Kapitel 82

Corrisande hatte beileibe nicht vorgehabt, in der vordersten Linie des Angriffs zu laufen. Doch sie lief voran und zeigte ihnen den Weg, und von Orven rannte direkt hinter ihr und hatte sein Kalteisenmesser in der Hand. Das motivierte sie, ihre Schritte weiter zu beschleunigen.

In einem zerrissenen Kleid zu rennen war nicht einfach, schon gar nicht, wenn es durchnäßt war und der klamme Stoff an den Beinen klebte. Auch war das Gefühl, nur in Strümpfen durch das exquisite Hotel zu laufen, sehr sonderbar. Ihre Zehen sanken in die weichen Läufer. Eine Dame hatte nicht oft Gelegenheit zu rennen. Ihre ganze Jugend hindurch hatten ihre Kindermädchen und Gouvernanten ihr eingetrichtert: nicht rennen, Corrisande, eine Dame rennt nicht, sie geht.

Es hätte genügt, den Offizieren die Zimmernummer zu sagen, und sie hätte hinter ihnen sein sollen, nicht vor ihnen. Doch zwei Männer mit Kalteisenwaffen liefen hinter ihr, und von Görenczy hatte den schrecklichen Kasten mitgenommen und hielt ihn in der Linken. Sie zweifelte nicht daran, daß auch dieses Ding sie verletzen oder töten konnte, genauso wie die Messer. Sie mußte Arpad fragen. Sie mußte ihn so vieles fragen. Er würde ihr alles erklären. Immer vorausgesetzt, daß sie das hier überlebten, und das war unwahrscheinlich.

Was für eine blöde Situation. Sie rannte vor ihren eigenen Beschützern davon, auf ihre Feinde zu, von denen jeder sie schon einmal gefangen hatte und die beide so gefährlich waren, daß ihr Hirn sich weigerte, das schiere Ausmaß der Bedrohung zu begreifen. Das Schattenmonster würde sie wieder besitzen wollen, und sie hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, was es mit ihr vorhatte. Sie stöhnte auf und spürte, wie von Orven ihr näherkam. Sein Beschützerinstinkt wurde zum Problem.

Also rannte sie noch schneller, um dem brennenden Gefühl im Rücken zu entkommen. Dabei war sie sich nicht einmal sicher, ob es wirklich das Messer war oder einfach nur ihre Furcht davor. Die Aussicht, durch die glühende Waffe verletzt zu werden oder zu ersticken, blockierte andere Ängste, die sich in ihren Gedanken festgesetzt hatten. Kalteisen beanspruchte in ihrer Panik viel Raum.

Sie wünschte, sie wäre bewaffnet. Sie wünschte sich ein Messer, eine Pistole, etwas, womit sie sich verteidigen konnte. Doch sie hatte nichts. Nichts, um sich zu wehren, nichts, um sich einen Ausweg zu erkaufen, wenn alles andere versagte. Sie wollte leben, überleben. Aber sie hätte trotzdem gerne die Möglichkeit gehabt, einen Fluchtweg aus dem ultimativen Grauen zu haben, selbst wenn er ihren Tod bedeutete. Doch es gab kein Entrinnen.

Sie erreichte den Treppenabsatz des zweiten Stocks und bog in den Korridor ab. Ohne ihr Begreifen abzuwarten, hielten ihre Beine bei dem Anblick, der sich ihr bot, ungefragt an. Ihre Füße rutschten noch steif über den Teppich, vom Schwung getragen, und Leutnant von Orven rempelte sie beinahe, hätte sie überrannt, wenn nicht ein Paar Hände sie mit unglaublicher Geschwindigkeit gepackt und zur Seite gegen die Wand gedreht hätte. So lief der Offizier an ihr vorbei, sein Messer nur Zentimeter von ihr entfernt.

Arpad. Er hatte ihr Problem erkannt und reagiert, obwohl das Messer ihm genauso gefährlich werden konnte wie ihr. Doch er war außerordentlich schnell. Er wirbelte sie aus dem Weg und lief dann weiter, während er sie keuchend und nach Atem ringend an der Wand lehnen ließ.

Sie versuchte zu erfassen, was sie sah. Es mußte Steinberg sein, obgleich er aussah wie eine weiße, schimmernde Lichtgestalt. Eine Gottheit. Er stand in seinem Türrahmen, hielt die Hände ausgestreckt, und es schien, als flösse Energie von ihnen. Die Luft knisterte. Sein Antlitz war verzerrt, doch der helle Schein darum ließ ihn wie einen Heiligen aussehen. Oder einen Erzengel.

Einen gefallenen Erzengel.

