Kapitel 59
Sie hatten Delacroix nicht geweckt, und er hatte fast fünf Stunden geschlafen, anstatt nur zwei. Er war fast sofort eingeschlafen, sein geschundener Körper nahm die Gelegenheit zur Ruhe wahr, wann immer sie sich bot. Eine Begabung, die ihn sein Soldatenleben gelehrt hatte. Während eines Feldzuges wußte man nicht, wann oder ob man wieder schlafen konnte, und wenn sich die Möglichkeit ergab, ergriff man sie und verplemperte nicht noch lange Zeit mit Grübeln.
Somit hatte er nicht mehr über die Jagd nachgedacht, nicht über den Angriff auf ihn und nicht darüber, wie er sich das Messer ins Fleisch gerammt hatte, und er hatte auch nicht über das Mädchen mit den himmelblauen Augen und den unerwarteten Tränen nachgedacht. Zumindest nicht lange. Nicht sehr lange.
Er hatte geträumt. Sein Traum war düster und grausam gewesen. Er befand sich wieder in der dunklen Weltkugel, in der obsidianschwarze Stalagmiten um ihn herum aus dem Boden emporwuchsen. Es gab keine Sonne, doch ein irreales Licht fiel aus den unterschiedlichsten Richtungen auf seinen Weg. Es war schwierig, Richtungen auszumachen, denn er erkannte weder oben noch unten. Doch er fühlte den Boden unter seinen Füßen, und seine Schritte definierten einen plötzlichen Pfad durch die schwarze Säulenhalle. Die sechseckigen Formen stiegen an ihm vorbei in die Höhe, als wollten sie ihm ihre Ehrerbietung bekunden. Sie wuchsen in einen fast sakralen Säulengang, falschwinklige, gotische Pfeiler und Bogengänge, schön und schimmernd.
Diesmal fühlte er keine Angst, denn er war nicht der Gefangene. Er war der Herr dieser Welt. Er hatte sie annektiert und gewonnen. Sie gehörte ihm, war sein Preis, sein Reich, sein Kosmos. Er hatte nie einen Kosmos besitzen wollen, doch jetzt, wo er ihm gehörte, fühlte sich das gut und richtig an. Ein ungeheuerliches Machtgefühl durchströmte ihn, zutiefst befriedigend. Es schien ihn selbst größer zu machen, stärker, mächtiger und voller Gier. Gelbliche Punkte schimmerten ihm von der glatten, schwarzen Oberfläche des Steins entgegen, und er verstand, daß es sich um Spiegelbilder seiner eigenen gierigen Augen handelte, die seinen Blick erwiderten.
Er erreichte das Herz des Tempels. Hier stand ein Opfertisch. Er erkannte das blaue Kleid, noch ehe er das Gesicht des zu opfernden Wesens sah. Sie gehörte ihm. Er konnte mit ihr tun, was er wollte. Er fühlte Gier und Lust in sich hochsteigen, sein Körper reagierte heftig, wollüstig. Sie lag bewegungslos da, lief nicht fort, lag nur und wartete. Etwas anderes blieb ihr nicht, denn sie war ganz aus weißem Marmor. Doch er mußte sie nur berühren, um sie zum Leben zu erwecken, dann konnte er sie nehmen, sie erobern und in sie stoßen wie ein Feind in neues Gebiet. Er konnte sie für ihre zierliche Hilflosigkeit bestrafen und für das irritierende Schuldgefühl, das sich tief unten in ihm rührte und mit dem er nichts zu tun haben wollte.
Er erstieg den Altar, kniete über ihr, klemmte ihren zarten Körper zwischen seinen Knien ein. Seine starken Hände berührten ihre Marmorbrüste. Unter ihnen wurde sie lebendig. Er spürte ihre Körperwärme, ihre Atmung und die sanften Rundungen unter seinen Handflächen. Tränen strömten aus ihren Augen, rieselten zu Boden, den sie als perfekte Perlen trafen. Sie klangen wie kleine Glöckchen, wenn sie auf den Steinboden aufschlugen. Ihre blauen Augen sahen ihn an. Ihre Lippen bewegten sich. Sie flehte: „Bitte nicht!“, und er erinnerte sich, wo er diese Bitte schon gehört hatte.
