Kapitel 48

Leutnant Udolf von Görenczy gab erst gar nicht zu, daß er Angst hatte. Es war völlig undenkbar, sich vor einer Blechschachtel zu fürchten. Angst war ohnehin nichts, dessen Macht er anerkannte. Er war schon in manch übler Situation gewesen. Er hatte Duelle gefochten, die er sehr wohl hätte verlieren können, und schon Gefahren getrotzt, die über das Alltägliche hinausgingen.

Doch dies hier war ihm neu. Er fühlte sich überfordert. Es war eine Sache, zur Waffe zu greifen und ein Monster zu bekämpfen, aber eine ganz andere, mit dem gleichen Monster in einem Raum eingeschlossen zu sitzen, mit nur einer dünnen Metallwand zwischen ihm und dem Höllending.

Er wußte nicht, was vor sich ging, und das erboste ihn zusätzlich. Sie hatten den Keller kurz nach Asko und Miss Jarrencourt verlassen. Der Colonel war auffallend schweigsam gewesen und schien vor sich hin zu brüten. Udolf konnte den Grund dafür nicht erraten. Er glaubte nicht, daß es Askos Versuch war, den Mann zu fordern. Der Engländer hatte die Forderung nicht ernstgenommen.

Udolf konnte sich nicht im entferntesten vorstellen, was Dela-croix so erzürnt hatte. Sie hatten alle überlebt. Sie hatten das Geschöpf gefangen. Sie waren schließlich und endlich erfolgreich gewesen, und soweit er das feststellen konnte, war sogar das Mädchen mit heiler Haut davongekommen. Die Kleine hatte allerdings bleich und aufgewühlt gewirkt. Verständlich. Es nahm einen vermutlich ziemlich mit, wenn man versteinert wurde. Wenn er so darüber nachdachte, war es höchstwahrscheinlich scheußlich. Er fragte sich, ob es weh tat. Sie hatte nicht geweint. Offenbar war sie keine Heulsuse.

Er hätte ihr wieder was von seinem Cognac anbieten sollen. Vielleicht hätte das geholfen. Das letzte Mal hatte es wohl geholfen, und das hatte Asko beinahe bestürzt. Wenn er so darüber nachdachte, war Asko viel zu schnell bestürzt. Entschieden zu schnell, und dann neigte er zu Überreaktionen. Ein Duell mit Delacroix – was für eine absurde Idee.

Obwohl – diesmal konnte Udolf die Reaktion seines Freundes beinahe verstehen. Auch er hatte gesehen, wie der Brite mit dem Dolch auf das Herz des Mädchens zielte und einen Moment lang überlegt, ob er eingreifen sollte. Doch er war nicht schnell genug gewesen, und letztlich war es auch nicht nötig geworden. Aus irgendeinem Grund, an den er sich im Moment nicht so recht entsinnen konnte.

Im Gegensatz zu seinem sonst viel sensibleren Freund hatte er sehr wohl verstanden, was der Colonel zu tun versuchte und warum. Er hatte den Gesichtsausdruck des Briten gesehen. Man mußte keine zartbesaitete Anstandsdame sein, um diesen Blick zu verstehen. Verdammt üble Situation. Nicht zu beneiden.

Auf dem Weg nach oben hatte Delacroix angehalten. Er horchte, ob jemand in der Nähe war, doch es gab nichts zu hören.

„Ich denke“, flüsterte er dann, „wir werden anders vorgehen. Ich bitte Sie, zunächst auf Ihr Zimmer zu gehen und mit dem Kasten dortzubleiben. Sie haben noch meine Waffe. Sie ist doch geladen? Behalten Sie sie schußbereit in der Hand. Schließen Sie hinter sich ab und erschießen Sie absolut jeden, der Sie besuchen kommt, außer von Orven und mich. Denken Sie nicht nach. Erst schießen, dann fragen. Ich werde Sie abholen, wenn ich mit unserem Magier gesprochen habe. Fragen Sie mich nicht nach dem Grund, aber ich traue dem Mann nicht. Mir ist wohler, wenn wir ihm unseren Fang nicht gleich aushändigen.“

Von Görenczy hatte das ohne Gegenrede akzeptiert. Er kannte Delacroix’ Instinkt und wußte, daß der Mann sich bei seinen Entscheidungen niemals von Panik oder Nervosität leiten ließ. Trotzdem hatten ihm die Argumente nicht eingeleuchtet. Doch schließlich war er Soldat. Er mußte nicht das Gesamtbild verstehen. Er tat, was zu tun war, und ging dorthin, wo er gebraucht wurde.

Im Augenblick wurde er offenbar in seinem Zimmer gebraucht, hinter verschlossener Tür, mit einer geladenen Waffe in der Hand, die er in Richtung eines möglichen Eindringlings hielt. Noch etwas hatte Delacroix gesagt, bevor sie sich trennten.

