Stimmigkeit
Von Stimmigkeit spricht man, wenn die Teile eines Ganzen gut zusammenpassen und sich widerspruchsfrei ergänzen. So ist es für eine politische Partei von großem Vorteil, wenn sie ein stimmiges Gesamtkonzept hat: wenn das Parteiprogramm, das politische Handeln, die Rhetorik und die Personen, wenn all diese Teile und Aspekte miteinander übereinstimmen. Ist dies nicht der Fall, sind Parteibasis und Wähler verunsichert, oft auch empört: «Sie predigen soziale Gerechtigkeit und kürzen den Ärmsten der Armen die Unterstützung und fahren selbst mit einem dicken Porsche durch die Gegend!»
In der Kommunikationspsychologie Schulz von Thuns bezeichnet Stimmigkeit eine ebenso situationsgerechte (→ Situationsmodell) wie authentische (→ Authentizität) Kommunikation. Das heißt, eine Person verhält sich dann stimmig, wenn ihr Verhalten sowohl dem Charakter der Situation angemessen ist als auch wesensgemäß und echt. Diese «doppelte Übereinstimmung» gilt als zentrales Kriterium für eine angemessene, gute und richtige Kommunikation. Diese orientiert sich an der Fragestellung: Wie kann ich kommunizieren angesichts dessen, wie die Situation konstruiert ist und was sie mir in meiner Rolle abverlangt, sowie angesichts dessen, was sich in mir regt und wofür ich stehe?
Um herauszufinden, was situationsgerecht ist, wird der Blick nach außen gerichtet, auf den situativen Kontext: Welches sind seine Bestandteile, wie hängen sie miteinander zusammen? Wie ist die Beziehung zum Gegenüber? Worum geht es in dieser Situation, welche Gebote und Forderungen sind darin enthalten, sodass die Kommunikation dementsprechend ausfallen sollte? Zur Beantwortung dieser Fragen dient unter anderem das → Situationsmodell.
Um herauszufinden, was authentisch ist, richtet sich der Blick nach innen, auf den inneren Kontext der kommunizierenden Person: Welche Gedanken, Gefühle und Impulse melden sich in ihr und möchten sich zur Geltung bringen? Mit welcher Äußerung wäre sie in Übereinstimmung mit sich selbst? Welche inneren Gebote und Forderungen werden laut und wollen berücksichtigt sein? Hilfestellung bei dieser → Selbstklärung bietet das → Innere Team (s. Abb. 62).

Das Ideal einer guten (= stimmigen) Kommunikation in der doppelten Übereinstimmung mit sich selbst und dem (systemisch geprägten) Gehalt der Situation
Werden beide Gesichtspunkte der Stimmigkeit im Zusammenhang betrachtet, ergibt sich ein Vier-Felder-Schema der Stimmigkeit, welches vier Verhaltensmöglichkeiten vorsieht:
-
in Übereinstimmung mit sich und mit dem situativen Gehalt (= «stimmig»)
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in Übereinstimmung mit sich selbst, aber nicht situationsadäquat (= «daneben»)
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nicht mit sich selbst in Übereinstimmung, aber passend zur Situation (= «angepasst»)
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weder mit sich selbst noch mit dem Situationsgehalt übereinstimmend (= «verquer»)
(s. Abb. 63)

Vier-Felder-Schema der Stimmigkeit mit personaler und situativer Komponente
Die Kommunikationsberatung (→ Beratung) greift den Grundgedanken der Stimmigkeit auf und lässt ihn praktisch werden: Zunächst wird der äußere Kontext der Fragestellung erkundet und visualisiert. Im zweiten Schritt werden die inneren Stimmen des Klienten (→ Inneres Team) erhoben und betrachtet. Die Erhebung dieser beiden Perspektiven bildet das Herzstück der Beratung und die Grundlage für weitere → Interventionen.
Stimmigkeit beschreibt nicht nur das Verhalten einer Person, auch eine Situation kann stimmig oder unstimmig sein. Stimmig ist sie dann, wenn die Vorgeschichte, das Thema, die Zusammensetzung der Beteiligten und die Ziele zusammenpassen und einen Sinn ergeben (→ Situationsmodell). Bezogen auf die Situation spielt der Gedanke der Stimmigkeit eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung und Eröffnung von Arbeitstreffen, Sitzungen, Meetings und Vorträgen.
Literatur
Miteinander reden 3, S. 15ff., 352ff. (S. 13ff., 306ff.)
Schulz von Thun, F./Ruppel, J./Stratmann, R.: Miteinander reden: Kommunikationspsychologie für Führungskräfte, S. 27ff.