DISKURS XLIX

Darin man erfährt, wie das Leben auf der Insel, die nicht Nusquama heißt, wirklich aussieht.

Er erklärte sodann, dass die Stadt keineswegs von Verrückten, sondern von einer weisen, aufgeklärten Regierung gelenkt werde. An der Spitze standen ein Bürgermeister und ein Triumvirat, dem jeweils die militärischen, wissenschaftlich-künstlerischen und die Angelegenheiten der Fortpflanzung oblagen. Nummer Drei habe sicherlich Einzelheiten dessen benutzt, was wir jetzt hörten, um uns ihre Lügenmärchen unterzujubeln.

Schoppe grunzte skeptisch, doch wir waren alle zu sehr darauf konzentriert, uns kein Wort dieser Erklärung entgehen zu lassen, die einen in der Hoffnung auf Rettung von der Insel, die anderen mit Blick auf einen Hinweis, der zu Philos Ptetès führen konnte.

»Der Fortpflanzung?«, fragte Pasqualini.

»Nun, der Liebe, nennt es wie Ihr wollt. Natürlich will auf diesem Gebiet niemand Regeln vorschreiben, das wäre ja verrückt. Die Freiheit hat Vorrang! Es bedeutet lediglich Paarung nicht vor neunzehn Jahren bei der Frau, einundzwanzig beim Mann, wie von den Behörden festgelegt. Diese sorgen auch dafür, Paare so zusammenzustellen, dass die Rasse veredelt wird. Sie empfehlen sogar die besten Zeiten für eine Paarung, stellt Euch das vor! Sterile Frauen gehören natürlich der Gemeinschaft. Kinder werden mit zwei Jahren Lehrern zur Erziehung übergeben, eine große Erleichterung für die Mütter. Wenn der Großherzog dieses wunderbare System doch in der ganzen Toskana einrichten würde, angefangen mit Florenz! Kinder machen bei uns viel Gymnastik mit nackten Füßen und bloßem Kopf. Mit sieben Jahren beginnen sie Naturwissenschaften zu lernen, dann Mathematik, Medizin |360|und andere Fächer. Namen gibt ihnen der Bürgermeister, je nach ihrem Wesen und ihren Neigungen. Der Nachname hängt von dem Beruf ab, den sie als Erwachsene ergreifen. Schwere Arbeiten werden meist Männern zugeteilt, Frauen solche, die sitzend oder stehend geleistet werden können. Musizieren ist nur Frauen und Kindern erlaubt. Und haltet das nicht für Schrullen. Die Insel ist klein, die Winter sind lang, die Schwierigkeiten zahlreich. Die Ressourcen werden sparsam verteilt, aber an alle, denn Eigentum ist die Wurzel allen Übels.«

»Und die Korsaren? Haben sie Euch nie ausgeplündert oder bedroht?«, fragte Hardouin.

»Was sollen die Korsaren bei uns schon finden? Hier ist alles rationiert, reiche Beute kann keiner machen. Die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen, die Speisen sind frugal: Fleisch, Butter, Honig, Käse, Feigen und Inselkräuter. Unsere Köche sind sehr geschickt darin, Rezepte je nach der Jahreszeit zu erfinden. Reiner, nicht mit Wasser vermischter Wein ist nur den über Fünfzigjährigen gestattet. Bei Tisch bedienen Kinder. Niemandem fehlt es am Nötigsten, und keiner wagt es, die Gesetze zu übertreten, welche eisern, aber verständlich sind. Alle Bürger über zwanzig nehmen an den Versammlungen teil und können ihre Anliegen vorbringen. Niemand darf zu lange im Gefängnis bleiben. Strafen richten sich nach dem Prinzip des Talion: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch das ist Freiheit: niemand soll Zeit und Mühe aufwenden, um seine Rechte durchzusetzen, denn sie sind von Anfang an klar definiert. Herren und Knechte gibt es nicht, alle Bürger lernen dieselben Künste, die alle gleich bedeutend sind. Was kann ich Euch noch erzählen? Ach ja: alle tragen die gleiche Bekleidung, nur bei den Frauen reicht das Hemd bis zu den Knien. Tagsüber und in der Stadt trägt man weiße Kleidung, nachts oder außerhalb der Stadt dagegen rote. Nur Schwarz ist verboten, weil es niemandem gefällt. Die Kleider werden in jeder Jahreszeit gewechselt und einmal im Monat gewaschen. Wenn ihr die schönen Frisuren sehen könntet, die in der Stadt getragen werden! Die Frauen haben lange Haare, oben am Kopf zu einem Zopf geflochten. Die Männer haben einen eigenen Stil: sie behalten nur ein Haarbüschel mitten auf dem Kopf oder tragen weiße oder rote Mützen, je nach Jahreszeit und Beruf.

»Eine Frage bitte«, sagtest du, »wenn alle sich gleich kleiden, warum tragt Ihr dann keine roten Kleider, wie jene, die nicht in der Stadt wohnen?«

|361|»Lieber Junge«, antwortete der zweite der Bärtigen in väterlichem, leicht irritiertem Ton, »siehst du denn nicht, dass du Bauern vor dir hast? Für die Feldarbeit ist natürlich normale Arbeitskleidung gestattet, sogar angeraten. Unsere Regeln haben ihre vernünftigen Ausnahmen, da sie für das Wohl der Bürger geschaffen wurden, gewiss nicht, um die Bevölkerung grundlos zu geißeln, wie in den Wahnvorstellungen von Nummer Drei.«

»Nur die Richter dürfen größere und verzierte Kopfbedeckungen tragen, um sich von den normalen Bürgern zu unterscheiden«, fuhr der Erste fort, während der Krüppel diese Reden mit einer Reihe Grimassen begleitete, ohne je den Mund aufzumachen. »Aber Eitelkeit ist verboten! Denkt nur, wer sich zu hübsch gemacht hat, dem kann die Todesstrafe drohen!«

»Die Todesstrafe?«, rief Hardouin erstaunt aus, während wir anderen vor Entsetzen stumm blieben.

»Wenn Ihr wüsstet, welch eine Freude an Festtagen herrscht«, fuhr der Zweite ungerührt fort, »wenn die Sonne in das Zeichen des Krebses, der Waage, des Steinbocks oder des Widders tritt. Und erst bei Mondwechseln! Gesänge werden angestimmt, begleitet von Trompeten und Pauken und Kinderchören … Die Dichter singen das Loblied der Krieger, wobei die Triumviri darauf achten, dass ihre Verse keine Lügen und Übertreibungen enthalten, das ist gesetzlich verboten. Aber warum rede ich noch? Das alles werdet Ihr mit eigenen Augen überprüfen können, wenn Ihr in die Stadt kommt«.

Das Mysterium der Zeit
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