Ich gehe durch den Vorgarten und klingle an der Tür. Es ist spät am Nachmittag, das Haus sieht noch größer als gestern aus, die dunklen Fenster betrachten mich.

Camilla öffnet die Tür, sie trägt ein ausgewaschenes T-Shirt und schwarze, löchrige Jeans.

Einen Moment fürchte ich, dass ich ihre Einladung falsch verstanden habe oder dass sie ihre Meinung geändert hat. Sie dreht sich um und winkt mich hinein. Ihre nackten Füße sind klein und weiß.

Sie hat eine Flasche Wein geöffnet und trinkt aus einem Wasserglas.

»Mein Vater sagt, dass Sauvignon Blanc nicht zu alt werden darf. Ich dachte, wir könnten ihm dabei helfen.«

Sie setzt sich auf den Küchentisch und bietet mir eine Zigarette an. Dann schaut sie auf ihre Füße, die hoch über dem Boden baumeln.

»Ich bin nicht klein, ich bin nur ganz weit weg.«

Nach ein paar Gläsern Wein fühlt es sich nicht mehr so seltsam an, mit ihr allein in einem großen, leeren Haus zu sein.

»Du hast bestimmt Hunger«, sagt sie und holt einen Sandwichtoaster aus dem Schrank.

»Meine Eltern haben ein bisschen Angst um mich.«

Sie schaltet den Toaster ein, ein rotes Lämpchen leuchtet auf.

»Aber ich hab keinen Bock zu kochen, deshalb lebe ich seit anderthalb Jahren von Toast. Im Übungsraum essen wir auch nichts anderes. Und wenn ich abends heimkomme, ist es das Einfachste.« Sie holt Essen aus dem Kühlschrank und stellt es auf den Tisch.

»Sie haben einen Spezialisten konsultiert, um herauszufinden, ob man wirklich von Toast leben kann, ohne krank zu werden. Hat sie ne Stange Geld gekostet.«

Camillas Lachen beginnt im Hals und endet irgendwo in der Nase. Es klingt seltsam, aber ich mag es. So lacht jemand, dem alles egal ist, oder der nur in Gesellschaft anderer schwarz gekleideter Mädchen in einem feuchten, schalldichten Container lachen kann.

»Wir können auch eine Pizza bestellen, das hier sind schlechte Tischsitten.«

Ich schüttle den Kopf, bin mehr neugierig als hungrig.

Sie holt einen Teller mit kaltem Hühnchen aus dem Kühlschrank, ein Glas Barbecuesoße und eine rote Paprika.

»Wenn es zwischen zwei Stücke Brot passt, ist es ein Toast. So lautet die Regel.«

Wir nehmen das Essen mit ins Wohnzimmer, sie trägt die Teller, ich den Wein.

Wir stellen es vor uns auf den Sofatisch.

»Ich will nur rasch was holen.«

Sie kommt mit einer Videokassette wieder.

»Dario Argento«, sagt Camilla und legt sie ein.

»Ein Mädchen aus meiner Band besteht darauf, dass man alle Filme von Argento gesehen haben muss. Jeden einzelnen.«

Wir essen, trinken den Wein leer und schauen uns Rosso – Farbe des Todes an.

Auf dem Bildschirm werden schreiende Frauen mit Äxten abgeschlachtet. Camilla sitzt dicht neben mir. Ohne dicken Wintermantel. Ohne Betrunkene in unserem Rücken.

Als von den Sandwiches nur noch Kruste übrig ist, rauchen wir einen Joint.

»Ist es nicht furchtbar warm hier drinnen?«, fragt Camilla, als der Abspann läuft. »Vielleicht sollten wir alles ausziehen?«

Wie keiner sonst / ebook
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