Plötzlich hielt er einen brennenden Dolch über sie. Er mußte sie töten. Es war notwendig. Das Messer berührte sie, glitt in ihr Fleisch, und sie begann lichterloh zu brennen. Sie schmolz wie Wachs, strömte von ihm fort in wäßrigen, tränengleichen Bächen, und er kniete auf einem leeren Opfertisch und blickte hinab auf einen brennenden Ozean aus geschmolzenem Fleisch, das sich ausbreitete, um ihn herumfloß und seine schwarzsteinerne Insel mit steigender Flut umspülte. Tosende Wellen brachen sich am Stein. Er würde in ihr ertrinken. Wasser war mächtiger als Stein.
Dann erwachte er. Es war früher Morgen. Man hatte ihn schlafen lassen. Er brauchte eine Weile, seine Gedanken von dem Traum zu lösen. Ihre bittende Stimme hallte in seinem Geist wider, zusammen mit dem Glockenschlag ihrer Tränen.
Was für ein Alptraum. Er hatte schon geraume Zeit keinen wirklich schlimmen mehr gehabt. Seit seinem schrecklichen Erlebnis als Kind suchten ihn gelegentlich Alpträume der widerlichsten Art heim. Oft versuchten sie, ihm etwas zu sagen, das er weder verstand noch zu deuten gelernt hatte. Dann und wann begriff er die wilde Symbolik, wenn das Ereignis eintraf oder wenn das Verständnis nicht mehr wichtig war.
Er haßte diese Träume. Sie stellten ihn stets als wilde, reißende Bestie dar, als brutalen Gewaltmenschen und rücksichtslosen Mörder. Er sah sich nicht so. Er tötete nicht ohne Anlaß und schon gar nicht arglistig. Er war Soldat, kein Meuchelmörder.
Er stand auf und wusch sich, genoß das erfrischende Wasser auf der Haut. Ihm war heiß. Jedes Mal, wenn er einen solchen Traum hatte, lief er fiebrig heiß an, als lodere etwas tief in ihm. Er rasierte sich, zog sich an und sah auf seine Taschenuhr. Es war Zeit, ins andere Zimmer zu gehen und seinen Teil der Wache zu übernehmen. Sie mußten zu einer Entscheidung kommen, wie es weitergehen sollte. Sie brauchten das Manuskript, und das Wesen, das sie gefangen hatten, besaß den Schlüssel dazu. Nur – wie kommunizierte man mit einem Scheusal in einer Schachtel?
Er trat aus seinem Zimmer und schloß es ab. Vielleicht war das unnötig, denn die Tür war noch magisch gesichert.
Er klopfte an der anderen Tür und rief: „Ich bin’s. Lassen Sie mich rein.“
Es dauerte ein wenig, dann öffnete sich die Tür. Udolf stand im Rahmen und zielte mit der Pepperbox direkt auf sein Herz.
„Sie sind es wirklich“, sagte er und ließ die Waffe sinken. Er sah todmüde und unrasiert aus, sein Gesicht war dunkel vor Bartstoppeln. Er trat zur Seite und ließ Delacroix ein.
Der Behälter stand noch auf dem Tisch, und ein feiner, kaum wahrnehmbarer Schimmer umgab ihn. McMullen döste im Sessel und wachte eben auf.
„Muß eingenickt sein“, sagte er und lächelte schuldbewußt. „Wir hatten eine ruhige Nacht. Der Wiatruschod ist geblieben, wo er hingehört, und kein einziger machthungriger Geistesgestörter hat versucht, ihn zu entwenden. Haben Sie gut geschlafen?“
Delacroix nickte.