„Was immer auch passiert, schießen Sie. Denken Sie nicht nach, selbst wenn der Besucher harmlos aussieht, wie ein netter, kleiner Pfarrer oder wie Ihr Beichtvater. Ich nehme an, Sie sind katholisch?“

Natürlich war Udolf das. Das war man eben als Bayer. Meist zumindest. Protestanten wurden seit vierzig Jahren in Bayern toleriert und hatten sogar Bürgerrechte. Die religiöse Toleranz war ein Erbe Napoleons. Dessenungeachtet war das Konkordat, das diese Dinge regelte, letztlich nur ein Stück Papier. Bayern war katholisch, und die Minderheit von Protestanten mochte auf dem Papier die gleichen Rechte haben, genoß aber selten den gleichen Respekt.

Warum hatte Delacroix ihn gefragt, ob er katholisch war? Er konnte sich keinen Grund dafür vorstellen. Er hoffte inständig, daß er nicht seinen Beichtvater niederschießen mußte. Das hätte er nur höchst ungern getan. Seine Mutter hätte es ihm nie verziehen.

Dennoch, so wie Delacroix es gesagt hatte, hatte es nicht nach einem Schuß ins Blaue geklungen. Der Mann wußte etwas, das er weder ihm noch Asko mitgeteilt hatte, da war er sich sicher. Der Befehl war zu absurd, um auf einem zufälligen Gefühl zu basieren.

Er würde ihn das nächste Mal direkt darauf ansprechen, und das nächste Mal sollte besser bald sein. Das Warten machte ihn zappelig. Es dauerte aber auch wirklich lang. Viel zu lang. Worüber sprachen der Offizier und der Magier nur so endlos?

Die Sache stank zum Himmel. Er hatte keine Ahnung, was er davon halten sollte. Da war das erste Mordopfer mit der Kopfverletzung, das das verdammte Manuskript bei Delacroix hätte abliefern sollen, und da war Delacroix, der säumig gewesen war, weil sein Zug Verspätung gehabt oder weil ihn die Nachricht, wo er sie treffen sollte, nie erreicht hatte. Oder beides? Wäre er pünktlich gewesen, vielleicht hätte er den Mord verhindern können? Oder den Verlust des Dokumentes?

Außerdem gab es noch einen britischen Meister des Arkanen, der bei Ausbruch der Krise gänzlich unauffindbar gewesen war, niemand wußte, wo. Delacroix hätte ihn mitnehmen sollen, doch er hatte nicht auf ihn gewartet. Zu eilig und dringlich sei die Angelegenheit, hatte er gesagt und war allein losgereist.

Von Görenczy war sich nicht mehr sicher, wer eigentlich auf wessen Seite stand, und er hoffte inständig, dieser Einsatz werde bald vorüber sein. Er war Chevauleger und kein Politiker – und schon gar kein Magier. Er konnte in die Schlacht reiten und besser kämpfen als die meisten. Aber er konnte nichts mit geheimnisvollen Andeutungen anfangen und schon gar nichts damit, daß er irgendwelche Beichtväter erschießen sollte, inklusive seines eigenen. Er wußte auch nicht, warum er einem Spezialisten mißtrauen sollte, den seine Regierung zur Unterstützung geschickt hatte. Seine Majestät der König, oder doch zumindest dessen Ministerpräsident. Wenn er schon jemandem mißtrauen sollte, dann lieber einem Ausländer.

Überdies haßte er es, mit einem Satan in einer Schachtel in einem Zimmer zu hocken.

Er lauschte. Manchmal war ihm, als höre er ein zartes Wispern von der Metallkonstruktion, doch wenn er dann genau hinhörte, war da nichts. Er hoffte, das Schloß würde halten. Nach alldem, was das Geschöpf ihnen an Fähigkeiten offenbart hatte, glaubte er nicht, daß es ihm besonders schwerfallen würde, aus seinem Gefängnis auszubrechen. Sofern es überhaupt noch drin war. Er konnte schließlich gar nicht sehen, ob es noch drin war. Er fühlte einen jähen Drang, das Schloß zu öffnen und nachzusehen.

Eine blöde Idee. Sogar eine äußerst blöde. Doch seine Hände zuckten dem Behälter entgegen, und er mußte all seine Konzentration aufbieten, ihn nicht zu öffnen. Ein fast begehrlicher Wissensdurst nagte an ihm. Nur ein Blick? Den Behälter nur einen Spaltbreit öffnen und nachsehen, ob das Ding noch drinnen war? Schließlich mußten sie es wissen, sollte es fort sein. Vielleicht bewachte er einen leeren Behälter. Vielleicht jagte der Dämon gerade wieder durchs Hotel, attackierte Menschen, überfiel Frauen, während er sich mit einer leeren Schachtel in sein Zimmer eingeschlossen hatte.

Er sollte nachsehen. Nur kurz.

Er fand sich plötzlich vor der Schatulle wieder. Seine Hände befingerten das Schloß.

Verdammt! Was tat er da eigentlich? Fast hätte er es freigelassen.

Er nahm die Hände von dem Kasten und bemerkte, daß sie vor Anstrengung dabei zitterten. Wo hatte er seine Pistole gelassen? Auf der Anrichte. Er hatte nicht gemerkt, daß er sie weggelegt hatte. Als Wache war er nicht zu gebrauchen.

