Der gastliche Kalbskopf
Ein anderes
Stier-Märchen ist Der gastliche
Kalbskopf, aufgezeichnet von Ludwig Bechstein.
In diesem Märchen gibt
es drei Söhne, die bei ihren Eltern leben. Eines Tages wollen die
beiden älteren in die Welt hinausziehen, und als Hans, der jüngste
Bruder, das sieht, will er mit ihnen gehen. Aber er ist das
Nesthäkchen, und die Mutter möchte ihr Goldkind gar nicht gern
fortlassen. Nach langem Hin und Her erreicht er schließlich, dass
er mitziehen darf. Doch da taucht schon das erste Stier-Problem
auf, und das hat mit dem Tempo zu tun. Die beiden Brüder laufen
nämlich so schnell, dass der Kleine überhaupt nicht mitkommt;
allerdings muss auch gesagt werden, dass er gar keine Lust hat, so
schnell zu laufen, er ist nämlich ziemlich faul. Irgendwann
verliert er seine Brüder aus den Augen und findet sich ganz allein
im Wald wieder, und was tut er da als Allererstes? Er isst seinen
ganzen Proviant auf, denn er denkt sich: Bevor irgendwelche Tiere
kommen und mir was wegnehmen, esse ich es lieber selber auf. Dann
steigt er auf einen Baum und sieht tief im Wald ein Licht, folgt
diesem Licht, und auch er gerät schließlich in ein Waldhaus, wie
wir es beim Erdkühlein schon hatten. Dort passiert nun etwas höchst
Seltsames. In einem der Zimmer steht eine Wiege, und darin liegt
unter einer Decke ein Kalbskopf, der ihn freundlich begrüßt und
sagt: »Mein Junge, du wirst hier gut versorgt, du kannst essen und
trinken, so viel du willst, dein Bett wird immer gemacht sein. Die
einzige Bedingung ist, dass du mir Geschichten erzählst.« Der Hans
denkt, na, jetzt essen wir erst einmal, und statt Geschichten zu
erzählen, isst er sich satt und schläft gleich danach ein. Am
nächsten Morgen beginnt das, was man eigentlich als eine
Psychotherapie bezeichnen könnte, denn er fängt an, dem Kalbskopf
von sich zu erzählen. Zuerst denkt er, er habe überhaupt nichts zu
erzählen, und berichtet, wie viele Tiere es daheim auf dem Hof gibt
und solche Dinge. Aber während des Erzählens fällt ihm immer mehr
ein, er erinnert sich an die Geschichten der Großmutter, an die
Sagen, die die Leute im Dorf erzählen, und Ähnliches.
Nach einer Zeit, in
der er sehr glücklich bei dem Kalbskopf lebt, überkommt ihn jedoch
der Wunsch, in die Welt zurückzukehren, noch einmal nach Hause zu
gehen. Da weist er das erste Mal durchaus männliche Qualitäten auf,
indem er sich ein Pferd geben lässt, sogar Waffen mitnimmt. Zu
Hause hat er eine Auseinandersetzung mit seinen beiden Brüdern.
Dann aber wird ihm die Geschäftigkeit dort zu viel, und er kehrt
zurück zu dem Kalbskopf. Die Welt ist ihm zu hektisch, die Leute
sind ihm zu neidisch und zu gierig. Er sehnt sich nach der
naturnahen Zufriedenheit, die er im Waldhaus bei dem Kalbskopf
gefunden hat. Als er zurückkommt, hat der Kalbskopf ihn schon
ungeduldig erwartet und sagt: »Mein lieber Junge, dir steht eine
schwere Aufgabe bevor. Geh in die Küche, da sind ein Hackblock und
eine Axt. Bring sie her und stell sie neben meine Wiege.« Das tut
er, und dann sagt der Kalbskopf: »Und jetzt nimm die Decke weg.«
Doch als der Junge die Decke wegzieht, erstarrt er vor Entsetzen,
weil der schöne Kalbskopf in einen armdicken Schlangenleib mündet.
Da sagt der Kalbskopf: »Leg mich auf diesen Hackblock und trenne
mit einem Hieb diesen abscheulichen Wurmfortsatz ab.« Und der
Bursche sagt: »Nein, ich möchte dich nicht verlieren, du bist mein
einziger Freund.« Der Kalbskopf jedoch besteht darauf und sagt: »Tu
es!« Und er tut es tatsächlich, schafft es mit einem Hieb, den
Schlangenleib abzutrennen, und da verwandeln sich die Augen des
Kalbskopfes in die Augen einer schönen Prinzessin, die jetzt erlöst
ist. Nun kann Hochzeit gefeiert werden.