„Danke der Nachfrage. Sie haben mich zu lange schlafen lassen. Es hat mir gutgetan. Wenngleich ich auch ...“ Er brach ab. „Jedenfalls werde ich jetzt übernehmen. Sie können gehen und sich ausruhen, meine Herren“, sagte er zu den beiden Leutnants, die sehr müde wirkten. Der Bluterguß in Askos Gesicht hatte sich lila verfärbt und bis unter sein Auge ausgebreitet.
Die jungen Offiziere widersprachen nicht, standen nur auf und wandten sich zur Tür.
„Gute Nacht“, sagte von Görenczy.
„Süße Träume“, wünschte Delacroix lächelnd.
„Oh ja“, antwortete der Chevauleger, wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber doch anders. Er schmunzelte. Delacroix hoffte, daß er so viel Verstand haben würde, die Zeit für etwas Ruhe zu verwenden und nicht für einen Besuch bei Miss Jarrencourts Zofe. Groß war die Hoffnung allerdings nicht.
Von Orven nickte nur. Er brauchte Schlaf. Er hatte immerhin noch etwas vor an diesem Tag – Miss Jarrencourt in allen Ehren von seinen noblen Absichten zu überzeugen.
Der Colonel holte Luft, sog sie zwischen den Zähnen ein.
Die beiden verließen den Raum und schlossen die Tür hinter sich.
„Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?“ fragte McMullen. „Die Miene kenne ich nur zu gut. Irgend etwas läuft nicht nach Plan.“
Delacroix prüfte seine Waffe und ließ sich auf einem strategisch günstigen Platz nieder, von dem aus er sowohl die Tür als auch den Balkon beobachten konnte. Er streckte seine langen Beine aus.
„Sie kennen mich viel zu gut“, sagte er, „um darauf eine Antwort zu erwarten.“
„Ich bekomme meine Antwort schon noch. Ich bekomme sie immer. Wer ist die femme fatale? Die entzückende Miss Jarrencourt? Einer der Jungs scheint sie ja sehr zu verehren.“
„Oh ja“, kommentierte Delacroix trocken, „und er hat keine Ahnung, worauf er sich einläßt. Ich nehme an, ich sollte es Ihnen sagen.“ Er holte tief Luft und sagte dann nichts, wußte nicht, wie er anfangen sollte.
Das Schweigen zog sich.
„So schlimm?“ fragte McMullen nach einiger Zeit. „Hat sie das Löwenherz des harten, kalten Delacroix berührt? Sie müssen sie mir unbedingt vorstellen.“
„Nun“, entgegnete Delacroix grimmig. „Egal, was sie mit meinem Herz gemacht hat, das unseres Magiers hat sie sehr elegant mit einem Messer durchbohrt. Ich habe schon lange niemanden mehr so gut Messer werfen sehen.“
McMullen starrte ihn verblüfft an.
„Ich dachte, Sie hätten ihn getötet?“
„Nein. Er hatte mich in seiner Gewalt. Ich konnte mich nicht rühren. Er war damit beschäftigt, mir langsam und genüßlich den Garaus zu machen.“
„Aber von Orven sagte ...“
„Von Orven weiß es nicht, und wenn ich es ihm sagen würde, er würde es mir nicht glauben. Er hält sie für eine rührende kleine Unschuld. Ich hingegen habe Grund zu der Annahme ... ach, ich weiß nicht, was ich glauben soll.“
Er wiederholte, so gut er konnte, die einseitige Konversation, die er mit Vonderbrück gehabt hatte, und beschrieb die Szene.
„Haben Sie sie denn mit den Anschuldigungen Vonderbrücks konfrontiert?“
Konfrontiert ja – auf gewisse Weise. Doch er wußte nicht, wie er diese Art von Konfrontation in Worte fassen sollte. So schwieg er zunächst.
