Sonne in Skorpion
Der innere König hat
hier den Charakter des Zauberers, des Magiers. Als guter Zauberer,
als weißer Magier, ist er der Heiler, der Therapeut, der Schamane,
der Geburtshelfer auf jeder Ebene. Er kann die graue Eminenz im
Hintergrund sein, der die Fäden zieht, die Knöpfe drückt. Die
Schattenseite ist der schwarze Magier, eine mächtige Vatergestalt,
die bedrohlich und gewalttätig sein kann und vor der das Kind sich
fühlt wie ein Kaninchen vor der Schlange.
Es wird den Vater
lieben, wenn er ein guter Zauberer ist, wenn er ihm in den tiefsten
Seelennöten zur Seite steht, in den dunkelsten Stunden, wenn er das
Kind einweiht, mit in den Dschungel nimmt, ihm zeigt, wie man einen
Pfeil schnitzt, einen Büffel erlegt oder wo die Heilkräuter
wachsen. Mit einem solchen Vater kann man offen über Geburt, Tod
und Sexualität sprechen. All das, was eine gute Skorpion-Mutter
ausmacht, gilt auch für Männer und Väter. Wenn das
Skorpion-Sonne-Kind später selbst König wird, wird seine Aufgabe
darin bestehen, seine spezielle Begabung in Richtung Zauberei und
Macht zu entwickeln und als weißer Magier einen liebevollen,
verantwortungsvollen Umgang mit dieser Macht zu
finden.
Die größte aller
Versuchungen und Gefahren für diesen Zauberer ist Macht, das gilt
besonders für Menschen, deren Geschichte von Ohnmachtserfahrungen
geprägt ist. Der alte Zauberer und Schamane Don Juan hat gesagt:
»Auf dem Weg des Kriegers gibt es vier Feinde.« Der erste dieser
Feinde ist die Furcht. Wenn du nicht manchmal bereit bist, um des
Lebens willen dein Leben zu verlieren, dann entwickelst du dich
nicht. Der zweite Feind klingt seltsam, es ist nämlich das Wissen,
wenn man also glaubt, schon so schlau zu sein, so viel gelesen zu
haben, so viel meditiert zu haben, so viel Selbsterfahrung gemacht
zu haben, dass man Bescheid weiß. Dann ist man abseits vom Pfad der
Entwicklung, der immer ins Unbekannte führt. Feind Nummer drei,
sagt er, ist ganz besonders gefährlich: Es ist die Macht. Wer eine
bestimmte Entwicklung durchgemacht hat, weiß, wie er die Welt um
sich herum manipulieren kann, und die Versuchung, dieses Wissen zu
missbrauchen, um das eigene Ego zu steigern, ist groß. Der vierte
Feind ist das Alter, denn wenn man ein bestimmtes Alter erreicht
hat, kann man manche Dinge einfach nicht mehr tun.
Der mächtige dunkle
König, das, was Robert Bly den »tiefen Vater« genannt hat, das, was
der Eisenhans im Märchen für den kleinen Königssohn ist, ist die
gute Väterlichkeit, die Skorpion hier vermitteln kann. Aber mit
Vätern kann man auch schreckliche Erfahrungen machen: Gewalt und
Missbrauch. Gerade für eine Tochter mit Skorpion-Sonne ist die
Auseinandersetzung mit dem Vater als sexuelles Wesen oft sehr
problematisch. Es kann sein, dass sie eine verführerische
Vater-Tochter in sich hat, dass sie den Vater nur für sich haben
möchte. Vielleicht macht ihr die Sexualität des Vaters Angst.
