Kapitel 6
Cérise schritt zurück in ihr Zimmer, während die Empörung noch in ihr loderte. Die Art, wie der unverschämte Soldat sie behandelt hatte, war jenseits des Erträglichen. Natürlich waren sie nicht die besten Freunde, seit sie seine Werbung abgewiesen hatte. Aber wer hatte er denn gedacht, daß er sei?
Er konnte doch nicht wirklich angenommen haben, sie werde ihn heiraten, ihr Leben in Glanz und Ruhm aufgeben, um als Gattin eines unterbezahlten jungen Offiziers dahinzuvegetieren, der pausenlos in Schulden steckte. Es war absurd gewesen, sie auch nur zu fragen. Natürlich hatte sie mit ihm geflirtet, aber nicht mehr als mit den meisten anderen Männern auch. Na ja, vielleicht ein bißchen mehr. Jedenfalls hatte sie ihm absolut keinen Grund gegeben anzunehmen, er habe in irgendeiner Weise ihr Herz erobert. Jedenfalls keinen sehr großen. Oder zumindest nicht sehr lange.
Aber, mon Dieu, konnte man als Frau keine Affäre mehr haben, ohne daß man danach von einem traumverlorenen Möchtegernbräutigam verfolgt wurde? Chevaulegers waren gemeinhin nicht die Sorte Männer, die ans Heiraten dachten. Wer hätte geahnt, daß eine Nacht romantischer Leidenschaft einen Mann wie ihn dazu brachte, die Dinge so ernst zu nehmen?
Was Delacroix anging – sie würde überhaupt nicht über Delacroix nachdenken. Es war sinnlos, auch nur einen einzigen Gedanken an ihn zu verschwenden. Abscheulicher, nachtragender Kerl. Höchstwahrscheinlich hatte er sie nie geliebt. Er hatte sie jedenfalls nicht so angebetet, wie andere Männer es zu tun pflegten. Er hatte ihr viel weniger Komplimente gemacht als andere und auch weniger Geschenke. Er hatte ihr keine Gedichte geschrieben und sie nicht mit einer Göttin verglichen. Je länger sie darüber nachdachte, desto besser schien es ihr, ihn los zu sein. Sie würde keinen weiteren Gedanken an ihn verschwenden. Nie wieder. Schlimm genug, daß sie ihn bei der Erfüllung ihrer Aufgabe wiedersehen mußte. Aber das war Pflicht. Alles andere gab es nicht mehr in ihren Gedanken. Er war von dort getilgt. Jawohl.
Sie betrat ihr Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Ein kalter Luftzug traf sie. Sie konnte sich nicht erinnern, die Balkontür offengelassen zu haben. Je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie, die Tür vor einigen Minuten erst selbst geschlossen zu haben. Bestimmt hatte sie das.
Sie nahm ihr Réticule zur Hand, öffnete es und holte einen kleinen Derringer hervor. Sie hatte ihn eigens anfertigen lassen, und er war einer ihrer geschätztesten Preziosen, klein, elegant und tödlich. Natürlich hätte sie die Herren von nebenan zu Hilfe holen können. Doch die waren so beschäftigt mit diesen Damen gewesen ... sie schmunzelte. Certainement brauchte sie sie nicht. Sie war schließlich kein kleines Mädchen, das beim ersten Tumult in Ohnmacht fiel. Sie war eine mutige, selbständige Frau. Mit Kühnheit, Talent und einem geladenen Derringer.
Sie sah sich im Salon um. Sie war allein. Das beruhigte sie freilich nicht, denn das hieß, daß der Eindringling in ihrem angrenzenden Schlafzimmer sein mußte. Sie schätzte Eindringlinge in ihrem Schlafzimmer nicht. Sie war äußerst sicher, daß sie die einzige sein wollte, die über mögliche Besucher in ihrem Schlafzimmer entschied.
Vorsichtig schlich sie zur Tür. Ihr Brokatmorgenmantel raschelte viel zu laut. Sie war nicht für Besucher angezogen. Doch das war egal. Diebe sahen höchstwahrscheinlich dauernd Damen in Morgenmänteln, wenn auch vermutlich nicht in so exquisiten und teuren. Schließlich hatte man ja Geschmack.
Sie stieß die Tür auf und stürmte mit vorgehaltener Pistole in den Raum.
„Hände hoch, oder ich schieße!“ rief sie.
Der Raum war leer. Nur die Vorhänge wehten in der kalten Frühlingsluft. Auch dieses Fenster hatte sie geschlossen. Dessen war sie sicher. Sehr sicher. Sie sah sich im Zimmer um. Auf ihrem Bett lag eine einzelne, schneeweiße Orchidee.
„Oh“, flüsterte sie lächelnd. Er war wieder da. Der mysteriöse Mann, der ihr von Zeit zu Zeit Orchideen sandte. Er hatte Stil. Natürlich war es falsch von ihm, einfach in ihr Schlafgemach einzudringen, um dort Orchideen zu deponieren. Aber die Kühnheit inspirierte sie. Sie hatte ihn nie kommen oder gehen sehen und verging fast vor Neugier, wer der Mann sein mochte.
