Kapitel 4

Leutnant Udolf von Görenczy vom Königlich Bayerischen 3. Chevaulegers-Regiment Herzog Karl-Theodor und Leutnant Asko von Orven vom Königlich Bayerischen 1. Jägerbataillon König rannten den Hotelkorridor entlang und passierten just das Zimmer mit der Nummer 312, als lautes Schreien anhub. Sie hörten zwei schrille Frauenstimmen, deren Intensität und Lautstärke die dicke Hoteltür nur unwesentlich dämpfte. Sie hielten abrupt inne, wobei ihr Schwung sie fast zu weit trug.

„Großer Gott“, kommentierte von Orven und hob die Hand, um höflich zu klopfen, während sein weniger geduldiger Landsmann einfach den Türknauf drehte, die Tür aufwarf und eintrat.

„Warte!“ rief Leutnant von Orven ihm nach und hätte gern hinzugefügt, man dürfe nicht einfach unangemeldet in das Zimmer einer Dame eindringen. Eventuell würde man die Damen inkommodieren oder gar ängstigen. Es blieb ihm jedoch keine Zeit, diesen noblen Gedanken auszusprechen und seinen Freund von einem Bruch der Etikette abzuhalten, denn dieser war bereits mit wehendem Haar ins Zimmer gestürmt. Nicht einmal seinen Kragen hatte er vorher geschlossen oder seinen Uniformrock ordentlich zugeknöpft.

Es war gewiß ganz und gar keine Art, ins Zimmer einer Dame einzudringen, und das noch uneingeladen und des Nachts. Das gehörte sich nicht.

Somit erstaunte es von Orven auch nicht im mindesten, als die Schreie anstatt zu verstummen nur lauter, höher und spitzer wurden. Er klopfte brav an der inzwischen offenen Tür, überprüfte kurz den tadellosen Sitz seiner Uniform und betrat nun ebenfalls das Zimmer.

Hier herrschte Chaos. Udolf von Görenczy stand in der Mitte des Raumes und sah sich hilflos um. Eine adrett und formell gekleidete Dame Mitte vierzig stand auf der einen Seite des Zimmers, den Mund zu einem Schrei geöffnet, der offenbar keine Atempause benötigte. Zwei Schritte weiter schrie ein betörend schönes, junges Dienstmädchen ebenfalls mit aller ihr zur Verfügung stehenden Intensität und stürzte hilfesuchend auf den Chevauleger zu, während eine dritte weibliche Person regungslos auf dem Boden lag. Ihre Position machte deutlich, daß sie sich in tiefster Ohmacht befand.

Leutnant von Orven blickte sich verunsichert um.

„Guten Abend“, wünschte er gesittet. Es war wahrscheinlich nicht der intelligenteste Ansatz, doch er konnte nicht wirklich falsch sein. „Bitte verzeihen Sie unser plötzliches unangemeldetes Eindringen, aber wir haben Schreie gehört, und da wir gerade mit der Verfolgung eines ... eines ...“ Er hielt kurz inne und suchte nach einem passenden, möglichst unverfänglichen Ausdruck. „Eines Phänomens beschäftigt waren, dachten wir, Sie hätten es möglicherweise ...“

„Es ist durch jene Wand gekommen“, unterbrach ihn die Dame, und von Orven registrierte, daß sie mit britischem Akzent sprach, „und durch den Raum geflogen, und dort ist es wieder in der Wand verschwunden.“ Sie wies auf die Wand hinter sich, erkannte dann, daß sie dieser Wand recht nahe war und tat einige Schritte in die Raummitte, während sie hektisch um sich blickte.

Unterdessen hatte auch das Dienstmädchen Udolf erreicht und sich in dessen starke Beschützerarme geworfen. Er gab ihr sogleich allen Schutz, den er spontan aufbringen konnte, und vergaß im gleichen Moment seine Umwelt. Sein linker Arm legte sich um ihre schmale Taille, seine rechte Hand an ihr entzückendes Gesichtchen, wo er sanft eine ängstliche Träne abwischte.

Von Orven seufzte. Chevaulegers waren schlichtweg hoffnungslos. Er machte eine ordentliche Verbeugung und schritt dann behutsam auf die englische Lady zu.

„Sie müssen uns für sehr ungezogen halten, daß wir in so unverzeihlicher Manier bei Ihnen eindringen, Madam“, sagte er und wechselte ins Englische. Er lächelte zurückhaltend. „Tatsächlich wollten wir Ihnen nur zu Hilfe eilen. Ich hoffe, Sie werden mir diese unorthodoxe Art verzeihen, aber ich würde mich Ihnen gerne vorstellen.“ Erneut verneigte er sich. „Leutnant Asko von Orven, und mein Freund hier ist Leutnant Udolf von Görenczy. Wenn Sie mir gestatten, den Nebenraum zu betreten, will ich gerne überprüfen, ob er für Sie sicher ist.“

Als sie nickte, begab er sich zur Seitentür, und ihm wurde peinlich bewußt, daß er dabei war, ihr Schlafzimmer zu betreten. Er errötete, als er die Tür öffnete. Er zog an der Gaslichtkordel. Das schmale Schlafgemach lag vor ihm, ein weißes Nachthemd lag auf dem Bett bereit, ein Paar Pantoffel stand darunter. Er ignorierte diese persönlichen Dinge tunlichst. Das Fenster war geschlossen. Die Wände zeigten keine Anzeichen etwelcher seltsamen Phänomene. Was immer durch die Wand gekommen war hatte sich in Nichts aufgelöst.

