Vier Ohren

Mit vier Ohren hört der Empfänger, entsprechend den vier Ebenen des  Kommunikationsquadrats. Auf dem Sach-Ohr empfängt er Daten, Fakten und Zahlen, er interessiert sich für den Sachinhalt. Mit dem Selbstkundgabe-Ohr «erspürt» er den Menschen hinter den Worten: Was sagt mir das Gehörte über den Sender? Was ist das für eine Person? Wie ist sie gestimmt? Wie geht es ihr? Was fühlt sie? Was ist mit ihr los? Das Beziehungs-Ohr nimmt auf, wie sich der Empfänger vom Sender gesehen und behandelt fühlt: Was denkt der von mir? Was hält er von mir? Wie steht er zu mir? Wie geht er mit mir um? Wie definiert er unsere Beziehung? Und das Appell-Ohr empfängt, wozu der Sender den Empfänger veranlassen möchte: Was soll ich tun oder unterlassen, denken oder fühlen? (s. Abb. 78)

Abb. 78:

Der «vierohrige» Empfänger

Im Prinzip hat der Empfänger freie Auswahl, auf welche Seite der  Äußerung er reagieren will ( Empfangsvorgang). Je nachdem, welches seiner vier Ohren er gerade vorrangig auf Empfang geschaltet hat, kann das Gespräch einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen. Gudrun fragt ihre Kollegin: «Weißt du, wo der rote Ordner hingekommen ist?» Wenn die Kollegin nur mit dem Sach-Ohr hört, wird sie eine reine Informationsfrage aufnehmen und sie vermutlich mit «Ja, er ist …» oder «Nein» beantworten. Nimmt sie die Äußerung mit dem Selbstkundgabe-Ohr auf, reagiert sie eventuell mit: «Brauchst du ihn gerade?» oder «Na, du bist aber auch die Unordentlichkeit in Person!» Mit dem Beziehungs-Ohr hört sie womöglich Kritik, so könnte sie sich für das Verschwinden des Ordners verantwortlich gemacht fühlen. Dann könnte ihre Antwort entweder aggressiv «Woher soll ich das denn wissen?» oder defensiv «Oh, entschuldige! Ich wollte dir bestimmt keine extra Arbeit machen» ausfallen. Eine Reaktion auf Grundlage des Appell-Ohrs würde wiederum ganz anders klingen, zum Beispiel: «Ich helfe dir suchen!»

Auf der folgenden Seite in Abb. 79 finden Sie die vier Ohren in Gedichtform charakterisiert (Schulz von Thun)!

Abb. 79:

Vier Ohren in Gedichtform. (Blau = Sache, grün = Selbstkundgabe, gelb = Beziehung, rot = Appell.)

In der Kommunikation wirkt jedes Ohr wie ein Filter, der ganz bestimmte Informationen aufnimmt und andere ausblendet. So ist das Sach-Ohr für Daten und Fakten zugänglich, jedoch nicht für die Befindlichkeit und Stimmung des Senders. Oft ist dem Empfänger gar nicht bewusst, dass er einige seiner Ohren abgeschaltet hat und dadurch Weichen für das zwischenmenschliche Geschehen stellt. Bei vielen Empfängern ist – unabhängig von den Situationserfordernissen – ein Ohr auf Kosten der anderen besonders gut ausgebildet. Diese einseitigen Empfangsgewohnheiten resultieren zumeist aus unterschiedlichen Lebensgeschichten und Erfahrungen.

Eine Person, die ihr Sach-Ohr auf Empfang geschaltet hat, reagiert typischerweise, indem sie sachliche Informationen gibt, weitere inhaltliche Fragen stellt oder bestimmte Sach-Aspekte korrigiert. Das Sach-Ohr ist sinnvoll und hilfreich, wenn es um die Sache geht. Geht es jedoch um Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse oder zwischenmenschliche Beziehungen, reicht das nicht aus. In diesem Fall würde der alleinige Einsatz des Sach-Ohrs hochwahrscheinlich zu Kommunikationsstörungen führen.

Das Selbstkundgabe-Ohr ermöglicht dem Empfänger, sich in den Sender einzufühlen. Eine wichtige Fähigkeit, die in sehr vielen Situationen zu einer guten Kommunikation beiträgt. Wird das Selbstkundgabe-Ohr jedoch übertrieben eingesetzt, kann das auf unangenehme Weise psychologisierend und diagnostizierend wirken; auch vermeidet der Empfänger, selbst Farbe zu bekennen und eigenverantwortlich Stellung zu nehmen (z.B. wenn Horst beim Streit um den Abwasch ausschließlich auf diese Art reagiert: «Dir ist eine saubere Küche also wichtig. Du wirst sauer, wenn du alles alleine machen musst. Dann fühlst du dich alleine gelassen und ausgenutzt.»)

Das Beziehungs-Ohr nimmt auf, wie sich der Empfänger gesehen und behandelt fühlt. Nimmt der Empfänger negative Beziehungsbotschaften wahr und meint, der Sender kritisiere ihn oder greife ihn an, fällt seine Reaktion tendenziell aggressiv oder defensiv aus (siehe Beispiel oben): «Woher soll ich denn das wissen?» Wie alle anderen Ohren ist das Beziehungs-Ohr grundsätzlich wichtig und sinnvoll. Wenn es jedoch zu groß und überempfindlich wird, wittert der Empfänger in jeglicher Äußerung einen Angriff oder eine Herabsetzung. Eine sachliche Klärung ist dann zumindest erschwert, wenn nicht unmöglich.

Wer ein hellhöriges Appell-Ohr im Einsatz hat, wird wahrscheinlich Bezug auf die geäußerten oder vermuteten Wünsche und Absichten des Senders nehmen, indem er sie entweder erfüllt oder aber verweigert. Eine Person mit dominantem Appell-Ohr ist in Gefahr, überall in ihrer Umgebung Aufträge zu wittern und alle vermuteten Wünsche «zuvorkommend» zu erfüllen. Damit macht sie sich zur Marionette der Erwartungen und wird nicht zu einem wirklichen Gegenüber. Die eigenen Gedanken und Wünsche des Empfängers bleiben im Verborgenen; häufig fällt es ihm selbst schwer, herauszubekommen, was er eigentlich denkt und möchte. Bei anderen Menschen mag das Appellohr wenig ausgeprägt sein – sie sind oder stellen sich taub, um Ansprüche abzuwehren. In liebenden Nahbeziehungen sowie in Serviceberufen kann dies zu erheblichen Störungen führen.

Literatur

Miteinander reden 1, S. 48ff. (S. 44ff.)

Miteinander reden von A bis Z
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