„Ah“, sagte McMullen, „offenbar ist sie nicht zusammengebrochen und hat Ihnen alles über sich gebeichtet.“
„Sie ist zusammengebrochen und hat geweint. Gesagt hat sie nichts.“
„So was.“ McMullen lächelte amüsiert. „Ist sie so hartnäckig oder haben Ihre inquisitorischen Maßnahmen diesmal nicht richtig gewirkt? Ich habe immer geglaubt, Sie könnten selbst einem Stein noch Informationen entlocken.“
Delacroix sah ihn wütend an. McMullen und er arbeiteten schon lange zusammen. Seit dem Krimkrieg hatten sie gemeinsam Sondereinsätze bestritten, und so war ihre Freundschaft über die Jahre zu etwas Besonderem herangereift. Dennoch war der Meister des Arkanen immer wieder erschreckend klug. Seine hochempfindlichen Instinkte gehörten zu seiner Ausbildung, doch die Art und Weise, wie er Menschen – auch Delacroix – durchschaute, war mitunter maßlos irritierend.
„Selbst ich habe meine Grenzen. Miss Jarrencourt hatte einen schweren Tag. Sie wurde auf ekelhafte Weise von diesem Wesen attackiert. Ich spreche von Vergewaltigung – oder zumindest versuchter Vergewaltigung. Sie wurde zweimal versteinert. Ich selbst habe sie beinahe erstochen, und nach Vonderbrücks Tod war ich nicht eben sanft zu ihr.“
„Oh je. Hat der wilde Krieger wieder mal über den Ehrenmann obsiegt? Haben Sie ihr sehr weh getan?“
Die Frage klang neutral, doch wieder fand Delacroix es schwierig, sie zu beantworten. Es gelang ihm nicht, McMullen in allen Details zu berichten, was geschehen war. Wahrscheinlich, weil es nie hätte geschehen dürfen. Unter dem neugierigen Blick des älteren Kameraden riß er sich zusammen und erwiderte mit fast klinischer Reserviertheit: „Körperlich nicht. Vielleicht hat sie ein paar blaue Flecken an den Schultern davongetragen.“ Er hatte sie außerdem in die Lippe gebissen, dort würde sie auch eine Kampfspur aufweisen. Doch er sagte nichts dazu, fletschte nur die Zähne in einem Ausdruck, den man auch unter den großzügigsten Gesichtspunkten nicht mehr als Lächeln bezeichnen konnte.
McMullen sah ihn mit hochgezogener Braue an.
„Wenn Sie ihr körperlich nicht weh getan haben, wie dann?“
Delacroix schwieg. Er sah wieder vor sich, wie sie sich unerwartet weinend hingekauert hatte, die Arme über dem Kopf, wie beim ersten Angriff des Monsters. Sie hatte Angst gehabt, er würde sie schlagen. Er hatte ihr keine Knochen gebrochen, doch zumindest für einige Minuten hatte er ihren Mut und ihren Stolz verletzt. Sie hatte sich wieder gefangen. Verwundet, doch nicht besiegt.
„Nun“, sagte McMullen, als Delacroix nicht antwortete, „ich werde heute noch mit ihr reden müssen. Sie muß mir mehr über den Angriff erzählen. Den des Monsters“, fügte er mit einem spöttischen Lächeln hinzu. „Ich möchte mit ihr auch über ihr ungewöhnliches Talent sprechen. Sehr befremdend.“
„Seien Sie vorsichtig. Sie wirkt harmlos, aber sie ist gefährlich.“
McMullen sah ihn nachdenklich an. Dann blickte er auf seine Hände und konzentrierte sich darauf, seine Pfeife zu stopfen.
„Wenn sie gefährlich ist, dann hat sie ihre Tarnung für Sie auffliegen lassen.“
Der Satz verletzte Delacroix’ Stolz. So hatte er das noch nicht gesehen. Er fühlte sich unwohl.
