Kapitel 8
Bleiern und glatt liegt die Landschaft da. Klüfte springen auf, durchpflügen den Boden. Schwarze Zickzacklinien entstehen, platzen auf, spalten sich in immer mehr schwarze Zickzacklinien auf. Ein unruhiges, vieleckiges Netzmuster, wie das ausgetrocknete Bett eines grauen Flusses, der sich von einem Moment zum nächsten in eine raumgreifende Wüste verwandelt hat. Das schwarze Netz spinnt die Nachahmung der Realität, ohne ihr anheimzufallen. Alle Bewegung ist zweidimensional. Wird dreidimensional, und plötzlich wirbeln die Dimensionen und tanzen in dem Bemühen, Leben zu schaffen, es zu gestalten und zu formen. Doch hier gibt es kein Leben. Hier definiert sich Existenz aus einem schwarzen Mangel an Leben.
So ruht Er, während Seine Welt tanzt, wächst und sich pausenlos verändert. Die endlose Ebene erstreckt sich sowohl unter als auch über einem engen, bleiernen Himmel und irgendwo dazwischen. Ganz und gar leblos. Bisweilen bewegt sich die Idee eines schwarzen Vogels über das Infirmament, fliegt in völlig gerader Linie wie ein gläserner, schwarzer Stein, gleitet dahin auf nichts als Seinem Willen.
Kein Flügel schlägt. Kein Flügelschlag ist notwendig, denn Er hat keinen Sinn für Details. Statt dessen hat Er den Willen, das immerstarke Begehren, das existiert, solange Er existiert, als integraler Bestandteil Seiner selbst.
Vielleicht fliegt der Vogel gar nicht. Vielleicht sitzt er still auf seinem Achsenpunkt, an der Stelle, an der er geschaffen ward. Statt dessen dreht sich die Welt um ihn herum. Er ist die Welt, und für Ihn würde die Unterscheidung keinen Unterschied machen. Der Vogel weiß davon nichts, fühlt nichts, lebt nicht.
Was heißt Bewegung? Erst an einem Ort zu sein, dann an einem anderen? Oder definiert sie den Weg zwischen einem Punkt und einem anderen in einer unvollkommen gesponnenen Wirklichkeit?
Die Ebene wölbt sich endlos, versagt der dunkler werdenden Welt einen flachen Horizont. Niemand braucht hier einen Horizont, denn keine Sonne geht auf oder unter. Nur manchmal, wenn Ihm langweilig ist, läßt Er irgendwo weit weg ein rundes Licht durch das nebelverhangene Grau blinken. Diffus. Außerhalb des Konzeptes vergehender Zeit.
Dies ist Seine Sphäre, Seine Ebene. Sie ist die Welt, in der Er hungrig, zeitlos einer Gelegenheit harrt, sich in eine Welt voller Leben zu stürzen.
Die schwarzen Klüfte lassen den Boden aufplatzen, brechen mit ihm die nachgemachte Realität in immer kleiner werdende Teilchen. Reine Schwärze breitet sich aus und verwandelt sich in schimmernden Obsidian. Dann beginnt die Ebene erneut, sich zu bewegen, diesmal vertikal. Entlang der Klüfte heben sich säulengleich die ausgeschnittenen Bodenstücke, wachsen zu Pfeilern empor, um sich schließlich im Zentrum der Hohlkugel zu treffen und miteinander zu verschmelzen. Darauf wartet Er im Mittelpunkt Seiner Sphäre, auf das Aufeinandertreffen und die entstehende Öffnung, das graue Tor, das Ihn hinausläßt in eine Realität jenseits Seiner eigenen.
In eine Welt der Farben. Er verabscheut Farben, denn Farben greifen Sein innerstes Wesen an, und Er ist wenig anderes denn ebendies, ein innerstes Wesen. Farben sind so quälend vielfältig. Doch Er erträgt sie, denn Er giert nach Leben, das Er nach Seinem Wunsch zu formen gedenkt, nach Seiner grauschwarzen Vorstellung, Seiner dunklen Sehnsucht, Seiner schroffen Begierde, Seinem düsteren Streben.
Plötzlich erlebt Er Zeit, die fließt, sich bewegt wie ein ewiger Fluß, eine Sekunde an die andere setzt, kleinste Einheiten der Ewigkeit, die an einem Anfang beginnen und einem unerreichbaren Ende entgegenstreben, und Er hat so wenig davon, so wenig Zeit, das zu tun, was er will und wünscht. Eine Hülle muß Er finden, ein sicheres Heim, von dem aus Er in dieser viel zu bunten Wirklichkeit wirken kann; eine Zuflucht, die Er für sich umdefinieren kann, wie Er sie braucht.
Er platzt von Seiner Wirklichkeit in die nächste, die nicht Seine ist, mächtig meist, konfus bisweilen, um Orientierung ringend. Hier sind Wände nur Luft und Raum, angefüllt von Klängen. Süße Gesänge von Bedeutung durchdringen Ihn und hinterlassen Spuren von Wissen in Ihm, das Er dazu verwendet, Seine Pläne weiterzuspinnen. Er nimmt sie auf und sammelt sie, speichert sie in Seinem graubraunen Nichts, webt sie aus nichts zu etwas und sieht Leben in lebendigen Einheiten, größeren und kleineren, lauteren und leiseren. Manche sind bedeutsam und brauchbar für Seine Pläne, andere irrelevant, kaum existent. Bisweilen, sehr, sehr selten, sieht Er Geschwister, Kreaturen der Anderwelt, die gelernt haben, im erschreckend bunten Chaos zu leben, sich dort als außerweltliche Fremde zu integrieren. Fey, die wie Er sind und doch nicht wie Er. Denn niemand ist genau wie Er.
In dieser Einsicht begreift Er Seine Einsamkeit. Er ist allein; das definiert Ihn, und doch sehnt Er sich nach einer Gefährtin, nach einem Wesen, das sich der Obsidianschwärze seines Reiches unterwirft und Ihm Nachkommen schaffen kann, die so durch und durch lichtlos pechschwarz sind wie Er.
Dann wieder will Er lieber die Welt selbst ändern, möchte Seine eigene Realität mit diesem seltsamen Ort der Farben verweben, sie zu dem machen, was Er gerne hätte, zu Seinem Revier. Die Oberwelt und die Unterwelt will Er zu einem Ganzen verbinden, sie verknüpfen mit Seinem eigenen grauen Zwischenreich, in dem Er zu Hause ist und das Ihm doch nie genügt.
Er hat sie fast gefunden, die Lösung, die Ihm die Freiheit geben wird, in dieser Welt länger als nur die kurze Zeit zu verweilen, die Ihm zur Verfügung steht, um einen passenden Leib zu finden, ein physisches Heim. Er hat sie fast in der Hand, spürt ihre Nähe. Doch die Lösung entzieht sich Seinem Zugriff, in ihre eigene Realität.
Er ist nicht daran gewöhnt, daß Dinge – daß etwas außer Ihm einen Willen hat. Das wird Er ändern, sobald die Welt ihm gehört. Mit einem einzigen grauen Befehl wird Er diese Möglichkeit Gewißheit werden lassen.
Doch zuerst muß Er sie finden, die Lösung, die Verkörperung aller Möglichkeiten, den Freibrief zur Freiheit, auf allen Ebenen simultan zu existieren. Das Artefakt, das es Ihm möglich macht, die Welt der Farben in seiner schwarzen Obsidianwelt aufgehen zu lassen.