Der Weg ist das Ziel
Die folgende
Geschichte unterscheidet für mein Gefühl sehr gut den hellen
Schützen vom dunklen, den reifen vom unreifen. Ein alter Mann lebt
in einem kleinen Dorf irgendwo im Osten. Er ist sehr arm, aber er
hat ein weißes Pferd, das so schön ist, dass selbst Könige ihn
darum beneiden und ihm ungeheure Summen für das Tier bieten. Aber
er sagt nur: »Dieses Tier ist mein Freund, und einen Freund
verkauft man nicht.« Die Zeit vergeht, und eines Morgens, als er
wie üblich in den Stall geht, um sein Pferd zu füttern, ist es
verschwunden. Da sagen die Leute aus dem Dorf: »Du dummer alter
Mann, wir haben dir gleich gesagt, verkauf dein Pferd, dann wärest
du jetzt sorgenfrei. Jetzt ist es weg, so ein Unglück.« Der alte
Mann bleibt gelassen und sagt nur: »Geht nicht so weit, zu sagen,
es sei ein Unglück, sagt einfach nur, das Pferd ist nicht im
Stall.« Die Leute schütteln den Kopf und wissen nicht, was er damit
meint. Monate später kommt das Tier tatsächlich zurück; es ist gar
nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen, und es
bringt zwölf wunderschöne Wildpferde mit. Wieder kommen die Leute
aus dem Dorf zu dem alten Mann und sagen: »Alter Mann, du warst
weise, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen, es war gar kein
Unglück.« Der alte Mann sagt wieder gelassen: »Urteilt nicht, sagt
einfach nur, das Pferd ist wieder da.« Die Leute schütteln wieder
den Kopf und verstehen nicht, was der alte Mann meint. Nach einiger
Zeit fängt der einzige Sohn des alten Mannes an, die wilden Pferde
zuzureiten. Bei einem besonders wilden stürzt er und bricht sich
beide Beine, sodass er nie wieder wird gehen können. Die Leute
kommen zu dem alten Mann und sagen: »Welch ein Unglück, du armer
alter Mann, du hast die einzige Stütze deines Alters verloren.« Der
Alte sagt wieder: »Ihr lernt nichts dazu, ihr seid besessen vom
Urteilen, sagt einfach nur, mein Sohn hat sich die Beine gebrochen.
Wer weiß, ob das ein Segen oder ein Fluch ist? Ihr lest ein Wort in
einem Satz und wollt das ganze Buch beurteilen. Das Leben zeigt
sich nur in Bruchstücken.« Schließlich kommt der Krieg ins Land,
und alle wehrfähigen jungen Männer werden eingezogen, und lautes
Jammern und Wehklagen bricht in dem Dorf los. Nur der Sohn des
alten Mannes darf zu Hause bleiben, denn er ist ja nicht fähig zu
kämpfen. Wieder kommen die Leute zu dem alten Mann und sagen:
»Wieder hattest du Recht, es war ein Segen, es war kein Unglück,
dein Sohn hat sich beide Beine gebrochen, aber er ist wenigstens
noch bei dir. Unsere Söhne sind für immer fort.« Die Antwort des
alten Mannes kann man sich vorstellen.
Dieser alte Mann ist
ein weiser Schütze-Vertreter. Im Indischen gibt es ein Wort, das
heißt advait, man könnte es übersetzen
mit »Gott allein ist«. Alles, was existiert, ist Teil eines
göttlichen Plans, einer sinnvollen Ordnung. Unser Verstand jedoch
ist gewohnt, wie die Menschen in dem Dorf zu urteilen, alles in Gut
und Böse, in Richtig und Falsch einzuteilen. Das Verhalten dieser
Herde stellt hingegen, wie schon in dem Märchen Das wissen die Götter bei Waage, die Schattenseite
des Schütze-Prinzips dar: immer bereit zu urteilen, zu bewerten,
statt wie der alte Mann zu akzeptieren.
Ein Schütze, der
indische Meister Bhagwan, der sich in den letzten Jahren seines
Lebens Osho nannte, kommentierte diese Geschichte folgendermaßen:
»Urteilen zeugt von einem erstarrten Bewusstseinszustand, und der
Kopf urteilt gern, denn es ist immer riskant und unbequem, in
Bewegung zu bleiben. Wirklich, die Reise ist nie zu Ende, der Pfad
endet, ein anderer beginnt, die eine Tür schließt sich, eine andere
öffnet sich. Du erklimmst einen Gipfel, ein noch höherer Gipfel
ragt auf. Gott ist eine endlose Reise. Nur Menschen, die mutig
genug sind, sich über das Ankommen keine Sorgen zu machen, die mit
dem Reisen an sich zufrieden sind, die zufrieden sind, einfach nur
im Augenblick zu leben und in ihn hineinzuwachsen, nur solche
Menschen sind fähig, mit dem Ganzen zu gehen.«