„Möglich“, erwiderte er. „Vielleicht war es aber auch einfacher, Vonderbrück zu erstechen, während er noch auf mich konzentriert war, als abzuwarten, bis ich tot war. Seine Machtdemonstration hat ihm soviel Spaß bereitet, daß er gar nicht in ihre Richtung sah.“
„Wir werden sehen. Ich kann sie mesmerisieren, dann muß sie mir alles erzählen, was wir wissen wollen. Das heißt allerdings, daß ich dazu eine Gelegenheit finden muß, bei der ihr glühender Bewunderer nicht in der Nähe ist. Als anständiger junger Mann, der er nun mal ist, würde er sie gewiß beschützen wollen, und das heißt auch, daß Sie sie mir zuführen müssen. Würden Sie das tun?“
Delacroix schaute bedrückt.
„Wenn es sein muß“, sagte er. „Können wir ohne sie auskommen?“
„Nur, wenn Sie ohne jeden Zweifel sicher sind, daß sie nichts mit unserer Sache zu tun hat. Sind Sie sich da sicher?“
Er schüttelte den Kopf. Sicher war er nicht. Er wußte nur, daß er sie nicht entführen und zu McMullen schleppen wollte. Dabei fand er noch nicht einmal seinen eigenen Beitrag an der Sache am schlimmsten. Schlimmer war der Gedanke, daß der Meister des Arkanen sie unter einen Bann setzen würde, der ihren Willen lähmte, um die Antworten direkt aus ihrem Geist zu reißen, während sie völlig hilflos und wehrlos war. Dieser Angriff wäre fast noch entsetzlicher als der, den sie durch ihn erlitten hatte. Es war eine Art Gewalt, die man ihr antat.
Er merkte, daß McMullen ihn gespannt betrachtete. Verdammt. Seine Instinkte waren zu fein.
„Wir haben andere Probleme als Miss Jarrencourt. Da ist noch die Bruderschaft. Ich muß sagen, ich bin überrascht, daß sie uns noch nicht angegriffen hat.“
„Wir haben noch nicht das, was sie wollen“, entgegnete McMullen. „Zweifellos möchten sie lieber warten, bis wir das Manuskript haben. Allerdings muß ich gestehen, daß ich im Moment nicht weiß, wie wir es ergattern sollen. Ich spüre seine Nähe, doch es ist unerreichbar. Wenn der Wiatruschod es magisch verborgen hat, weiß ich nicht, wie wir das Wesen zur Herausgabe zwingen sollen. Sein Tod mag den Bann aufheben, aber nicht einmal dabei bin ich mir sicher, und ich wüßte auch nicht, wie man es tötet. Sie haben es in die Schachtel gebannt, doch während es da drin ist, können wir ihm nichts tun, und es freizulassen wäre gewiß falsch. Ich bin keineswegs sicher, daß mein Bannkreis es ohne die Schachtel festhalten kann. Ganz ehrlich – wir haben ein Problem.“
„Vielleicht sollten wir Dr. Steinberg befragen. Er sagte, er sei Experte auf dem Gebiet. Es ist allerdings möglich, daß auch er in die Sache verstrickt ist, obgleich ich ihn seit seinem Besuch nicht mehr gesehen habe. Die Art, wie er Udolf durch die Finger geflutscht ist, war erstaunlich. Ich habe bei der Rezeption gefragt. Ein Dr. Steinberg hat seine Praxisräume ganz in der Nähe und wird gelegentlich gerufen, wenn ein Hotelgast medizinische Hilfe braucht. Dieser Teil der Geschichte stimmt also.“
„Aber Sie trauen ihm nicht?“
„Er war zu freundlich und viel zu interessiert“, bemerkte Dela-croix bissig.
