Don Juan
Don Juan, der weise
alte Schamane, hat seinem Schüler Carlos Castaneda einmal erzählt,
wie er als junger Mann auf einer Farm arbeitete, wo es einen
Vorarbeiter gab, der Indianer hasste. Don Juan konnte diesem Mann
damals nur mit Mühe und Not entkommen, indem er schwer verletzt
floh, und überlebte diese Flucht nur knapp. Statt diesem Mann böse
zu sein, sagte er als alter Weiser lächelnd und heiter zu Carlos
Castaneda: »Ich bin diesem Mann sehr dankbar. Durch seine
Grausamkeit und Hinterhältigkeit hat er mich gezwungen, meinen
inneren Krieger zu entwickeln.« Im selben Zusammenhang sagte er
auch: »Wenn im Leben etwas schwierig wird für dich, dann hast du
immer zwei Möglichkeiten. Möglichkeit Nummer eins: dich als Opfer
zu sehen, zu klagen und zu jammern und zu zetern. Möglichkeit zwei,
zu sagen: Wohin gehe ich von hier aus?«
Die Lehre des
Kriegers, wie Don Juan sie formuliert, bedeutet, alles, was einem
im Leben begegnet, als Herausforderung zu sehen. Das wäre eine
weise Widder-Haltung. Die weniger reife oder weise Widder-Haltung
wäre die des Anklägers: Die Welt (der Vater, die Mutter, die
Politiker, die Männer, die Frauen) ist an allem schuld. Ein reifer
Widder hingegen braucht keine Sündenböcke mehr. Sheldon B. Kopp,
ein alter, weiser, verrückter Therapeut, der vor kurzem gestorben
ist und selbst Widder war (er hat unter anderem das Buch
Triffst du Buddha unterwegs
geschrieben), prägte den Satz: »Es ist sehr wichtig, alle
Sündenböcke abzuschaffen.« Das wäre eine große Heldentat für
Widder.
Wer so stark von
seinem eigenen Willen bestimmt ist, der wird Mitmenschen
zwangsläufig als Rivalen und Konkurrenten empfinden. Widder ist
dazu geboren, Erster zu sein, nicht umsonst ist es das erste
Zeichen im Tierkreis. Cäsar, auch ein Widder, soll einmal gesagt
haben, als er und seine Heerscharen an einem kleinen Dorf
vorübereilten: »Lieber in diesem Dorf der Erste als in Rom der
Zweite.« Erster oder Zweiter sein, gewinnen oder verlieren, Sieg
oder Niederlage, stark oder schwach, das sind Maßstäbe, die im
Widder-Prinzip zu Hause sind.
Die Frage, was Stärke
und was Schwäche ist, erfordert meiner Ansicht nach in der zweiten
Lebenshälfte eine andere Definition. Manchmal bin ich stark, wenn
ich schwach bin, und umgekehrt. Wenn ich nur an einem
traditionellen Stärkekonzept festhalte und mir niemals gestatte,
zusammenzubrechen, zu verzweifeln, mich fallen zu lassen, dann
kostet das die Seele und den Körper auf Dauer unglaublich viel
Energie. Da ist es sehr viel gesünder für Körper und Seele,
loszulassen, wie der Phönix aus der eigenen Asche wieder
aufzuerstehen und von vorn anzufangen.
Ein »erleuchteter«
Widder ist Prentice Mulford, der unter anderem das wunderbare
kleine Buch Der Unfug des Lebens und des
Sterbens geschrieben hat. Er war ein angesehener Journalist,
der irgendwann genug von der zivilisierten Welt hatte und
beschloss, ein Leben zu führen, wo ihn, wie er sagte, keiner
»begutachten und beschlechtachten« konnte, wo er in jedem Moment
das tun konnte, was er wollte, und frei war, seine eigenen
Erfahrungen zu machen. Also kaufte er sich mit seinem letzten Geld
ein Sumpfgrundstück in New Jersey und baute sich dort, obwohl er
keine Ahnung davon hatte, eine Hütte, die auch gleich beim ersten
Windstoß zusammenfiel. Er baute sie nach dem Prinzip von »Versuch
und Irrtum« wieder auf und wurde schließlich ein primitiver Wilder
im positiven Sinne, der zu seinen Ursprüngen und zur Natur
zurückfand. Über diese Erfahrung schrieb er höchst intelligente
Bücher. Er schaffte es, seine geistige Welt wieder in Einklang zu
bringen mit der ursprünglichen Wildheit der inneren und äußeren
Natur.