Höchstwahrscheinlich war er alt und häßlich, ermahnte sie sich selbst. Extravagante Anbeter gab es schließlich in allen Alters- und Gewichtsklassen. Vermutlich bestach er einfach einen Hotelangestellten, damit der eine Orchidee auf ihr Bett legte und den Eindruck erweckte, es gäbe einen Verehrer, der sogar senkrechte Wände erklomm, um ihr Blumen zu bringen.
Cérise hatte viele Bewunderer. Immerhin war sie eine der populärsten Opernsängerinnen ihrer Zeit. Die besten Opernhäuser in Europa zahlten viel Geld, um sie für eine Saison zu verpflichten. Sie war reich und prominent. Zu Recht, wie sie fand. Man versicherte ihr das oft genug. Sie glaubte es ohne irgendeinen Zweifel. Sie lebte in einem Zeitalter des Enthusiasmus und genoß es, so gut sie nur konnte.
Sie mochte ihr Leben, so wie es war. Von einem Erfolg zum nächsten zu reisen war über alle Maßen befriedigend, und seit Delacroix sie in die Geheimnisse des Detektivhandwerks eingeweiht hatte, war das Leben nicht mehr nur befriedigend, sondern auch prickelnd und aufregend. Wahrscheinlich tat es ihm längst leid. Sie brauchte es ja auch nicht zu tun, hatte sich nie bewußt entschlossen, dieser Nebenbeschäftigung nachzugehen. Delacroix hatte Hilfe gebraucht, und sie war dagewesen. So hatte es angefangen. Sie war gut, viel zu talentiert, um jetzt einfach aufzuhören und nur noch zu singen. Mitwisserin interessanter Geheimnisse zu sein war gut für das Selbstvertrauen und die Ausstrahlung, für die Aura des Geheimnisvollen, die Frauen noch begehrenswerter machte. Sie genoß es, neben ihrem öffentlichen Dasein auch noch Teil eines Spiels zu sein, das undurchsichtig und fast unsichtbar für andere Menschen war. Es verlieh ihr ein Gefühl zusätzlicher Bedeutung.
Natürlich hätte sie aufhören sollen. Sie schuldete es ihrer Zuhörerschaft, sich nicht in Gefahr zu bringen. Sie hatte sich geschworen, sich nicht mehr in solche Affären verwickeln zu lassen, doch es war anders gekommen. Sie war nur nach München gereist, um zu singen, und nun war sie wieder eingespannt in einem Team, das aus zwei ehemaligen Liebhabern und einem übermoralischen Perfektionisten bestand. Außerdem war da noch dieser Magier, den man ihnen aufgedrängt hatte.
Sie hätte sich gar nicht darauf eingelassen, wenn Seine Majestät der König sie nicht höchstselbst in einem persönlichen Brief darum gebeten hätte. Man konnte nicht gut „Nein, Danke“ zu einem König sagen. Noch dazu zu einem so charmanten, jungen König. Sie hatte einen zauberhaften Abend mit ihm verlebt, und man konnte nicht wissen, wie viele zauberhafte Abende man mit ihm noch erleben würde, wenn er vielleicht erst ein wenig älter und weniger schwärmerisch und zugleich melancholisch war. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte er für Schwermut überhaupt keinen Grund gehabt.
Sie schloß das Fenster und legte ihren Derringer auf den Nachttisch. Dann ging sie zurück in den Salon.
„Guten Abend“, grüßte eine melodische Stimme vom Balkon her. Sie konnte eine dunkle, undeutliche Gestalt gleich hinter der Balkontür ausmachen. „Tut mir leid, daß ich Sie gestört habe. Ich wollte Ihnen nur Ihre Blume bringen – meiner Orchidee eine Orchidee. Sie sind zu früh heimgekehrt. Ich hoffe, ich habe Sie nicht beunruhigt.“
„Natürlich nicht“, antwortete sie mit fester Stimme und wünschte, sie hätte ihre Pistole nicht im anderen Raum gelassen. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie fliehen sollte, dann schalt sie sich für ihre Ängstlichkeit. Der Mann wirkte nicht gefährlich. Schließlich war er ein Verehrer.
„Ich bewundere Sie schon lange“, sprach die Stimme aus der Dunkelheit. „Es ist vielleicht an der Zeit, daß ich mich vorstelle. Darf ich eintreten?“
„Das ist weder passend noch korrekt, Monsieur“, erwiderte sie so herablassend wie möglich. Sie wünschte, sie könne sein Gesicht sehen, doch es lag vollständig im Schatten. Sie konnte nur eine schmale, dunkle Gestalt ausmachen. Jedenfalls wirkte er nicht alt.
Er lachte, und seine Stimme klang weich und tief, hatte einen so sonoren Klang, daß sie ihn spontan mochte.
„Da haben Sie recht. Aber ist es so nicht viel interessanter? Was meinen Sie?“
Sie lächelte und sprach: „Treten Sie ein. Immerhin waren Sie ja schon in meinen Räumen. Sie werden sich benehmen, nicht wahr? Ich habe nämlich keine Geduld mit Menschen, die das nicht tun.“
Der Mann trat ein und verneigte sich. Er sah ausnehmend gut aus, schwarzhaarig und schmalhüftig. Er bewegte sich mit der Grazie eines Tänzers. Seine großen, dunklen Augen suchten die ihren, und einen Moment lang hatte sie das Gefühl, darin zu versinken.
