Kapitel 21

Corrisande fand den Dienstbotentrakt problemlos. Sie hatte keine Lust auf eine weitere Auseinandersetzung mit Eliza verspürt. Ehe sie Eliza wieder unter die Augen trat, wollte sie einen Ausweg aus ihrem Dilemma gefunden haben.

Sie konnte Elizas Ungeduld sogar verstehen. Für ihre Begleiterin stand sehr viel auf dem Spiel. Drei Ehen hatten nicht dazu ausgereicht, sie zu einer reichen Witwe zu machen, da sie ein Talent dafür hatte, Herren der besten Kreise zu ehelichen, deren Glück in der Liebe größer war als das im Spiel. Es war ein wahres Glück, daß alle drei verstorben waren, ehe sie ihre Gattin gänzlich ruiniert hatten. Dennoch, im Alter von fünfundvierzig war eine weitere eheliche Verbindung unwahrscheinlich geworden, egal aus welchen Kreisen.

Sir Desmond Jarrencourt hatte die englische Lady in seinen Haushalt aufgenommen, nachdem der letzte ihrer Gemahle das Zeitliche gesegnet hatte. Er hatte sie als „Tante“ seiner Tochter in der Gesellschaft installiert. Sie konnte ausgesprochen charmant sein, hatte ausgezeichnete Manieren und war intelligent und zielstrebig, ohne in irgendeiner Weise zimperlich zu sein. Das machte sie zur idealen Gesellschafterin für seine unverheiratete Tochter, die einen zuverlässigen und wohlanständigen Hintergrund für ihre eigenen Pläne bis hin zu einer Heirat benötigte. Ihre Aufgabe war es gewesen, ein achtbares Umfeld für Corrisande zu schaffen und gleichzeitig bei der Eheanbahnung behilflich zu sein.

Für Eliza war das Verhalten des Comte de Lacy wahrhaftig eine Enttäuschung gewesen. Manchmal glaubte Corrisande, Elizas Enttäuschung sei weit größer gewesen als ihre eigene, denn diese Eheschließung hätte es Eliza ermöglicht, sich wohlversorgt und ohne Zukunftsängste ihren eigenen Zielen zu widmen, sobald ihr „Patenkind“ unter der gutsituierten Haube war.

Corrisande hatte nun schon mehrere Jahre in Gesellschaft Elizas verbracht. Sie vertrugen sich gut, waren einander in ihren gemeinschaftlichen Zielen und dem geteilten Wissen um allzu viele gefährliche Geheimnisse verbunden. Corrisande wußte, daß sie sich jederzeit auf die Witwe verlassen konnte. Nicht, weil Eliza sonderlich selbstlos veranlagt war, sondern weil sie genau wußte, wo der Goldtopf am Ende des Regenbogens vergraben lag.

Sie lächelte. Der letzte Gedanke hätte Eliza schockiert, denn sie verabscheute umgangssprachliche Ausdrücke. Doch im Moment wäre Eliza nur im Weg gewesen. Auch hätte sie sich nie dazu herbeigelassen, die Dienstbotentreppe hinunterzusteigen, außer vielleicht wenn es um ihr Leben gegangen wäre.

Corrisande kannte keine solche Arroganz. Sie wollte nur die Hinterausgänge nach möglichen Fluchtwegen absuchen. Vielleicht würde der Dienstboteneingang ihr ja nicht verschlossen sein. Sie eilte die Stufen hinab und landete schließlich im Erdgeschoß. Von dort führten vier Türen weiter.

Vorsichtig trat sie zur ersten. Sie legte ihr Ohr ans Holz und lauschte. Die Hotellobby. Das mußte der Hintereingang zur Rezeption sein. Das würde ihr nicht helfen. Sie verspürte nicht den Drang, dem Hotelportier nochmals zu begegnen oder einen seiner kritischen Blicke zu ernten.

