strozzi. Wie irreal war dieses Dreieck zwischen mir, dir und dieser Frau! Deinen Körper hatte sie ausgiebig, den des Korsaren rasch und meinen ohne Zustimmung genossen. War sie eine leidenschaftliche Frau? Nein, sagte ich mir, eher das Gegenteil. Sie verfügte über ihren Körper wie über Messer und Gabel und war sicherlich zu unaussprechlichen Taten fähig. Sie konnte ihre Streifzüge sanfter als eine Mutter und heimlicher als eine Nonne fortsetzen. Die Laster der Huren sind Tugenden, wie Pietro Aretino sagte. Doch in welchem Dienst Barbara Strozzis Tugend stand, war mir noch nicht klar.
Ungelöste Fragen häuften sich in meinem Geist. Wer wurde bei Hof erwartet: Barbello oder die Strozzi? Oder beide? Letzteres war ohne die Gefahr der Entdeckung kaum zu bewerkstelligen. Wenn Mazarin Barbello erwartete, wer hatte ihm den Namen eines völlig unbekannten, weil nicht existenten Kastraten genannt? Wenn die Strozzi in Paris erwartet wurde, hätte sie sich früher oder später von Barbello befreien und plötzlich mit ihrer wahren Identität auftreten müssen. Die Insel war der am wenigsten geeignete Ort für einen solchen Szenenwechsel, es sei denn, die Strozzi wollte uns weismachen, sie sei aus dem Schaum des Meeres geboren wie die Venus …
Es gab eine dritte, kompliziertere Möglichkeit, nämlich, dass Seine Eminenz Barbello erwartete, aber genau wusste, dass sich hinter seiner Verkleidung die venezianische Sängerin verbarg. In dem Fall konnte die Musik in der Beziehung zwischen der Strozzi und Mazarin nur eine unbedeutende Rolle spielen. Man reist nicht unter falschem Namen, wenn keine Diskretion geboten ist, doch ich fragte mich, welches Geheimnis hinter einem Engagement am französischen Hof stecken konnte. Ich musste Nachforschungen über diese Frau anstellen. Doch wo beginnen?
»Ach was, verfolgt!«, gab Naudé derweil an Schoppe zurück. »Du hast es nicht anders verdient mit deinen Hasstiraden gegen Lutheraner und Calvinisten und deinem Eifer, jede Ketzerei mit einem Religionskrieg im Keim zu ersticken. Dann ist der ersehnte Krieg wirklich gekommen, ein Jahr, nachdem du ihn in Mailand, wohin du fliehen musstest, gefordert hast. Ein Religionskrieg wie er im Buche steht, der noch immer andauert und bald dreißig Jahre alt wird. Du hast erkannt, |446|dass du zu weit gegangen warst und bist Deutschland zwölf Jahre ferngeblieben, immer auf der Suche nach irgendeinem Fürsten, der dich aushielt. Schade nur, dass du so vielen von diesen Herren deine Feder geliehen hast, dass dich am Ende niemand mehr ernst nehmen konnte!«
»Dass ich den Krieg heraufbeschworen haben soll, ist die Verleumdung, die mich am meisten entsetzt«, sagte der Verehrungswürdige, »wenn sie nicht schlichtweg lächerlich wäre. Ich habe in einigen meiner Bücher lediglich daran erinnert, dass die Bibel in Sachen Ketzerei eine klare Sprache spricht …«
»Darin hat unser Caspar völlig recht«, unterbrach ihn Guyetus, »er hat nichts anderes getan, als das Alte Testament zu zitieren. Salomon sagt, man müsse den Ketzern den Rücken mit der Rute streicheln und ihnen hundert Wunden zufügen, sie quälen, schinden, zu Tode erschrecken. Schimpf und Schande, Anklagen, die Todesstrafe – nichts darf ihnen erspart bleiben! Moses hasste die Abtrünnigen so sehr, dass er zu den Söhnen Levis sagte: Jeder von euch greife zum Schwert und töte den Bruder, den Freund und den Nachbarn. Elias, ein sanftmütiger, barmherziger Mann, ließ achthundertfünfzig Baalspriester abschlachten. David, Inbegriff der Milde, den es anwiderte, mit Verschwörern zu tun zu haben und ihr Blut vergießen zu müssen, rief eines Tages: ›Gott, ich habe die Schönheit deines Hauses und den Ort deiner Herrlichkeit geliebt. Herr, ich habe die Versammlung der Sünder gehasst und werde nicht bei den Frevlern Platz nehmen. Ich habe hundert gehasst, die ihr Amt missbrauchten, und sie alle getötet.‹ Wenn dies die Bibel des Gottes Israels ist, was erwarten wir dann von dem, der an sie glaubt?«
»Wenn du ein aufrechter Christ wärst, Caspar, hättest du deine Feinde lieben müssen, wie das Evangelium predigt«, tönte Naudé. »Stattdessen hast du, um dir zum aberhundertsten Mal das traurigste Beispiel von allen zu nennen, den großen Scaliger so beleidigt und verächtlich gemacht, dass er vor Kummer gestorben ist. Und das nur, um dir Ruhm zu verschaffen.«
»Und ich sage dir zum aberhundertsten Mal, dass es keine Verleumdungen waren, mein Lieber. Joseph Justus Scaliger war ein großer Betrüger. Er gab sich als Nachfahre von Cangrande della Scala aus, in Wirklichkeit aber lautete sein Nachname Bordone. Und was den Ruhm betrifft, muss ich dir ebenfalls zum aberhundertsten Mal sagen, |447|dass du mich nicht mit diesem Räuber, deinem Freund Galileo, verwechseln darfst: Der hat wirklich alles getan, um die Rolle des Opfers zu spielen und endlich seine Büchlein unter die Leute zu bringen, nachdem sie jahrzehntelang nur von Mäusen zum Nestbau geschätzt wurden.«
»Was ist, gehen wir weiter oder wollt ihr hier über eurem Salbadern verfaulen?«