„Ich hätte gedacht, ,freundlich und interessiert‘ wäre eine Grundvoraussetzung für einen Arzt“, gab McMullen zurück. „Doch ich vertraue Ihren Instinkten. Wenn Sie sagen, mit ihm stimmt etwas nicht, dann sollten wir vorsichtig sein. Wir könnten meine Loge konsultieren, doch meine Kollegen und wissenshungrigen Logenbrüder würden sich wohl kaum auf Abstand halten lassen – oder von Ihnen befehlen lassen, was wie zu geschehen hat.“
Es klopfte.
Delacroix zielte auf den Eingang und rief: „Herein!“
Die Tür öffnete sich, und Cérise Denglot trat ein. Sie trug ein lila Kleid mit schwarzen Zierspitzen und einen unglaublich feschen Hut voller wippender exotischer Federn. Sie hielt sofort an, als sie sah, daß ihr ehemaliger Liebhaber auf ihr Herz zielte.
„Wirklich, Delacroix“, beschwerte sie sich, „du mußt aufhören, Waffen auf mich zu richten, wann immer ich einen Raum betrete. Es sieht fast aus, als machtest du das mit Absicht. Guten Morgen, Mr. McMullen, wie schön, Sie zu sehen.“
„Guten Morgen, Mlle. Denglot“, entgegnete der Schotte. „Sie sehen wie immer betörend aus.“
Das tat sie wirklich, bemerkte Delacroix. Sie strahlte geradezu. Er wußte, was das bedeutete, und starrte sie höhnisch an. Der Magier hatte es beinahe richtig formuliert. Nur die grammatische Form war falsch. ,Betört‘ traf die Wahrheit eher als ,betörend‘. Sie sah aus, als hätte sie eine außerordentlich gute Nacht hinter sich.
„Danke. Sie sind zu freundlich. Ich wollte Ihnen nur schnell noch etwas mitteilen.“
„Tatsächlich“, murmelte Delacroix.
„Tatsächlich!“ wiederholte Cérise und lächelte süß und nur ein klein wenig boshaft. „Wegen des Manuskripts. Es ist von drei verschiedenen Magiequellen weggezaubert worden, und man kann es nicht zurückbekommen, solange noch auch nur eine der Quellen es versteckt halten möchte.“
Die beiden Männer starrten sie an.
„Woher wissen Sie das, Mlle. Denglot?“ fragte McMullen.
Sie schenkte ihm ein rätselhaftes Lächeln.
„Ich habe da meine Mittel und Wege …“
„Da möchte ich wetten“, antwortete Delacroix. „Kannst du dich diesmal an deine Mittel und Wege erinnern?“
„Sehr sogar. Gern sogar. Ausnehmend gern sogar.“
„Da bin ich ja froh.“ Er sprang auf und stürmte auf sie zu.
„Meine lieben jungen Freunde!“ verhinderte McMullen den drohenden Wortwechsel. „Verderben Sie mir nicht diesen friedlichen Morgen. Mlle. Denglot, Sie wissen ganz genau, daß ich die Quelle Ihrer Information kennen muß. Wenn Sie den Herrn nicht nennen möchten, dann bringen Sie ihn das nächste Mal mit. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie einsehen – da bin ich mir sicher –, daß ich Ihnen das nicht ersparen kann. Delacroix, nehmen Sie wieder Platz und richten Sie Ihre Waffe in eine andere Richtung. Sie werden doch nicht einen von uns niederschießen wollen.“
„Aber sicher sind Sie sich da nicht, nicht wahr?“ kommentierte Cérise giftig, drehte sich auf dem Absatz um, während ihre weiten Seidenröcke raschelnd um sie schwangen. „Ich komme nach der Probe wieder vorbei.“ Sie war durch die Tür und davon, ehe Delacroix sie erreichen konnte. Er versuchte, ihr zu folgen, um sie zurückzuholen, doch die Tür war mit einem Mal aus Stein. Er konnte sie nicht öffnen.
„Nehmen Sie Platz, mein Freund“, befahl der Magier freundlich, „und erzählen Sie mir, was das jetzt gerade zu bedeuten hatte.“