Durch die nächste Tür hörte sie Frauenstimmen. Es roch nach Waschmittel und Dampf. Wahrscheinlich die Tür zur Waschküche. Wenn nötig, konnte sie später herausfinden, ob die Waschküche einen Ausgang nach draußen hatte.

Die dritte Tür war verschlossen. Sie hätte das Schloß knacken können. Wenn es erforderlich wurde, würde sie es auch tun. Später.

Die vierte Tür brachte sie auf einen Treppenabsatz. Von dort ging es zwei Treppenstufen nach unten zu einer weiteren Pforte. Sie stand halb offen und führte auf eine Seitengasse oder Einfahrt. Es roch leicht nach Pferden. Die Stallungen des Hotels waren vermutlich gleich in der Nähe.

Sie hatte den Hinterausgang gefunden.

Vorsichtig näherte sie sich ihrem Ziel. Ein Schritt. Noch einer. Dann hatte sie ihn erreicht. Sie zog die Tür ganz auf und achtete darauf, dabei noch mit dem ganzen Körper im Hotel zu stehen. Sie streckte eine Hand nach draußen. Nichts.

Dieser Ausgang schien nicht magisch beeinflußt zu sein. Sie sprang durch die Türöffnung und prallte gegen eine unsichtbare Mauer, die sie zurückstieß wie ein Tennisschläger einen Ball. Die Wucht des Abpralls warf sie brutal zu Boden.

Sie fiel hart auf die Fliesen. Einen Augenblick lang lag sie benommen da. Ihr Arm schmerzte. Sie schluckte einen ärgerlichen Ausruf hinunter und rappelte sich auf. Ihr Kleid war ein wenig staubig, doch ansonsten hatten weder es noch sie schlimmere Blessuren davongetragen.

Sie hätte jetzt aufgeben können. Aber sie weigerte sich kategorisch, sich auf eine so hinterlistige Weise besiegen zu lassen. Verhext wegen etwas, das sie gar nichts anging. Ihr Vater hätte gewiß nicht kapituliert. Doch ihr Vater hätte auch ohne Skrupel die Ursache der Störung aus dem Weg geräumt. In vielen Dingen war sie nicht wie er.

Sie näherte sich wieder der Pforte. Vielleicht würde es ja gehen, wenn sie sich ganz vorsichtig und langsam aus dem Haus schlich?

Sie berührte den Türrahmen mit der Linken, glitt daran entlang, tat einen kleinen Schritt nach draußen, erst mit einem Fuß, dann mit dem anderen. Beide Füße standen nun auf der Straße, ihr Körper war im Winkel gebeugt, ihr Gesicht nach hinten der Tür zugewandt. Sie versuchte rückwärts einen weiteren Schritt auf die Straße zu tun. Ein Gefühl völliger Desorientierung überkam sie. Ihre Linke schien mit dem Türrahmen verschmolzen. Sie versuchte, sie zu bewegen, doch ihre Finger versagten ihr den Dienst.

Sie drehte den Kopf und sah hinter sich in das Gäßchen. Es war menschenleer. Höchstwahrscheinlich war es nur die Privatzufahrt zum Lieferanteneingang. Niemand war zu sehen. Sie hob ihr rechtes Bein und setzte den Fuß gegen den Türrahmen, um sich damit abzustoßen und sich rückwärts in die Gasse zu katapultieren.

„Bitte nicht!“ drängte eine Stimme von drinnen. „Kommen Sie wieder herein. Sie werden sich nur sehr weh tun. Das wissen Sie doch.“

Ein großer, schmalgliedriger Mann mit blonden Locken kam die Treppenstufen herab und hielt inne, bevor er den Ausgang erreichte.

Sie verspürte plötzlich heftige Schmerzen in ihrer Hand. Sie versuchte noch einmal, sie vom Rahmen zu lösen und stöhnte auf, als der Schmerz blitzartig durch ihren ganzen Körper fuhr.