Auch das Ende des
Märchens ist übrigens Stier-gemäß, denn das Paar zieht nicht etwa
in das große Königsschloss in der Stadt, sondern es bleibt in dem
Waldhaus wohnen und lebt dort ganz zufrieden und
einfach.
Die entscheidende
Szene dieser Geschichte ist natürlich das Aufdecken des
Schlangenleibes, und in diesem Bild ist auf geniale Weise die Achse
Stier-Skorpion im Tierkreis dargestellt. Stier liegt gegenüber von
Skorpion, der mittlere Frühlingsmonat gegenüber dem mittleren
Herbstmonat. Die Schlangensymbolik gehört ganz wesentlich zu
Skorpion. Die Schlange kann eine Lebens-oder eine Todesschlange
sein und verkörpert durch ihre Häutungen den Wandlungscharakter des
Lebens. Vereinfacht ausgedrückt lautet die Botschaft dieser
zentralen Szene: In jedem Paradies gibt es eine Schlange. Und in
einem Schlaraffenland, in dem du nur versorgt wirst, wo du wie ein
Sohn bedient wirst, das Bett immer gemacht ist, es immer reichlich
zu essen gibt, da verbirgt sich untergründig die Schlange der allzu
engen Mutterbindung und damit die vereinnahmende, verschlingende
Seite des Mütterlichen.
Es gibt Menschen, die
mit einer Haltung durch die Welt laufen, die ausdrückt: »Ich möchte
verwöhnt werden, ich will es bequem haben«, und diese Menschen
beanspruchen für sich ein Recht auf größtmögliche Trägheit. Doch
darunter lauert die Schlange der Mutterbindung, und diese Schlange
kann lebensbedrohlich werden: Sie kann in Süchte führen, in
Abhängigkeit, sie kann lähmen. Das ist das, was aufgedeckt werden
muss, und dass dieses Aufdecken Angst macht, dass es schmerzhaft
ist, dass man diese Schattenseite des Paradieses nur sehr ungern
ansieht, wird in diesem Märchen sehr deutlich.
Speziell für Männer
steckt eine wunderbare Beziehungsbotschaft in dieser Szene: Männer
müssen den inneren Muttersohn töten, indem sie aufhören, in der
Frau nur die Versorgerin zu sehen, die den Schweinsbraten auf den
Tisch stellt und die Hemden bügelt – die Kuh, die jeden Tag Milch
gibt. Und erst wenn sie bereit sind, diese kindliche Haltung,
dieses Verwöhntwerden, Bekochtwerden, Ernährtwerden, Versorgtwerden
»abzuschneiden«, dann erst ist die Begegnung mit einer Prinzessin,
mit einer gleichwertigen Frau möglich.
Diese Thematik wird
schon in der Ausgangssituation des Märchens verständlich, in der
betont wird, dass Hans der liebste und vermutlich verwöhnteste Sohn
der Mutter ist, die ja zu ihm sagt: »Mein Goldkind, lass doch deine
älteren Brüder gehen, aber du bleibst bei mir.« Gerade die gute
Mutter, die liebevolle, versorgende Mutter macht die Trennung von
ihr, die notwendig ist, um selbstständig zu werden, umso schwerer.
Freud hat einmal gesagt, lieber zehn Versagensneurosen als eine
Verwöhnungsneurose. Denn wenn jemand gewohnt ist, immer versorgt zu
werden, kann das zu der Haltung führen: Nun, dann brauch ich’s ja
nicht alleine zu machen, dann können auch andere weiter für mich
sorgen. Später, wenn die leibliche Mutter nicht mehr da ist,
ersetzt man sie womöglich durch die Mutterbrust des Sozialamts,
obwohl man sehr wohl allein zurechtkommen könnte. Aber wozu, wenn
es doch auch einfacher geht? Die Mutter ist normalerweise die
einzige Gestalt im Leben, von der man etwas bekommt, ohne etwas
dafür geben zu müssen, und das ist zugleich der positive Aspekt des
großen Mütterlichen: Es gibt, ohne zu verlangen – wie die
Erde.
In diesem Sinne ist
der Umgang mit dem Archetyp des großen Mütterlichen für den Stier
ein zentrales Thema, dessen Problematik in unseren beiden Märchen
von zwei Seiten beleuchtet wird: Dort, wo zu wenig gute
Mütterlichkeit war (wie in dem Märchen vom Erdkühlein), da will
etwas geheilt werden, denn nur so können schließlich die Früchte
vom Apfelbaum geerntet werden. Und dort, wo ein Zuviel an guter
Mütterlichkeit war (es heißt ja auch, Vielgeliebte sind
Fehlgeliebte), dort muss ein Schwert ins Spiel kommen, das den
Mutterdrachen, der sich unter der Verwöhn-Bettdecke verbirgt,
abtrennt.