Er fixierte den Behälter erbost und trat entschieden zwei Schritte zurück. Einen Moment lang glaubte er, wieder das Gezischel und das Flüstern zu vernehmen. Aber da war nichts.

Er nahm seine Waffe und prüfte, ob die Tür zum Gang noch abgeschlossen war. Dann ging er zum Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Der Himmel war wolkenverhangen, und es war überaus dunkel. Auf der Straße brannten einige Gaslaternen, erleuchteten jedoch immer nur einen kleinen kreisförmigen Bereich. Schatten schienen die Hotelfassade entlangzukriechen. Es war nicht zu erkennen, ob wirklich jemand an den Wänden entlang hochkroch oder ob es nur Schemen waren, die mit seiner Wahrnehmung ein Verwirrspiel trieben.

Er wußte nicht, was er davon halten sollte, stellte sich aber trotzdem auf einen Angriff aus jeder Richtung ein. Er wich zurück zur Wand und versuchte, beide möglichen Zugänge im Auge und im Visier zu behalten. Eine schwere Aufgabe. Durch die Tür zum Flur konnte er nicht hindurchsehen, und was das Fenster und den Balkon anging, so lieferte er einem potentiellen Angreifer von dort eine hervorragende, wohlbeleuchtete Zielscheibe, während der Feind selbst unerkannt in der Dunkelheit lauern konnte.

Er drehte das Gaslicht herunter. Die schattige Dunkelheit erschien ihm mit einem Mal ominös. Sein Blick fiel wieder auf den Behälter, und er spürte, wie seine Finger zuckten. Da war es wieder, das nagende Gefühl in seinem Hinterkopf, das ihm sagte, er solle zum Behälter gehen und ihn aufmachen. Wie ein körperliches Bedürfnis zwang es ihn, und er brauchte seine gesamte Entschlossenheit, um ihm nicht nachzugeben.

Wo zum Teufel blieb Delacroix, und wo war dieser überschlaue Meister des Arkanen? Es war wirklich nicht die Aufgabe eines Kavalleristen, ein Monster zu bewachen, das einen verrückt machte. Wie willensstark es sein mußte, um ihn zu beeinflussen! Immerhin war die Schatulle gekonnt konstruiert, Eisen innen, Kalteisen außen. Ein Feyon konnte darin überleben, aber nicht entweichen.

Außer wenn er es öffnete. Doch das würde er nicht. Er würde nur das Schloß prüfen. Nur das Schloß. Er würde nur ein wenig daran rütteln, um zu sehen, ob es hielt. Er würde es nicht öffnen. Bestimmt nicht.

Er merkte, daß er seine Waffe schon wieder aus der Hand gelegt hatte und zurück am Metallkasten war. Seine Hände waren danach ausgestreckt.

Er sprang zurück, als hätte ihn eine Hornisse gestochen, nahm seine Waffe wieder auf.

Diesmal hatte es ihn beinahe erwischt. Herrgott noch mal. Das war zermürbend. Wozu brauchten die nur so lang? Was zur Hölle hatten Delacroix und Vonderbrück zu erörtern, und wo war Asko? Er konnte doch nicht gut immer noch bei Corrisande sein. Nicht Asko. Udolf wäre bei ihr geblieben, um sie zu trösten, doch Asko war viel zu wohlanständig und würde einen Moment der Schwäche bei einer Frau niemals dazu ausnutzen, um ihr näherzukommen.

Noch dazu eine Frau, deren sonst so wachsame Begleiterin so fest schlief, daß sie schon auf dem Weg nach oben damit angefangen hatte. Wer hätte das gedacht? Corrisande hatte es faustdick hinter den Ohren. Von Görenczy zweifelte keinen Augenblick daran, daß die Kleine ihrer Anstandsdame ein Schlafmittel verpaßt hatte. Nicht gerade das Benehmen, das man von einem zarten, braven Jungfräulein erwartete. Natürlich wäre ein Streitgespräch mit Mrs. Parslow ebenso zeitraubend wie sinnlos gewesen. Trotzdem, es gab einem zu denken. Oder zumindest ihm gab es zu denken, und Delacroix hatte es auch zu denken gegeben, soviel hatte er gesehen.

Asko war freilich überhaupt nicht erstaunt darüber gewesen, daß Mrs. Parslow sich so früh ins Bett zurückgezogen hatte, noch dazu mit der Hilfe eines Chevaulegers. Für ihn waren Frauen schwache, zarte Wesen, und plötzliche Anfälle körperlicher oder nervöser Schwäche waren jederzeit und überall zu erwarten.

Asko würde irgendwann einmal eine böse Überraschung erleben, dachte Udolf.

Von der Tür kam ein leises Geräusch. Er sah, wie sich der Türknauf langsam drehte. Er hätte gerne „Halt, wer da?“ gebrüllt, entschloß sich aber dann dagegen.

Er würde genau das tun, was man ihm aufgetragen hatte. Auf die geringe Entfernung würde eine Kugel die Holztür durchschlagen, als sei sie aus Butter. Er schoß.

Das Obsidianherz
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