Mit weichen Knien stolperte sie rückwärts nach drinnen. Der junge Mann fing sie auf. Sekundenlang kämpfte sie gegen ein starkes Schwindelgefühl an, dann bemerkte sie, daß er seine Arme um sie geschlungen hatte, und begann sich zu wehren.

Er ließ sie los.

„Haben Sie sich weh getan?“ fragte er einfühlsam. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe getreten sein sollte, aber ich hatte Angst, Sie würden fallen.“ Er verneigte sich. „Dr. Steinberg. Kann ich Ihnen helfen?“

„Das möchte ich bezweifeln“, entgegnete sie, setzte sich dann etwas abrupt auf die unterste Stufe, rang nach Luft und hielt ihre brennende Hand. Hoffentlich verschwand er bald. Grundsätzlich hatte sie nichts gegen zuvorkommende Herren, schon gar nicht, wenn sie sich ihr gegenüber als Beschützer fühlten. In dieser Rolle waren sie leicht zu manipulieren. Doch genau jetzt wäre sie nur zu gern allein gewesen.

Anstatt aber zu gehen setzte der junge Mann sich neben sie und fuhr fort: „Sie sind weiter gekommen, als ich das für möglich gehalten habe. Ich könnte es nicht so weit schaffen.“

Sie starrte ihn verblüfft an.

„Sie können auch nicht raus?“ fragte sie.

„Natürlich nicht. Wie Sie bin auch ich zum Teil ein Sí.“ Er schob sein dichtes Blondhaar beiseite, und Corrisande konnte leicht spitze Ohren erkennen. Sie starrte ihn voller Schrecken an. Sie hatte vor dem Vortage noch nie einen Feyon gesehen oder getroffen, und gleich zwei Begegnungen an ebenso vielen Tagen schienen ihr mehr als ausreichend zu sein. Sie wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Man wußte nie, woran man bei so etwas war. Je weniger man mit übernatürlichen Dingen zu tun hatte, desto besser.

Dann verstand sie, was er gesagt hatte.

„Ich bin keine Sí!“ protestierte sie empört. Was bildete der Mann sich ein? „Mein Vater ist ein Mensch, und meine Mutter war das auch. Ich finde Ihre Andeutung ...“

Er besaß die Frechheit, sie einfach zu unterbrechen.

„Denkbar“, sagte er. „Viel Feyon-Blut ist nicht in Ihnen. Das spüre ich.“ Ohne um Erlaubnis zu bitten griff er ihr ins Haar und schob es hinter ihre absolut runden Ohren. Er lächelte geduldig und freundlich, und das Lächeln ärgerte sie so sehr, daß sie ihn am liebsten geohrfeigt hätte. Ihre gute Erziehung ließ sie sich diese Reaktion versagen.

„Dennoch“, fuhr er fort, „irgendwo in Ihrer Ahnenreihe war einmal ein Feyon dazwischen. Ich spüre das, und Sie auch, sonst hätten Sie ja durch diese Tür gehen können.“

Sie starrte ihn an.

„Es liegt ein Feyon-Bann darauf, verstehen Sie?“ sagte er so nachsichtig, als erkläre er einem Dorftrottel das Stricken.

„Da müssen Sie sich irren!“ antwortete sie kalt. „Das war dieser dreiste Colonel. Er hat mich behext, damit ich nicht aufbrechen kann.“

Er musterte sie mit neuem Interesse.

„Colonel Delacroix?“ fragte er, und Corrisande merkte, daß sie schon zuviel gesagt hatte. Sie schwieg. Er machte ohnehin den Eindruck, als wisse er mehr, als gut war.

„Das würde er nicht tun“, fuhr er fort, „selbst wenn er es könnte. Was nicht der Fall ist, da bin ich sicher. Er hat keine Kenntnisse der arkanen Künste, und im Moment wäre er außerdem zu schwach. Nein. Der Bann hat nichts mit Ihnen zu tun, Miss. Sie sind nur eine unschuldige Zuschauerin, die unvermutet in ein Machtgerangel gestolpert ist.“

Sein Lächeln war so freudestrahlend, daß sie ihn ärgerlich anstarrte.

