Kapitel 24

Pater Emanuele ging zurück zu seinen Räumen im ersten Stock. Er war unglücklich über den Ausgang seiner Diskussion mit seinem ehemaligen Schützling, aber, so fand er, im großen und ganzen war sie so gelaufen, wie er das erwartet hatte. Die meisten Dinge liefen genau so.

Seine Ordensbrüder, die mit ihm zusammen im Hotel abgestiegen waren, erwarteten ihn in seinem Salon. Da war zum einen Bruder Michael, dessen dunkle Laienbekleidung ihn eher aussehen ließ wie einen ernsthaften Wissenschaftler Mitte dreißig, und zum anderen der kräftige, junge Bruder Giuseppe, der fanatische Verfolger aller gottlosen Geschöpfe. Er sah aus wie ein allzu enthusiastischer Künstler, und das, obgleich er sein dunkles Ordensgewand trug.

Sie sahen ihn erwartungsvoll an.

„Wie war es?“ fragte Bruder Michael.

„Wie ich es erwartet habe“, antwortete der Pater. „Er will nicht kooperieren. Aber er wird. Am Ende wird er. Er hat keine andere Wahl. Seine Suche läuft schlecht, und er ist verletzt ...“

„Hat die Bestie ihn verletzt?“ fragte Giuseppe, und seine Augen funkelten, übervoll von frommem Enthusiasmus.

„Ich denke nein. Ich habe ihn mit Kalteisen berührt. Er war rein. Doch schließlich wissen wir ja, daß das Geschöpf noch frei ist.“

Giuseppe nickte eifrig.

„Dem Herrn sei Dank für sein gnadenreiches Geschenk des Eisens“, betete er. „Möge es uns helfen, jede Sündenkreatur und jeden Feyon auf Gottes Erdboden und alle, die sich mit der Hölle verschwören, auszumerzen.“

Der Priester blickte ihn trocken an. Giuseppe war ein guter Mann, wenn auch ein wenig einfältig in seiner allzu großen Einseitigkeit. Er war jedoch genau der richtige Mann, wenn es darum ging, sündige Kreaturen zu jagen oder ihnen Geständnisse abzuringen, was ihre Sündhaftigkeit, ihre dunklen Pläne oder üblen Machenschaften anging. Sie gestanden immer recht schnell. Giuseppe hatte die besondere, sehr seltene Eigenheit, beinahe immun gegen Magie zu sein, eine teils natürliche Veranlagung, die man mit harscher Vehemenz gefördert hatte. Wenn es darum ging, das Unheilige von der Welt zu tilgen, konnte man auf ihn bauen. Barmherzigkeit war ein Wort, das in seinem Wortschatz nicht vorkam, und Gnade war etwas, das er von Gott erwartete, selbst aber nicht praktizierte. Damit hätte sich der Pater ohne größere Schwierigkeiten abfinden können, wenn Bruder Giuseppe seine oft so bittere Arbeit nicht mit so viel geradezu körperlichem Genuß verrichtet hätte.

Doch jede Veranlagung verlor ihre Gottlosigkeit, wenn sie für einen guten Zweck eingesetzt wurde, und letztlich dienten sie alle dem guten Zweck, der die Mittel heiligte. Ihr Orden war von der Kirche anerkannt, wenngleich auch weithin verleugnet. Er baute dabei auf eine langsam schwindende Machtposition, die das Schicksal von Menschen und ganzen Nationen zu manipulieren wußte – zu deren eigenem Guten selbstverständlich. Sie hatten viele Namen, die Emanuele freilich nie gebrauchte. Giuseppe schon, denn er nannte sich Inquisitor und bezog sich damit auf den blutroten geschichtlichen Ursprung der geheimen Bruderschaft.

Michael war anders. Zum einen war er kein Italiener, sondern Ire. Zum anderen hatte er keine Angst, sich mit den arkanen Künsten zu befassen, wenngleich auch nur zu einem guten Zweck. Die Kirche akzeptierte Magie nicht als Teil des christlichen Konzepts, verschloß jedoch die Augen vor ihrem Gebrauch, wenn er dem Guten diente – und niemand etwas darüber wußte. Bruder Michaels Magie war somit fromme Magie und zudem außerordentlich stark.

„Sie denken wirklich, er wird uns das Manuskript aushändigen?“ fragte Bruder Michael zweifelnd.

„Möglich, wenn wir es möglich machen – und ihn dazu zwingen. Vorausgesetzt, er kann es überhaupt finden. Bislang waren sie nicht sehr erfolgreich. Ich weiß ja nicht, was ihr kleiner Zauberkünstler da treibt, aber besonders effektiv ist es nicht. Oder was meinen Sie?“

Bruder Michael zuckte die Achseln.

„Der Feyon-Bann besteht und ist recht stark. Allerdings habe ich meine eigenen Sicherungsmaßnahmen dazugewoben. Den Energielinien nach zu urteilen, die ich vermessen konnte, würde ich sagen, daß der Wiatruschod nicht der einzige Grund für das Verschwinden des Manuskriptes ist. Ich spüre mindestens drei verschiedene Machtsignaturen, die gegeneinander statt miteinander wirken. Man könnte fast annehmen, jede Kraft versucht, das Manuskript vor den beiden jeweils anderen zu verbergen. Es ist schwer zu ergründen. Wenn sie die Kreatur fangen und aus dem Rennen nehmen, besteht die Chance – aber nur die Chance –, an die Schrift heranzukommen. Es ist allerdings keinesfalls so einfach, wie die Herren Offiziere sich das vorstellen.“

„Wir sollten selbst die gottlose Kreatur jagen und erlegen“, unterbrach Bruder Giuseppe mit glänzenden Augen. Er mochte keine Unterhaltungen über Magie.