Missbrauch kann in diesem Bereich eine Rolle spielen. Freud, der
selbst einen Skorpion-Aszendenten hatte, hat sehr viel über den
Ödipuskomplex geschrieben, was Jung einmal dazu veranlasste, über
ihn zu sagen, niemand sei so tief ins Unbewusste hinuntergestiegen,
niemand so lange unten geblieben und niemand so schmutzig wieder
herausgekommen. Freud hatte auch in der Traumdeutung, wie fast
überall, die Sexualität zum Hauptthema gemacht, während Jung
betonte, dass in der Welt des Unbewussten auch die Archetypen
wohnen. Für ihn überwog der Aspekt des kollektiven
Unbewussten.
Frauen mit
Skorpion-Sonne zieht es auch später im Leben zu mächtigen,
einflussreichen Männern hin. Solche Männer können sie gleichzeitig
anziehen und ihnen Furcht einjagen. Die Gefahr dabei ist, dass sie
den Schattenaspekt des Skorpion-Bildes auf die Männer im
Allgemeinen projizieren und sie verteufeln. Dazu passt das
Märchenmotiv der Rätselprinzessin, die allen Bewerbern scheinbar
unlösbare Rätsel aufgibt und sie in vielen Fällen köpft, wenn sie
sie nicht lösen. Die Rätselprinzessin im Märchen hat fast immer ein
ungelöstes Vaterproblem; der Vater ist schließlich der erste Mann
im Leben einer Frau, über ihn lernt sie alle Männer der Welt
kennen. War dieser erste Mann in ihrem Leben eine große
Enttäuschung oder auch bedrohlich oder gewalttätig, wird das die
Beziehung zu Männern später sicherlich belasten. Dann findet man
oft das transaktionsanalytische Muster: »Hab ich dich, du
Schweinehund! Auch du bist ein Vergewaltiger, Schlappschwanz,
Versager.«
Auch wenn der Vater
besonders eifersüchtig über die Tochter wacht und alle Bewerber
verscheucht, kann das ein Skorpion-Problem sein. Im Märchen wird
das so gelöst, dass der Held, der die Rätselprinzessin errettet,
stärker sein muss als der Vater.
Wie auch immer der
Umgang mit den äußeren Vätern und Männern sein mag, letztendlich
besteht die Aufgabe eines Menschen mit Skorpion-Sonne darin, diesen
Skorpion-König in sich selbst zu entdecken, und die größte Weisheit
des inneren Königs ist, dass er etwas vom Sterben – und damit vom
Leben – versteht. Er ist in Grenzbereichen zu Hause, vor denen
viele andere Angst haben. Es gibt viele Skorpion-betonte Menschen,
die zum Beispiel auf einer Intensivstation oder in der Aids-Hilfe
arbeiten, sich um Sterbende kümmern oder aber Hebammen sind,
Geburtshelfer im wörtlichen Sinn oder auf die therapeutische Arbeit
übertragen. Im Grunde sind Geburtshilfe und Sterbehilfe dasselbe.
Ein Therapeut, der die verborgenen Möglichkeiten eines Menschen ans
Tageslicht bringt, die Goldgruben findet, die in der Tiefe eines
Menschen wohnen, der hilft immer auch, ein altes Lebenskonzept zu
beerdigen, ein altes Selbstbild zu verabschieden, einen alten König
sterben zu lassen. Da stirbt etwas, damit etwas Neues geboren
werden kann, und das eine geht nicht ohne das andere.
Zur Weisheit des
Skorpion-Königs gehört, dass er sich im Reich des Schattens
auskennt, wie Goethe, der Skorpion-Aszendent hatte. Er sagte: »Es
gibt kein Verbrechen, das ich nicht im Geiste schon begangen habe.«
Das ist schonungslose Klarheit auf der Ebene des Skorpions, und
liebevolle Gnadenlosigkeit ist auch das, was einen guten
Therapeuten auszeichnet. Er versteht sich auf das schmerzhafte
Auffinden von Wahrheit. Im Extremfall allerdings kann diese Haltung
dazu führen, dass man nur noch die Fratze hinter der Fassade sieht.
Dann gilt der schöne Satz: »Nur weil du nicht paranoid bist, heißt
das noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her
sind.«