„Wie komme ich jetzt hier raus?“ fragte sie.

„Sie müssen einfach warten, bis der Bann wieder aufgehoben ist. Das ist unangenehm, aber unumgänglich. Versuchen Sie nicht noch einmal, sich durch den Zauber zu katapultieren. Sie könnten sich schwer verletzen.“ Er beugte sich zu ihr herüber. „Lassen Sie mich mal Ihre Hand sehen!“

Sie reichte ihm ihre Linke und schalt sich im nächsten Moment dafür. Sie wollte nicht, daß ein unnatürliches Wesen sie anfaßte. Oder ein teilweise unnatürliches Wesen. Oder was auch immer.

Doch seine Hände waren kühl, und das half.

„Es hört gewiß gleich auf weh zu tun“, tröstete er sie.

Dann stand er auf.

„Ich werde Sie zu Ihrem Zimmer geleiten“, sagte er und reichte ihr den Arm.

Sie ignorierte die Geste.

„Nein danke“, antwortete sie. Sie wollte nicht von einem solchen Lebewesen begleitet werden.

Er schien ihre Gefühle zu durchschauen, denn er verneigte sich steif und wandte sich ohne ein weiteres Wort zum Gehen.

„Warten Sie“, rief sie. „Dr. Steinberg, bitte verzeihen Sie mir mein schlechtes Benehmen. Ich bin sonst nicht so unhöflich.“ Sie rang nach Worten. „Aber Sie müssen begreifen, daß mich Ihre Worte sehr verwirrt haben.“ Sie mußte ihre Angst nicht spielen. „Sie scheinen mehr darüber zu wissen. Wie kann ich von den Sí abstammen, wenn das sonst niemand in meiner Familie tut?“

Er ließ sich wieder neben ihr nieder und sah sich nervös um.

„Das weiß ich nicht“, sagte er. „Doch ich könnte es herausfinden. Wir sollten uns dazu aber an einen weniger öffentlichen Ort begeben. Hier kann jederzeit jemand vorbeikommen, und ich nehme an, daß sie nicht dabei überrascht werden möchten, wie Sie mit einem Mann auf der Hintertreppe sitzen.“

„Das stimmt“, antwortete Corrisande. „Aber wohin könnten wir gehen?“

„Ich würde ja mein Zimmer vorschlagen, doch ich kann mir nicht vorstellen, daß eine junge Dame wie Sie ...“

„Ganz gewiß nicht!“ unterbrach Corrisande.

„Natürlich nicht“, sagte er, verbeugte sich und schmunzelte. Das Haar war ihm wieder über die Ohren gefallen, und er sah absolut menschlich aus. „Ich kann ja mal sehen, was ich hier auf die Schnelle erreichen kann. Wenn ich der Sache jetzt nicht auf den Grund gehen kann, dann schlage ich vor, Sie beehren mich in meinen Praxisräumen, sobald wir diesen Ort wieder verlassen können. Hier ist meine Karte.“ Er reichte ihr eine einfache Visitenkarte, die ihn als Arzt auswies. Dann streckte er die Hände aus. „Gestatten Sie?“

Ohne auf die Antwort zu warten, berührte er ihre Schläfen mit den Händen, und Corrisande empfand das überwältigende Gefühl, jemand sei in ihre Seele eingetaucht. Es schmerzte – ihr Kopf dröhnte.

Dann schwamm sie. Sie spürte das kalte Meer auf ihrer nackten Haut, wirbelte mit einer Woge im Kreis, fühlte die Freiheit des Seins sie durchdringen, fühlte sich wirklicher als je zuvor und tauchte hoch statt tief, hinauf zu den Sternen, während glitzernde Wasserperlen streichelnd an ihren Schenkeln hinabliefen.

Im nächsten Moment saß sie wieder auf der Steintreppe und rang nach Luft.

