Ödipus
Machen wir einen
Ausflug in die Mythologie, zur Ödipus-Geschichte, die ich als sehr
saturnisch empfinde. Hier zusammengefasst die Handlung: Die Geburt
des kleinen Ödipus war von einem schrecklichen Orakel überschattet,
das besagte, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten.
Deswegen schickten die Eltern einen Hirten mit dem neugeborenen
Kind ins Gebirge, wo er es töten sollte. Der Hirte brachte die Tat
nicht übers Herz, und Ödipus wuchs bei einem fremden König auf, den
er für seinen Vater hielt. Eines Tages fand am Hof dieses fremden
Königs ein Fest statt, und ein betrunkener Soldat sagte zu Ödipus:
»Du bist gar nicht der richtige Sohn dieses Königs.« Ödipus war so
verwirrt, dass er das Orakel in Delphi befragte, und dort bekam er
dieselbe Auskunft, die schon seine Geburt begleitet hatte: »Du
wirst deinen Vater töten und deine Mutter heiraten.« Ödipus liebte
seine vermeintlichen Eltern sehr und verließ den Königshof, um
diese zu schonen. Doch bei dem Versuch, seinem Schicksal zu
entrinnen, lief er ihm – ein klassisches Saturn-Motiv – direkt in
die Arme. An einem Kreuzweg begegnete er seinem wahren Vater,
Laios, und beim Streit um die Vorfahrt erschlug der jähzornige
Ödipus ihn, ohne zu ahnen, wer er war. Später kam er zur Sphinx,
deren Rätsel er löste – bei Zwillinge habe ich einiges zu diesem
Thema erzählt -, und zog dann als gefeierter Sieger in Theben ein,
wo er, ohne es zu wissen, seine Mutter Iokaste heiratete. Nachdem
er einige Jahre als guter und gerechter König geherrscht hatte, kam
die Pest in die Stadt, und immer mehr Menschen fielen ihr zum
Opfer. Als letzte Hoffnung wurde der blinde Seher Teiresias (wir
kennen ihn aus dem Waage-Kapitel) gefragt, was die Ursache dieser
Seuche sei, und er sagte: »Unter euch wohnt ein Vatermörder.« Da
wollte Ödipus den Teiresias zwingen, den Namen des Vatermörders
preiszugeben, und Teiresias sagte: »Bitte zwing mich nicht, König,
den Namen zu verraten.« Ödipus sagte: »Wenn du nicht sagst, wer es
ist, schlage ich dir den Kopf ab.« Da sagte Teiresias: »Nun gut, du
bist es, König.« Ödipus konnte es immer noch nicht glauben, aber
schließlich machte er den Hirten ausfindig, der ihn damals ins
Gebirge gebracht hatte, und mit dessen Hilfe kam die Wahrheit
endgültig ans Tageslicht. Ödipus war verzweifelt und wollte sich in
sein Schwert stürzen, aber die Leute, die ihn als König geliebt und
geachtet hatten, hinderten ihn daran, denn sie hatten Mitleid mit
ihm. Der Einzige, der kein Mitleid mit sich selbst hatte, war
Ödipus, und er blendete sich zur Strafe für seine Taten. Er war
härter gegen sich als alle anderen, er verzieh sich nicht, was er
getan hatte, er versuchte auch nicht, sein Handeln zu
entschuldigen, und das ist typisch für Steinbock/Saturn. Ein
anderer hätte vielleicht gesagt: »Was kann ich dafür, ich wusste es
doch nicht, und außerdem, meine Eltern verdienen es nicht anders,
sie haben mich ausgesetzt, wollten mich töten lassen, sie sind
selbst schuld.« Stattdessen erlebte er einen »saturnischen«
Zusammenbruch: »Ich bin an allem schuld, ich habe gesündigt.« Er
nahm die Verantwortung im Übermaß auf sich. Steinbockbetonte
Menschen kennen diese schwer auszuhaltende Last von Schuld. Am
Schluss der Geschichte wurde Ödipus von seiner Tochter Antigone auf
seinem letzten Gang bis zur Unterwelt begleitet. Es heißt, dass in
dem Moment, als Ödipus in die Unterwelt eintrat, helles Licht zu
sehen war, und der Mythos schließt mit den Worten: »So endet das
Leben des großen Dulders Ödipus.«
Was für ein
saturnischer Entwicklungsweg, angefangen bei dem Kindheitsorakel,
das seit seiner Geburt wie ein Fluch über ihm schwebte und aus ihm
ein ungewünschtes Kind machte! Wahrscheinlich ist die schlimmste
aller Botschaften, die man einem kleinen Kind vermitteln kann: »Es
wäre besser, du wärest nie geboren.« Wenn die Mutter
Abtreibungsversuche unternimmt, etwa weil die Beziehung schlecht
ist oder die materielle Situation schwierig oder weil das Kind aus
anderen Gründen unerwünscht ist, wird es wie Ödipus in eine Welt
hineingeboren, die ein steiniger Erdboden ist, wo der Mutterleib
kein Schlaraffenland ist, sondern eher ein Kühlschrank. Karl
Valentin gehörte vermutlich auch zu dieser Sorte Menschen, denn von
ihm stammt der Satz: »Besser wäre es, man wäre nicht geboren, aber
dieses Glück hat unter Tausenden kaum einer.«
Ich möchte jetzt nicht
den ganzen Ödipus-Mythos deuten, sondern den saturnischen Aspekt
dieser Geschichte hervorheben: die von vornherein belastete
Kindheit, die schicksalhafte Situation, das Verhängnis, dem man
nicht entkommen kann. Dazu gehört auch das Los, dem Schicksal in
die Arme zu laufen, gerade weil man ihm ausweichen
möchte.
Die Indianer haben
dazu einen sehr einfachen Satz: »Wovor du Angst hast, daran wirst
du sterben.« Wenn man nicht bereit ist, gewissen bitteren
Wahrheiten ins Gesicht zu schauen, wenn man davor flüchtet, werden
einen genau diese Wahrheiten, diese Orakel irgendwann einholen.
Dass Ödipus, der ein guter König war und von allen geschätzt und
geliebt wurde, so grausam mit sich selbst umgeht, zeigt sehr gut
die schlimmste Seite von Saturn: übermäßige Strenge mit sich,
Selbstbestrafung bis hin zum Selbsthass. Bei Saturn haben wir es
nicht mit der selbstbewussten Reaktion der unbesiegbaren
Feuer-Kinder zu tun – ihr seid schuld, ich zeig’s euch, ich habe
ein Recht zu leben -, sondern hier verbergen sich die Gefahr der
Resignation und die Überzeugung, kein Recht auf Leben einfordern zu
können. Das kann dazu führen, dass man später glaubt, es dürfe
einem nicht gut gehen, ohne dass man sich schuldig fühlt. Immer
wieder taucht dann die Frage auf: »Hab ich’s
verdient?«