Kapitel 1

Der Mann mit den schwarzen Augen lehnte mit dem Rücken an der Wand und tat an sich nichts Besonderes. Trotzdem beherrschte er den Raum. Er war wie die meisten seiner Art von schlankem, schmalem Wuchs. Sein feingeschnittenes Gesicht war ein wenig zu ebenmäßig und wohlgeformt, doch es war keinesfalls offensichtlich, was er war. Er sah einfach nur etwas zu gut aus, wirkte wie ein Don Juan, ein aristokratischer Adonis.

„András“, wandte er sich einem Mann zu, der gerade gesprochen hatte und sah, wie der ob seiner dunklen Stimme zusammenzuckte, „Sie mischen sich da in Dinge ein, deren Tragweite Sie nicht im entferntesten ermessen können. Hätten Sie mich vorher konsultiert, ich hätte Ihnen davon abgeraten. Sie können sich nicht annähernd ein Bild davon machen, was diese Schrift in den falschen Händen anrichten kann. Es war nicht Ihre Aufgabe, damit herumzupfuschen.“

Das Zimmer im Nymphenburger Hotel zu München war voll. Zwei Herren saßen auf dem Bett. Zwei weitere hockten auf den kleinen Polsterstühlen. Die vier beobachteten den Dunklen mit deutlicher Besorgnis. Nach einigen Augenblicken des Schweigens nahm einer von ihnen, ein ergrauender Mittfünfziger, das Gespräch wieder auf.

„Begreifen Sie denn nicht, Graf Arpad? Die Vorteile überwogen die Risiken bei weitem! Wir mußten nur die letzte Botschaft an den Briten abfangen, um ihn aufzuhalten. Dann haben wir versucht, die Schriftrolle in unsere Hände zu bekommen, und genau das sollten wir immer noch tun.“

Der Mann an der Wand beugte sich etwas vor. Sein schwarzes Haar fiel bei der Bewegung nach vorn und gab den Blick auf ein ganz leicht spitz zulaufendes Ohr frei. Wie Kaninchen die Schlange starrten die vier Sterblichen den Mann an. Keiner von ihnen rührte sich, als könne eine plötzliche Bewegung ihr Unbehagen verraten. Sie versuchten, sich normal zu verhalten, wirkten jedoch nur angespannt.

Graf Arpad lächelte mit geschlossenen Lippen. Sie konnten sich nicht daran gewöhnen. Die Idee, einen Feyon zu ihrer Organisation zählen zu können, hatten sie aufregend gefunden, und sie erwarteten von ihm weit mehr magische Unterstützung, als er beizusteuern vermocht hätte – oder auch nur willens war zu geben.

Politik war ein unterhaltsames Spiel. Zur Zeit war er Patriot. Sein Ziel war ein freies Königreich Ungarn, frei von der Umklammerung der Habsburger. Die gesamte Politik dieses allzu christlich-katholischen Reiches war nicht nach seinem Gusto. Die Kirche hatte entschieden zuviel Einfluß in Österreich. Vom spanischen Hof durch dynastische Bande beeinflußt, war alles zu erstarrt und unbeweglich. Zudem gab es Teile der Kirche, die als frommen Ritus seinesgleichen jagten. Je eher sich Ungarn von der Habsburger Monarchie befreite, desto besser.

Zu diesem einzigen Zweck waren die vier Herren und er vereint. Die Liebe zu ihrem Land war so groß, daß die Menschen ihre Furcht und ihr Mißtrauen ihm gegenüber in Schach hielten. Nur fühlten sie sich in seiner Gegenwart nie wohl.

Vielleicht dachten sie, er merke es nicht. Er war jedoch äußerst empfänglich für die Gedanken und Emotionen anderer. Alle von seiner Art waren das. Er konnte die Gefühle der Menschen mit einer Genauigkeit riechen, die sie von neuem erschreckt hätte, hätte er es ihnen geschildert.