„Nereide“, konstatierte Steinberg.

„Bitte?“

„Nereide. Wissen Sie nicht, was das ist? Eine Meeresnymphe? Wenn deren Erbgut erst einmal in der Familie ist, kann es Jahrhunderte später wieder an die Oberfläche kommen.“

Sie stierte ihn an. Das Wappen. Der Ring. Sie hatte ihn oben liegengelassen, fiel ihr jetzt ein.

In der Nähe krachte Holz, und etwas Schweres schlug auf Stein. Man hörte geräuschvolles Fluchen. Es kam vom Treppenabsatz vor der Bedienstetentreppe und klang, als bräche jemand eine Tür auf.

„Ich muß gehen“, sagte Steinberg und verschwand plötzlich. Von einem Augenblick zum nächsten konnte Corrisande ihn nicht mehr sehen. Sie war verunsichert. Sie spürte, wie ein stechender Kopfschmerz sich in ihr Gehirn bohrte. Auf der einen Seite war sie froh, daß der furchterregende Mann fort war. Auf der anderen waren da noch so viele Fragen, auf die sie gerne eine Antwort gewußt hätte.

Die Tür über ihr öffnete sich. Ein Kopf linste durch den Spalt. Er gehörte von Görenczy. Seine fesche Uniform hatte gelitten. Er hielt die Tür mit der Rechten auf, während er mit der Linken ein Taschentuch an seinen Kopf drückte.

„Oh“, sagte er und dann: „Ach.“

Corrisande sah zu ihm hoch und wünschte ihn sonstwohin. Sie hatte noch nicht alles erfahren, was sie wissen wollte, doch immerhin waren ihre Kopfschmerzen wieder verschwunden. Sie war durcheinander. Sie fühlte sich völlig verunsichert und zermarterte sich zudem das Gehirn nach einer glaubhaften Erklärung dafür, daß sie hier auf den Treppen am Lieferanteneingang saß.

Doch er nahm sie kaum wahr, murmelte nur „Guten Morgen, Miss Jarrencourt!“ und rannte dann die Stufen hinunter und an ihr vorbei. Keine magische Barriere hielt ihn auf, als er zu Corrisandes neidischem Mißvergnügen in die Gasse sprang und sich umsah.

Offenbar fand er nicht, was er gesucht hatte.

„Zu spät!“ sagte er, als könne das irgend etwas erklären. „Dachte ich mir schon. Mußte es aber zumindest versuchen.“

„Ah“, entgegnete Corrisande, die nicht verstand, was er meinte. Doch sie mußte es auch nicht begreifen, denn es war nicht ihre Angelegenheit, weshalb sie auch nicht nachfragte. Zudem war es wichtiger, dieser Situation unbeschadet zu entkommen.

Er setzte sich nicht neben sie, das konnte man ihm nicht vorwerfen. Aber er setzte sich immerhin auch auf die Stiege, nahm sein Taschentuch vom Kopf und inspizierte es. Es war blutig, und Corrisande war außer sich darüber, daß er sie mit diesem Anblick belastete. Kurzzeitig überlegte sie sich, ob sie nun angesichts seiner Verwundung passenderweise in Ohnmacht fallen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. Er war nicht der Typ, an den man einen gut inszenierten Ohnmachtsanfall verschwenden sollte. Verlorene Liebesmühe, da war sie sich sicher. Er wußte wahrscheinlich nicht einmal, wie er sie auf höfliche Weise wieder wecken müßte.

Einen Augenblick lang schien es ihr, als spürte sie Colonel Delacroix’ kräftige Hände wieder, die sie schüttelten. Keine Erfahrung, die sie nochmals machen wollte. Dagegen hatte sich die Art, wie er kurz seine Hand an ihre Wange gelegt hatte, auf eine ganz andere Weise in ihr Gedächtnis eingeprägt. Dafür gab es keinen plausiblen Grund.

