Minderwertigkeitsgefühl
Der Begriff wurde von dem Tiefenpsychologen Alfred Adler geprägt und fand schnell und dauerhaften Eingang in die Alltagssprache. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, den Herausforderungen des Lebens nicht zu genügen? In letzter Zeit aber ist der Begriff aus der Mode gekommen, man spricht eher von «Selbstzweifeln».
Minderwertigkeitsgefühle entstehen aus dem Erleben tiefgreifender persönlicher Unzulänglichkeit. Sie nähren sich aus der Differenz zwischen dem «So bin ich» und dem «So sollte ich sein!» Mit dem Grundgefühl der eigenen Unzulänglichkeit verbindet sich die Angst, zu versagen, heruntergemacht zu werden, in eine unterlegene Position zu kommen oder ausgegrenzt zu werden. Das Minderwertigkeitsgefühl taucht besonders dann auf, wenn der betreffende Mensch sich in irgendeiner Form bewähren oder beweisen muss, also in Bewertungssituationen, bei der Konfrontation mit neuen Aufgaben oder unbekannten Situationen.
Meist ist der Grundstein eines solchen Mangels an Selbstwertgefühl in der Kindheit gelegt: Das Kind erlebt und erleidet den Zusammenstoß seines Klein-Seins mit den «großen» Erwartungen der Leistung und des Wohlverhaltens. Wird die Abweichung mit Liebesentzug und schweren Kränkungen geahndet und/oder ist der Anspruch an ein Idealverhalten zu ehrgeizig oder verfehlt die Wesensart des Kindes, dann droht das Kind die Grundbotschaft «So wie du bist, bist du nicht in Ordnung» zu verinnerlichen und im Extremfall einen «Minderwertigkeitskomplex» zu entwickeln.
Was hat das alles mit Kommunikation zu tun? Zum einen sehen wir bereits, dass Minderwertigkeitsgefühle ein Resultat von herabsetzender und verachtender Kommunikation sind. Zum anderen verführen unbewältigte Minderwertigkeitsgefühle ihrerseits zu bestimmten Kommunikationsweisen, auch beim Erwachsenen. Da ist erstens die Tendenz zum Imponiergehabe. Nach Adler strebt die menschliche Psyche danach, einen empfundenen Mangel auszugleichen («Kompensation»), und schießt dabei «gern» über das Ziel hinaus («Überkompensation»). Wer sich also im Innern minderwertig fühlt, versucht sich nach außen hin besonders großartig darzustellen, meist unbewusst.
Da ist zum Zweiten eine Tendenz, das Gegenüber herabzusetzen, im äußersten Fall als erbärmlichen Verlierer hinzustellen (Adler sprach von → «Entwertungstendenz»). Was man selbst erlitten hat, fügt man jetzt anderen zu und kann sich durch das Herabdrücken des anderen ein wenig selbst erhöhen, gleichzeitig das eigene Gefühl von Minderwertigkeit auf das Gegenüber (oder auf nicht anwesende Dritte) projizieren (→ Projektion: «Was ich an mir nicht leiden kann, das häng ich einem andern an!»).
Das ist drittens eine erhöhte Kränkbarkeit (→ Kränkung). Das Beziehungsohr (→ Vier Ohren) ist hochempfindlich und schlägt schon bei harmloser Kritik oder auch nur einem Blick an («Was guckst du so? Willst du eine in die Fresse?!»). Denn jede Äußerung eines anderen kann die alte Wunde anrühren, «nicht ok» zu sein.
Viertens können Minderwertigkeitsgefühle sich sprachlich in einer Selbstabwertung ausdrücken: «Mit mir ist eh nicht viel los … Das schaffe ich nie … Dafür bin ich zu dumm …!»
Für Schulz von Thun führte nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der Adlerianischen Individualpsychologie zu der Erkenntnis, dass eine Verbesserung der Kommunikation nicht einfach durch Training, sondern nur in Auseinandersetzung mit dem «inneren Menschen» erreichbar ist.
Literatur
Miteinander reden 1, S. 112ff. (S. 100ff.)
Ansbacher, H./Ansbacher, R.: Alfred Adlers Individualpsychologie.