Also sagte er es ihnen nicht. Mit seiner schmalen Hand strich er sein Haar zurück und verdeckte damit die verräterischen Ohren. Zwar konnte er die Männer seine Abstammung vergessen lassen, doch er wußte, daß einer von ihnen ein Schutzamulett gegen Manipulation trug. Er spürte es, konnte mit den Fingerspitzen die arkane Ausströmung in der Sphäre berühren. Immerhin hatte er die Gefährten so weit unter Kontrolle, daß sie sich von einem Treffen zum nächsten kaum daran erinnerten, was er war. Es waren eben nur Menschen.

Auch er schien nichts weiter als ein Mensch zu sein. Er kleidete sich gut, geschmackvoll und à la mode, um sich perfekt in eine Gesellschaft einzupassen, die sich um vieles wohler fühlte, wenn sie Wesen wie ihn ignorieren oder schlicht für Märchen halten konnte. Für die meisten Sterblichen war er ohnehin nur ein alter Aberglaube, ein Teil der Schauerliteratur. Es gab so wenige von seiner Art. Die meisten Menschen begegneten niemals einem Abkömmling der Na Daoine-maithe, egal ob er der Menschheit nun wohl oder übel gesonnen sein mochte. Graf Arpads Art war so selten, daß Menschen, von jeher Meister der Verdrängung, sie ohne Schwierigkeiten ignorieren konnten, und das wiederum machte es ihm leicht, nicht aufzufallen.

Doch es gab Unterschiede. Zum einen war da seine Lebensspanne, zum anderen sein intuitives Wissen um arkane Dinge. Patriot hin oder her, er war anders.

Der Mann sah ihn beleidigt an. Sie alle taten das. Schließlich sprach ein anderer, mit nervöser Stimme und leicht streitsüchtig. Arpad nahm sich vor, auf diese Stimmung gut achtzugeben. Auf Dauer konnte und durfte er Feindseligkeiten bei seinen Gefährten nicht dulden. Zu riskant. Furcht machte Menschen unberechenbar.

„Graf Arpad, ich gestehe gerne ein, daß die Sache Gefahren in sich birgt, doch bitte unterschätzen Sie nicht unsere Entschlossenheit. Für die Freiheit unseres Landes würden wir alles tun. Das Manuskript hätte uns eine Waffe an die Hand gegeben, die unser Land in kürzester Zeit vom österreichischen Joch befreit hätte. Dagegen hätten sie sich nicht wehren können.“

„Wehren können – wogegen denn?“ fragte Graf Arpad, trat dabei geringfügig nach vorne und vermerkte den sorgfältig verborgenen Drang seiner Kameraden, auf ihren Sitzen nach hinten zu rutschen. „Was, meine Herren, läßt Sie glauben, die Mächte, die Sie so unschuldig-nichtswissend beschworen hätten, würden an unserer Landesgrenze höflich haltmachen? Ich kann Ihnen versichern, das würden sie nicht.“

Die Männer sahen pikiert drein.

„Wir hätten sie doch nicht eingesetzt, Graf Arpad“, beschwichtigte einer. „Wir hätten nur damit gedroht. Die Österreicher hätten sicher auf die Stimme der Vernunft gehört.“

„Die Stimme der Vernunft?“ fragte Graf Arpad und wunderte sich einmal mehr über die menschliche Eigenart, den Einsatz exzessiver Gewalt als Vernunft zu bezeichnen. „Der Vernunft? Das nennen Sie Vernunft? Eine Waffe schwingen, die Sie nicht beherrschen und mit der Sie sich selbst vernichten? Wo liegt da die Vernunft, bitte?“ Er spürte, wie sie sich unter seinem schwarzen Blick wanden. „Ich bin nicht zimperlich, da können Sie sich sicher sein“, sie schienen noch ein wenig weiter zurückzuweichen, „doch was Sie da versucht haben, ist jenseits aller Vernunft. Es ist Wahnsinn. Sie hätten uns alle vernichten können.“

Er stand nun in der Raummitte, roch ihre wachsende Angst. Bewußt trat er etwas zurück, erlaubte ihnen, sich etwas von seiner Präsenz zu erholen. Er wollte nicht, daß sie Angst vor ihm hatten. Ihre Angst war nutzlos. Es wäre ihm hundertmal lieber gewesen, sie hätten ihm vertraut. Er mochte es, wenn Sterbliche ihm trauten.