Dann stand er vor ihr, lächelte und beugte sich über ihre Hand, die er mit einem Mal in seiner Rechten hielt.
„Wie wunderschön du bist“, sagte er, und sie wußte, daß er es von ganzem Herzen meinte. Sie war absolut sicher, überzeugt ohne jeden Zweifel, und ihr war nicht aufgefallen, daß er sie duzte. Sie holte tief Luft. Es war, als hätte sie für einige Zeit vergessen zu atmen.
„Nun“, sagte sie und kratzte die Reste von Besonnenheit zusammen, die wie eine Schar Vögel auf einmal auf und davon fliegen wollten. Sie versuchte, sich zu konzentrieren. Es sah ihr nicht ähnlich, wegen eines Mannes so vollständig den Kopf zu verlieren. Sie fühlte sich ein bißchen backfischhaft und dümmlich. Sie war kein Backfisch, und sie kam sich nicht gern dumm vor. „Danke für das Kompliment. Wollten Sie sich nicht vorstellen?“
„Graf Arpad.“ Er verneigte sich erneut, diesmal sehr formell. „Zu Ihren Diensten. Immer. Ewig.“
Wieder dieses Bewußtsein uneingeschränkter Ehrlichkeit seinerseits. Es durchdrang sie, machte sie sicher. Sie lächelte, setzte sich und lud ihn mit einer Geste ein, neben ihr Platz zu nehmen.
„Nun denn, Graf Arpad. Was läßt Sie Damen weiße Orchideen bringen – auf so außerordentliche Art und Weise?“ fragte sie leichthin, und er lächelte sie mit geschlossenen Lippen an.
„Nur einer Dame.“ Er nahm ihre Hand. Im nächsten Moment glitt er vom Diwan, kniete vor ihr und küßte erst ihre Hand, dann ihr Handgelenk und ihren Puls. „Meine Orchidee.“
Sie sah in sein leidenschaftliches Antlitz, dessen schwarze Augen ihren Blick festhielten. Seine Züge waren gleichmäßig und edel, mehr als nur attraktiv – fesselnd, atemberaubend. Er schien perfekt. Kein Fehler war an ihm auszumachen, er war groß, anstellig, wohlgestalt. Sein Lächeln war ansteckend, offen und direkt.
Plötzlich sah sie seine Ohren. Leicht spitzig. Er war ein Sí, ein Feyon. Ach du liebe Zeit! Sie war allein mit einem Abkömmling der Fey! Sie wußte schon seit geraumer Zeit, daß diese mythischen Kreaturen tatsächlich existierten, daß sie mehr waren als alte Märchen und Legenden. Doch bislang hatte sie das Glück gehabt, nie einem zu begegnen. Sie waren so anders. Oder?
Noch nie hatte ein Feyon sie bewundert, umworben und geliebt. Was auch immer.
Sie hatte das seltsame Gefühl, er spüre, was ihr durch den Kopf ging, denn er begann zu lächeln.
„Jetzt, meine Blumenkönigin, mußt du mir alles über dich erzählen. Mein Herz brennt darauf, dich in- und auswendig zu kennen, jeden Teil von dir.“
Der Doppelsinn seiner Aussage ging an ihr vorbei. Sie sah nur seine Augen, fühlte sich seltsam berauscht, bis ins Innerste bewegt und berührt. Sie begann zu sprechen, berichtete ihm alles, was er wissen wollte, hielt seine Hand dabei fest und genoß die Innigkeit dieser Verbindung. Immer weiter glitt sie in seinen dunklen Blick, verlor sich wie in einem Labyrinth.
Später fand sie sich wieder, stehend, in seinen Armen. Er küßte ihre Stirn mit so viel Zärtlichkeit, daß ihr Herz sich vor Sehnsucht krümmte.
„Du beflügelst mich“, flüsterte er. Seine Lippen glitten über die Haut ihrer Wange bis zu ihrem Mund.
Es war nur ein kleiner, zarter Kuß, fast nur das Versprechen auf mehr, und doch schien er etwas außer Atem zu sein. Er ließ sie abrupt los.
„Ich muß fort“, sagte er, hatte plötzlich einen gehetzten Blick. „Au revoir, ma belle.“ Im nächsten Augenblick stand er auf dem Balkon, und schon war er mit der Dunkelheit verschmolzen, verschwunden, als wäre er nie dagewesen.
Cérise sah ihm nach. Dann schloß sie die Balkontür. Es war zu kalt, sie offenzulassen.
Sie trat in ihr Schlafzimmer, ihre Gefühle wirbelten durcheinander. Eine weiße Orchidee lag auf ihrem Bett. Cérise lächelte. Sie war unsagbar glücklich. Ihr geheimer Verehrer war wieder da. Irgendwann würde sie ihn wirklich einmal gerne persönlich kennenlernen.