Ihre Empörung schien den Offizier nun doch erreicht zu haben. Er steckte das Taschentuch ein und verbeugte sich, wobei er entschuldigend lächelte.

„Tut mir leid“, sagte er, „aber jemand hat mir eins auf den Kopf gegeben.“

„Tatsächlich?“ erwiderte Corrisande und hätte gerne hinzugefügt, daß er es vermutlich verdient hatte. Statt dessen sagte sie: „Ich hoffe, Sie sind nicht schwer verletzt? Soll ich Hilfe holen?“

„Nein, nicht nötig. Ich habe einen harten Schädel. Da hat nicht zum ersten Mal jemand draufgehauen.“

„Gewiß nicht“, kommentierte Corrisande trocken.

Er ignorierte das und sprach weiter: „Meist schlage ich zurück, aber diesmal hat man mich von hinten erwischt. Was meinen Sie mit ,gewiß nicht?“ Er sah sie mißtrauisch an, als könnte er nicht ganz glauben, daß ein Mädchen ihres Alters und Standes eventuell etwas Abfälliges über ihn gesagt haben mochte.

„Ich meine“, beeilte sich Corrisande zu versichern, während sie ihm ein süßes, unschuldiges Lächeln schenkte, „daß mutige Männer wie Sie, die sich schrecklichen Feinden der grauenhaftesten Sorte ohne Zögern entgegenstellen, vermutlich öfters dabei verwundet werden. Ist das nicht so?“

„Ah.“ Er klang beruhigt. „Ja. Passiert immer wieder. Unangenehme Sache. Aber da muß man durch. Ist nur ein Kratzer.“ Er schenkte ihr ein schmissiges Lächeln. „Pflicht vor Tod, Miss Jarrencourt.“

Sie lächelte zurück und erhob sich.

„Ich muß jetzt gehen“, sagte sie, senkte scheu den Blick und verschwendete ein sanftes Erröten an ihn. „Meine Tante wartet auf mich. Ich sollte gar nicht hiersein.“

„Das habe ich mit Verlaub auch schon gedacht“, entgegnete er und stand ebenfalls auf, um einer Dame gegenüber nicht unhöflich zu erscheinen. „Was tun Sie hier eigentlich?“

Sie lächelte entschuldigend und etwas hilflos.

„Nun, ich war auf dem Weg zum Empfang, und da überkam mich eine plötzliche Schwäche. Ich dachte, vielleicht ein bißchen frische Luft ...“ Sie ließ den Satz unbeendet und bemühte sich erfolgreich um ein noch etwas zarteres Aussehen. Sie war sich sicher, daß ihn das ablenken würde.

Er nickte mitfühlend.

„Nächstes Mal sollten Sie sich auf die Terrasse setzen“, riet er. „Bessere Aussicht und auch viel bequemer. Sitzgelegenheiten, Sie verstehen? Nebenbei, haben Sie einen Mann das Haus verlassen sehen?“

„Einen Mann?“ Einen Augenblick lang befürchtete Corrisande, er bezichtige sie eines heimlichen Treffens mit einem Vertreter des anderen Geschlechts. Dann wurde ihr klar, daß ihre Heimlichkeiten ihn nicht einmal interessiert hätten, wenn sie den Stellvertreter Christi persönlich zum Abendessen getroffen hätte.

„Groß“, ergänzte er, „schmal, hellblonde Locken ...“

„Nein“, antwortete sie wahrheitsgetreu. „Ich habe keinen solchen Herrn durch die Tür gehen sehen. Hat er Sie geschlagen?“

„Weiß ich nicht“, sagte er. „Habe meinen Widersacher nicht gesehen. Könnte er gewesen sein ... oder auch nicht.“ Er hielt ihr die Innentür auf, und sie betraten beide das Gesindetreppenhaus. „Wenn Sie mir gestatten, werde ich Sie zu Ihrer Tante geleiten. Nur falls Sie wieder eine plötzliche Schwäche ...“