„Sie berichten mir besser genau, was vorgefallen ist“, forderte er sie auf und gab sich Mühe, beruhigend zu klingen.

Die vier sahen einander an. Nach einer Weile sprach der Dritte.

„Wir gingen gestern nacht in Herrn Müllers Zimmer. Wir waren bewaffnet und forderten ihn auf, uns das Manuskript zu übergeben. Er hatte es in diesem Augenblick sogar in der Hand. Er weigerte sich und begann, Zeichen in die Luft zu malen. Da merkten wir, daß er ein Meister des Arkanen war. Székely hier hat ihm eins aufs Kinn verpaßt, bevor er uns irgend etwas anhexen konnte.“

Székely feixte applausheischend, doch seine Hochstimmung bröselte unter Graf Arpads dunklem Blick.

„Sei’s drum, der Mann fiel ohnmächtig zu Boden. Da entdeckten wir, daß er in einer Art Kreis gestanden hatte, der auf den Boden gezeichnet war. Dann ging alles ganz schnell.“

Der Sprecher hielt inne, blickte besorgt wie ein Schuljunge, der ein Gedicht aufsagen sollte. Offenbar gefiel er sich in dieser Rolle nicht im mindesten.

„Fahren Sie fort“, drängte Arpad. Er fühlte sich unendlich alt, obgleich er jünger aussah als die meisten hier. Tatsächlich war er viele Male älter als selbst der älteste der vier Kameraden. Doch das mußten sie nicht wissen.

„Müller fiel, schlug sich außerhalb des Kreises den Kopf an einem Tisch an, die Handschrift flog ihm aus den Händen, und ganz plötzlich war da so was wie ein schmieriger Schatten, das Furchtbarste, was ich je gesehen habe.“

Der Mann hielt inne und rang nach Worten für etwas jenseits seiner Begriffswelt. Wo es Sterblichen an Worten fehlte, kamen sie schnell an die Grenzen ihrer Erkenntnis. „Der Schatten griff nach der Schriftrolle, doch die flog zur Tür. Da schwebte sie, wirbelte umher und wurde dabei immer durchsichtiger. Es sah aus, als wolle Müller sie aus der Reichweite des Schattens bringen.“ Wieder machte er eine Pause, versuchte, sich die Dinge klarzumachen. „Da lebte er noch.“

„Das erscheint logisch“, merkte Graf Arpad trocken an.

Der Mann hielt wieder inne, sah sich gehetzt um. Er schwitzte. Arpad widerstand der Versuchung, dem Denken des Mannes einen mentalen Stoß zu geben. Hätte er gewollt, er hätte sie alle zum Reden bringen können. Zum Singen. Zum Springen. Doch gab er acht, solche Mittel möglichst nicht gegen sie einzusetzen, denn auch ohne daß er ihren Geist verbog, waren sie fahrig genug. Sie hätten es allerdings kaum bemerkt. Er beruhigte die Gedanken des Mannes etwas. Nur ein kleines bißchen.

„Ich weiß nicht, was zuerst geschah. Alles schien gleichzeitig zu passieren. Die Tür ging auf. Plötzlich war da noch ein Mann, der auch die Hände nach der Schriftrolle ausstreckte. Er begann zu leuchten, ich konnte ihn gar nicht erkennen, er war von einem fremdartigen Licht umgeben.“

„Überirdisches Licht“, fügte ein anderer Verschwörer etwas naiv hinzu. Arpad winkte ab, und der Mann verstummte.

„Der Schatten flitzte heran und versuchte, sich um die Schriftrolle zu wickeln. Da löste sich die Rolle auf.“

„Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, sie verschwand einfach. Mit einem Donnerschlag schloß sich die Tür. Der Schatten war nirgends zu sehen. Wir standen im Zimmer mit einem toten Herrn Müller.“

„Dann haben Sie, wenn ich richtig verstehe, den Tatort flugs verlassen?“

Die vier Vaterlandsfreunde schwiegen betreten.

