Mojud oder Die innere Stimme
Ich möchte jetzt eine
Geschichte erzählen, die den Fische-Selbstfindungsweg sehr gut
darstellt. Ein Mann namens Mojud führt als einfacher Beamter ein
unauffälliges Leben in einer kleinen Stadt. Eines Tages begegnet
ihm auf einer Wanderung der mysteriöse Sufi-Meister Khidr und sagt
zu ihm: »Gib deinen Job auf und triff mich in drei Tagen am Fluss.«
Mojud tut das, begegnet Khidr am Fluss, und dieser sagt zu ihm:
»Spring in den Fluss, vielleicht wird dich jemand retten.« Mojud,
der kaum schwimmen kann, springt in den reißenden Fluss und wird
weit fortgetrieben und in einer fernen Gegend, die er überhaupt
nicht kennt, von einem Fischer gerettet. Er lebt dann eine Zeit
lang bei dem Fischer und bringt ihm Lesen und Schreiben bei, dafür
darf er dort wohnen. Dann begegnet ihm Khidr wieder und sagt:
»Verlasse diesen Fischer, geh ins Land und diene einem Bauern.«
Auch das tut er, und nachdem er einige Jahre bei dem Bauern gelebt
hat, erscheint ihm Khidr erneut und sagt: »Nimm dein Erspartes, geh
in die nächste große Stadt, und werde dort Pelzhändler.« Wieder tut
Mojud wie ihm geheißen. Er wird ein reicher, angesehener Mann, bis
ihm eines Tages wieder Khidr begegnet und ihm sagt: »Verschenk dein
Geld an die Armen, geh in die nächste Stadt, und diene dort in
einem Krämerladen.« Wieder befolgt Mojud die Anweisungen, und
allmählich stellen sich bei ihm unzweifelhafte Anzeichen von
Erleuchtung ein. Er wird so weise, dass viele Menschen zu ihm
pilgern und seinen Rat suchen, er hat jetzt auch Heilkräfte, und
Menschen kommen zu ihm, um sich heilen zu lassen, und viele Leute
wollen wissen: »Bei wem hast du gelernt, welche Art von Meditation
hast du verwendet, wie konntest du dich so weit entwickeln?« Mojud
sagt: »Ich kann euch schon sagen, wie ich mich so weit entwickeln
konnte. Ich bin in einen Fluss gesprungen, habe bei einem Fischer
gelebt, einem Bauern gedient, war Pelzhändler, und jetzt bin ich
hier.« »Aber das erklärt doch nicht die Entwicklung, die du gemacht
hast!« Da sagt Mojud: »Da habt ihr eigentlich Recht.«
Das ist eine typische
Fische-Geschichte. Khidr, der alte Weise, repräsentiert innere
Führung. In Märchen spielt ja die Gestalt des alten Weisen oder der
alten weisen Frau oft eine wesentliche Rolle für die innere
Entwicklung der Märchenfiguren, und die Fische-Heldentat besteht
darin, bedingungslos den Ratschlägen dieser Gestalten zu folgen.
Ähnlichkeiten mit dieser Geschichte finden sich in der Erzählung
Siddharta von Hermann
Hesse.
Wichtig ist hier auch
die Haltung der absoluten Absichtslosigkeit. Hätte Mojud vorher
gewusst: Ich brauche bloß zwei Jahre Fische zu fangen, ein paar
Jahre auf einem Bauernhof zu arbeiten usw., dann bin ich
erleuchtet, wäre es kein Kunststück gewesen, auf Khidr zu hören.
Bei solch glänzenden Aussichten würden wir reihenweise in den
reißenden Lebensfluss springen. Manchmal ist es wichtig, die Stimme
unserer inneren Führung auch dann ernst zu nehmen, wenn sie
scheinbar Verrücktes oder Unmögliches von uns verlangt, wie das
auch im Märchen Der getreue Johannes
aus dem Schütze-Kapitel der Fall war.