„Oh“, lächelte Corrisande und wünschte ihn ans andere Ende der Welt. „Außerordentlich zuvorkommend, Sir.“

„Schon in Ordnung“, antwortete er mannhaft. „Ist mir ein Vergnügen.“

„Dennoch, Sir“, wandte sie ein, „es mag ein wenig eigentümlich aussehen, wenn man uns gemeinsam aus dem Dienertrakt kommen sähe. Möglicherweise würde das einen sehr unerwünschten Eindruck hinterlassen.“

Er starrte sie an und verarbeitete augenscheinlich etwas mühevoll ihre Bedenken.

„Miss Jarrencourt“, sagte er nach einer Weile, stand dabei kerzengrade und vermittelte zumindest den Abklatsch von Leutnant von Orvens militärisch-exakter Haltung. „Ich weiß natürlich, Sie haben keinen Grund, mir zu trauen, aber bitte akzeptieren Sie mein Wort als Offizier, daß Sie bei mir in völliger Sicherheit sind.“

Corrisande lächelte unschuldig und sah ihn mit großen, runden, himmelblauen Augen an.

„Das habe ich nie bezweifelt, Herr Leutnant“, versicherte sie. „Schließlich ist meine Zofe ja auch viel attraktiver, nicht wahr?“

Er blieb stehen und sah sie überrascht an. Sie begann, die Stufen der Dienertreppe zu erklimmen.

Dann hörte sie seine Schritte hinter sich und drehte sich um.

„Leutnant von Görenczy, ich muß darauf bestehen, daß Sie mich nicht verfolgen, selbst wenn es nett gemeint ist. Bitte begreifen Sie, daß ich nicht den Eindruck erwecken möchte, ich würde mich heimlich mit Herren des hiesigen Offizierskorps treffen.“

„Ich folge Ihnen doch gar nicht. Ich gehe nur zurück zu unseren Zimmern, um meine Begleiter zu treffen. Wenn Sie sich entsinnen wollen: Wir haben das Zimmer neben dem Ihren.“

Sie errötete.

„Zudem“, fuhr er gnadenlos fort, „sind wir mitten in einer Kampagne. Zeit für meinen Report. Über die jüngsten Begebenheiten.“ Er hatte sie wieder erreicht und stieg freudig lächelnd neben ihr die Stiege hinan.

„Ah“, bemerkte Corrisande kühl. „Der Schlag auf den Kopf?“

„Das“, entgegnete er, „und die Sache mit dem verschwundenen Toten.“

Corrisande blieb stehen und blickte ihn an.

„Toten? Ist noch jemand verstorben? Du liebe Güte! Wie furchtbar!“

Er sah sie peinlich berührt an.

„Nein“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Sie haben mich mißverstanden. Wir suchen einen ... Roten. Wein. Er ist verlorengegangen. Im ganzen Hotel gibt es keinen ...“

Er war ein furchtbar schlechter Lügner.

„Roten?“ fragte Corrisande.

„Genau. Burgunder ... und so.“ Seine Schnurrbart-Enden bebten.

„Er ist einfach verschwunden? Hat das mit dem Mord von vorgestern zu tun?“

„Ja. Nein. Wir wissen es noch nicht.“

Corrisande sah ihn strafend an.

„Ich bin voller Zuversicht, Leutnant von Görenczy“, sagte sie, „daß ein Mann Ihrer herausragenden Qualitäten jederzeit in der Lage ist, Rotwein zu finden, wann immer ihm danach zumute sein sollte.“

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und betrat den Gästeteil des Hotels durch die Dienertür. Auf dem Flur war niemand zu sehen. Sie schloß die Tür hinter sich und dem Chevauleger direkt vor der Nase. Sie hoffte, er möge Takt und Intelligenz genug besitzen, um ein wenig zu warten, bevor er ihr durch die gleiche Tür nachfolgte.

Aber im Grunde bezweifelte sie das.

Das Obsidianherz
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