„Nun“, sagte der Graf nach einer Weile. „Ich weiß nicht, was davon zu halten ist. Das einzige, was mir klar scheint, ist, daß mehr als ein Jäger hinter der Schriftrolle her ist. Wir wissen nicht, wer die beiden Rivalen sind, die da um sie gekämpft haben. Wir wissen nicht, wo sie sich befindet. Wir wissen auch nicht, wer sich sonst noch dafür interessiert.“

Die vier Freiheitshelden blickten schuldbewußt, beklommen und ein wenig gekränkt drein. Der Mann vor ihnen schien zu jung, um so enorme Autorität über sie zu haben.

„Im Moment können wir davon ausgehen, daß sich die Schriftrolle außerhalb der Reichweite welcher Mächte auch immer befindet.“

„Glauben Sie?“ fragte András hoffnungsvoll. „Woraus schließen Sie das?“

„Weil, Herr András, die Welt, wie wir sie kennen, ansonsten möglicherweise bereits Vergangenheit wäre.“ Arpad lächelte freundlich mit einem Hauch Spott. „Meine Herren, ich gratuliere Ihnen zu Ihrem außerordentlichen patriotischen Eifer, doch Sie sind zu weit gegangen.“

Der Jüngste von ihnen sprang auf, stellte sich atemlos gegen den geheimnisvollen Mitstreiter. Ein Aufrührer, der die fragile Hierarchie brach, die sich etabliert hatte. Seine Tapferkeit war anerkennenswert, fand Arpad, doch fehl am Platz.

„Ich weiß ja nicht, wie es mit Ihnen ist, Graf“, rief er fast zornig. „Ich jedenfalls bin bereit, alles für die Freiheit meines Landes zu wagen! Alles!“

Der Graf bedachte ihn mit einem undurchdringlichen Blick und faltete sacht die Hände mit den schmalen, spitzen Fingernägeln.

„Sie mögen Ihr Leben für Ihr Land geben. Ihre Liebe, Ihre Zukunft, Ihre Träume, Ihr Wohlbefinden, Ihren Einfluß oder Ihren Glauben, doch niemals – alles. Niemals.“ Er lächelte kalt. „Aber wer bin ich, Ihnen Moral zu predigen? Freut euch, ihr lieben Christen, freut euch von Herzen sehr!“

Sie wanden sich unter seinem spöttischen Blick. Er spürte die Wut, die er in ihnen entfacht hatte. Er mußte aufpassen. Wenn er zu weit ging, würde einer von ihnen sich schließlich gegen ihn wenden. Das Unbekannte war Menschen immer schnell ein Feind. Es verlangte ihn nicht danach, seine eigene Gruppe von Widerstandskämpfern zu eliminieren.

Er mußte sein Interesse an Politik überdenken. Was für eine zutiefst menschliche Zeitverschwendung. Er hätte sich nie darauf einlassen sollen.

„Was sollen wir tun?“ fragte einer von ihnen.

„Nichts“, antwortete Arpad. „Gar nichts. Sie sollten alle so schnell wie möglich abreisen. Sie wollen doch nicht die Aufmerksamkeit der örtlichen Behörden auf sich – auf uns – lenken. Bayern ist zu eng mit Österreich verbunden. Ich selbst werde bleiben.“

Damit verstummte er. Eine Magieblockade lag über dem Hotel und verhinderte, daß etwas Magisches den Ort verließ. Das betraf auch ihn.

Diese Blockade mochte zwar unangenehm sein, bedeutete jedoch andererseits etwas sehr Wichtiges: Die Handschrift befand sich höchstwahrscheinlich noch im Hotel in Reichweite.

Es gab jedoch noch einen völlig anderen Grund für sein Bleiben, und auch den brauchten seine Patrioten keinesfalls zu erfahren.

Das Obsidianherz
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