Er stand Mrs. Parslow zugewandt, deren Kleid wie Segel in einer scharfen Brise gebläht war. Auf sie ging der Sturm einer Attacke nieder, und sie lächelte. Es war ein fremdartiges Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Ihre Hände waren ebenfalls ausgestreckt, und Energie entfloß ihnen, wobei sie Feuer fingen. Der Gestank verbrannten Fleisches hing in der Luft, und Corrisande sah, wie die Hände ihrer Gesellschafterin von den Fingerspitzen nach innen schwarz wurden durch die intensive Hitze des Feuers, das sie abgaben. Asche krümelte in Fetzen von ihren Nägeln, und die Knochen brachen durch das schwarze Fleisch.

Die Offiziere hatten Corrisande überholt und vor ihr angehalten. Cérise stand neben ihr, hielt sich ebenfalls aus der Frontlinie zurück. Sie murmelte etwas auf Französisch, von dem sie annahm, daß das Vokabular einer wohlerzogenen, jungen Engländerin nicht geläufig sein würde. Da lag sie falsch.

Corrisande starrte mit offenem Mund nach vorne und sank auf die Knie. Ihre Anstandsdame und Nenn-Tante hatte sie gesehen. Ein Auge blickte zu ihr, und sie sah die Gier darin und das unbändige Verlangen sowie auch die Ankündigung, daß er zu ihr kommen würde, wenn dies vorbei war. Doch jetzt war die Kreatur damit beschäftigt, in einem gestohlenen Körper den Ansturm von Steinbergs magischem Angriff abzufangen. Wenn sie damit fertig war, würde sie zu ihr kommen. Sie konnte ihr Versprechen spüren, ihre Entschlossenheit und Vorfreude. Sie sehnte sich bereits danach, und dieses Sehnen ließ sie noch entschiedener handeln. All das las Corrisande noch in Mrs. Parslows linkem Auge, bevor es im Feuer schmolz und in rauchenden, klebrigen Strömen über ihr Gesicht lief.

Cérise begann neben ihr zu würgen. Die Sängerin wandte sich ab und stolperte zurück zur Treppe, die Hand fest auf den Mund gepreßt.

„Wir dürfen nicht zwischen sie geraten“, rief der Meister des Arkanen. „Wir sollten sie einander schwächen lassen. Machen Sie sich bereit einzugreifen, wenn einer von ihnen wankt.“

Arpad nickte und glitt aus dem Weg der Kalteisenträger. Er fiel zurück, überließ den Offizieren die Frontlinie. Er sah sich nach den Damen um, bedachte beide mit einem Lächeln. Corrisande konnte spüren, wie sich Cérise mühsam zusammenriß. Die Sängerin saß auf den Stufen, halb verdeckt. Sie hielt einen Derringer in der Hand und sah diesen zweifelnd und argwöhnisch an.

Corrisande konnte sich nicht regen. Sie lag wie gelähmt auf den Knien, vor Schrecken starr. Die Hände hielt sie vor Mund und Nase. Vielleicht würde Steinberg gewinnen und das Schattenwesen ermorden. Dann mußte sie nicht ertragen, von ihm angegriffen und verschleppt zu werden. Beinahe wünschte sie ihm den Sieg, doch auch er hatte sie inzwischen gesehen und erkannt, und sie wußte, daß er sie nach ihrem Verrat nicht würde leben lassen. Es war müßig, sich zu fragen, ob der Tod, den er ihr zudachte, genauso furchtbar sein würde wie das Leben, das ihr durch das Schattenwesen drohte.

Plötzlich drehte sich die Welt.

Beide Kämpfer wandten sich gleichzeitig ihren neuen Feinden zu, als hätten sie soeben eine Allianz geschlossen. Rohe Energie explodierte wie ein Orkan den Korridor entlang und versengte Corrisandes Haut. Ihr Kopf wollte bersten. Ihr Haar wehte in einem kochenden Wüstenwind, und sie machte sich klein und krallte sich an der Wand fest, um nicht umgeweht zu werden. Sie kniff die Augen zusammen, hatte Angst, sie könnten platzen und verbrennen, so wie die Elizas, und hörte Schreie, erkannte die Stimmen der Männer, die vor Angst und Schrecken brüllten. Sie hörte sie fallen und an ihr vorbeitrudeln wie trockenes Stroh im Wind.

Der Sturm verebbte so plötzlich, wie er gekommen war. Der Geruch von Unwetter und Blitzen lag in der Luft. Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, obgleich sie sich vor dem fürchtete, was sie sehen würde.

Arpad stand als einziger noch. Sein vornehmer Anzug saß makellos und unberührt, wenn er auch ein wenig rauchte. Kein Haar aus der Frisur hatte sich verschoben. Sein Blick drückte eisige Ruhe aus, seine Augen schienen dunkler geworden zu sein. Auf seinen gleichmäßigen Zügen lag nicht einmal die Andeutung eines Lächelns.

