Persönlichkeitsentwicklung
Wenn Kommunikationsfortbildung nicht nur darauf abzielt, Sprechblasen zu optimieren und rhetorische Techniken anzuwenden, dann erfordert und befördert sie eine Entwicklung der Person. Das Verhältnis von «Reden» und «Sein» thematisiert Sten Nadolny in seinem Roman «Selim oder die Gabe der Rede»; darin lässt er seinen Helden, einen Kommunikationstrainer, sagen: «Für die nächsten Kurse 130 Anmeldungen, darunter drei Bundestagsabgeordnete. Was man von mir erwartet: Kniffe, Regeln und Checklisten. Sie wollen reden lernen, ohne ihr Leben zu ändern. Und die, die sich ändern wollen, kommen nie drauf, beim Reden anzufangen.» (Nadolny, S. 46)
Persönlichkeitsentwicklung bedeutet in diesem Sinne, dass wir uns selbst in den Blick nehmen: wie wir auftreten, auf andere Menschen reagieren und auf sie wirken, wofür wir stehen und womit wir uns schwer tun. Im Unterschied zum Verhaltenstraining geht es bei der Persönlichkeitsentwicklung im ersten Schritt um das Erforschen und Verstehen des inneren Erlebens und erst im zweiten Schritt um die Entwicklung des äußeren Verhaltens: «Willst du ein guter Leiter/Trainer/Vorgesetzter/Lehrer etc. sein, dann schau erst in dich selbst hinein!» Dabei bekommen wir es zwangsläufig mit unseren Sonnen- und Schattenseiten zu tun, unseren Wünschen, Ängsten, Sehnsüchten, Abneigungen, Schamgefühlen, Vorlieben, Eigenarten und Schwächen.
Diese Auseinandersetzung ist keine sterile Analyse, sondern oft eine sehr emotionale Angelegenheit, die uns einiges abverlangt. Bin ich bereit, mich auf diesen mühevollen und teilweise auch schmerzlichen Prozess einzulassen, dann darf ich hoffen, innerlich zu größerer Klarheit und Authentizität zu gelangen, mir quasi «Freiheitsgrade» zu erarbeiten. Wenn ich mich selbst kenne und zu mir stehen kann (und zwar auch zu den Teilen, die ich bisher als peinlich, beschämend oder unangemessen gegenüber meinem Ich-Ideal empfunden habe), dann wird Energie frei für die persönliche Weiterentwicklung.
Für die Selbstauseinandersetzung hält die Kommunikationspsychologie unterschiedliche Modelle bereit, wie beispielsweise das → Innere Team. Es kann uns dabei helfen, den inneren Anteilen auf die Spur zu kommen, die unser Verhalten und Erleben maßgeblich mitbestimmen. Das → Riemann-Thomann-Kreuz hilft uns zu verstehen, welche Grundbedürfnisse und Ängste uns im Leben leiten und was das für die privaten und beruflichen Beziehungen zu anderen Menschen bedeutet.
Im Verständnis der Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun zielt Persönlichkeitsentwicklung in erster Linie auf die → Integration verschiedener, oft widerstreitender innerer Anteile. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, dass wir uns auf ein «optimales Image» reduzieren und alles verbannen, was nicht linientreu und der Außenwirkung als Erfolgsmensch nicht förderlich ist. Entsprechend ist für uns in der Persönlichkeitsentwicklung der Gedanke leitend, dass «ich der werde, der ich bin» (C. Rogers) – und zu mir gehört die entwicklungsbedürftige, vielleicht sogar verbannte Schattenseite ebenso wie die Sonnenseite, die ich gerne zeige. Es gilt, beide Seiten als zu mir gehörig zu akzeptieren und zu ihnen zu stehen.
Das → Werte- und Entwicklungsquadrat kann helfen, die individuelle Richtung der Weiterentwicklung zu erkennen. Im Umgang mit Menschen gehören beispielsweise Wertschätzung und Kritik zusammen. Von Haus aus mag es dem einen leicht fallen, andere anzuerkennen und zu würdigen – hingegen tut er sich schwer damit, Unangenehmes zu konfrontieren und anderen Menschen Grenzen zu setzen. Persönlichkeitsentwicklung bedeutet hier, den meiner Natur entgegengesetzten Pol zu erobern und mich so in meinen Kontaktmöglichkeiten zu erweitern, hin zu einer integralen Persönlichkeit. Bei einem anderen mag es genau umgekehrt sein: Er macht aus seiner kritischen Einschätzung keinen Hehl und ist eher in Gefahr, eine demoralisierende Misantrophie auszustrahlen. Den anderen mit einer wertschätzenden Brille anzuschauen, die auch das halb volle Glas sieht und würdigt, wäre seine Richtung der Persönlichkeitsentwicklung – und wir ahnen, dass dies mit ein paar «effektiven» Formulierungsübungen nicht getan ist.
Literatur
Miteinander reden 2.
Schulz von Thun, F.: Klarkommen mit sich und anderen.
Nadolny, S.: Selim oder die Gabe der Rede.