Nach einem letzten Blick verließ er den Raum wieder.

„Wenn Sie wünschen, werde ich Ihren Schrank entsprechend überprüfen“, bot er an. „Ich glaube freilich, Sie sind jetzt in Sicherheit. Was immer auch in so rüder Manier durch das Hotel flog, scheint nun endgültig fort zu sein.“

Die Dame hatte sich bislang nicht vorgestellt, was er aufgrund der ungewöhnlichen Situation nicht verwunderlich fand. Sie nickte nun dankbar und trat dann zu der am Boden liegenden Gestalt. Von Orven kam ihr nach und musterte das leblose Wesen. Er sah braune Locken und eine zarte, zierliche Figur. Wie eine zerbrochene Puppe lag die Ohnmächtige mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich. Ein Musselinkleid in Himmelblau mit aufgestickten Blümchen deutete darauf hin, daß es sich um eine weit jüngere Dame handelte als die, die sich jetzt über sie beugte. Der Rock hatte sich beim Sturz verheddert und gab den Blick frei auf zwei sehr hübsche Füßchen und Waden, die aus einer großen Menge weißer Spitze der besser unerwähnten Unterkleidung hervorlugten. Asko gab sich Mühe, nichts davon zu registrieren.

„Wenn Sie mir gestatten, Ihnen zu helfen, so könnte ich Ihre Freundin aufheben, damit wir sie aufs Sofa betten können.“

Er sah, daß sein Vorschlag nicht die sofortige Zustimmung der britischen Dame nach sich zog, die sich jetzt neben die Ohnmächtige kniete.

„Corrisande, wach auf! Du bist in Sicherheit. Corrisande!“

Sie versuchte, die junge Dame in Himmelblau umzudrehen, doch es gelang ihr nicht, denn das erschlaffte Mädchen war ihr zu schwer. So beschränkte sie sich darauf, die Röcke wieder über die Beine ihrer Schutzbefohlenen zu ziehen. Dann wandte sie sich an Asko.

„Danke für Ihre Unterstützung, Herr Leutnant. Ich wäre Ihnen in der Tat verbunden, wenn Sie mir helfen könnten, meine Nichte auf das Sofa zu betten. Sie scheint in einer tiefen Ohnmacht gefangen zu sein. Ich muß sagen, ich bin tief beunruhigt.“

Von Orven beugte sich zu dem zarten Wesen hinunter und drehte es vorsichtig um. Vor seinen Augen erschien das bezauberndste Gesichtchen, das er je gesehen hatte. Die Dame war noch sehr jung, vielleicht siebzehn, höchstens achtzehn Jahre alt, und ihre extreme Blässe unterstrich noch den fragilen, edlen Eindruck, den sie machte.

Ein Schatten fiel über sie. Von Görenczy lehnte sich von der Seite her über das Mädchen und musterte sie, die Zofe immer noch im Arm. Der Kopf des Dienstmädchens ruhte an seiner Schulter.

„Völlig weggetreten“, bemerkte er in einer Weise, die Asko als besonders herzlos empfand. „Diese Ohnmacht ist nicht gespielt, Asko. Ich habe zu viele falsche gesehen. Ich kenne den Unterschied. Wird eine Weile dauern, sie wach zu bekommen.“

Asko blickte seinen Freund strafend an und wünschte wie schon so oft, der Kavallerist würde gelegentlich von der guten Erziehung profitieren, die man ihm als Edelmann mit Sicherheit hatte angedeihen lassen und von der, wie Asko meinte, zumeist kaum etwas zu bemerken war.

Die ältere Dame in Grau bedachte von Görenczy mit einem abfälligen Blick und ignorierte ihn fürderhin. Sie sprach ihre Angestellte an.

„Marie-Jeannette, bitte hole mein Riechfläschchen und überprüfe Miss Jarrencourts Schlafgemach und alle Schränke. Jetzt. Sofort.“

Marie-Jeannette antwortete mit einem so unverschämten Blick, daß Asko ihre baldige Entlassung fast ahnte, und löste sich dann aus dem Schutz von Görenczys, der plötzlich weit mehr Arme zu besitzen schien als unbedingt nötig.

Vorsichtig faßte Asko der jungen Dame unter Schultern und Beine. Dann hob er sie hoch. Es war erstaunlich, wie leicht sie war. Eine besonders zarte Last. Sie roch nach wilden Blüten.