„Das haben wir doch schon erörtert, Bruder“, erwiderte der fromme Magier. „Wenn sie das Manuskript aufspüren, können wir es ihnen ohne Probleme abnehmen. Es steht keinesfalls dafür, das Risiko einer direkten Konfrontation mit der Kreatur einzugehen, wenn wir doch Freiwillige haben, die das für uns erledigen. Die einzige Sorge, die ich habe, ist, daß wir vielleicht selbst noch nicht verstanden haben, was hier im einzelnen abläuft. Welche Rolle spielt die junge Dame, die mit ihrer Tante und ihrer Zofe hier abgestiegen ist? Ist sie in die Sache involviert?“

„Das möchte ich bezweifeln“, erwiderte der Pater. „Sie könnten einfach normale Hotelgäste sein, unschuldige Zuschauer, die irgendwie in die Sache verwickelt wurden. Schließlich sind die Hauptakteure drei Herren in heiratsfähigem Alter. Es mag sündig sein, aber nicht unnatürlich, daß sie sich für ein hübsches, junges Mädchen interessieren.“

„Ich glaube nicht an unschuldige Zuschauer“, sagte Giuseppe. „Allzuoft sind sie vom Bösen durchdrungen.“

„Da könnte er zur Abwechslung mal recht haben“, stimmte Bruder Michael bei. „Ich bin nicht so argwöhnisch wie Bruder Giuseppe, doch der Portier hat mich informiert, daß die junge Dame heute abreisen wollte, jedoch nicht in der Lage war, das Hotel zu verlassen. Der Feyon-Bann? Vielleicht ist ja mehr an der Sache als zuerst angenommen.“

„Wir müssen sie beseitigen“, rief Giuseppe aus. „Das Sündenweib legt seine Fallen aus, um Christenmenschen zu bezaubern und ins Verderben zu ziehen. Wir werden ihr das schwarze Herz aus dem Leib reißen und verbrennen.“

„Später“, sagte der Priester. „Nicht jetzt. Das Verbrennen von Damenherzen in erstklassigen Hotels ist etwas, dessen wir uns enthalten sollten. Es ist etwas auffällig und würde gewiß mißverstanden. Also übe dich in Geduld. Geduld ist eine Tugend. Du solltest darum beten.“

„Das werde ich, Hochwürden“, versprach der Inquisitor ernsthaft, „und ich werde auch darum beten, daß der Allmächtige mir die Möglichkeit geben möge, jene zu bestrafen, die keine Dankbarkeit kennen und vom wahren Glauben abgefallen sind.“

„Bruder Giuseppe.“ Pater Emanueles Lächeln schien eine Schneide zu haben wie ein Messer. „Ich ermahne dich ausdrücklich, Delacroix nicht anzugreifen. Wir brauchen ihn noch.“

„Bedauerlich, daß er Ihnen nicht mehr gehorcht“, beklagte Bruder Michael.

„Ein wenig Macht habe ich immer noch über ihn. Wie ein Ministrant hat er vor mir gekniet, als ich ihn dies hieß. Das hat ihm mißfallen. Sehr mißfallen. Nicht alles an seiner Erziehung und Konditionierung war umsonst. Schließlich war es eine ausgesprochen intensive Erziehung.“

„Schon möglich“, antwortete der christliche Magier. „Dennoch hat er Sie verlassen, und Sie konnten nichts dagegen tun.“

„Ein sehr unglücklicher Umstand. Der britische Kapitän, der uns damals behilflich war, jene Loge zu erstürmen, indem er mit seinen Männern an unserer Seite gekämpft hat, hatte ihn nominell adoptiert. Ich fand das eine gute Idee, hatte ihn dazu überredet – mit Hilfe der Überzeugungskraft Bruder Matteos, Ihres arkan begabten Vorgängers. Sein Sohn hatte im Tempel den Tod gefunden. Wahrscheinlich fühlte er sich schuldig an seinem eigenen Verlust. Auf meinen Vorschlag hin nahm er den überlebenden Knaben inoffiziell an, wobei er es uns überließ, ihn großzuziehen und auszubilden. Wir haben das akzeptiert, denn er hat doch tatsächlich Schulgeld bezahlt. Ich hatte gehofft, die Verbindung würde uns irgendwann eine Ausgangsbasis in seinem gottlosen Land verschaffen. Jedenfalls habe ich nicht erwartet, daß er den Burschen vier Jahre später zu sich holen würde. Reiche britische Schiffseigner verschwenden gemeinhin keinen zweiten Gedanken an sizilianische Straßenbengel. Solange man Wohlfahrt durch pekuniäre Zuwendungen erledigen kann, ist es eher unüblich, sich persönlich mit den Niederungen des menschlichen Daseins zu befassen.“

Er zuckte die Achseln.

„Wer weiß? Irgendwann ist es sicher einmal von Nutzen, ihn dort zu haben, wo er jetzt ist. Die Wege des Herrn sind unergründlich.“

„Amen“, sagte Bruder Giuseppe.

Das Obsidianherz
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