DISKURS XLI
Darin man das traurige Ende des Mädchens erleben muss, auf der Suche nach einem Unterschlupf umherirrt und diesen endlich durch Gottes Gnade findet.
Draußen war das Unwetter noch in vollem Gange. Nur die Erleichterung, dem Feuer entkommen zu sein, machte die Wasserwand erträglich, die unbarmherzig aus den Schleusen des Himmels auf uns herabstürzte.
Als wir uns von dem Häuschen entfernt hatten, stellten wir fest, dass die Verrückte (inzwischen konnte man sie nicht anders nennen) uns trotz ihrer unbezähmbaren Wut nicht nach draußen gefolgt war, um sich zu rächen. Alsbald verstanden wir warum: Eine riesige Flamme schoss mit einem Funkenregen aus der Tür heraus, worauf ein grauenhafter Schrei der jungen Frau folgte. Man meinte, durch die Tür ihrer kleinen Behausung noch einige Bewegungen zu sehen, aber es war als beobachtete man einen Teufel, der verzweifelt mit den Gräueln seiner höllischen Wohnstatt kämpft. Die Flammen wurden höher, und bald würden sie das ganze Haus einhüllen. Lag die junge Frau unter dem Tisch begraben, der auf sie gefallen war?
|283|Alle standen wir wie gelähmt einer neben dem anderen, gebannt von dem entsetzlichen Schauspiel und gleichgültig gegenüber dem heftigen Regen, wie Marmorstatuen auf einem Friedhof. In Bächen strömte uns das Wasser über das Gesicht und tropfte uns vom Kinn herab wie die kalten Tränen des Staunens, die die Himmel vergießen, wenn sie den Niedergang der menschlichen Dinge betrachten.
»Was sollen wir tun?«, rief Barbello laut, um den prasselnden Regen zu übertönen. »Lassen wir sie hier krepieren?«
»Sie muss nicht unbedingt sterben«, entgegnete Kemal. »Wenn sie will, kann sie herauskommen und sich retten wie wir.«
»Aber der Tisch ist auf sie gefallen!«, protestierte dein geliebter venezianischer Kastrat.
Das Schicksal des liebreizenden Mädchens schien besiegelt: Aus dem Haus drang ein weiterer Schrei der Wut und Ohnmacht, dann hörte man ein unheimliches Knirschen und schließlich ertönte der Aufprall eines Deckenbalkens, der nachgegeben hatte. Bald würde das ganze Haus einstürzen. Nicht einmal der Platzregen schien die Wut des Feuers bändigen zu können. Der Statthalter versuchte, sich zu nähern, doch der schwarze Rauch, der aus Tür und Fenstern drang, trieb ihn zurück.
»Sie ist verrückt, aber wir können sie nicht einfach im Stich lassen!«, schrie Barbello wieder mit angstverzerrten Zügen.
Als müsste er Barbello widersprechen, ließ ein Donner von ohrenbetäubender Gewalt uns fast ohnmächtig werden. Auch wenn es eine Illusion war: uns schien, als habe die Kraft des Gewitters sich verdreifacht.
»Gehen wir«, sagte der alte Schoppe lakonisch, dessen Gesicht blass und eingefallen war.
Für unsere entkräftete, uneinige Gruppe wäre es ein schimärisches Unterfangen gewesen, im Regen und bei völliger Finsternis einen Weg durch den Wald suchen zu wollen. Doch der Herr in seiner unendlichen Güte erwies uns die Gnade, den Regen einzudämmen, und schon bald konnten wir auf festem Boden gehen, statt bis zu den Knöcheln durch den Schlamm zu waten.
Der Marsch durch die eiskalte Dunkelheit war dennoch eine Qual. Bei jedem Schritt zerkratzten uns die Zweige unsichtbarer Dornenbüsche Gesicht und Hände mit fast absichtsvoller Grausamkeit. Der verehrungswürdige Schoppe, der schon bald wieder auf Kemals Rücken |284|saß, wurde noch stärker gepeitscht als wir und jammerte unaufhörlich.
»Als sie ins Haus kam, hat sie ihren Namen genannt«, sagte Hardouin plötzlich.
»Und wie heißt sie?«, fragte Naudé.
»Nummer Drei.«
Alle schwiegen wir verblüfft.
»Was soll denn das bedeuten?«, fragte der Statthalter.
»Als sie die Tür geöffnet hat, bin ich sofort aufgewacht und habe gerufen: Wer ist da? Und sie hat geantwortet: Ich bin’s, Nummer Drei. Dann hat sie das Pech auf dem Boden ausgegossen und mit ihrer Laterne angezündet. Was danach geschah, wisst Ihr alle.«
»Sie ist vollkommen verrückt«, meinte der Korsar.
Nach einer guten halben Stunde torkelnden Vorankommens und vieler zweckloser Umwege mussten wir zugeben, dass wir uns verlaufen hatten. Wir standen vor einer Reihe Öffnungen in einer Felswand, die in unterschiedlich große Höhlen zu führen schienen, feuchte Grotten, ins Gelände gegraben und, wie von Waldgöttern hergerichtet, mit Zweigen, faulendem Laub und anderen forstlichen Bequemlichkeiten gepolstert. Der gute Vergil hätte hier vielleicht eine amouröse Zusammenkunft von Aeneas und Dido spielen lassen. Sofort verteilten wir uns auf diese Grotten, betasteten das Innere unserer gesegneten Nester mit den Händen, Füßen, ja mit dem Rücken und legten uns ergeben hinein, ohne uns noch miteinander abzusprechen. Am lauten Schnarchen erkannte ich, dass alle, mehr oder weniger unbequem liegend, trocken oder durchnässt, trotz der Kälte augenblicklich in den blindesten, wehrlosesten Schlaf gefallen waren, den die Natur kennt, und jetzt mochte das Mädchen ruhig kommen, um uns mit ihrer Hippe die Kehle durchzuschneiden, wenn sie nur keinen Lärm machte.
Ich kroch allein in die kleinste der Grotten, wie ein Wurm, der es sich im ersten Apfel bequem macht, zu dem das Schicksal ihn führt.