Ihr Kopf fiel zurück, als er sie anhob, und er stützte ihn in seiner Armbeuge ab. Er legte sie aufs Sofa und schob ihr ein Kissen unter den Kopf. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. Mit einem Mal mußte er sich zurückhalten, sie nicht sanft zu küssen wie der Prinz Dornröschen.

Doch so etwas war undenkbar. Er trat vom Diwan zurück und spürte fast so etwas wie einen kleinen Trennungsschmerz.

„Danke, Herr Leutnant“, sagte die Dame. „Ich sollte mich wohl vorstellen. Meine Güte, wie peinlich das alles ist. Ich bin Mrs. Parslow. Wir sind zu Besuch in München. Wir haben Verwandte hier in der Nähe. Ich begleite meine Nichte. Sie waren sehr hilfsbereit und freundlich.“

Von Orven verstand dies als die Entlassung und höfliche Verabschiedung, als die der Satz gemeint war, und verbeugte sich.

„Ich freue mich, daß ich helfen konnte. Ich stehe jederzeit zu Diensten. Zögern Sie nicht, meine Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Er zückte ein graviertes silbernes Visitenkartenetui und reichte ihr eine Karte.

„Wir wohnen nebenan und sind somit nahe genug, um sofort zu Hilfe eilen zu können, falls Sie uns benötigen. Verfügen Sie über uns. Ehe wir Sie nun verlassen, würde ich Sie Ihr Verständnis vorraussetzend gerne noch dazu befragen, was Sie denn eigentlich genau gesehen haben. Vielleicht helfen uns Ihre Beobachtungen ja, dem Spuk ein Ende zu machen, damit er niemanden mehr ängstigen kann.“

An dieser Stelle schaltete sich Udolf in die Diskussion ein.

„Sie müssen verstehen“, sagte er und ignorierte die warnenden Blicke seines Kameraden, „wir glauben, die Erscheinung hat eventuell mit dem gestrigen Mord zu tun.“

Mrs. Parslow erhob sich und wurde deutlich blasser.

„Mord?“ wiederholte sie erschrocken und fassungslos. „Was für ein Hotel ist dies hier? Wird man hier in seinen Betten ermordet? Ich muß sagen, ich bin sehr ungehalten, daß der Portier uns nicht über diesen Vorfall informiert hat. Wir wären keinesfalls hier abgestiegen, wenn wir gewußt hätten, daß wir uns einer solchen Gefahr aussetzen.“

„Nun, genau deshalb hat er es Ihnen vermutlich nicht gesagt, nicht wahr?“ antwortete der Chevauleger. „Man versucht, es geheimzuhalten. Sie wissen doch, wie Hotels sind. Egal, was passiert, der Skandal wird erst einmal vertuscht.“

Asko überlegte sich, ob es wohl möglich wäre, seinen Freund kräftig zu treten, ohne daß Mrs. Parslow dies bemerkte, mußte sich jedoch diesen Versuch versagen. Er versprach sich, den Tritt in privaterer Atmosphäre nachzuholen, denn Udolf hatte ihn sich redlich verdient. Definitiv.

Marie-Jeannette brachte das Riechfläschchen aus dem Nebenzimmer und trat zur Eingangstür, die immer noch offenstand. Jedoch schloß sie sie nicht, als sie dort ankam, sondern gab einen kleinen Schreckenslaut von sich und wich so rasch zurück, daß sie fast über den Sessel fiel.

Im Türrahmen stand ein auffällig großer, breit gebauter Mann. Seine kurzen, dunklen Locken waren etwas wirr und ließen keine modische Frisur erkennen, seine Bekleidung war offensichtlich teuer, doch eher nachlässig getragen, als machte er nicht viel Aufhebens um sein Aussehen. Sein Teint war südländisch, die Haut sonnengebräunt und verwittert wie die eines Globetrotters. Sein starkknochiges Antlitz trug einen strengen, forschen Ausdruck, der Mund war hart und entschlossen, und ein leicht bissiges Lächeln machte ihn nicht weicher. Dunkle, sehr gerade Brauen ließen ihn finster aussehen. In der Hand hielt er eine Pistole. Das Auffallendste an ihm waren jedoch seine Augen, denn sie waren bernsteinfarben wie die eines Wolfs oder eines Löwen, viel zu blaß, um noch als braun zu gelten und zu gelb, als daß man sie hätte grün heißen können. Sie wirkten seltsam hell in dem dunklen Antlitz und funkelten vor Intensität.

Mrs. Parslow öffnete den Mund, um zu schreien, brachte jedoch keinen Ton über die Lippen. Sie stand nur absolut reglos da, die Augen weit, die Hand nach dem Riechfläschchen ausgestreckt. Der Mörder hatte sie gefunden. Dessen war sie sich sicher.

Das Obsidianherz
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