Die Offiziere waren gefallen. Niedergestürzt. Sie krochen auf dem Boden entlang, und Rauch stieg aus ihren Uniformen. Sie rochen wie Wäsche, die man viel zu heiß gebügelt hatte, und sie konnte beinahe greifbar fühlen, wie die Männer eisern ihre Sinne zusammensuchten, die Reste ihres zerbrochenen Muts sammelten und sich an ihrem Selbstverständnis festhielten, das ihnen sagte, sie seien kühne und verantwortungsbewußte Männer, die nichts fürchten durften.

Dennoch fürchteten sie sich. Ihre Tapferkeit, stellte sie fest, entsprang nicht der Abwesenheit von Angst, sondern der Entschlossenheit, nicht aufzugeben. Sie tasteten nach ihren Waffen, die ebenfalls davongeflogen waren. Sie hoben die erhitzten Messer auf, fluchten dabei still und beinahe wortlos. Udolf überprüfte seine Pistole mit der gleichen einstudierten Routine, mit der er das immer tat. Asko und Delacroix schoben ihre Messer von der einen Hand in die andere, um das sengend heiße Material ertragen zu können.

McMullen lehnte an der Wand, sank gerade langsam auf die Knie. Seine Linke umklammerte seinen Anhänger. Er rang nach Atem, und Blut floß aus seiner Nase, über sein Kinn hinunter und tropfte ihm auf Hemd und Weste. Er sah kläglich und fragil aus.

„Bewundernswert“, bemerkte Graf Arpad. „Wer hätte gedacht, daß Sie so gut sind? Das werde ich mir merken.“

„Danke“, japste der Meister. „Oh, und danke!“

Corrisande verstand nicht, warum er ihm zweimal dankte, doch anscheinend hatte er einen Grund dafür.

Der Magier sackte zusammen und schnappte röchelnd nach Luft.

Sie begriff, daß er sie wohl geschützt hatte und daß der Feyon seinen Beitrag dazu geleistet haben mußte. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was geschehen wäre, hätte er das nicht getan.

Die Offiziere rappelten sich knieweich hoch. Ihre Gesichter und Hände waren rot, wie von der Sonne verbrannt. Delacroix sah zu ihr herüber, musterte sie eine winzige Sekunde lang besorgt, suchte ihren Blick und fand ihn, und in dieser winzigen Sekunde lächelte sie ihn an. Sie hatte das nicht geplant und hatte weiß Gott keinen Grund dafür, aber sie war so froh, daß er lebte. Daß sie alle lebten, korrigierte sie ihre Gedanken.

Er sah weg, konzentrierte sich auf den Feind. Er wirkte aufgeregt und sogar unsicher, seine grimme Entschlossenheit überschattet von Zweifel und Unwissen. Er wußte nicht, was sie tun sollten, was geschehen mußte – oder auch nur geschehen konnte. Höchstwahrscheinlich widerfuhr ihm das nicht allzu häufig.

Die beiden Fey hatten ihren Kampf wieder aufgenommen und ignorierten die Bedrohung, die da im Flur ihrer harrte, mit derselben Gleichgültigkeit, mit der sie auf einen Schwarm Mücken reagiert hätten. Corrisande verstand, daß das alles war, was die Männer ihnen bedeuteten. Eine bedeutungslose Störung, ein zu vernachlässigendes Ärgernis. Sie fragte sich, wie sie hatte glauben können, daß auch nur einer von ihnen von Menschen besiegt werden könnte. Aber sie hatte es geglaubt, und die Männer auch. Mücken mit Kalteisenmessern, Waffen, die Corrisande ohne Probleme töten, doch gegen einen wirklichen Feind nichts ausrichten konnten.

Mrs. Parslows Kleid brannte. Blaue Flammen leckten langsam daran, sanken durch den Stoff. Wo man ihre Haut sah, war diese schwarz und schälte sich knisternd und brutzelnd vom Fleisch darunter, das aussah wie gekocht. Ascheblättchen brachen von ihren Lippen. Ihre Zähne rauchten. Finger, zu brüchiger Holzkohle gebacken, fielen stückchenweise von ihr ab.

Corrisande begriff, daß sie tot war. Längst verstorben. Sie konnte nichts von all dem überlebt haben. Nur die Bestie in ihr hielt ihren Leib aufrecht wie ein Symbol weiblicher Zerbrechlichkeit. Sie würde das Bild nie mehr vergessen können. Ihre Gesellschafterin und sie waren eher Kolleginnen mit dem gleichen Ziel gewesen denn Freundinnen, doch selbst wenn die Frau ihre schlimmste Feindin gewesen wäre, hätte sie das empfunden, was sie jetzt für sie empfand.

Sie betete. Lieber Gott, mach, daß sie nicht so leiden mußte. Mach ein Ende. Mach, daß es vorbei ist.

Das Obsidianherz
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